Online Olympiade: Gold für Russland und Indien

von Klaus Besenthal
30.08.2020 – Das Finale der FIDE Online Olympiade zwischen Russland und Indien hat heute ein Ende gefunden, das so ganz gewiss nicht geplant war. In der entscheidenden Phase des Finales konnten auf indischer Seite Nihal Sarin und Divya Deshmukh nicht mehr weiterspielen, weil sie von einem Serverausfall betroffen waren. Der zweite Mannschaftskampf wurde zunächst mit 4,5:1,5 für Russland gewertet, was für die Russen nach einem 3:3 im ersten Match die Goldmedaille bedeutet hätte, doch nach einem Protest der Inder entschied FIDE-Präsident Dvorkovich schließlich: Beide bekommen Gold! | Foto: FIDE

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"FIDE Online Olympiad 2020" - Finale

Online-Schach hat durch die Corona-Pandemie einen starken Aufschwung genommen, doch zugleich sind zwei grundlegende Probleme offenbar geworden, für die man noch nicht die optimale Lösung gefunden hat: Das eine dieser Probleme ist das "Cheating", also Betrug mit Computerhilfe, das andere Problem sind Verbindungsabbrüche. Cheating spielt natürlich überhaupt keine Rolle, wenn die besten Spieler der Welt aufeinander treffen: Man kennt sich, man vertraut sich, und überhaupt käme aus dieser Gruppe wohl niemand auf den Gedanken, seinen guten Ruf mit solchen verwerflichen Handlungen zu ruinieren.

Verbindungsprobleme, Serverabstürze und ähnliche Kalamitäten machen dagegen auch vor den besten Spielern der Welt nicht Halt. Natürlich gibt es dafür Lösungen. So könnte man z.B. die gesamte Infrastruktur einfach doppelt, dreifach oder mehrfach vorhalten. Aber das verursacht auch Kosten, und beim Schach geht es nicht um Börsenhandel mit Milliardenwerten, Flugsicherung oder Herzoperationen. Und die Probleme könnten zudem auch gar nicht beim Provider liegen, sondern im Wohnzimmer des Spielers. Die ideale Lösung für den Umgang mit solchen Vorfällen muss wohl erst noch gefunden werden.

Bei dem heutigen Finale der Online-Olympiade jedenfalls hatte die erste Runde zwischen Russland und Indien sechs Unentschieden und damit im Mannschaftskampf ein 3:3 ergeben. Im zweiten Mannschaftskampf gab es dann den Verbindungsabbruch bei den beiden indischen Spielern. Zwar holte Alexandra Goryachkina für Russland noch einen sauber herausgespielten Sieg (drei weitere Partien waren remis ausgegangen), doch die beiden ausgefallenen Partien hätte man zu 1,5 Punkten für Indien "hochrechnen" können. Ein weiteres 3:3 wäre also möglich gewesen, wenn es die technischen Probleme nicht gegeben hätte. Kurzzeitig stand nach diesen Vorgängen ein 4,5:1,5 für Russland zu Buche, doch nach dem Protest der Inder gab es dann schließlich Gold für beide:

Schauen wir zum Abschluss dieses Berichts noch kurz darauf, wie es hätte laufen können. Andrey Esipenko (Russland) hatte gegen Nihal Sarin bereits klar auf Gewinn gestanden, dann aber den richtigen Dreh nicht gefunden. Zum Zeitpunkt des Serverausfalls war eine Stellung entstanden, die am ehesten mit einem Remis hätte ausgehen können:

 

Bei Divya und Polina Shuvalova hätte man dagegen durchaus einen ganzen Punkt für Indien erwarten können, auch wenn die Inderin bereits einige Steilvorlagen nicht genutzt hatte:

 

Ergebnisse

Match 1: India - Russa 3:3
Vidit ½-½ Nepomniachtchi
Harikrishna ½-½ Artemiev
Koneru ½-½ Lagno
Harika ½-½ Kosteniuk
Praggnanandhaa ½-½ Sarana
Divya ½-½ Shuvalova
 

Match 2: Russia - India 4½:1½
Nepomniachtchi ½-½ Anand
Dubov ½-½ Vidit
Goryachkina 1-0 Koneru
Kosteniuk ½-½ Harika
Esipenko 1-0 Nihal
Shuvalova 1-0 Divya

Partien

 

chess-results

Meldung und Urteilsbegründung bei der FIDE

Meldung bei der "Times of India"




Klaus Besenthal ist ausgebildeter Informatiker und ein begeisterter Hamburger Schachspieler. Die Schachszene verfolgt er schon seit 1972 und nimmt fast ebenso lange regelmäßig selber an Schachturnieren teil.
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Rainbow66 Rainbow66 02.09.2020 11:58
Ich wünschte mir Informationen zur Entscheidung, zweimal Gold zu vergeben. Gibt es vielleicht bei ChessBase einen Insider, der dazu berichten kann?
Warum sind mir Details zu diesem Vorgang so wichtig?
Im Match Indien-Armenien hat eine Jury ("Appeals Committee") eine Partie der Armenier als verloren gewertet und ein 0:6 verhängt. Beide Entscheidungen waren zunächst keine Benachteiligung, sondern standen im Einklang mit dem Regelwerk. Aber im Finale wurde plötzlich, diesmal vom Präsidenten, die Regel für das Vorgehen bei Verbindungsabbrüchen missachtet und anders entschieden, d.h. es wurden "die gleichen Regeln bei verschiedenen Teilnehmern verschieden angewendet" (Zitat Mytwostotinki). Im Nachhinein also doch ein Nachteil für Armenien. Die Kritik daran ist berechtigt.
Im ersten Fall gab es hier einen Zusatzbeitrag, über die Goldvergabe wurde jedoch nur informiert, ohne Hintergründe zu nennen. Gibt es außergewöhnliche Gründe für des Präsidenten Entscheidung? Ihm muss doch klar sein, dass die Sache "heiß" ist.
Spekulative Frage (Pemoe6 brachte mich auf den Gedanken.): Könnte die russische Mannschaft diese "Lösung" vorgeschlagen haben, weil sie nicht Sieger durch Entscheid am grünen Tisch sein wollte? Auf einen Vorteil verzichten darf man. Das ist kein Regelverstoß. Für diesen Fall könnte ich das Vorgehen des Präsidenten akzeptieren. Es wäre mehr "Gens una sumus" als Kümmernis.
Also bitte, Freunde von ChessBase, machen Sie sich und uns mal schlau.
Mytwostotinki Mytwostotinki 02.09.2020 09:10
Rainbow 66 Leider traegt Ihr Beitrag nichts zur Beantwortung der Frage bei, mit welcher Berechtigung analoge Sachverhalte offenbar nach Gutduenken einmal so, einmal so entschieden werden, und das im gleichen Turnier. Stattdessen eine reichlich alberne Fussballanalogie und die nachweislich falsche Behauptung, die eklatante Benachteiligung des armenischen Teams habe keinen Einfluss auf den Ausgang des Matches gehabt. Ein weiterer Austausch mit Ihnen scheint mir nicht sinnvoll zu sein.
Rainbow66 Rainbow66 02.09.2020 02:22
@Buzzard: Die Entscheidung, zweimal Gold zu vergeben, ist ungewöhnlich, ja problematisch. Aber eine Farce ist die Olympiade deswegen sicher nicht. Letztlich haben sich die besten Mannschaften durchgesetzt.
Nach Ihrer (korrekten) Regelauslegung hätte der russische FIDE-Präsident seiner eigenen Mannschaft den alleinigen Sieg zusprechen müssen. Was wäre wohl dazu in diesem Forum geschrieben worden?
Rainbow66 Rainbow66 02.09.2020 02:00
@Mytwostotinki: Die "Kleinigkeit" habe ich nicht vergessen. Sie war aber nicht ausschlaggebend für das Ausscheiden Armeniens. Das Land hätte durch einen klaren Sieg in der zweiten Runde noch das Halbfinale erreichen können. Spitzensportler müssen auch einmal eine umstrittene Entscheidung hinnehmen, ohne zu "bocken".
Was geschieht mit einer Fußballmannschaft in einem Pokalwettbewerb, die wegen eines nicht anerkannten Tores zum Rückspiel nicht antritt? Sie verpasst nicht nur die nächste Runde, sondern wird auch noch mit Maßnahmen wegen unsportlichen Verhaltens belegt.
Meine Meinung: Die Armenier sind hervorragende Schachspieler, aber müssen hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsentwicklung noch tüchtig an sich arbeiten.
Übrigens - eine "Willkuer einer Einzelperson" liegt hier nicht vor. Die Entscheidung wurde von einem "Appeals Committee" getroffen. Dessen Ausführungen sind nicht uninteressant. Bitte lesen Sie mal.
conillet conillet 02.09.2020 12:06
Zitat aus dem Artikel: [Bei der Online-Olympiade] "..... sind zwei grundlegende Probleme offenbar geworden, für die man noch nicht die optimale Lösung gefunden hat: Das eine dieser Probleme ist das "Cheating", also Betrug mit Computerhilfe, das andere Problem sind Verbindungsabbrüche."
Hat es denn Fälle von vermutetem oder nachgewiesenem Cheating gegeben? Ersteres würde mich nicht wundern, letzteres schon, denn wenn man es halbwegs geschickt anstellt (z.B. Computerhilfe nur in Schlüsselsituationen, Benutzung verschiedener Engines) ist das doch überhaupt nicht zu beweisen.
Buzzard Buzzard 01.09.2020 11:13
Diese Onlineolympaiade ist einfach eine Farce. Zwei Goldemedaillen, wo gibt es denn sowas? Nach meinem Dafürhalten ist jedes Team selber für die Verbindungsstabilität verantwortlich. Wenn die Verbindung abreißt, dann ist die Partie eben verloren - fertig.
Pemoe6 Pemoe6 01.09.2020 10:58
Einerseits freue ich mich über den letztendlichen Ausgang, andererseits wurden tatsächlich die vorab getroffenen Regelungen verletzt - also eine Art Vertragsbruch (den man vielleicht sogar gerichtlich anfechten könnte?).
Oder wurde von Russland möglicherweise intern das Einverständnis eingeholt - dann wäre es natürlich eine tolle sportliche Geste.
Mytwostotinki Mytwostotinki 01.09.2020 07:49
@Rainbow66 Ein Regelwerk ist dazu da, bestimmte Sachverhalte unabhaengig von der persoenlichen Willkuer einer Einzelperson zu entscheiden. Von daher waere die logische Folgerung aus Ihrem Verstaendnis dessen, was vorgefallen ist, dieses Regelwerk, welches dies ja offenbar nicht gewaehrleisten soll, abzuschaffen und durch den Satz: "Bei Streitfaellen entscheidet der FIDE-Praesident nach seinem Gutduenken" zu ersetzen. Armenien hat das Viertelfinale auch deshalb verloren, weil sie aus ihrer Sicht im ersten Wettkampf eklatant regelwidrig benachteiligt wurden. Diese "Kleinigkeit" haben Sie bei Ihrem Beitrag vergessen zu erwaehnen.
Rainbow66 Rainbow66 01.09.2020 01:17
Die Souveränität des Präsidenten zeigt sich möglicherweise gerade darin, dass er in anscheinend gleichen Situationen unterschiedlich gewertet hat. Das Match Indien-Armenien brauchte einen Sieger, weil nur eine dieser beiden Mannschaften ins Halbfinale kommen konnte. Im Finale hingegen kann man großzügig sein und zweimal Gold vergeben.
Außerdem haben die Armenier das Viertelfinale nicht wegen der einen als Verlust gewerteten Partie verloren, sondern weil sie im zweiten Match gar nicht mehr angetreten sind. Verweigerungshaltung auch bei harten Entscheidungen zahlt sich eben nicht aus.
Krennwurzn Krennwurzn 31.08.2020 11:40
@DoktorM "WIE" analoge Pakete - wichtig dabei ist dass die Pakete über verschiedene Dienstleister - egal ob analog oder digital - transportiert werden. Internet-Pakete werden noch einmal und noch einmal gesendet ... allerdings immer ohne Garantie des Ankommens :-)
DoktorM DoktorM 31.08.2020 08:36
@Krennwurzn: Die Knoten im Netz heißen Router. Das ist etwas völlig anderes als ein Server. Es gibt keine analogen Pakete. Es gibt analoge Signale, die früher in analogen Netzen über eine Leitungsvermittlung übertragen worden sind. Das Internet ist paketorientiert und nicht leitungsorientiert (das sind die normalen Telefonnetze seit der Digitalisierung auch nicht mehr). Pakete im Internet können verloren gehen, dann werden sie eben noch einmal gesendet.
@Herbert Christmann: DDos-Angriffe sind sicherlich ein Problem bei Online-Live-Schachspielen. Daher muss man für deren Abwehr sorgen. Ob man dafür cloudflare einsetzen sollte, ist die Frage. Es geht ja nur um wenige Teilnehmer, die vorher bekannt sind. Da könnte man vorab auch deren IP-Adresse abfragen (das bringt natürlich nur etwas, wenn diese IP-Adresse von Dauer ist) oder ein Geheimnis ausmachen. Dann wäre klar, welche Pakete interessant für den Server sind und welche nur stören wollen.
Mytwostotinki Mytwostotinki 31.08.2020 03:14
@flachspieler: Das Resultat dieses "Lernprozess" war offenbar, dass Regeln nicht einheitlich angewendet werden - und dafuer fordern Sie im Ernst "ein dickes Dankeschoen"? Ich nehme an, Sie meinen das ironisch, oder?
flachspieler flachspieler 31.08.2020 02:41
Ich kenne nicht alle Hintergründe des Vorfalls mit Armenien,
halte es aber für wahrscheinlich, dass es bei der FIDE und konkret
beim Präsidenten einen Lernprozess gab und gibt.
Krennwurzn Krennwurzn 31.08.2020 10:24
@DoktorM gibt mal "tracert playchess.com" ein, dann siehst Du die Route über Knoten (Server) und wo überall Probleme auftreten können. Das Paket wird eigentlich wie an analoges Paket auch über verschiedenen Verteilzentren von unterschiedlichen Verteilfirmen durch die Welt transportiert.
Mytwostotinki Mytwostotinki 31.08.2020 10:16
@flachspieler: Sie koennen uns dann sicher erklaeren, warum der "souveraene Praesident" dafuer gesorgt hat, dass der gleiche Sachverhalt (Verbindungsabbruch) im Falle Armenien anders gehandhabt wurde. Oder finden Sie es normal, dass die gleichen Regeln bei verschiedenen Teilnehmern verschieden angewendet werden?
Herbert Christmann Herbert Christmann 30.08.2020 10:25
@DoktorM. Wie von einer Mitarbeiterin von chess24 sorgfältig recherchiert, und sicher auch später noch von Chessbase, war großflächig der "Dienst" cloudflare abgebrochen. Der Ausfall betraf Europa, Südamerika und Teile der USA und Indiens.
Die Spieler waren nachweislich unschuldig und verloren durch Zeitüberschreitung. Wie auch im Falle Armeniens. Aber die Armenier hat man ausscheiden lassen.
Herbert Christmann Herbert Christmann 30.08.2020 10:06
@flachspieler. Dann fragen sich aber die Armenier zu Recht, warum in Ihrem Falle gegen Indien! anders entschieden wurde.
DoktorM DoktorM 30.08.2020 09:28
Ich verstehe nicht, was da immer für Verbindungen abbrechen sollen. Im Internet werden Pakete verschickt, da gibt es auf IP-Ebene und darunter keine Verbindungen. Und in den oberen Schichten sind das virtuelle Verbindungen. Einzelne Pakete (mit den Zügen und anderen Informationen) können verloren gehen, aber die werden z.B. bei TCP automatisch erneut gesendet. Solange, bis eine Quittung dafür eingetroffen ist. Und wenn man UDP verwendet, dann programmiert man einen eigenen Quittungsbetrieb. Das ist keine Raketentechnik. Dann ist ebenfalls unverständlich, was für Server auf Spielerseite ausfallen können. Eigentlich gibt es beim Online-Schach nur einen Server, nämlich den, auf dem die Spiele verwaltet werden. Die Spieler selbst benötigen keinen Server.
Die technischen Probleme beim Online-Schach sollten nicht auftreten. Und wenn doch, sollte man eindeutig feststellen können, bei wem die Ursache dafür liegt. Entsprechend sind dann die Spiele zu werten.
flachspieler flachspieler 30.08.2020 07:31
Ein dickes Dankeschön an den souveränen Präsidenten! Solche Leute braucht die Schach-Szene.
Ingo Althöfer.
siegrun1945 siegrun1945 30.08.2020 06:53
Die Olympiade war perfekt: 3 Männer und 3 Frauen - aber was zeigen sie am Ende? 4 Männer und 2 Frauen? Unglaublich
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