Paris Grand Chess Tour: hauchdünne Führung für Wesley So

von Klaus Besenthal
22.06.2018 – Bei der Paris Grand Chess Tour haben an den vergangenen drei Tagen die zehn an der Veranstaltung beteiligten Weltklassespieler jeweils eine Rapidpartie gegeneinander gespielt. Bevor es morgen und übermorgen in der französischen Hauptstadt mit einem doppelrundigen Blitzturnier weitergeht, liegt die Führung in der Gesamtwertung in den Händen des Amerikaners Wesley So, der einen Punkt mehr aufzuweisen hat als sein Landsmann Hikaru Nakamura und der Russe Sergey Karjakin - gemäß der in diesem Turnier angewendeten Zählweise entspricht dies exakt einem Remis. Um die Führung zu behaupten, reichten So heute drei routiniert herausgespielte Unentschieden. Fotos: Lennart Ootes

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Paris Grand Chess Tour, 3. Tag des Rapidturniers

Auf der Grand Chess Tour gehen die beim Rapidschach erzielten Punkte bekanntlich doppelt in die Gesamtwertung der jeweiligen Veranstaltung ein. Wesley Sos vier Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage aus den ersten beiden Tagen von Paris, 4,5/6 nach "normaler" Zählung, bedeuteten in diesem Sinne also einen Score von 9/12 für den alleine führenden Amerikaner. Diesen Status galt es für ihn heute während der letzten drei Rapidpartien zunächst zu verteidigen, bevor es am Samstag und Sonntag in das abschließende Blitzturnier gehen würde. 

Runde 7

Wesley So und Hikaru Nakamura waren die ersten beiden Spieler, die an diesem Nachmittag einen Kaffee trinken gehen konnten. Aus einem Angenommenen Damengambit hatte sich nach dem Abtausch der c- und d-Bauern eine symmetrische Struktur ergeben, in der der Anzugsvorteil nach dem frühen Damentausch quasi auf Schwarz (Nakamura) übergegangen war. Doch das spielte keine Rolle: Die Spieler wickelten die Stellung durch weitere Abtausche zum Remis nach 22 Zügen ab. Somit stellte sich die Frage, ob entweder Sergey Karjakin oder Levon Aronian an der Tabellenspitze zu Wesley So würde aufschließen können. Praktischerweise spielten diese beiden auch gleich gegeneinander, um dies zu klären. In der Partie zwischen dem Russen und dem Armenier bot sich aber ein ähnliches Bild wie zwischen So und Nakamura: Symmetrische Struktur, stark reduziertes Material – das Remis war unvermeidbar. Wesley So würde auch nach der 7. Runde alleine das Feld anführen.

Hikaru Nakamura verfügt über intakte Chancen auf den Gesamtsieg

Noch vor dem Ende der Partie zwischen Karjakin und Aronian (die sich entschlossen hatten, die Sache bis zum Schluss auszukämpfen) hatte der französische Lokalmatador Maxime Vachier-Lagrave das "Kellerduell" gegen Shakhriyar Mamedyarov für sich entschieden. Dem aserbaidschanischen Großmeister entging die entscheidende Idee, die ihm zumindest gleiches Spiel gesichert hätte: Er versäumte es, Vachier-Lagraves noch in der Mitte befindlichen König massiv unter Druck zu setzen: 

 

Etwas näher an Wesley So heranrücken konnte jetzt noch am ehesten Viswanathan Anand, der als Schwarzer gegen Alexander Grischuk frühzeitig eine Qualität geopfert hatte. Der Lohn dafür waren äußerst aktive Figuren und eine bessere Struktur. Vorteil hatte Grischuk trotzdem, aber als Anands Springer den König des Russen umzingelt hatten, sah der sich schließlich zur Rückgabe der Qualität gezwungen. Anschließend konnte man ein seltenes Bild bewundern: Trotz eines vollkommen geöffneten Zentrums waren Anands zwei Springer Grischuks Läuferpaar nicht unterlegen. Der indische Exweltmeister kam mit seiner riskanten Strategie so letztlich doch noch zu einem halben Punkt – Wesley So konnte er auf diese Weise aber nicht auf die Pelle rücken. Dennoch: Die Partie zwischen Grischuk und Anand lohnt das Nachspielen. Sie findet sich unten in der Partiensammlung.

In der unteren Tabellenhälfte gab es noch ein weiteres direktes Duell, und zwar zwischen einem Spieler, der gerne Weltmeister werden würde (Fabiano Caruana) und einem, der schon einmal Weltmeister war (Vladimir Kramnik). Bereits mit einer Minusqualität geschlagen, wollte Kramnik nicht auch noch die Damen tauschen. Das war ein Fehler, erlaubte es Caruana doch einen direkten Königsangriff. Nach drei Unentschieden und drei Niederlagen gelang dem WM-Kandidaten auf diese Weise endlich der erste Sieg in Paris!

Fabiano Caruana konnte sich nach seinem schwachen Start an den ersten beiden Turniertagen voll rehabilitieren

Ergebnisse der 7. Runde im Überblick

 

Runde 8

Wesley So hatte, nach Nakamura, erneut einen starken Gegner: Mit Schwarz musste der Tabellenführer gegen Sergey Karjakin antreten, seinen direkten Verfolger, der vor der Partie lediglich einen Punkt zurücklag. Doch die Spieler agierten vorsichtig. Erneut ergab sich eine symmetrische Stellung, dieses Mal aus einer Spanischen Partie. Hier hatte Karjakin am Ende längere Zeit ein wenig Vorteil, der sich aus einem spürbaren Raumübergewicht herleitete. Zum Gewinn reichte das aber nicht, und so blieb der Abstand zwischen diesen beiden Spielern in der Tabelle bei einem Punkt. 

Jetzt war die Frage, ob Levon Aronian seine Partie gegen Fabiano Caruana würde gewinnen können, um so nach Punkten zu Wesley So aufzuschließen. Doch das klappte überhaupt nicht. Für Fabiano Caruana hat die Grand Chess Tour angesichts des bevorstehenden Weltmeisterschaftskampfes vielleicht nicht die allerhöchste Priorität, aber wenn der Gegner sich einen offensichtlichen Patzer leistet, dann sieht Caruana das natürlich - egal, woran er sonst gerade noch denken mag:

 

Somit blieb noch zu klären: Was macht Anand? Dieses Mal hatte der Inder sogar seine Dame ins Geschäft gesteckt, doch das daraus resultierende krumme Materialverhältnis von Turm, Läufer und Bauer gegen Nakamuras Dame ergibt nach neuesten Erkenntnissen - gerechnet in "Bauerneinheiten" - fast keinen Nachteil: 5,25 + 3,55 + 1,0 = 9,8. Angesichts des Wertes einer Dame von 10,0 bedeutete dies ungefähren Gleichstand. Und Anand hatte auch eine gute, festungsartige Stellung, die er auf keinen Fall hätte verlieren sollen, doch auch hier verdarb ein einziger schlechter Zug alles. Dennoch, für Rapidverhältnisse eine höchst beeindruckende Partie der beiden Super-Großmeister:

 

Anands Angriff auf die Tabellenspitze scheiterte also. Die 9. Runde würde dazu herhalten müssen, den Sieger des Rapidturniers von Paris zu bestimmen.

Viswanathan Anand spielt in Paris einen unternehmungslustigen Stil

Ergebnisse der 8. Runde im Überblick

 

Runde 9

Und bei der Bestimmung des besten Rapidspielers würde Viswanathan Anand erneut mitmischen. Denn er war es, denn in der 9. Runde mit Schwarz gegen Wesley So antreten musste. Beide Spieler agierten jedoch äußerst umsichtig. Die Folge war, wie könnte es anders sein, ein Remis. Dass er Humor hat, bewies Anand, als er zum Abschluss der Partie noch einen kleinen Scherz improvisierte:

 

Für Wesley So war es an diesem Tag das dritte Unentschieden in der dritten Partie, ohne dass er seine Führung eingebüßt hätte. Ob er sie würde teilen müssen, das musste sich in den Partien von Hikaru Nakamura und Sergey Karjakin zeigen. Doch So hatte Glück: Karjakin stand mit Schwarz gegen Caruana lange Zeit etwas schlechter (aufgrund eines Minusbauern), konnte die Partie nach einer langen reinen Blitzphase aber unentschieden gestalten; Nakamura besaß seinerseits einen Mehrbauern gegen Mamedyarov, konnte diesen aber nicht verwerten. An der Spitze änderte sich nichts; genau wie vor einigen Tagen in Leuven, so führt Wesley So auch in Paris nach dem Rapidturnier alleine die Tabelle an.

Ergebnisse der 9. Runde im Überblick

 

Partien

 

Tabelle

 

 

Turnierseite der Grand Chess Tour - Paris 2018...

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Klaus Besenthal ist ausgebildeter Informatiker und ein begeisterter Hamburger Schachspieler. Die Schachszene verfolgt er schon seit 1972 und nimmt fast ebenso lange regelmäßig selber an Schachturnieren teil.
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