Patt: der wahre König des Schachs

von Hartmut Metz
06.04.2017 – Matt ist angeblich die Krönung einer jeden Schachpartie. Aber bei Lichte betrachtet: Matt sind die Dinge doch oft nur halb so schön wie glänzende. Und auf den 64 Feldern gibt es zumindest ein Schlussspiel, das noch mehr glänzt als das Matt: der kleine Bruder, der im Alphabet ein bisschen später folgt. Wir reden hier nicht vom schnöden Patt, weil eine Seite im Läuferendspiel den falschen Randbauern hat oder die Dame gegen den Bauern c7 nicht gewinnen kann. Hier geht es um die geniale Rettung durch das Patt, das sich nach einer Opferkaskade ergibt.

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Geniales Patt der wahre König des Schachs: Der große Bruder ist nur ein matter Abglanz

Die Vollstreckung gewährt ein weit erhebenderes Gefühl als nahezu alle Matts, die der erfahrene Spieler doch irgendwie irgendwo schon gesehen hat.

Der Vergleich mit Dreck mag sich beim Matt sicher nicht ganz geziemen – aber im übertragenen Sinne hat der vor 175 Jahren geborene Dichter Stéphane Mallarmé Recht, als er auf Ausführungen des französischen Schriftstellers Émile Zola, es bestehe kein Unterschied zwischen Dreck und Diamanten, einst entgegnete: „Mag sein, aber der Diamant ist seltener.“ Genau so ist das auch mit dem Patt im Vergleich zum Matt! Während bei einer Stichprobe in der „Megabase 2017“ rund jede 13. Partie mit einem Matt endete (oder kurz vor der Vollstreckung aufgegeben wurde), spuckt die Datenbank nur 6121 Partien mit einem Patt aus. Das entspricht bei 6,8 Millionen Partien weniger als einem Promille! Zieht man davon auch noch die zahllosen bekannten Endspiel-Kniffe ab, wurden nur wenige geistreiche Rettungsanker ins Remis geworfen.

Das war im Übrigen nicht immer einen halben Punkt wert! Im arabischen Schach galt das Patt als Sieg für die materiell überlegene Partei. Im chinesischen Schach Xiangqi ist das bis heute so. Dass es im schachlich lange führenden Italien (und auch Frankreich) vor Jahrhunderten mit einem Unentschieden belohnt wurde, lässt sich am Wort „patta“ erkennen, das für das Remis steht (vom lateinischen „pactum“, Übereinkunft/Vereinbarung, abgeleitet). Das Patt selbst heißt aber mittlerweile auf dem Stiefel „stallo“, woraus im Englischen laut Wikipedia „stalemate“ wurde. Die sonderbare Regeln gewöhnten Briten betrachteten demnach den Pattsetzer im 16. und 17. Jahrhundert als Sieger. Erst eine Vereinheitlichung der internationalen Regeln 1810 durch den führenden Londoner Meister Jacob Henry Sarratt behob die Eigenbrötlerei. Es gab aber immer wieder neue Fürsprecher, die für das Patt einen höheren Lohn als 0,5 forderten – dies wäre jedoch eine einschneidende Änderung, weil dadurch viele Endspiel anders bewertet werden müssten, angefangen von König und Bauer gegen König bis zu zwei Springern gegen die nackte feindliche Majestät.

Persönliches „Patt&Pattachon“

Woher aber eigentlich die plötzliche Begeisterung des Autoren für das Patt? Vor fünf Jahren schien mir dieses für einen kurzen Moment himmelschreiend ungerecht und deprimierte mich in einem Oberliga-Kampf.

 

Doch schon bald nach der Partie schloss ich meinen Frieden mit dem wundersamen Ende und pries den findigen Ladenburger Martin Schrepp, der seinem Ruf als gewitzter Problemkomponist gerecht geworden war! Der Frieden vertiefte sich nun in der Nationalliga B in der Schweiz. Ich holte mir den damals versemmelten halben Punkt durch mein persönliches slapstickartiges „Patt&Pattachon“ (in Anlehnung an das Komikerduo „Pat&Patachon“, das wie „Dick&Doof“ mit einem Dürren und Dicken in der Stummfilmzeit legendär wurde) zurück. Das geniale Finale hatte sich 2012 in mein Gehirn gefressen und drang nun aus dem Dunkeln im rechten Moment gegen IM Petar Benkovic ans Licht.

 

Lieber Patt als platt

Eines ist bei jedem geistreichen Wandel von platt zu Patt festzustellen: Obwohl Benkovic soeben einen halben Punkt verschenkt hatte, huschte dem Gepiesackten trotzdem ein kurzes Lächeln über die Lippen angesichts der Schönheit des Schlussbilds (an der auch eine Turmumwandlung nichts geändert hätte).

Das herauskombinierte Patt ist ein rarer Gast in der Turnierarena – genauso wie das unbeabsichtigte. Dieser Lapsus passierte sogar einst Anatoli Karpow, einem der stärksten Spieler der Schachgeschichte! Und zwar 1998 in einer Schnellschach-Partie gegen Judit Polgar.

 

Weiß kann auf mehrere Arten in drei Zügen mattsetzen - doch Anatoli Karpov unterläuft ein unglaublicher Fauxpas - selbst unter Berücksichtigung von Zeitnot in einer Schnellschach-Partie. Er spielte 75.Df3 und setzte Schwarz damit Patt.

Das war natürlich weniger schön und erinnerte kaum an eine studienhafte Kombination – mehr Begeisterung löst da doch „Der Schwindel des Jahrhunderts“ aus, wie Kommentatoren die wundersame Wendung von Larry Evans gegen Samuel Reshevsky anno 1963 bei der US-Meisterschaft feierten:

 

Könner wie Peter Leko und Viswanathan Anand setzten bei der Remis-Abwicklung aus ästhetischen Gründen auf das Patt. Die beiden Augenschmeichler gegen Vladimir Kramnik und Alexei Dreev:

 

 

 

Bleibt noch aus der Turnierpraxis ein Beispiel, in dem der Gelackmeierte noch den Fauxpas hätte reparieren können – doch konsterniert fügte sich Valery Beim gegen den damals aufstrebenden Emil Sutoysky ins Patt! Kurz nachgedacht, schon hätte der israelische GM die Parade gefunden.

 

65.De1+ Dxe1?? und Weiß war Patt gesetzt. (nach 65...Df1 66.De4 Dg2 gewinnt Schwarz noch immer locker.)

Wirklich grandiose Patts gibt es ganz selten. Zu den Patt-Highlights gehören die beiden nächsten Partien von 1992 und 2012, in denen Weiß jeweils spektakulär den Kopf aus der Schlinge zieht! Einmal opfert der Anziehende seine ganze Schwerfiguren-Batterie, noch grandioser wirkt die Abwicklung von Attila Groszpeter gegen seinen schottischen Großmeister-Kollegen Colin McNab. Der Ungar erzwingt trotz eines vorhandenen Springers ein geniales Patt! Das gelingt nahezu nie, weil Leichtfiguren bei solch einer Kombination ganz schwer loszubekommen sind – und daher manövrierte Groszpeter seinen Rappen in eine Fesselung!

 

 

 

Um in verzweifelter Lage unerwartete Rettung zu finden, ist man am besten ein findiger Studienkomponist. Dem fällt so etwas leicht – zumindest der berühmte Russe Alexei Troitzki bewies dies einmal 1896. Der Vorname des vermutlich deutschen Gegners Vogt bleibt angesichts der plumpen schwarzen Fortsetzung besser unbekannt …

 

Natürlich trug auch der berühmteste und genialste aller Schachkomponisten, Sam Loyd, sein Scherflein zum Thema bei. Der Amerikaner kreierte das schnellste Patt mit allen 32 Steinen auf dem Brett (wobei das wohl auch anderen zugeschrieben wurde).

Sam Loyd, Das schnellste Patt bei vollem Brett

 

Das kürzestmögliche Patt stammt auf jeden Fall von Loyd:

Sam Loyd: Das kürzeste Patt

 

„Pattzer“ von Steinitz

Mit einem Patt-Trick konnte Loyd sogar den ersten Weltmeister der Schach-Geschichte austricksen.  Zunächst hatte er jedoch bei einer Wette anno 1885 das Nachsehen: Loyd hatte behauptet, ein Schachproblem schneller komponieren zu können, als Steinitz es löst! Das Zehn-Minuten-Werk des Komponisten entzauberte der angehende Champion in der Hälfte der Zeit. Das wollte Loyd nicht auf sich sitzen lassen und stellte die Behauptung auf, er komponiere eine Aufgabe, die Steinitz nicht richtig lösen werde. Den Fehdehandschuh nahm Letzterer erneut auf – doch diesmal scheiterte Steinitz.

 

Den ersten Zug hatte er nach halbstündigem Grübeln mit 1.f4 gefunden, allerdings entpuppte sich der zweite als kritisch. Das von Steinitz genannte Manöver 2.Lf8, gefolgt von Lg7 und Lxf6 matt scheitert – an einem Patt! Loyd hatte auf eine Verführung gebaut, die nur 2.Lb8 als Lösung übrig lässt. Prompt unterlief Steinitz dieser „Patzer“ ...

 

Hätte sich Loyd bereits für Doppelpatts interessiert, wäre ihm sicher auch einiges dazu eingefallen. Eine hübsche Doppelpattstellung ist zum Beispiel die folgende – sie könnte dadurch entstehen, dass Weiß zuletzt La1-b2+ oder Db2+ gespielt hat.

 

Zum Abschluss das schnellstmögliche Doppelpatt, das der Italiener Enzo Minerva 2007 in 18 Zügen ermittelte.

 


Hartmut Metz ist Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Münchner Merkur über Schach und Tischtennis. Zudem verfasst der FM von der Rochade Kuppenheim regelmäßig Beiträge für das Schach-Magazin 64, Schach-Aktiv (Österreich) und Chessbase.de.
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