Peter Svidler: "Sorry, ich bin's nicht"

01.02.2007 – Eines der großen ungelösten Geheimnisse im Schach ist die Frage, wer eigentlich "Raffael" ist. Ein Spieler diesen Pseudonyms steht an der Spitze der Blitzrangliste auf dem Fritzserver und schiebt dort regelmäßig die Weltelite vom Brett. Deep-Chess hat versucht, das Geheimnis zu lüften und durch Partienvergleich ermittelt, dass es seich hierbei um Peter Svidler handelt. Nun die Enttäuschung: "Ich habe vor vier Jahren mit dem Internetschach aufgehört", sagte Svidler im Interview mit Frank Große. Außerdem berichtet der St. Petersburger Spitzenspieler von seiner Vorlieben für Kricket und seinen Zukunftsplänen nach seiner Schachkarriere. Interview mit Peter Svidler...

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Interview mit Peter Svidler Januar 2007
Von Frank Große (www.schachlinks.com)

Ihre Ergebnisse in den letzten 15 Monate gleichen einer Sinuskurve. Bei der Weltmeisterschaft in San Luis 2005 belegten Sie den dritten Platz, eine positive Überraschung für die Experten. Dann wurden Sie bei der Russischen Meisterschaft "nur" Sechster (wofür es keine Medaille gab). Mit dem OSC Baden Baden haben Sie im Frühjahr 2006 die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft gewonnen, bei der Olympiade in Turin kam die russische Mannschaft nur auf den 6. Platz (obwohl das nicht an ihrer Leistung lag). In Dortmund belegten Sie den zweiten Platz und kamen auf die gleiche Punktzahl wie der Sieger und spätere Weltmeister Vladimir Kramnik. Die gleiche Platzierung gelang Ihnen in Israel im Finale der Blitzweltmeisterschaft, beim sehr stark besetzten Tal-Memorial in Moskau kamen Sie dann auf den 7. Platz. Welche Ziele haben Sie sich für dieses Jahr gesetzt?

Peter Svidler: In der Tat ging es auf und ab, aber 2007 ist ein sehr wichtiges Jahr - Wijk aan Zee, Morelia/Linares und Monaco machen nur den Anfang, dann folgt im Herbst das Turnier in Mexiko. Zweifellos ist dies ein entscheidendes Jahr für viele Spieler, mich eingeschlossen.

Für Ihre deutschen Fans von besonderem Interesse: Werden Sie bei der Europäischen Einzelmeisterschaft, die im April in Dresden stattfindet, dabei sein?

Peter Svidler: Wahrscheinlich nicht – nach den ersten drei Monaten des Jahres brauche ich bestimmt eine Pause.

Bleiben wir beim Thema "Schach in Deutschland". Den Großteil des Jahres reisen Sie durch die Welt und natürlich kennen Sie die Spitzengroßmeister aller Nationen. Was glauben Sie: In welchen Ländern hat Schach die größte Bedeutung und welche Stellung nimmt Schach Ihrer Meinung nach in Deutschland ein?

Peter Svidler: Ich glaube, dass es dem Schach in Deutschland generell ganz gut geht und natürlich ist die Bundesliga die stärkste europäische Liga (vielleicht ist die Russische Vereinsmeisterschaft die einzige andere Liga, die Ansprüche auf diesen Titel erheben kann). Dann gibt es das Turnier in Dortmund, das immer ein Höhepunkt der Saison ist, sowie eine Menge anderer Schachveranstaltungen, bei denen für jeden Geschmack etwas dabei ist.

Was glauben Sie: Warum gab es nach Robert Hübner keinen anderen deutschen Großmeister, der an das Tor zur Weltspitze geklopft hat?

Peter Svidler: Das ist eine Frage, die ich schwer beantworten kann – aber ich bin sicher, dass Roberts Fackel irgendwann an jemand anderen übergeben wird.

Die meisten Schachspieler sind Amateure, und wenn sie das ganze Jahr von Turnier und Turnier ziehen, dann sind sie meist mehr auf der Suche nach schönen Partien und weniger an einem großen oder kleinen Preis interessiert. Können Sie sich vorstellen, kein Profischachspieler zu sein und Schach nur aus Leidenschaft für das Spiel zu spielen?

Peter Svidler: Wer weiß, was die Zukunft bringt? Aber eins ist sicher – mein Interesse an dem Spiel wird nicht so bald vergehen.

Von 2003 bis 2005 gelang Ihnen ein glatter Hattrick in der Chess-960 Weltmeisterschaft. Letztes Jahr hat Levon Aronian Sie entthront. Wie stehen Sie zu Chess-960 und wie beurteilen Sie 'Fischers Art zu spielen'?

Peter Svidler: Ich mag Chess960 und war schwer enttäuscht, gegen Levon zu verlieren – aber er hat verdient gewonnen und ich kann mich nicht beklagen.

Vom 5. bis zum 7. September 2006 fand die erste FIDE (!) Blitzweltmeisterschaft statt und Sie gewannen die Silbermedaille (Alexander Grischuk wurde Weltmeister). 1988 gewann Mikhail Tal eine Blitzweltmeisterschaft und schlug Rafael Vaganian 4:0 im Finale. Kannten Sie Tal? Wie hat seine Art zu spielen den Stil der Spitzenspieler beeinflusst?

Peter Svidler: Ich habe Tal nie getroffen – aber er war einer der wenigen Spieler, die das Schach wirklich revolutioniert haben und sein Einfluss ist immens – selbst wenn keiner darauf hoffen kann, das zu wiederholen, was er jahrelang am Brett geleistet hat. Und als Mensch war er immer mein Favorit – der seltene Fall eines Menschen, der im Schach alles erreicht hat und weiterhin ein großer Mensch geblieben ist.

Im Prinzip gehören Sie bereits zur "alten Garde", die Jugend schickt sich an, den Gipfel der Schachwelt zu erobern. Welche Spieler und warum, glauben Sie, können in den kommenden Jahren in die absolute Spitze vordringen?

Peter Svidler: Karjakin und Carlsen sind die beiden offensichtlichen Kandidaten. Das aserbaidschanische Duo Radjabov und Mamedyarov ist ebenfalls sehr gut. Und natürlich gibt es da noch Levon.

Eine sehr interessante Partie, die Svidler letztes Jahr in Longyearbyen 2006 gegen Carlsen spielte, ist angehängt.

Svidler- Carlsen, 2006 (pgn)...


Carlsen gegen Svidler in Wijk

Welche Rolle spielt die Arbeit und die Analyse mit dem Computer bei Ihrer (täglichen) Vorbereitung und bei Ihrem Training? Wie wird Computersoftware das Schach in der Zukunft beeinflussen? Mit anderen Worten: Wird Schach uninteressant und kommt der Remistod durch umfangreiche Analysen? Würden Sie einen Schaukampf gegen einen der stärksten Computer der Welt spielen – wie es Adams oder Kramnik vor kurzem gemacht haben? Welche Attraktivität – vom finanziellen einmal abgesehen :) – hätte das für Sie?

Peter Svidler: Ich glaube nicht, dass Computer zum Remistod des Schachs führen, obwohl offensichtlich ist, dass sie jeder heutzutage ausgiebig nutzt. Was den Schaukampf betrifft – ich hätte gegen eine solche Veranstaltung nichts einzuwenden, vorausgesetzt, ich könnte mich ordentlich vorbereiten. Der Hauptanreiz bleibt immer das Geld – ich glaube nicht, dass es dem eigenen Schach viel hilft, gegen einen Computer zu spielen – aber zugleich ist das eine sehr interessante Herausforderung. Ich glaube, dass das Kramnik-Match gezeigt hat, dass die Menschen immer noch mit den Maschinen wetteifern können, wenn es ihnen gelingt, grobe Fehler zu vermeiden.

Normalerweise halten Sie sich bei privaten Fragen bedeckt, aber vielleicht verraten Sie, wie Sie die Zeit zwischen den Turnieren verbringen – ich habe etwas über Kricket gehört?!

Peter Svidler: Zwischen den Turnieren verbringe ich die meiste Zeit zu Hause mit meiner Familie, und ja – Kricket ist ein großer Teil meines Lebens (vielleicht sogar zu groß :)

Werden Sie Ihre Karriere irgendwann beenden oder sehen Sie bei sich Ähnlichkeiten zu Viktor Kortschnoi, dem unermüdlichem Wanderer? Wie könnte Ihr Leben aussehen, wenn Ihre Schachkarriere nicht mehr länger im Mittelpunkt Ihres Interesses steht?

Peter Svidler: Ich bin davon überzeugt, dass Viktor unnachahmlich ist – man braucht ganz besondere Batterien, um in seinem Alter so wie er zu spielen. Ich muss mir etwas einfallen lassen, wenn ich nicht mehr aktiv spiele – vielleicht Kricket-Kommentator im Russischen Fernsehen? :)

Ich bin nicht sicher, ob Sie wissen, dass Deutschland über die Identität von "Raffael" rätselt, dem besten Spieler auf playchess.com / schach.de. Deep-Chess!!! http://www.deep-archiv.de/2006/raffael/raffael.htm hat dazu eine Analyse geliefert, die auch auf der ChessBase-Webseite veröffentlicht wurde http://de.chessbase.com/Home/TabId/176/PostId/306182 . Können Sie uns verraten, ob die darin aufgestellte These, dass Sie "Raffael" sind, stimmt? :)

Peter Svidler: Es tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen – aber ich habe vor ungefähr vier Jahren aufgehört, aktiv Internetschach zu spielen.

Danke für das interessante Interview! Alles Gute für die Zukunft!

 

 



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