Petra Kortschnoj: 1928-2021

von André Schulz
19.03.2021 – Petra Kortschnoj war über Jahrzehnte die Frau an Viktor Kortschnojs Seite. Nach der Flucht des sowjetischen Großmeisters und WM-Kandidaten in den Westen unterstützte sie ihn nach Kräften und war die einzige Verbündete bei seine Kämpfen gegen die UdSSR. Am Montag starb sie im Alter von 93 Jahren.

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Viktor Kortschnoi gehörte schon in den 1960er Jahren zu den weltbesten Schachgroßmeistern. Er war einer der Teilnehmer des berühmt-berüchtigten Kandidatenturniers in Curacao 1962. Fischer behauptete nachher, er sei von den sowjetischen Großmeistern durch Remisabsprachen betrogen worden. Kortschnoi war an dieser Intrige allerdings nicht beteiligt.

1974 war Kortschnoi immer noch, oder wieder, Weltspitze und spielte das Kandidatenfinale gegen Anatoly Karpov. Er verlor und beklagte sich hinterher in einem Interview über Benachteiligung durch den sowjetischen Schachverband. Danach geriet Kortschnoi unter Druck und beschloss die Sowjetunion zu verlassen. Das war zu jener Zeit, mitten im Kalten Krieg, lebensgefährlich. 

1976 nutzte Kortschnoi ein Auslandsturnier in den Niederlanden zu Flucht. Seine Frau und seinen Sohn ließ er in der UdSSR zurück. FIDE-Präsident Max Euwe half damals dem "Dissidenten". Und dann tauchte eine Frau auf, die Kortschnoi ebenfalls ihre Hilfe anbot: Petra Leeuwerik, wie sie damals noch nach ihrem ersten Ehemann hieß. 

Viele hielten Petra Leeuwerik wegen des Namens für eine Holländerin, doch in Wirklichkeit war sie in Leipzig geboren. Als junge Frau gehörte sie nach dem Krieg in der DDR einem Kreis christlicher Studenten an, deren Aktivitäten den Behörden ein Dorn im Auge war. Als Petra Leeuwerik Wien besuchte, damals noch in Besatzungszonen geteilt, wurden sie von sowjetischen Agenten in die sowjetische Zone verschleppt und wegen Spionage zu zehn Jahren Arbeitslager in Workuta (Sibirien) verurteilt.

Petra Leeuwerik brachte intensive negative Gefühle aus Workuta mit und als sie von der Flucht von Viktor Kortschnoi aus der Sowjetunion hörte, dachte sie, dass sie ihn mit ihrer Energie und Kraft unterstützen müsste.

Fortan war Petra Leeuwerik die Frau an Viktor Kortschnois Seite. In der Schweiz fand das Paar eine neue Heimat.

Hans Ree, Jakob Murey, Viktor Kortschnoj, Petra Leeuwerik, 1977

Eigentlich wollte Viktor Kortschnoi nur Schach spielen und hatte die Sowjetunion verlassen, weil man ihn dort daran hinderte, und nicht aus politischen Gründen. Trotzdem wurde aus der Flucht ein Politikum. Kortschnoi wurde auf Geheiß der Behörden nun von allen sowjetischen Spielern boykottiert. Bei offiziellen Turnieren und Wettkämpfen der FIDE um die Weltmeisterschaft war das aber nicht möglich. Und Kortschnoi war als Kandidatenfinalist 1974 für die Kandidatenkämpfe des nächsten Zyklus qualifiziert. Die sowjetischen Großmeister mussten antreten, ob sie wollten oder nicht. Kortschnoi brachte seinen Zorn mit - und Petra Leeuwerik. 

Als Delegationsleiterin des Kortschnoi-Teams nahm sie den Kampf mit den Organisatoren und sowjetischen Offiziellen auf und hielt ihrem Schützling den Rücken frei. Viktor Kortschnoi konnte sich ganz auf seine Partien konzentrieren. Das machte er und zerpflückte in den Kandidatenwettkämpfen 1977 alle seine sowjetischen Gegner, Petrosian, Polugaevsky, Spassky. Er wurde zu "Viktor, dem Schrecklichen". Die Weltspresse bejubelte seine Erfolge. Aber hinter den Kulissen fürchteten die sowjetischen Offiziellen Petra Leeuwerik mit ihren unermüdlichen Forderungen nach korrekter Behandlung noch mehr.

Das große Finale dieses ungleichen Kampfes fand 1978 in Baguio beim WM-Kampf gegen Karpov statt. Es war ein nervenaufreibender Kampf mit zahlreichen Nebenkriegsschauplätzen. Kortschnoi verlor das Match ganz knapp. Drei Jahre später gab es in Meran eine Wiederholung, immer noch intensiv, aber nicht ganz so dramatisch wie der Kampf zuvor, auch weil Kortschnoi, nun immerhin schon 50 Jahre alt, seinen Zenit überschritten hatte. Die Abba-Musiker besuchten damals den Wettkampf, sprachen mit den Beteiligten und schufen ihr Schachmusical "Chess".

WM-Kampf 1978

Nachdem Kortschnoi sich bereit erklärt hatte, den abgesagten und für ihn schon als gewonnen erklärten Wettkampf gegen den jungen Kasparov doch noch zu spielen, beendeten die Sowjetbehörden 1983 ihren Boykott gegen Kortschnoi. Er konnte nun wieder überall Turniere spielen und genoss die neue Freiheit, indem er unentwegt herumreiste und Schach spielte, mit Petra an seiner Seite. "Ich nehme jede Einladung an", sagte er einmal. "Wenn ich es nicht tue, laden sie mich das nächste Mal vielleicht nicht mehr ein", lautete die Erklärung. Wenn Viktor Schach spielte, saß Petra im Zuschauerraum und las ein Buch. Kämpfen musste sie jetzt nicht mehr.

Petra Kortschnoj

Ende der 1980er änderten sich die Bedingungen für die Verbreitung von Schachinformationen. Nun gab es das ChessBase-Programm und Viktor Kortschnoi war einer der ersten, der verstand, welchen Nutzen die Datenbank bot. Kortschnoi kaufte einen Computer und entwickelte zu seinem Trainingsinstrument eine intensive Hassliebe. "Am liebsten würde ich das Ding aus dem Fenster werfen", fasst er Probleme und Lösungsansätze zusammen.

Doch zum Glück gab es Petra, inzwischen mit Viktor verheiratet. Sie arbeitete sich tatsächlich in die Technik ein und war dann in der Lage, Kortschnois Datenbank zu verwalten und zu aktualisieren. Nicht ohne Hilfe. Ihr Anruf im ChessBase Büro kam regelmäßig, meist nach Erscheinen des ChessBase Magazins. Zusammen schaffte man es dann aber immer, die neuen Partien in die Datenbank zu integrieren. Petra Kortschnoi war dabei stets geduldig, konnte die Anweisungen umsetzten und es fand sich auch noch Zeit für ein kleines Schwätzchen.

Als ich einmal das Turnier in Biel besuchte, nutzte Petra Kortschnoi die Gelegenheit, packte mich in ihr Auto und fuhr mich in die Wohnung der Kortschnois nach Wohlen, damit ich mir den neuesten Datenbank-Schlamassel mit den eigenen Augen aus der Nähe anschauen sollte. So schlimm war es aber nicht. Viktor zeigte für die Mühe seiner Frau wenig Verständnis und kommentierte den Vorgang aus dem Hintergrund spöttisch mit den Worten: "Petra, wie kann es sein, dass du mit der Datenbank solche Schwierigkeiten hast und der junge Mann schafft das in ein paar Minuten" Petra hatte allerdings viel Humor und konnte solche Bemerkungen gut vertragen. Übrigens spielte auch Petra Kortschnoi Schach. Sie blitzte gerne im Internet. Viktor interessierte sich für die schachlichen Bemühungen seiner Frau allerdings nicht im Geringsten. 

Bei anderer Gelegenheit sah ich bei einer Wartungsarbeit am Kortschnoi-Rechner, wie der "Meister" damit arbeitete. Er schaffte es, die relevanten Partien zu finden. Dann spielte er sie jedoch auf einem Taschenschach nach, das vor der Tastatur lag.

Kortschnoi gehörte viele Jahre zum Kommentatorenstamm des ChessBase-Magazins, wobei er nie gelernt hat, wie man eine Variante startet. Er tippte die Züge als Textkommentar ein.

Aus der Verbindung zu den Kortschnois ergab sich dann die Idee einer Video-Biografie. Viktor Kortschnoi kam nach Hamburg und zeigte im Video-Fritztrainer-Format wichtige Partien aus seiner Karriere, kommentierte sie und erzählte etwas aus zur Geschichte der Partie. Daraus entstanden zwei DVDs, die inzwischen schon historische Zeitdokumente sind.

Kortschnoi blieb auch bei fortschreitendem Alter schachlich auf der Höhe, vielleicht auch dank seiner ChessBase-Datenbank. Im Alter von 80 Jahren gewann Kortschnoi noch die Schweizer Landesmeisterschaft. "Opa beißt noch", kommentierte er seine Erfolge im fortgeschrittenen Alter. 

Petra und Viktor Kortschnoj, gern gesehene Gäste

2012 erlitt Viktor Kortschnoi dann einen Schlaganfall, der ihn an den Rollstuhl fesselte. Petra war nun seine Pflegerin. Trotz der Umstände ließ sich das Paar noch gerne einladen und war bei vielen Turnieren als Ehrengäste dabei.

2016 starb Viktor Kortschnoi. Vergangenen Montag (15. März), an ihrem 93. Geburtstag starb Petra Kortschnoi. Sie war eine starke Frau und hatte Kraft für zwei.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.

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