Portrait eines närrischen Schachspielers

31.05.2008 – Gemäß der eigenen Berechnungen des Zahlenmystikers hätte Emil Josef Diemer am 15.Mai zusammen mit Freunden noch den 100sten Geburtstag gefeiert. Seinen Tod hatte er für das Jahr 2010 vorausberechnet, sich aber um 20 Jahre vertan. Die Karriere des Erfinders des Blackmar-Diemer-Gambits ist vielleicht typisch für einen Menschen seiner Zeit, aber vor allem für manchen Schachspieler. "Wer der Ansicht ist, dass Schachspieler närrisch sind, wird durch das Studium des Lebens von Emil Joseph Diemer nicht auf andere Gedanken kommen“ urteilte Hans Ree. Die aktuelle Ausgabe des Schachmagazin 64 aus dem renommierten Bremer Schünemann-Verlag ( 5 Euro, Probeabo mit 3 Heften nur 5,40 Euro)  bringt neben Berichten über die Turniere in Sofia, Baku, den Europameisterschaften, den russischen Mannschaftsmeisterschaften, etc. und vielen Trainingsinhalten auch ein spannendes Portrait von Emil Josef Diemer. Textprobe...

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Textausschnitt mit freundlicher Genehmigung von Schachmagazin 64:

Der Prophet von Muggensturm
Von Hartmut Metz

"Obwohl er nicht einmal zum erweiterten Kreis der Großen des königlichen Spiels  zählte, war sein Brett stets umlagert. Allein schon wegen seiner hageren Gestalt, mit weißem Bart und ins Gesicht und über die dicke Brille hängenden Strähnen fiel er in seinen letzten Lebensjahren auf. Doch noch mehr zog die Fans sein Spiel an: „Vom ersten Zug an auf Matt!“ lautete die Maxime von Emil Joseph Diemer. Entsprechend schneidig schritt er zur Tat mit seinen 16 Figuren und opferte ohne Rücksicht auf Verluste. Häufig vergebens. Lamentierend stand er danach auf, klagte über sein „schlechtes“ Augenlicht, jammerte – und marschierte in der nächsten Begegnung wieder genauso tollkühn voran. In seiner beschränkten Sichtweise konnte Diemer nicht anders. Er verstand sich als Missionar und ging mit seinem Blackmar- Diemer-Gambit und als „Prophet von Muggensturm“ immerhin in die Schachgeschichte ein.

Eigentlich hätte der in Radolfzell geborene und in Baden-Baden aufgewachsene Spieler am 15. Mai seinen 100. Geburtstag noch erleben müssen. Den eigenen Prophezeiungen zufolge harrten seiner 102 Lebensjahre. Doch der Zahlenmystiker starb anstatt 2010 bereits mit 82 am 10.10.1990 – wenigstens um 10.10 Uhr. „Wer der Ansicht ist, dass Schachspieler närrisch sind, wird durch das Studium des Lebens von Emil Joseph Diemer nicht auf andere Gedanken kommen“, befand der niederländische Großmeister Hans Ree in einem Rückblick über den wahnsinnig gewordenen Kauz. Das Schachspiel erlernte Diemer mit neun Jahren am Rastatter Gymnasialkonvikt von einem Schulkameraden. Sein Vater Emil Ludwig Otto Diemer, ein ins lothringische Metz versetzter Postbeamter, hatte ihn dorthin geschickt, um ihn 1917 etwas mehr fernzuhalten von den Kriegswirren. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs siedelte sich Familie Diemer in Baden-Baden an, wo Emil Joseph vollends mit dem Schachvirus infiziert wurde. Der Vater hatte offenbar viele alte Schachbücher, überdies lieferte sich der Junge in der Schule „heiße“ Kämpfe mit seinem Kameraden Heinz Breitling. Letzterer gehörte auch zu den stärksten Meistern Badens und half der 1979 neu gegründeten Rochade Kuppenheim noch mit über 70 Jahren beim kometenhaften Aufstieg. Am humanistischen Gymnasium beschäftigten sie sich häufig unter der Schulbank  mehr mit ihrem Duell als dem Schulstoff, erzählte Breitling einst schmunzelnd. Fürs Abitur reichte es aber ennoch beiden. Nach dem Tod seiner Mutter, mutmaßt ichael Negele in einem fachkundigen Artikel in der Zeitschrift „Karl“, verging Diemer wohl die Lust auf ein Studium. So trat er in Freiburg eine Lehre als Buchhändler bei der Herderschen Verlagsgesellschaft an. Immerhin konnte er im Breisgau seinem Hobby noch mehr frönen: Nicht nur, dass er der Betriebsschachgruppe des Verlags beitrat – auch alle fünf Freiburger Schachklubs durften sich eines neuen Mitglieds erfreuen ...

Arbeitslos kehrte der mittlerweile 22-Jährige nach Baden-Baden zurück und studierte emsig die Schachliteratur. „Ende1931 beschloss ich, Schachmeister zu werden“, verkündete Diemer ungeachtet seiner kaum ausreichenden Spielstärke. Seinen Optimismus nährte offenbar die NSDAP, der er sich ebenfalls angeschlossen hatte – Vater Emil warf daraufhin den Filius aus dem Haus! Diemer war wohl kein Antisemit, wie Negele ebenso wie der Straßburger Michel Roos feststellten, habe er doch stets „Umgang mit den jüdischen Schachspielern gepflegt“. Der junge Eiferer sah wohl eher die einmalige Chance, das von den Nazis geförderte Denkspiel in alle „Volksteile hineinzutragen“. Fortan verdingte  sich der Baden-Badener als Berichterstatter nicht nur bei der WM 1934 zwischen Alexander Aljechin und dem Triberger Jefim Bogoljubow, die unter anderem in seiner  Heimatstadt Station machte.

Hans Ree schrieb über die Zeit: „Für sich selbst sorgen konnte Diemer nie gut, aber als Nazi ging es doch etwas bequemer. Nicht, dass er aus Opportunismus Mitglied der Partei geworden wäre. Er war ein Fanatiker in allem, was er tat. Ein heftiger Propagandist zu der Zeit, die die Nazis so romantisch die ,Kampfzeit‘ nannten, die Jahre vor der Machtübernahme. Durch seine neuen Freunde konnte Diemer Berufsschachspieler werden. Er wurde der ,Schachreporter des Großdeutschen Reichs‘, war bei allen großen internationalen Schachereignissen anwesend und sang in den Naziblättern das Lob des Kampfschachs. Viel Geld verdiente er nicht damit, obendrein war er abhängig von begüterten Bewunderern, die ihm ab und zu etwas zusteckten.“ Sein erstes in Ungarn gedrucktes Bändchen verfasste EJD, wie sein Kürzel lautete, 1936 über die Schach- lympiade in München. Erste kleinere Erfolge feierte der Journalist bei den legendären Turnieren im englischen Seebad Hastings, wo der Kurstädter das Major A gewann – ins Premiere-Reserveturnier erhielt der Nationalsozialist aber keine Einladung.

Er wäre wohl zu schwach gewesen, denn beim Turnier im belgischen Ostende (1937) hatte er mit 1,5/6 als Letzter keine Chance gegen O’Kelly, Feigin und Devos. Nicht nur deswegen befand sich Diemers Stern im Sinken. Ab 1940 musste er – als untauglicher Schlaks, der sich bei Kriegsausbruch als Freiwilliger gemeldet hatte – gar wieder einer geregelten Arbeit als Betriebsprüfer beim Finanzamt Baden- Baden nachgehen! Ein Affront aus seiner Sicht, wie er später häufig hervorhob. Bei den Nazis fiel EJD auch in Ungnade, weil er Nachwuchsstar Klaus Junge einen „vergreisten Stil“ und mangelndes „Kampfschach“ vorwarf. Ab 1947 wurde Diemer richtig aktiv.

Er entdeckte das Blackmar-Gambit für sich. Anhand von zwölf eigenen Partien erläuterte er in der „Caissa/Fernschachpost“ den Sinn des Bauernopfers nach 1. d4 d5 2. e4 dxe4 3. Sc3 Sf6 4. f3. Sogar Exweltmeister Max Euwe beschäftigte sich als führender Eröffnungstheoretiker mit dem Gambit und führte den Namen Blackmar-Diemer-Gambit (BDG) ein – ein Missgeschick, das der Niederländer wahrscheinlich bald bereute. Diemer bombardierte ihn fortan mit Analysen.

In Lindau, wo er das Schach am Bodensee belebte, trug EJD Zweikämpfe mit seinem Gambit aus, die dem Publikum kurzweilige Angriffspartien mit hübschen Mattmotiven bescherten. Allerdings lag dies auch meist an der fehlenden Gegenwehr der schwachen Kontrahenten Locher und Portz. Trotzdem fand Diemer mit Friedrich A. Stock einen Gönner. Der Hotelier, Vorsitzender des Freiburger SK 1887 und später auch des Südbadischen Schachverbandes, lockte ihn ins Breisgau. Der Mäzen finanzierte ihm gar die Teilnahme an der deutschen Meisterschaft 1949, die Diemers einzige bleiben sollte. Die zweite 1953 torpedierte der Pressewart des vereinigten Badischen Schachverbandes selbst. Nachdem EJD im Juli 1952 in Zürich seinen ersten internationalen Erfolg mit sieben Punkten nach neun Runden feierte, brach er mit Stock. Ein Fehler, denn so blieb ihm unter anderem die zugesagte Behandlung seines offenbar malträtierten Gebisses versagt. Der neue badische Verbandschef Karl „Charly“ Weinspach wollte den „Publikumsmagneten“ zu seiner Caissa Rastatt locken – gleichzeitig wäre Rivale Freiburg 1887 dadurch geschwächt worden. Beim Zwist zwischen Stock und Weinspach geriet Diemer zwischen die Fronten. Die Versprechungen aus Rastatt wurden nicht gehalten, weshalb Weinspach den Pressewart seines Verbandes weiter nach Muggensturm vermittelte. „Die Caissa konnte Diemer nicht finanzieren“, erinnert sich der Muggensturmer Rolf Gräfinger.

Von dem nahe am Bodensee gelegenen Scheidegg zog Diemer in da zwischen Karlsruhe und Baden-Baden gelegene Dorf. Das Rössl galt als ein aufstrebender  Verein. Vermutlich Redakteur Weinspach selbst schrieb in seiner Tageszeitung: Muggensturm sei „schon immer einer der aktivsten Vereine in Mittelbaden“ und einer der größten dazu gewesen. „Und nun hat Meister Diemer seine Zelte in Muggensturm  aufgeschlagen und gibt den Rössl-Leuten neuen Auftrieb. Neben seinem Einsatz am ersten Brett hat der Club in erster Linie den Nutzen, von den Kenntnissen Diemers zu profitieren. Und das merkt man den meisten jungen Talenten bereits an. Überhaupt ist das Erfreuliche im Schachclub Rössl, dass man fast durchweg junge Gesichter sieht, was zu berechtigten Hoffnungen für die Zukunft Anlass gibt“, heißt es in dem Artikel aus dem Archiv des vieljährigen Rössl- Vorsitzenden Albert Stoll...."


Schachmagazin 64, Heft 06/2008, S.35-38

Link:

Schünemann Verlag, Schachmagazin 64...

 

 

 


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