Probier's mal mit Shogi!

21.03.2007 – Wer zum ersten Mal Shogisteine sieht, wird als Europäer vielleicht nicht unbedingt auf die Idee kommen, dass dieses japanische Spiel mit Schach verwandt ist. Doch das Shogibrett und ein Blick in die Regeln verdeutlichen dies rasch. Neben vielen Gemeinsamkeiten, gibt es auch Unterschiede. So ist Remis durch Zugwiederholung verboten und geschlagene Figuren des Gegner können in der eigenen Armee wieder eingesetzt werden. Dr. René Gralla führte für Neues Deutschland ein Interview mit dem Shogi-Promoter Oliver Orschiedt und gibt einen Schnellkurs für alle Shogi-Interessenten. (Bild: Die Mädchenband Shonen Knife beim Shogi) Interview im ND...Interview mit Kursus...

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Nachdruck mit freundlicher Genehmigung


Matt setzen wie ein Samurai: Oliver Orschiedt (41) aus Ludwigshafen möchte Shogi, die japanische Version des Schachspiels, auch bei uns in Deutschland bekannt machen. Mit dem Inhaber eines Sanitätshauses hat Dr. René Gralla gesprochen.


Dr. RENÉ GRALLA: Hierzulande haben wir schon das klassische Schach. Wozu brauchen wir zusätzlich das japanische Schach?

OLIVER ORSCHIEDT: Die japanische Variante ist interessanter, wie ich finde. Bauern und Offizieren, die ich der anderen Seite abnehme, darf ich in meine eigene Truppe einreihen. Ständig bleiben also alle Einheiten im Spiel, teils auf dem Brett, teils außerhalb, in der Reserve. Deswegen ist während einer Partie Shogi immer einiges los, weil eroberte Steine - von einigen Ausnahmen abgesehen - auf jedem freien Feld wieder eingesetzt werden können. Die Figuren fliegen ein wie Fallschirmjäger und landen direkt im gegnerischen Camp. Das macht Shogi deutlich dynamischer als das klassische Schach, schließlich müssen Sie ständig mit Überfällen rechnen.

DR. R.GRALLA: Ist Shogi dann nicht zu schwer für normale Westler? Die finden doch bereits das Standardschach ziemlich komplex und anstrengend.

ORSCHIEDT: Shogi müssen Sie halt eher intuitiv spielen. Denn Sie können einfach nicht alle Zugmöglichkeiten berechnen. Beim Shogi handele ich häufig aus dem Bauch heraus.

DR. R.GRALLA: Shogi ist in Japan äußerst populär. Die Topstars sind Profis und werden sogar vom Staat bezahlt. Wenn wir berücksichtigen, dass Schach eine Art Gehirnjogging ist: Könnte Shogi der Schlüssel sein, um die beinahe sprichwörtliche Smartness und Effizienz der Japaner zu verstehen?

ORSCHIEDT: Vielleicht. Eine Kultur, in der strategische Spiele ein hohes Ansehen genießen, hat mit Sicherheit einige Vorteile im globalen Wettbewerb.

DR. R.GRALLA: Nun möchten Sie quasi im Alleingang das ostasiatische Schach den Bundesbürgern nahe bringen. Allerdings sind die Steine helle flache Plättchen mit Schriftzeichen und sehen kaum massentauglich aus.

ORSCHIEDT: Das ist reine Gewohnheitssache, in ein paar Tagen haben Sie das drauf.

DR. R.GRALLA: Wie sind Sie persönlich zum ersten Mal mit Shogi in Berührung gekommen?

ORSCHIEDT: Das normale Schach spiele ich seit 25 Jahren, mein größter Erfolg war die Pfalzmeisterschaft in der Saison 1983-84 mit der Jugendmannschaft meines Dorfvereins. Als ich im Sommer 2005 via Internet ein großes Turnier im tschechischen Pardubice verfolgt habe, bin ich zufällig auf Informationen auch über Shogi gestoßen. Ich kannte diese Schachvariante nicht und habe weiter recherchiert. Nachdem ich auf dem Schachserver ChessBase auch ein Interview des „Neuen Deutschland“ mit der elsässischen Shogispielerin Stéphanie Delille entdeckt und gelesen habe, war meine Neugier geweckt. Und ich wollte Shogi mal ausprobieren.




Schach-Samurai aus der Pfalz: Oliver Orschiedt

DR. R.GRALLA: Die Leistungsklassen im Japanschach sind gestaffelt nach Kyu- und Dan-Graden, vergleichbar dem Judo. Die Bandbreite reicht vom 15. bis zum ersten Kyu und steigert sich anschließend vom ersten bis zum neunten Dan. Wo stehen Sie aktuell?

ORSCHIEDT: Seit etwa 2005 ist als niedrigste Leistungsstufe der 20. Kyu festgelegt; das steigert sich dann bis zum ersten Kyu und geht anschließend weiter vom ersten bis zum sechsten Dan für Amateure. Die Profis haben ihre eigenen Dan-Grade von eins bis neun, wobei der 1. Dan der Profis höher anzusetzen ist als der 6. Dan der Amateure. Ich persönlich habe mein erstes Shogi-Turnier erst vor einem Dreivierteljahr bestritten. Auf Anhieb bin ich als siebter Kyu eingestuft worden. Zwischenzeitig habe ich den fünften Kyu geschafft.

DR. R.GRALLA: Demnach marschieren Sie stramm auf den ersten Dan der Amateure zu ...

ORSCHIEDT: ... das wäre ein Lebensziel! (lacht)

DR. R.GRALLA: Wie viele aktive Shogi-Spieler gibt es in Deutschland?

ORSCHIEDT: Knapp vierzig.

DR. R.GRALLA: Ein exklusiver Club. Wie wollen Sie das ändern?

ORSCHIEDT: Das Potenzial ist da, schließlich betreiben an die 100 000 Leute hierzulande ernsthaft und regelmäßig den Schachsport. Diejenigen, die häufiger mal privat spielen, ohne in Vereinen organisiert zu sein, sind mit Sicherheit deutlich mehr, ich gehe von über einer Million Fans aus. Wer das bekannte westliche Schach liebt, könnte sich ebenfalls für die japanische Version begeistern. Ich schätze, dass mindestens 50 Prozent auch das Shogi spannend finden würden. Weil das japanische Schach dem westlichen Schach einerseits ähnelt und andererseits zugleich in manchen Aspekten viel abwechslungsreicher ist.

DR. R.GRALLA: Sie setzen auf das asiatische Flair des Shogi?

ORSCHIEDT: Die Exotik wird viele Leute reizen. Und für Jugendliche, die gerne japanische Mangas lesen, dürfte es richtig cool sein, ein Spiel mit derart kryptischen Zeichen zu beherrschen.

DR. R.GRALLA: Den Kids bieten Sie etwas Besonderes an. Neueinsteiger im Normalschach können bestimmte Leistungsnachweise erwerben wie das Bauerndiplom, und auch Sie haben vergleichbare Zertifikate für Shogi kreiert …

ORSCHIEDT: … bezogen auf alle Figuren, die zum Japanschach gehören, ein Shogi-Bauern-Diplom, ein Lanzen-Diplom undsofort. Der Verband der Japanschach-Aktiven, Shogi Deutschland, unterstützt diese Aktion. Die ist zugleich ein Gemeinschaftsprojekt mit der französischen Shogi-Federation.

DR. R.GRALLA: Mithin grenzüberschreitend ein Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft?

ORSCHIEDT: So ist es. Die Diplomurkunden werden zweisprachig ausgestellt, auf deutsch und auf französisch. Die Prüfung dauert 15 bis 20 Minuten. Zum Test gehören Regelkunde und die Lösung von Mattaufgaben.

DR. R.GRALLA: Außerdem möchten Sie die Gründung von Spielgruppen auch außerhalb des Großraums Ludwigshafen auf den Weg bringen.

ORSCHIEDT: Das ist meine Vision. In jeder großen Stadt werden sich bestimmt mindestens 100 Leute finden, die auf Shogi umsteigen.

DR. R.GRALLA: Sie haben eine eigene Website unter www.shoginet.de ins Netz gestellt …

ORSCHIEDT: … die soll die verschiedenen lokalen Shogi-Szenen virtuell verlinken.

DR. R.GRALLA: Anfang Mai 2007 sind Sie präsent auf der so genannten „Hanami“ in Ludwigshafen …

ORSCHIEDT: … das ist das japanische Kirschblütenfest. Dort organisieren wir einen Shogi-Workshop und ein Turnier: die Stadtmeisterschaft und einen Anfängerwettbewerb.

DR. R.GRALLA: Im Hauptberuf sind Sie selbständig, führen Ihr eigenes Sanitätshaus. Sie sind Familienvater mit drei Kindern, und obendrein rühren Sie die PR-Trommel für Shogi. Wie schaffen Sie das alles?

ORSCHIEDT: Die Zeit ist knapp, das ist wahr. Ich muss eben kreativ mit meinen Terminen jonglieren.

DR. R.GRALLA: 2008 wird, sofern sich Sponsoren finden, die nächste Amateur-Weltmeisterschaft in Japan ausgetragen. Da fliegen pro Land zwei Dan-Träger und ein Kyu-Grad hin. Träumen auch Sie von der Shogi-WM in Tokio?

ORSCHIEDT: Ich werde mein Bestes geben, um mich für die Kyu-Gruppe zu qualifizieren.


TU ES EINFACH ... - WIE ALMIRA UND WLADIMIR...

Smart werden wie die Japaner – mit Shogi-Spiel? Eine Vorstellung, die in der notorisch konservativen Schachszene als erste Reaktion bloß Kopfschütteln provozieren dürfte. Vielleicht wird der eine oder andere aber trotzdem noch einmal genauer darüber nachdenken, wenn er erfährt, dass gerade Topathleten aus der Superstarliga gerne über den Brettrand der 64 Felder hinausschauen und sich von der mentalen Martial Art der Japaner inspirieren lassen. Zu den ganz Großen, die gelegentlich Ausflüge in die spannende Welt des Shogi wagen, zählen Weltmeister Wladimir Kramnik, GM Joel Lautier und einige weitere bekannte Spieler.


Hermansson und Sasikiran spielen bei der Schlussfeier eines Schachturniers....Shogi!

Das beste – und vor allem schönste - Argument für einen Flirt mit der Kampfkunst aus dem Fernen Osten ist und bleibt jedoch unsere Lieblingssportlerin: die bezaubernde Almira Skripchenko. Der Schach-Popstar hat 1999 sogar Moldawien vertreten bei der ersten Amateur-Weltmeisterschaft im Schach der Samurai. Das haben wir zufällig entdeckt auf der Teilnehmerliste des „1. Internationalen Shogi-Forum“ vom 19. auf den 20. Juni 1999 in Tokio unter

http://gamelab.yz.yamagata-u.ac.jp/SHOGI/articlesmain.html

(Auszug aus der Teilnehmerliste)
The 1st International Shogi Forum

Kokusai Forum, Tokyo
June 19th and 20th, 1999

Group A:
++++++++
Cho Ul Cha Korea
Kisliuk Lev Ulianovich Russia
Larry Kaufman USA
...

Group B:
++++++++
Boris Mirnik Germany
...

Group C:
++++++++
Tanada Mayumi Japan
...
Shu Jen Don China

Group D:
++++++++
Irina Novikov Israel
...

Group E:
++++++++
...
Simon Morgan Australia
Alse Olufsen Norway
...

Group F:
++++++++
Hayashi Takahiro Japan
Les Blackstock England
Almira Scripcenco Moldova
George Fernandez USA

Group G:
++++++++
Eric Cheymol France
...
Viktor Tyshchenko Ukraine

Group H:
++++++++
...
Wisit Ngaolertloi Thailand
Aoki Mikio Brazil
...


Doch Almira Skripchenko ist nicht die einzige Frau, die sich durch Shogi angezogen fühlt.

Auch die japanische Girl-Band "Shonen Knife"...

... spielt Shogi gegen ihre Fans, hier Brian Wald aus Kanada.

Wer möchte da nicht spontan nach Fernost aufbrechen und dem Charme der Tokyo Girls erliegen?! Um womöglich - wie demnächst vielleicht der Pfälzer Oliver Orschiedt bei der Shogi-WM 2008 zu punkten? Das Beste daran ist: Die Qualifikation für das „Internationales Shogi-Forum 2008“ (so der offizielle Name der Amateur-WM) ist machbar, was im Gegensatz dazu von den Titelkämpfen im FIDE-Schach wohl niemand aus dem Amateur-Fußvolk ernsthaft von sich behaupten kann.

Jeweils drei Vertreter eines Landes (zwei Dan-Grade und ein Kyu-Grad) fliegen 2008 zu den Shogi-Titelkämpfen, und die Japaner bezahlen das komplette Programm. Da die Zahl der Japanschach-Samurais in Deutschland - gerade mal gut vierzig Aktive - momentan überschaubar ist, sollte mit Trainingsfleiß und Siegeswillen das Ticket für die Kyu-Klasse durchaus drin sein.

Das Projekt Shogi kann sich also sensationell auszahlen. Und sind wir dann erst einmal in Tokio gelandet, ist der Spaß sowieso garantiert, in der abgefahrensten Party-Metropole der Welt, egal, ob es tagsüber am Brett gut läuft oder nicht. Die Nächte in Japans Hauptstadt sind lang und wild, in den Szene-Treffs Shibuya, Shinyuku und Roppongi.


Das dürfte den letzten Zögerlichen auf Trab bringen. Deswegen jetzt eine...


Kurze Einführung in die Regeln des Shogi

Das Shogi-Brett hat 9x9 Felder, 17 mehr als im Standardschach, die Linien reichen folglich von a bis i und die Reihen von 1 bis 9. Obwohl auch im Shogi eine weiße Partei - japanisch: "Gote" - mit den schwarzen Verbänden - japanisch: "Sente" - um die Vorherrschaft ringt, sind alle Steine bloß einfarbige flache und vorne zugespitze Plättchen. Die Chips in Form von Pentagrammen tragen Schriftzeichen, die angeben, um welche Spiel-Einheit es sich jeweils handelt. Weist die Spitze einer dieser Flach-Figuren - wie bei einer mittelalterlichen Attacke der Lanzenträger - , direkt auf mich, so weiß ich: Das ist der Feind. Kehrt mir das Teil dagegen die stumpfe breite Hinterseite zu, in meine Richtung, dann ist klar: Das ist unser Mann.



Der typisch japanische Look des Shogi soll jene für FIDE-Schachspieler zunächst ungewohnte Regel praktikabel machen, dass eroberte Steine des Gegners hinterher wieder zur Verstärkung der eigenen Truppen eingesetzt werden dürfen: durch so genannte "Drops". Habe ich Kämpfer des Gegners gefangen genommen, werden die Betreffenden sofort eingegliedert in meine eigene Reserve hinter der Front, das heißt, zunächst außerhalb des Feldes, als Figur "in der Hand", englisch: "in hand". Will ich die frisch gewonnene Verstärkung ins Gefecht werfen, platziere ich sie auf einem freien Feld meiner Wahl, unabhängig von der Schrittfolge, die normalerweise den Aktionsradius der Einheit definiert.

Beispiel: Nach frühzeitigem Läufertausch – international üblich für diese Angriffsfigur ist die englische Bezeichnung „Bishop“ (Abk.: B) – auf der Diagonale a1/i9 schon im zweiten Zug kriegen als Ergebnis der Transaktion sowohl Weiß als auch Schwarz eine dieser beiden Angriffswaffen für "Drops" in die Hand. Im dritten Zug kann Schwarz seinen Bishop zentral postieren auf dem Feld d5. Für den derart attackierten Weißen ist das einer der gefürchteten "Shogi-Schocks", die sich mit Überfallangriffen von Fallschirmjägern vergleichen lassen. Die Notation für die beschriebene Läuferaktion aus heiterem Himmel lautet:

3. … B-d5 drops

In diesem Zusammenhang eine Klarstellung: Im Shogi eröffnet Schwarz das Match gegen Weiß. Daher stehen Japanschachdiagramme aus westlicher Sicht "auf dem Kopf": Weiß ist „oben“ angesiedelt, Schwarz „unten“.



WEISS ("GOTE")
i1 h1 g1 f1 e1 d1 c1 b1 a1




i9 h9 g9 f9 e9 d9 c9 b9 a9
SCHWARZ ("SENTE")

Übertragen wir nach einem Vorschlag von Douglas Crockford die japanischen Figurensymbole in eine westliche Optik (siehe www.crockford.com/chess/shogi.html), sieht die Anfangsstellung aus wie ein Blick von Down Under in Richtung Rest der Welt.



i1 h1 g1 f1 e1 d1 c1 b1 a1

i9 h9 g9 f9 e9 d9 c9 b9 a9

Um aber die Gemeinsamkeiten zwischen japanischem und westlichem Schach zu demonstrieren, drehen wir im Nachfolgenden die Shogi-Diagramme einfach um 180 Grad, so wie das in der FIDE-Community bewährt, beliebt und üblich ist.



SCHWARZ ("SENTE")

a9 b9 c9 d9 e9 f9 g9 h9 i9



a1 b1 c1 d1 e1 f1 g1 h1 i1

WEISS ("GOTE")

Das internationalisierte Design von Douglas Crockford macht die Lage gleich viel klarer.





Es hat sich weltweit eingebürgert, die Figuren mit deren englischen Bezeichnungen zu definieren.

Die Einheiten von Weiß:

King e1; Gold Generals d1, f1; Silver Generals c1, g1; Knights b1, h1; Lances a1, i1; Bishop b2; Rook h2; Pawns a3, b3, c3, d3, e3, f3, g3, h3, i3.

Die Einheiten von Schwarz:

King e9; Gold Generals d9, f9; Silver Generals c9, g9; Knights b9, h9; Lances a9, i9; Bishop h8; Rook b8; Pawns a7, b7, c7, d7, e7, f7, g7, h7, i7.


Und so ziehen die Akteure im 81-Felder-Shogi-Quadranten:

Der "König" - englisch: "King" (Abkürzung: K) - operiert wie sein Kollege im westlichen Schach. Die Rochade ist unbekannt; will sich der König verschanzen, muss er sich in mehreren Schritten seitwärts in die Büsche schlagen und dort rasch eine Burg ("Castle") bauen. Wird der Shogi-Herrscher attackiert, braucht der Angreifer keineswegs "Schach" - japanisch: "ote!" - zu sagen, diese Warnung ist unüblich, weil laienhaft. Sollte tatsächlich jemand die tödliche Bedrohung seines Oberkommandierenden übersehen, kann der Shogi-Monarch einfach geschlagen werden. Es ist freilich nicht überliefert, dass es jemals zu einem derart unrühmlichen Ende einer Partie gekommen ist.

Der "Gold-General" - englisch: "Gold General" (G) - bewegt sich ähnlich wie sein Chef, der König; allerdings mit der Einschränkung, dass die beiden rückwärtigen Diagonalfelder (nach hinten schräg links bzw. schräg rechts) für den hochrangigen Offizier off limits sind. Der "Silber-General" - englisch: "Silver General" (S) - zieht diagonal jeweils ein Feld pro Schlagwechsel; alternativ darf sich die Figur um ein Feld vorwärts bewegen.

Der "Springer" - englisch: "Knight" (N) - galoppiert wie ein Pferd im FIDE-Schach, jedoch mit deutlich eingeschränktem Radius. Der Ritter kann Ziele allein bekämpfen auf den beiden Feldern, die er erreicht mit einer Bewegung um ein Feld vorwärts plus ein Feld entweder diagonal nach halblinks oder nach halbrechts. Nehmen wir einen weißen Panzerreiter, der bereits die Position d5 erreicht hat: Der Reisige visiert dann die Punkte c7 und e7 an, darf aber ansonsten weder nach seitwärts links (b6) oder rechts (f6) ausbrechen (geschweige denn sich feige zurückziehen ).

Auf den FIDE-Schachturmpositionen in den Ecken an der Peripherie sehen wir die "Lanze" - englisch. "Lance" (L) - , die sich bewegt wie eine schwere mechanisierte Einheit, deren Lenkung ausgefallen ist. Die Lanze kann auf ihrer Linie allein nach vorne preschen; ein Rückzug oder laterale Operationen sind ausgeschlossen.

Der "Turm" - englisch: "Rook" (R) - rollt wie das westliche Gegenstück, ist aber nur einmal vorhanden. Entsprechendes gilt für den einsamen "Läufer" - englisch: "Bishop" (B) - , der ebenfalls ohne Kompagnon auskommen muss.

Auf den Reihen a3 - i3 (Weiß) und a7 - i7 (Schwarz) ist die Infanterie aufmarschiert. Ein Shogi-"Bauer" - englisch: "Pawn" (P) - zieht wie ein Landmann im FIDE-Schach, vorausgesetzt, er will keinen Gegner einkassieren. Soll der Shogi-Bauer einen feindlichen Stein aus dem Verkehr ziehen, schlägt er ebenfalls direkt geradeaus zu, nicht schräg nach vorne links bzw. rechts wie im westlichen Schach.

Die beiden Bauernreihen der Shogi-Anfangsstellung markieren zugleich die Grenzen jener zwei Promotionszonen für Weiß respektive Schwarz, wo alle Figuren, sobald sie den betreffenden Sektor erreicht haben, befördert werden können. Für Weiß ist die entscheidende Demarkationslinie die Horizontale a7 - i7, für Schwarz die Laterale a3 - i3 . Allein König und Goldgeneral werden nicht befördert. Schafft eine Einheit den Vorstoß in die Promotionszone, wird der betreffende Symbolstein einfach umgedreht; auf der Rückseite markiert ist der neue Dienstgrad, den der beförderte Stein fortan trägt. Der Vorgang der Beförderung wird deutlich gemacht durch Anhängen des Zusatzes à „(promotes)" ß in Klammern direkt an die Aufzeichnung der konkreten Figurenbewegung. Bei einem Folgezug erhält die Einheit, deren Wirkungsgrad entsprechend gesteigert worden ist, ein zusätzliches à „pr.“ ß dem Figurenkürzel vorangestellt.

Bauer, Lanze, Ritter und Silbergeneral, die befördert worden sind, stürzen sich als "pr. P", "pr. L", "pr. N" beziehungsweise "pr. S" erneut ins Getümmel und fechten jeweils wie ein "Gold-General". Der aufgewertete Turm erlangt den Rang eines "Drachenkönigs" - englisch: "Dragon King" (Abkürzung: "pr. R") - und beherrscht zusätzlich, ergänzend zu seinen Standardfeldern als Schwerfigur, jeweils das diagonal nächstgelegene Feld. Der Läufer mit Promotion verwandelt sich in das feurige "Drachenpferd" - englisch: "Dragon Horse" (abgekürzt: "pr. B") - , das nicht nur diagonal traben, sondern eventuellen Widerstand auch auf dem jeweils vertikal und horizontal in alle vier Richtungen angrenzenden Feld in Grund und Boden stampfen kann. Abschließend ein wichtiger Hinweis für den Fall, dass eine beförderte Einheit dem Feind in die Hände fällt: Zur Strafe wird sie zurückgestuft auf ihren ursprünglichen Dienstgrad vor der Promotion.

Wer das Vorstehende aufmerksam gelesen hat, kann sein erstes Match Shogi wagen. Und das sollte entspannt angegangen werden, weil Königsangriffe gleich mit den ersten Zügen im Shogi praktisch ausgeschlossen sind. Der Grund: Durch die weitgehend freie zweite Reihe hat der Shogi-Herrscher in der Grundstellung reichlich Auslauf, ein "Narrenmatt"-Überfall kann deswegen im Normalfall nicht zum Erfolg führen.

Anders sieht die Lage natürlich aus in einem späteren Stadium der Partie, nachdem beide Seiten schnelle Eingreifreserven für Luftlandeunternehmungen in die Hand bekommen haben. Da schlägt das Verhängnis oft gnadenlos drein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bis dahin ist es jedoch meist ein weiter Weg, so dass selbst ein unerfahrener Spieler gegen einen Shogi-Routinier mit Würde eine angemessene Zahl von Zügen durchhalten kann, die es ihm erlauben, sogar im Fall der unvermeidlichen Niederlage asiatisch cool das Gesicht zu bewahren.

SEPPUKU IM SHOGI - DAS KÜRZESTMÖGLICHE MATT ALS GEMEINSCHAFTSARBEIT VON WEISS UND SCHWARZ

Während die übrigen Schachvarianten - angefangen mit dem FIDE-Original und dessen ewegem Anfängerschreck (1.f3?! e5 2.g4??? Dh4# bis hin zu chinesischem, thailändischem und gar arabischem Schach - alle ihr "Fool's Mate" kennen nach spätestens drei Zügen, ist ein derart rasches Aus im Shogi technisch nicht möglich.

Das denkbar kürzeste Matt verlangt mindestens acht (!) Züge nach Eröffnung der Partie. Und das lässt sich auch nur dann realisieren, sofern der Weiße, aus welchen Gründen auch immer, beschlossen hat, "Seppuku" zu begehen am Brett der Samurai. Schließlich ist "Seppuku" die speziell japanische Art des ritualisierten Suizides,bei dem sich der Betreffende, nachdem er zuvor noch ein Todesgedicht geschrieben hat, einleitend den Bauch aufschneidet - jenes bekannte "Harakiri", mit dem unwissende Gaijin, die Ausländer, fälschlich die Aktion insgesamt bezeichnen (was von traditionsbewussten Japanern als Beleidigung aufgefasst werden kann). Anschließend schlägt ein hinter dem Selbstmordkandidaten stehender Assistent, der Kaishaku-Nin, dem Mann mit einem Schwert das Haupt ab, um dessen Leiden abzukürzen.

Weniger abträglich für das physische Wohlbefinden ist Seppuku im Shogi. Name der Eröffnung: "Genshi Sujichigai Kaku", das heißt, der "Einfache Parallel-Diagonalläufer".



"Genshi Sujichigai Kaku" - "Der einfache Parallel-Diagonalläufer".

1. … Pg7–g6

Schwarz legt los und öffnet mit dem Vorgehen des g-Bauern für seinen Läufer - japanisch: "Kakugyo", das bedeutet wörtlich "Eckengeher" - die Diagonale h8/d4. Der Oberkommandierende von "Sente" heißt auf Japanisch "Gyokusho", übersetzt: "Juwelen-General"; die weiße Armee wird befehligt vom "Osho", dem "Königlichen General".

2.Pc3-c4 ...

Weiß zieht nach, der weiße "Kaku" auf b2 - Kurzform für "Kakugyo" - und sein schwarzer Widerpart h8 belauern sich auf der jetzt offenen langen Diagonalen b2/h8.

2. ... Bh8xb2 (promotes)

Nachdem der schwarze Läufer h8 den weißen Opponenten auf b2 gefangengenommen hat - 2. ... Bh8xb2 (promotes) - , verfügt Sente über eine mobile Eingriffreserve in Gestalt eines Kaku, der bereit steht für den Absprung ins Getümmel. Der frühzeitige Abtausch der beiden Diagonalwaffen ist allerdings wenig beliebt, weil er eigentlich die Entwicklung von Gote befördert.

3.Rh2xb2? ...

Nach 2. … Bh8xb2 (promotes) hat Schwarz sogar seinen Läufer auf b2 in ein Drachenpferd - japanisch: "Ryuma" - verwandeln können. Das ist jedoch ein äußerst kurzfristiger Erfolg gewesen: Der weiße Turm - japanisch: "Hisha", wörtlich übersetzt: "fliegender Wagen" - rauscht ran und schnappt sich den Eindringling. Der wandert seinerseits - zurückgestutz auf das Normalmaß als Läufer - in die Etappe von Sente. Trotzdem hätte Weiß die schwarze Angriffseinheit besser mit seinem linken Silber-General - japanisch: "Ginsho" - aus dem Weg räumen sollen: 3.Sc1xb2! ... .

3. ... B-e6 drops?!

Der Läufer fliegt ein als Paratrooper. Besser wäre zwar 3. ... B-d5 drops! gewesen mit einer Läufergabel auf die ungedeckten Bauern f3 und c4 (nicht vergessen: der vom schwarzen Kaku, der plötzlich auf d5 aufgetaucht ist, unmittelbar bedrohte weiße Infanterist c4 kann allein auf das geradeaus vor ihm liegende Feld c5 ausweichen respektive dort zuschlagen, anders als im FIDE-Schach aber nicht den auf d5 postierten schwarzen Läufer erreichen). Dass Sente den schwarzen Läufer über e6 abspringen lässt, hat jedoch einen tieferen Sinn: Da der schwarze Kaku über die kurze Diagonale e6/h3 den weißen Bauern h3 bedroht, soll der rechte weiße Gold-General - japanisch: "Kinsho" - nach g2 gelockt werden, um dem Infanteristen h3 zur Hilfe zu eilen.

4.Gf1-g2 ...

General Gold verteidigt den Fußsoldaten h3.

4. ... Rb8-f8

Sente ist nicht daran interessiert, den weißen Bauern c4 abzuräumen. Vielmehr möchte Schwarz den Weißen dazu provozieren, ihm den Gote-Turm auf der f-Linie gegenüberzustellen: ein nicht unüblicher Zugwechsel im Shogi, selbst wenn die betreffende Horizontale - wie hier - durch mehrere Steine (noch!) verstellt sein sollte.

5.Rb2-f2?!?! ...

Die kleine Provokation hat funktioniert: Reflexhaft postiert auch Gote seinen Turm auf der f-Linie. Weil im Shogi, bei dem Profi-Partien oft über zwei Tage gehen, Angriffe meist von langer Hand geplant werden müssen.

5. ... Pf7-f6

Sente will unbedingt den weißen Turm auf f2 festhalten und schiebt deswegen den f-Bauern vor, um einen vom Turm f8 unterstützen Rammstoß gegen f3 vorzutäuschen.

6.B-e2 drops?!?!? ...

Weiß sieht Gespenster und möchte den Stützpunkt f3 von hinten befestigen. Anschließend könnte der Aufzug 6.Pd3-d4 ... den Bauern c4 durch den Läufer e2 absichern.

6. ... Nh9-g7

Der linke schwarze Ritter - japanisch: "Keima", übersetzt: "Lorbeer-Pferd" - trabt los von seiner Startposition h9. Denn Sente hat plötzlich eine Vision ...

7.Ke1-f1?!?!? ...

Weiß erkennt, dass es schwierig sein wird, eine Burg auf dem linken Flügel zu bauen, weil er zu viele Einheiten halbrechts massiert hat. Und so kommt Gote auf die - suizidale - Idee, sich ein zentrales Castle zu zimmern. Vielleicht ist das alles aber auch nur inszeniert: Seppuku im Shogi - der erste Streich ...

7. ... Ng7-f5

Schwarz ist schon lange nicht mehr interessiert am kümmerlichen weißen Kameraden auf c4. Sente möchte Gote vom Seppuku bestimmt nicht abhalten ...

8.Gd1-e1?!?!?! ...

Die zentrale weiße Burg ist vollendet: Seppuku im Shogi - der zweite Streich ...

8. ... Nf5xe3

Der Kaishaku-Nin waltet seines Amtes - auf e3 (Diagramm).




Die Koordinaten der finalen Position:

Weiß - Lance a1 , Knight b1, Silver General c1, Gold General e1, King f1, Silver General g1, Knight h1, Lance 1; Bishop e2, Rook f2, Gold General g2; Pawn a3, b3, d3, f3, g3, h3, i3; Pawn c4;

Schwarz - Knight e3; Bishop e6, Pawn f6, Pawn g6; Pawn a6, b6, c6, d6, e6, h6, i6; Rook f8; Lance a9, Knight b9, Silver General c9, Gold General d9, King e9, Gold General f9, Silver General c9; Lance i9; in der Hand: 1 Pawn.

Nach dem Verständnis des FIDE-Schachs ist Weiß "matt". Um seinen Triumph auch formal zu vollenden, müsste Sente allerdings eigentlich erst noch im nächsten Zug mit seinem schwarzen Ritter e3 dem Osho von Weiß auf e1 den entscheidenden Stoß versetzen. So weit würde es Weiß allerdings nie kommen lassen, daher ist spätestens jetzt alles vorbei:

0:1.

Das ist virtuelles Seppuku: das totale Aus im Shogi nach acht Zügen.

Mit der fatalen Position des Pferdes auf e3 ist auf dem Shogi-Brett zugleich eine verrückte Parallele komponiert worden zum FIDE-Schach, nämlich zu einer berühmten Kurzpartie aus den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts.


Weiß: Amateur
Schwarz: Frédéric Lazard
Paris um 1922

1.d4 d5 2.b3 Sf6 3.Sd2 e5 4.dxe5 Sg4 5.h3? Se3!

Das Diagramm mit dem schwarzen Springer auf e3 ähnelt der Abschlussposition des Shogi-Seppukus. Bloß mit dem Unterschied, das Lazards Reiter hier nicht den weißen Oberkommandierenden, sondern dessen Dame bedroht: ein Schlag, der trotzdem letal ist, weil es am Ende doch dem weißen König an den Kragen geht.





6. Aufgabe 0:1

Falls nämlich 6.fxe3 ..., dann wird Weiß matt gesetzt mit 6. ... Dh4+ 7.g3 Dxg3# 0:1 . Wer sich mit Shogi beschäftigt, kann deswegen hinterher auf manche Idee auch im Westschach kommen - wobei wir natürlich nicht wissen, ob Maître Lazard das Japanschach gekannt hat.

Wobei wir an dieser Stelle die Kontroverse nicht noch einmal vertiefen wollen, ob es sich bei der soeben gezeigten Zugfolge tatsächlich um die authentische Version der Schachminiatur von Lazard handelt. Durch die Literatur geistert noch eine zweite Version, die angeblich sogar der französische Meister Aimé Gibaud gegen Lazard in Paris 1924 folgendermaßen verpatzt haben soll: 1.d4 Sf6 2.Sd2 e5 3.dxe5 Sg4 4.h3 Se3! 5.Aufgabe 0:1 .

Wie dem auch sei: Der Parallel-Fall aus dem Westschach demonstriert, wie nahe sich die FIDE-Version und das Samurai-Schach stehen.



So let's do the Shogi - die Tokyo-Girls üben schon ,,,









Dr. René Gralla, Hamburg/Germany


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Weitere Infos: www.shoginet.de

 

 

 


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