Prominente Prognosen

25.11.2006 – Wie stets, wenn der Mensch gegen die Maschine Schach spielt, erregt auch das Match Kramnik gegen Fritz die Gemüter. Während die einen das Abendland durch einen möglichen Sieg des Computers untergehen sehen, sehen andere weder das Schach noch die Menschheit gefährdet und betrachten den Computer nach wie vor als schönes Hilfsmittel, um mehr Spaß beim Schach zu haben. Zum Start des Wettkampfs hat ChessBase prominente Profi- und Hobbyschachspieler wie u.a. Felix Magath, Susan Polgar, Almira Skripchenko, Alexandra Kosteniuk oder Yasser Seirawan gefragt, was sie über Schach und Computer denken und wen sie als Favoriten in dem Wettkampf sehen, der heute, Samstag, um 15 Uhr beginnt. Zu den Antworten...

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Umfrage zum Wettkampf Kramnik gegen Deep Fritz

Jedem der Befragten wurden vier Fragen vorgelegt:

1)Was ist im Allgemeinen von den Vergleichen Mensch-Maschine im Schach zu halten?

2)Wie groß ist der Einfluss der Computer auf das Schach?

3)Sind Computer eher nützlich oder schädlich für das Schach, haben Sie persönliche Erfahrungen?

4)Was glauben Sie, wie der Wettkampf ausgehen wird?


Und hier sind die Antworten:

Susan Polgar (USA, Schachgroßmeisterin, Weltmeisterin)
www.SusanPolgar.com



1) Im Prinzip finde ich sie sehr gut. Ich finde diese Idee immer sehr reizvoll. Allerdings würde ich gerne einmal einen wirklichen Wettkampf Mensch-Maschine sehen. Das heißt, dass der Mensch denselben Zugang zu Eröffnungs- und Endspieldatenbanken bekommt wie der Computer. Andernfalls ist es dem Menschen gegenüber sehr unfair, da der Mensch zahllose Eröffnungs- oder Endspielvarianten auswendig lernen muss, während die Computer einfach auf die Datenbank auf der Festplatte zugreifen. Bislang ist der Modus nicht wirklich Mensch gegen Maschine. Außerdem würde ich gerne einen ernsthaften Wettkampf Frau gegen Maschine sehen. Ich bin eine der wenigen Spitzenspielerinnen mit einem positionellen Stil, der für das Spiel gegen Computer besser geeignet ist. 1996, als ich amtierende Frauenweltmeisterin war, habe ich Deep Blue eine Herausforderung geschickt. Sie haben höflich abgelehnt. Bislang hat kein Programm diese Herausforderung von mir angenommen.

2) Ich glaube, er ist sehr gut. Die heutigen Schachspieler sind dank der Computertechnologie und mit Software wie Fritz, Rybka, Junior, Shredder, usw. viel stärker geworden.

3) Ich glaube, die Computertechnologie hat mir persönlich geholfen. Ich wünschte, ich hätte Fritz 10 damals gehabt, als ich mich Schach angefangen habe. :)

4) Ich glaube, es wird ein Unentschieden geben. Fritz wird den Wettkampf nicht verlieren, aber ich glaube auch, dass Kramnik ausreichend solide spielt, um den Wettkampf zu halten. Natürlich hängt auch viel von seiner körperlichen Verfassung ab, da sein Wettkampf in Elista noch nicht sehr lange zurückliegt. Ich möchte Kramnik auch zur Wiedervereinigung der Weltmeisterschaften gratulieren.


Felix Magath, Trainer des FC Bayern München und Schachspieler




1)Das sind interessante Vergleiche verschiedener Denkrichtungen, konkret gegen abstrakt. Sie haben sicherlich Einfluss auf die Art und Weise des menschlichen Denkens.

2)Die Computer haben zu einer neuen Art des Schachspielens geführt.

3) Für die Masse der Patzer wie mich sind sie gute Lehrmeister. Was die Weltspitze betrifft, kann ich mir kein Urteil erlauben.

4)Unentschieden.

Aus ihrem Blickwinkel als Fußballtrainer gesehen: Gibt es Möglichkeiten, die systematische Erforschung des Schachspiels - auch mit Hilfe des Computers - auf den Fußball zu übertragen?

Die Taktik ist im Fußball kaum wissenschaftlich erforscht. Schach ist für mich die Mutter aller Strategiespiele, also kann auch der Fußball etwas vom Schach lernen. Wie es einen besten Zug gibt, gibt in jeder Situation auch einen besten Pass. Die Zusammenhänge zwischen beiden Spielen aufzuzeigen, hielte ich für interessant. Ich habe da bereits einige Ideen.

Almira Skripchenko, Frauengroßmeisterin, Europameisterin, mehrfache französische Landesmeisterin




1) Diese Vergleiche sind sehr wichtig, weil Schach die einzige Möglichkeit ist, exakt zu messen, wie weit der Fortschritt der Künstlichen Intelligenz bisher gediehen ist. Das wusste schon Kubrick, der 1968 in seinem Film 2001 den Computer HAL Schach spielen lässt, um dessen Intelligenz zu zeigen. Grundsätzlich bin ich aber davon überzeugt, dass der beste Mensch den Computer schlagen kann, wenn er genug Zeit hat, dessen Spielweise zu untersuchen.

2) Der Einfluss ist offensichtlich. Unzählige Schachspieler lassen sich vom Computer bei der Suche nach der Wahrheit helfen und bekommen neue Erkenntnisse vermittelt, was in bestimmten Positionen möglich ist.

3) Ich sehe den Einfluss vor allem positiv. Bei der Suche nach der Wahrheit ist der Computer eine wertvolle Hilfe, aber ich denke, die menschliche Kreativität dominiert dabei weiterhin. Nun gut, es gibt auch einen negativen Aspekt. Bei Turnieren schauen die Amateure im Internet mit ihren Fritz-Programmen zu und können dann die Leistungen der Profis beurteilen. Das ist ungewohnt. Früher war das undenkbar. Ich selber durfte kürzlich eine Partie gegen Deep Junior bei einem Schaukampf in Italien spielen. Ich war überrascht und beeindruckt, wie sehr das Programm abstrakte menschliche Spielstrategien simulieren kann, .z.B. Material für Initiative opfert. Früher waren die Maschinen reine Materialisten, heute sind sie schon viel weiter.

4) Ich hoffe Kramnik gewinnt, aber das wird sehr schwierig werden.


Matthias Deutschmann, Kabarettist, ehemaliger Jugendauswahlspieler und Bundesligaspieler, Stimme von Fritz




1) Homo sapiens bleibt nur noch eine Galgenfrist, dann hat das Elektronengehirn ihn am Wickel. Wir sind in Zukunft gut beraten, unter uns zu bleiben, wenn wir den Lustgewinn des Sieges einstreichen wollen.

2) Die Schachtheorie ist undogmatischer geworden, weil die Überprüfung von Varianten durch Fritz & Co gezeigt hat, dass alle Theorie ziemlich grau aussehen kann. Insofern ist der Schachcomputer so etwas wie ein Lügendetektor.

3) Die Arbeit mit Fritz erweitert den taktischen Horizont. Hat man erst einmal einen bestimmten Verdacht, bringt Kommissar Fritz sehr schnell die Beweise. Oder die Entlastung. Der Nachteil ist der Outsourcing-Effekt: Wo lassen Sie denken? Bei Fritz!

4) Der Weltmeister wandelt auf einem schmalen Grat und Deep Fritz wird sich durch die wiederholte Benutzung der Toilette nicht beeindrucken lassen.

Alexandra Kosteniuk (Russland, Großmeister, Vizeweltmeisterin, Europameisterin)



1) Schachwettkämpfe zwischen Menschen und Maschinen sind nichts anderes, als ob ein Läufer gegen ein Auto oder ein Fahrrad antritt. Menschen sollten mit Menschen Schach spielen.

2) Menschen können und sollten Computer für das Nachspielen und die Analyse von Partien benutzen, das ist sehr nützlich. Die Computer werden täglich besser. In ein paar Jahren wird jeder Computer jeden Spieler ganz leicht schlagen. Dann haben wir den Vergleich Läufer gegen Auto. Im Moment erleben wir den Prozess, wie der Computer besser wird, weshalb wir zwar nicht sicher wissen, wer diesen Wettkampf gewinnt, so wissen wir doch, dass in Zukunft dem Menschen keine Chance mehr gelassen wird.
Dennoch werden die Menschen in den folgenden Jahrhunderten immer Spaß daran haben, gegen Menschen zu spielen, selbst wenn ihr Telefon oder ihr Pocket PC in der Lage ist, sie in nur ein paar Sekunden zu schlagen. Wieder läuft es auf den Vergleich mit dem Laufen heraus, die Leute laufen und joggen, obwohl sie wissen, dass sie fünf Kilometer mit einem Auto sehr viel schneller zurücklegen. Laufen trainiert den Körper. Schachspielen trainiert den Geist. Den menschlichen Geist.

In der Zukunft werden Computer sehr viel besser als Menschen spielen und solche Wettkämpfe werden völlig uninteressant sein. Aber ich hoffe, dass Schach als ein Spiel von Menschen gegen Menschen noch immer großes Interesse auslöst, damit die Menschen ihren Geist trainieren können. Wenn dieser Wettkampf die Presse zum Schach bringt und Schach für die Leute attraktiv macht, dann ist das sehr gut, dann bin ich dafür. Aber ich bin nicht sicher, was die Leute in Zukunft denken werden, wenn sie sehen, dass ein Programm für $29 jeden menschlichen Weltmeister sehr leicht schlagen kann. Es könnte den schlechten Eindruck entstehen lassen, dass es Schach nicht wert ist, gespielt zu werden, und das ist eine sehr gefährliche Schlussfolgerung, die man um jeden Preis vermeiden sollte.

Dr. Helmut Pfleger (Großmeister, TV-Moderator)



1) Solch ein Wettkampf ist nach wie vor faszinierend, so lange die Maschine nicht klar überlegen ist. Es ist erstaunlich genug, dass der Mensch noch immer mit der Maschine wetteifern kann, obwohl sie mehrere Millionen Mal schneller rechnet als er; in anderen Bereichen, zum Beispiel was Taschenrechner angeht, ist das unvorstellbar, weshalb Schach vielleicht den letzten Bereich der Mathematik darstellt, in dem die Menschheit nicht hoffnungslos unterlegen ist.

2) Wie bei den meisten Dingen kann man diese Frage nicht eindeutig beantworten. Es gibt gute und schlechte Seiten; wie auch immer, generell lässt sich die Entwicklung nicht rückgängig machen, also muss man sie akzeptieren und versuchen, sich darauf einzustellen. Tatsächlich ist es so, dass es eine ziemlich große Zahl von Leuten gibt, die wenige Möglichkeiten haben, gegen menschliche Partner zu spielen, und für sie ist das deshalb eine gute Alternative. Zum Beispielen spielen der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker oder amtierende Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gerne mit dem Computer - er steht einem immer zur Verfügung.

3) In meinem Fall weder das Eine noch das Andere. Ich könnte sehr gut ohne sie auskommen, aber andererseits können sie Anfängern sehr helfen und eine Menge Spaß machen.

4) Ich fürchte, die Maschine wird gewinnen, weil sie sich im Vergleich zu den letzten Begegnungen, die alle Unentschieden ausgegangen sind, sehr verbessert hat. Dennoch wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass Kramnik gewinnt - das würde dem Schach ganz generell helfen.

Ekaterina Lahno, Ukraine Frauengroßmeisterin, amtierende Europameisterin



1) Ich verfolge solche Veranstaltungen immer mit Interesse, aber nehme sie nicht allzu ernst. Die Maschine hat einen enormen Vorteil in Bezug auf Wissen, Rechenfähigkeit, Schnelligkeit und Ausdauer. Der Mensch gibt der Maschine in vielerlei Hinsicht Vorgaben, und jetzt ist es extrem schwer, den Computer auch nur in einer einzigen Partie zu schlagen.

2) Computer helfen, schneller und tiefer zu analysieren, aber die Spieler werden weniger einfallsreich.

3) Ich sehe das moderne Schach nicht ohne Computer und ich möchte auch nicht zurückblicken, das ist einfach sinnlos.

4) Wie die Praxis zeigt, wird es für den Menschen immer schwerer, gegen die Maschine zu kämpfen. Computer und Engines gewinnen rapide an Kraft. Ich glaube, Deep Fritz wird gewinnen, aber ich drücke Vladimir die Daumen.

Yasser Seirawan, Großmeister, Kommentator, Verleger



1) Es wird schwerer für die Menschen.

2) Die eigenen Gefühle sind hierbei nicht von Belang, es geht darum, wie wir uns weiter entwickeln und Computer haben immer mehr Auswirkungen auf unser Leben. Ich persönlich liebe die Datenbanken und die Tatsache, so viele Informationen sofort zur Verfügung zu haben.

3) Ich habe mehr Spaß. Ich kann Partien in Echtzeit über das Internet verfolgen; ich kann meine Stellungseinschätzungen mit einer Gruppe Gleichgesinnter bekräftigen und ich kann mit ihnen praktisch sofort kommunizieren.

4) Ich glaube, Fritz ist der Favorit. Damit Kramnik gewinnt, muss er praktisch alle sechs Partien in absoluter Bestform sein. Er darf nicht einen einzigen Zug lang entspannen und er muss in der Lage sein, taktische Verwicklungen stets unter Kontrolle zu halten. Eine sehr schwere Aufgabe. Mein nicht weit zurückliegender Grippeanfall hat mir klargemacht, dass Kramnik sich nicht einen einzigen "schlechten Tag" leisten kann.

Nick Murphy, Shakespeare-Schauspieler der American Drama Group, Hobbyschachspieler auf schach.de



1) Die unterschiedlichen Spielweisen der besten Menschen gegen die besten Schachprogramme machen diese Wettkämpfe sehr interessant. Ich hoffe, dass die Menschen noch eine Weile gegen die Computer spielen können, wobei Programme wie Fritz allerdings so stark werden, dass es nicht mehr lange dauern könnte, bis kein Mensch sie mehr schlagen kann.

2) Computer sind besonders hilfreich, wenn man anfängt, Schach zu lernen. Sie stellen einem so viel Informationen und Ressourcen zur Verfügung. Natürlich, wenn die Leute Computer benutzen, um zu betrügen, dann kann das ein Problem sein, aber alles in allem halte ich sie für sehr nützlich.

3) Ich habe durch Computer viel gelernt, sie sind ausgezeichnete Trainingspartner. Sie prahlen nicht, wenn sie gewinnen, und sie sind nicht eingeschnappt, wenn sie verlieren!

4) Ich glaube, Fritz ist jetzt so stark, dass es unwahrscheinlich ist, dass Kramnik gewinnen kann. Wenn er den Wettkampf unentschieden hält, ist er, glaube ich, zufrieden.

Christopher Lutz, Großmeister, zweimaliger Deutscher Meister, Sekundant von Kramnik beim Wettkampf gegen Deep Fritz in Bahrain 2002 und in Bonn 2006



1) Der Wettkampf Mensch gg. Maschine hat schon immer eine große Faszination ausgeübt. Der Wettkampf Kramnik-Deep Fritz ist insofern etwas besonderes, als dass er vermutlich einer der letzten, wenn nicht gar der letzte große Wettkampf dieser Art darstellen wird. Die unaufhaltsame Entwicklung der Hard- und Software lässt die Spielstärke der Programme immer weiter ansteigen, so dass bei diesem Match das letzte Mal von annähernder Chancengleichheit gesprochen werden kann.

2) Die Computer haben gezeigt, dass in vielen Stellungen Dinge möglich sind, die nicht durch allgemeine Regeln begründet werden können, sondern auf konkreten Varianten basieren. Insofern wurde das Schachspiel bereichert. Eher schädlich sehe ich, dass viele jüngere Schachspieler, die quasi mit dem Computer aufgewachsen sind, in ihrem Stil und der Herangehensweise sich immer mehr an die Computer annähern. Dabei bleibt dann das allgemeine Schachverständnis und die Kenntnis der Schachgeschichte meist auf der Strecke.

4) Als Sekundant von Kramnik hoffe ich natürlich auf dessen erfolgreiches Abschneiden. Er ist realistischerweise jedoch der Außenseiter.

Sergey Karjakin, Ukraine, Großmeister, ehemaliger jüngster Großmeister aller Zeiten



1) Schach ist der einzige Sport, in dem der Mensch noch gegen die Maschine kämpfen kann. Zum Beispiel gibt es kein Duell Mensch gegen Maschine, wenn es um Schnelligkeit oder Gewichte zu heben geht.

2) Es ist schwer, sich Schach jetzt ohne Computer vorzustellen. Ich habe etwa drei Millionen Partien in meiner Datenbank und ich kann mir nicht vorstellen, ohne Computer mit ihnen zu arbeiten. Ich hatte keinen Computer bis ich elf wurde. Ein Jahr später wurde ich Großmeister. :-)

4) Bestenfalls schafft Kramnik ein Unentschieden. Denn es ist sehr schwer, gegen einen Computer zu gewinnen und es ist sehr leicht, irgendeinen Fehler zu machen und zu verlieren.

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