Protest gegen Vergabe der Frauen-WM nach Iran

von André Schulz
29.09.2016 – Während der Schacholympiade in Baku tagte die FIDE Generalversammlung und hat zwei wichtige Entscheidungen in Bezug auf kommende FIDE-Turniere getroffen. Die Schacholympiade 2020 findet in Khanty-Mansiysk statt. Die nächste Frauenweltmeisterschaft wurde an den Persischen Schachverband vergeben. Dagegen erhob sich in den sozialen Medien und in der Presse sofort Protest, denn bei allen früheren Turnieren im Iran wurden die Frauen gezwungen, ein Kopftuch zu tragen. Mehr...

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In einem schwer verständlichen Aktionismus trägt die FIDE die Weltmeisterschaft für Frauen jährlich aus, mit wechselnden Formaten. In einem Jahr wird die Weltmeisterschaft als K.o.-Turnier mit Minimatches und 64 Teilnehmerinnen gespielt. Im folgenden Jahr gibt es ein Match zwischen der Weltmeisterin und einer Herausforderin, die sich im FIDE Grand Prix Zyklus als Wertungsbeste der Serie qualifiziert hat. So lautet zumindest der Plan.

Die beste Schachspielerin der Welt ist die Chinesin Yifan Hou. 2010 gewann sie in Antalya das K.o.-Turnier um die Weltmeisterschaft und wurde die 13. Schachweltmeisterin. 2011 verteidigte Yifan Hou ihren Titel im Wettkampf gegen die Herausforderin Humpy Koneru. Bei der K.o.-Weltmeisterschaft 2012 schied Yifan Hou jedoch schon in der 2. Runde gegen Monika Socko aus, konnte ihren Titel also in diesem Format nicht verteidigen. Anna Ushenina wurde Weltmeisterin. Da Yifan Hou aber die Grand Prix Serie gewonnen hatte, durfte sie 2013 die neue Weltmeisterin herausfordern und gewann das Match gegen Ushenina mühelos.

Yifan Hou

Die eigentlich für 2014 vorgesehene K.o.-WM wurde von der FIDE mangels Ausrichter in das Jahr 2015 verschoben. Wegen eines Terminkonflikts trat Yifan Hou nicht an und verlor ihren Titel erneut, diesmal kampflos. Mariya Muzychuk wurde neue Weltmeisterin. Da Yifan Hou aber erneut die Grand Prix Serie gewonnen hatte, konnte sie im März 2016 Mariya Muzychuk herausfordern und holte sich den Titel ein zweites Mal zurück. Nach diesem Wettkampf hatte die neue Weltmeisterin aber endgültig genug von diesem Format, erklärte ihren Ausstieg aus der parallel laufenden Grand Prix Serie und gab zudem bekannt, dass sie an keiner K.o.-Weltmeisterschaft mehr teilnehmen werde. Zuvor hatte die Chinesin über einen längeren Zeitraum mit FIDE-Offiziellen über eine Formatänderung verhandelt, ohne Erfolg. Sie wünschte sich einen Modus, ähnlich wie bei den Männern.

Derzeit tut sich die FIDE ohnehin schwer, Ausrichter für ihre großen Turniere und Wettkampfe, nicht nur für die Frauen, zu finden. Die Boykott-Maßnahmen der US-Regierung gegen russische Oligarchen und regierungsnahe russische Finanz-und Wirtschaftskreise haben auch die Unterstützer des Schachs, sogar Iluymzhinov selbst getroffen. Es wird für die FIDE immer schwieriger Geld für die Top-Schachturniere zu besorgen. Die K.o.-Weltmeisterschaften der Frauen waren in der Vergangenheit nur schwer verkäuflich. Mit dem Rückzug des Aushängeschildes, der Weltmeisterin, ist es nicht besser geworden.

Eigentlich sollte vom 11. bis 31. Oktober die Weltmeisterschaft der Frauen im K.o.-Format ausgetragen werden. Doch die FIDE hat dafür keinen Ausrichter gefunden und den Termin nun stillschweigend aus ihrem Terminkalender gestrichen. Stattdessen wurde das Weltmeisterschaftsturnier in den Februar 2017 verschoben und mit der FIDE-Generalversammlung in Baku an den Iran als Ausrichter vergeben. Dort soll das Turnier in Teheran stattfinden.

Gegen diese Entscheidung der FIDE wurde nun heftiger Protest erhoben.

 

 

 

Dies ist nicht das erste Frauenturnier im Iran und in der Vergangenheit wurde alle Teilnehmerinnen gebeten, egal aus welchem Land sie stammten, einen Hidschab zu tragen.

Großmeisterinnen beim Grand Prix-Turnier in Teheran.

Die Vorschrift zum Tragen dieses Kopftuches wird aus verschiedenen Stellen des Korans abgeleitet. 

Zuzletzt war der Persische Schachverband Gastgeber eines Grand Prix Turniers. Alle Teilnehmerinnen, auch die nicht-muslimischen, wurden gebeten, sich an die Sitten des Landes anzupassen und in der Öffentlichkeit, also auch während der Turnierrunden, ein landesübliches Kopftuch anzulegen. Die Teilnehmerinnen kamen diesem Wunsch nach und äußerten sich im Nachhinein auch sehr positiv über die Gastfreundschaft der Organisatoren und die Turnierbedingungen. In den Kommentaren zu den Berichten von diesem Turnier gab es jedoch viele kritische Bemerkungen über diese religiös motivierte Kleidungsvorschrift.

Zudem hat das US State Department für Reisen in den Iran offiziell eine Reisewarnung für US-Bürger ausgegeben. 

 

Die amtierende US-Meisterin Nazi Paikidze hat bereits erklärt, nicht bei der WM teilnehmen zu wollen, obwohl sie dafür qualifiziert wäre. Gegenüber der Zeitung "The Telegraph" erklärte sie, durch die Vorschrift zum Tragen eines Hidschab seien die Rechte der Teilnehmerinnen der WM massiv beeinträchtigt. "Diese Vorschrift verletzt alles, was man normalerweise mit Sport in Verbindung bringt."

 

Qualifizierte Spielerinnen für die Weltmeisterschaft gemäß FIDE

Qualified are:
 
 2016 World Champion, runner-up and 2 semi-finalists of 2015 WC
 Hou Yifan (China)
 Mariya Muzychuk (Ukraine)
 Dronavalli Harika (India)
 Pia Cramling (Sweden)
 
 2014 and 2015 Girls' Junior Champion
 Aleksandra Goryachkina (Russia)
 Nataliya Buksa (Ukraine)
 
 5 highest rated players (plays over 30 rated games) from average rating February 2015 to January 2016
 Humpy Koneru (India)
 Ju Wenjun (China)
 Anna Muzychuk (Ukraine)
 Alexandra Kosteniuk (Russia)
 Zhao Xue (China)
 
 51 players from Women's Continental and Zonal qualifiers
 
 For Europe Top 14 of 2014 and 2015 of European Championship not already qualified (28)[5][6][7]
 Russia Valentina Gunina (E14)
 Russia Tatiana Kosintseva (E14)
 Georgia (country) Salome Melia (E14)
 Ukraine Natalia Zhukova (E14)
 Georgia (country) Nana Dzagnidze (E14)
 Georgia (country) Nino Batsiashvili (E14)
 Georgia (country) Lela Javakhishvili (E14)
 Bulgaria Antoaneta Stefanova (E14)
 Romania Cristina-Adela Foisor (E14)
 Poland Monika Socko (E14)
 Georgia (country) Nino Khurtsidze (E14)
 Russia Alina Kashlinskaya (E14)
 Armenia Elina Danielian (E14)
 Russia Anastasia Bodnaruk (E14)
 Russia Marina Guseva (E15)
 Russia Olga Girya (E15)
 Ukraine Inna Gaponenko (E15)
 Russia Ekaterina Kovalevskaya (E15)
 Georgia (country) Bela Khotenashvili (E15)
 Russia Alisa Galliamova (E15)
 Germany Elisabeth Paehtz (E15)
 Russia Daria Charochkina (E15)
 Armenia Lilit Mkrtchian (E15)
 Russia Anastasia Savina (E15)
 Hungary Hoang Thanh Trang (E15)
 Georgia (country) Sopiko Guramishvili (E15)
 Turkey Ekaterina Atalik (E15)
 Italy Olga Zimina (E15)
 
 Asia (12): 2014 and 2015 Asian champions
 Irine Kharisma Sukandar (Indonesia)
 Mitra Hejazipour (Iran)
 
 Zonal champions
 Zhu Chen (Qatar) (Z3.1)[8]
 Akter Liza Shamima (Bangladesh) (Z3.2)[9]
 Pham Le Thao Nguyen (Vietnam) (Z3.3)[10]
 Dinara Saduakassova (Kazakhstan) (Z3.4)[11]
 Tan Zhongyi (China) (Z3.5)[12]
 Zhai Mo (China) (Z3.5)
 Ni Shiqun (China) (Z3.5)
 Huang Qian (China) (Z3.5)
 Emma Guo (Australia) (Z3.6)[13]
 
 Americas (8): (unknown)
 
 Africa (3): (unknown)
 
 2 FIDE nominees: (not yet announced)

 

 

Meldung in The Telegraph...

 

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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