Psychokrieg in Elista

29.09.2006 – Schon während der letzten Tage tobte der Psychokrieg vor, während und nach den Partien. Dieser vollzog sich auf dem Brett und danach in der Pressekonferenz, zwischen den Zeilen und zwischen den Kommentaren. Misha Savinovs Bericht beginnt mit einem stimmungsvollen Bild aus dem buddhistischen Elista, doch an den angespannten Gesichtern der gezeigten Protagonisten auf den nächsten Bildern sieht man bereits, welches Gewitter dort heraufzuziehen droht. Mehr...

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Psychologische Kriegsführung
Von Misha Savinov

Die packenden ersten beiden Partien sind bereits fast vergessen. Die Kämpfer tauschen keine kraftvollen Aufwärtshaken und Rechts- Linkskombinationen mehr aus. Jetzt ist die Zeit für Jabs und Clinch. Kramnik führt nach vier Runden, aber sein Gegner steht stabil. Topalov hat sich von der anfänglichen Enttäuschung erholt und zeigte im harten positionellen Kampf seine Zähne. So wie Kramnik bewiesen hat, dass er im taktischen Sturm überleben kann, hat der Bulgare gezeigt, dass er auf Kramniks Territorium des subtilen Manövrierens gegen positionelle Schwächen kämpfen kann.

Neben den reinen Schachideen benuten beide Seiten mehr und mehr Psychologie, angefangen vom Bluffen bei Pressekonferenzen bis hin zu Protestschreiben und Drohungen, den Wettkampf abzubrechen! Ich glaube, wir sollten auch diesen Teil des Wettkampfs genießen. Schach ist eigentlich eine Auseinandersetzung zwischen zwei Individuen; das ist auch der Grund, warum der Weltmeister lange Zeit in Wettkämpfen ermittelt wurde. Ein Wettkampf um den Weltmeistertitel fordert fast alle Bereiche des schachlichen Könnens, ebenso wie Ausdauer, den Fähigkeit, mit Druck umzugehen und neue Kraft zu schöpfen, usw.. Angst verbreiten, Zaghaftigkeit provozieren, den Gegner und sein Team auf jede nur mögliche Art verunsichern – all das ist Teil des Spiels. Große Spieler wie Botvinnik, Fischer und Kasparov (um nur ein paar zu nennen) waren auch Großmeister der psychologischen Kriegsführung, ein Kampf, der nicht verloren werden darf. Der psychologische Vorteil macht den Unterschied zwischen Sieger und Verlierer aus. Deshalb gewann Italien die Fußballweltmeisterschaft: Die Mannschaften waren auf dem Feld gleichstark, aber die Italiener konnten mehr aushalten …


Kramnik mit Weiß

Für mich ist es offensichtlich, dass Kramnik in Partie 3 entschlossen war, seinem Gegner den Todesstoß zu versetzen. Topalov muss tief enttäuscht gewesen sein, nachdem er zwei ausgezeichnete Stellungen verdorben hatte. Seine Ungeduld, die in diesen Partien sichtbar wurde, überschattet seinen Einfallsreichtum und seine taktische Brillanz. Kramnik, der in Partie 3 Weiß hatte, wollte diese Schwäche von Veselin ausnutzen. Vladimir wirkte sehr motiviert, genau wie Kasparov zog er sein Jackett aus, noch bevor die Uhren in Gang gesetzt waren, und ging mit aller Kraft auf seinen Gegner los. 13.Db5+! und 16.Lg5 sicherten Weiß Eröffnungsvorteil. Topalov war gezwungen, sich zu verteidigen. Die Manager der Spieler sahen nervös aus…


Manager Hensel unter den Zuschauern


Manager Danailov ebenfalls 

Allerdings scheint Vladimir der kostbare Killerinstinkt zu fehlen. Seit 2000 spielt er in fast jedem Turnier unmotiviert und selbst in einem Weltmeisterschaftskampf wirkt es, als würde er die Konzentration verlieren. Denken Sie nur an die vierte Partie seines Wettkampfs gegen Kasparov! Und so war es auch diesmal – es sah wie ein Katz-und-Maus Spiel aus: Weiß erhält Vorteil, büßt dann einen großen Teil davon wieder ein, wonach er den Gegner auf die denkbar raffinierteste Weise überspielt und dann wieder alles verdirbt. Aber das war kein Spiel; Kramnik konnte nicht am Limit spielen, als es nötig war.

Das erste Remis des Wettkampfes bescherte den Spielern mit Sicherheit gemischte Gefühle. Der Kampfverlauf zeigte, dass die erste Partie, in der Topalov mit Schwarz die Initiative ergriff, eine Ausnahme war: der weiße Kramnik ist solide und stark und ohne Zweifel in der Lage, den Gegner zu überspielen. Andererseits überlebte Veselin eine schlechtere Stellung, und sah, wie Kramnik nicht in der Lage war, seine Mühe in etwas Greifbares zu verwandeln. Gute Nachrichten für die Bulgaren! Alles in allem waren beide Champions nach der Partie ziemlich guter Laune.


Kramnik, Reflexion von Hensel





Die vierte Partie wirkte wie auf Topalov zugeschnitten, um den Rückstand zu verkleinern, und etliche Experten waren der Meinung, das Ergebnis am Ende von Tag 4 würde 2,5:1,5 lauten. Der kleine und manchmal witzige Veselin ist irgendwie in der Lage schachliche Wirbelstürme auszulösen und unter Kontrolle zu halten. Dieses Mal nutzte er diese Fähigkeit, um sich mit einem Bauernopfer in der Eröffnung einen stabilen positionellen Vorteil zu sichern. Die schwarze Stellung wirkte sehr passiv und ohne Gegenspiel.


Topalov mit Weiß

Obwohl die Computer keinerlei wirkliche Gefahr für Kramnik anzeigten, schätzten die Zuschauer außerhalb des Spiellokals die schwarzen Chancen skeptisch ein.

Doch Kramnik ist einer der wenigen Spieler, die es nicht stört, schlechtere Stellungen zu verteidigen. Anders als Topalov bleibt er immer objektiv, was ihm erlaubt, die besten Entscheidungen zu treffen und im richtigen Moment von passiver Verteidigung auf Gegenangriff umzuschalten. Es ist schwer, den Wert einer solchen Fähigkeit einzuschätzen, aber sie ist wirklich selten.

Zug um Zug entzog der klassische Weltmeister den weißen Figuren die Kraft, und suggerierte jedem, einschließlich Topalovs, allmählich, dass das Remis unausweichlich war. Nur Rybka und seine Kollegen ließen sich von Kramnik nicht in den Bann ziehen… Vladimir erklärte während der Pressekonferenz sogar, dass die Stellung jederzeit leicht und offensichtlich Remis gewesen wäre und er sich nicht einmal konzentriert, sondern an kommende Fußballspiele gedacht hätte. Dies war ein starker Bluff – tatsächlich war Topalovs Stellung die meiste Zeit ziemlich aussichtsreich – und er funktionierte. Die Runde ging an Kramnik, auch wenn der Punkt geteilt wurde. Schauen Sie sich nur ihre Gesichter an!

Am nächsten Tag schlugen die Bulgaren zurück. Danailov reichte beim Schiedsgericht zwei Protestschreiben ein, in denen er betonte, dass Kramnik die Toilette in seinem Ruheraum zu oft benutzen würde (genau gesagt, 50 Mal während der dritten Partie). Der Manager des FIDE-Weltmeisters hegte den Verdacht der Verletzung der Regeln des Fair Play und drohte den Wettkampf abzubrechen. Kramniks Team wiederum reagierte mit der Drohung, ihren Mann, der seine Rechte als Mensch und Spieler ausüben möchte, vom Wettkampf zurückzuziehen. Der psychologische Krieg hat begonnen.

 


Auf dem Monitor Bilder der Überwachungskameras

Nur der Hauptschiedsrichter hat das Recht, den Ruheraum der Spieler zu kontrollieren


Das russische Satellitenprogramm TV NTV+ sendet jeden Tag vier Live-Übertragungen vom Wettkampf


Die Spielstätte des Wettkampfs


Der größte buddhistische Tempel in Europa




Chess and the City

 

 

 

 



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