Pulsierendes Schachleben: Berliner Schachcafés 1920–1933

von Alan McGowan
10.03.2020 – Berlin hat eine reiche Schachgeschichte, aber in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erlebte das Schach in der deutschen Hauptstadt eine wahre Blütezeit. Schachspieler und Vereine trafen sich in einer ganzen Reihe von Cafés, in denen immer wieder Spitzenspieler aus aller Welt zu Gast waren und zahlreiche Turniere gespielt wurden. Alan McGowan, Autor eine viel beachteten Biographie über Kurt Richter (1900-1969), hat einen gründlichen Blick auf die Geschichte dieser Schachcafés in Berlin geworfen.

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Schachcafés in Berlin, 1920–1933

Viele Schachspieler werden wissen, wie schwer es ist, ein passendes und bezahlbares Vereinslokal zu finden. Umso faszinierender ist es, wie viele Schachlokale es in Berlin von 1920 bis 1933 gab.

Ein Blick auf einschlägige Quellen  ─ wie Ranneforths Schach-Kalender 1925 ─ zeigt, dass viele Vereine Cafés und Restaurants in der ganzen Stadt als Spiellokale genutzt haben. Aber zwischen Friedrichstrasse/Unter den Linden bis Friedrichstraße/Leipziger Straße sowie etlichen Seitenstraßen war die Dichte an Schachcafés erstaunlich groß.

Die Karte zeigt noch das Café Bauer, das sich an der Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße befand und im 19. Jahrhundert ein wichtiger Ort im Schachlebens Berlins war, aber zu der Zeit, die hier betrachtet wird, war es bereits verkauft worden. Im Equitable-Gebäude, Ecke Friedrichstrasse/Leipziger Strasse, waren zahlreiche Schachcafés und Schachveranstaltungen zu Gast, was im weiteren Verlauf des Artikels noch detaillierter dargestellt wird.

Die Popularität der Cafés ist eng mit den Schachzirkeln verknüpft, die sich in ihnen bildeten, und die eine Reihe bekannter Meister, die in Berlin wohnten, frequentierten. Dies waren informelle oder "freie" Schachgruppen, die offiziell keine Verbindung zum Berliner Schachverband hatten, aber ihnen gelang es immer wieder, führende Meister der damaligen Zeit wie Aljechin, Bogoljubow, Capablanca, Emanuel Lasker und Nimzowitsch zu Vorträgen und Schachveranstaltungen einzuladen.

Ich habe mich darauf beschränkt, die Geschichte der Schachcafés in Berlin nur bis zum Jahre 1933 zu betrachten; denn die Machtergreifung der Nationalsozialisten führte zu grundlegenden Umwälzungen, und viele der Personen, die zum Erfolg der Schachcafés beigetragen haben, wurden ausgeschlossen.

Der Kerkau Palast

Manche der Orte, die von Berliner Schachklubs genutzt wurden, waren nur von bescheidener Größe, aber die wichtigeren Lokale waren deutlich größer und verfügten auf mehreren Stockwerken über zahlreiche Räume. Ein solches Lokal war der Kerkau Palast in der Behrenstrasse 48, der 1910 gebaut worden war. Namensgeber war der Billardmeister Hugo Kerkau, der, genau wie sein Vater, etliche Kaffeehäuser in Berlin ins Leben gerufen hatte.

Kerkau Palast

1912 wurde der Kerkau Palast von Josef König gekauft, der im Berliner Schachleben eine wichtige Rolle spielte, und über den später noch mehr zu lesen sein wird.1 König, vielleicht aus Freundschaft zu dem Schachspieler, Herausgeber und Schachförderer Bernhard Kagan  (1886–1932), stellte den Kerkau Palast in den Jahren 1914 bis 1918 und auch danach für eine Reihe bedeutender Turniere zur Verfügung. Für ein paar Jahre war der Kerkau Palast auch das Vereinslokal von einem der führenden Berliner Vereine, dem Schachverein 1876. 

Volkszeitung, 17. November 1912

1920 stellte König den Kerkau Palast als Spielort für ein internationales Turnier zur Verfügung, das von Kagan organisiert und finanziert wurde. König selbst stellte für den Preisfonds allerdings auch Geld zur Verfügung.2 Dieses Turnier, das vom 4. bis 16. Dezember stattfand, wurde zu einem herausragenden Erfolg von Gyula Breyer.

Berlin 1920

 

 

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Gesamt

1

Breyer

1

0

1

1

0

1

½

1

1

2

Bogoljubow

0

½

½

½

½

1

1

½

1

3

Tartakower

1

½

0

½

1

0

½

1

1

4

Réti

0

½

1

1

1

1

0

0

½

5

5

Maróczy

0

½

½

0

½

1

½

1

½

6

Mieses

1

½

0

0

½

0

1

½

1

7

Tarrasch

0

0

1

0

0

1

1

½

1

8

Sämisch

½

0

½

1

½

0

0

½

½

9

Leonhardt

0

½

0

1

0

½

½

½

0

3

10

Spielmann

0

0

0

½

½

0

0

½

1

Mitte Januar 1921 schloss der Kerkau Palast seine Tore, aber die Schachgemeinde, die sich dort traf, hatte Glück, denn sie fanden im Café Bardinet, Friedrichstrasse 96, neue Räume. Zugleich gründeten diese Schachenthusiasten am 23. Februar 1921 unter dem Namen Berliner Schachheim, Freie Schachvereinigung, einen informellen Verband von Schachliebhabern. Ziel dieser lockeren Verbindung war es, wie der Name schon sagt, Schachspieler, die aus Berlin kamen, und Schachspielern, die in Berlin zu Besuch waren, ein "Heim" zu geben. Die Gruppe sah sich nicht als gewöhnlicher Schachverein; ihr Ziel war es, das Spiel zu fördern, als geistige Tätigkeit in Stunden der Muße, aber auch als Kunst und Wissenschaft. Mitglieder des Komitees waren Dr. B. Lasker (der Bruder von Emanuel Lasker), P. Ladendorf, Arpad Bauer und Lucian Einbild. Um die Verbindungen zur Presse kümmerten sich Herr Bauer und Dr. Meyenberg.3

Die Ziele der Gruppe wurden unverzüglich in Angriff genommen: sie organisierte unter anderem einen Wettkampf über vier Partien zwischen Leonhardt und Bardeleben (er endete mit +1,-1, =2 unentschieden); eine Simultanvorstellung, mit der von Bardeleben seinen 60. Geburtstag am 4. März 1921 (+16, -1, =5) feierte, und ein Wettkampf über sechs Partien zwischen Aljechin und Teichmann, der im Juni stattfand und Unentschieden endete (+2, =2, -2). Bis 1924 blieb das Schachheim im Café Bardinet, dann zog die Gruppe ins Café Zielka im Equitable Palast um.4

Café Schiller

Ein Lokal von einiger Bedeutung im Berliner Schachleben war das Café Schiller in der Mohrenstrasse 31, eine weitere Seitenstraße der Friedrichstrasse. Das Spiellokal des oben erwähnten Schachvereins 1876 befand sich ein paar Jahre im Kerkau Palast, aber 1921 zog der Verein in die nahegelegne Konditorei Landau in der Niederwallstrasse 33 um.

Doch 1924 schlug der Schachverein 1876 sein Quartier im Café Schiller auf, wo auch das Jubiläumsturnier zum 50-jährigen Geburtstag des Vereins 1925-26 stattfand. Kurt Richter gewann vor Wegemund, Elstner und A. Wagner. Richter, der zu Beginn seiner Karriere bei Springer 1895 Mitglied gewesen war, wechselte um diese Zeit zum Schachverein 1876 und hier erhielt er auch seinen Spitznamen Scharfrichter.5

Equitable Palast

Dieses imposante Gebäude war von 1887-89 nach Entwürfen von Carl Schäfer für die Equitable Life Assurance Society of New York gebaut worden und stand an der nordöstlichen Ecke Friedrichstrasse/Leipziger Strasse. Viele Geschäfte ließen sich dort nieder, aber die besondere Note erhielt das Gebäude doch durch seine Cafés und das reichhaltige Unterhaltungsangebot. Vier Cafés, die eine wichtige Rolle im Berliner Schachleben spielten, hatten ihren Sitz im Equitable Palast: Kerkau, Zielka, E.P. und Moka Efti.

Café Kerkau

Dieses Café stand unter der Leitung des Billardmeisters Hugo Kerkau, der auch den Kerkau Palast betrieb. Die Berliner Schachgesellschaft von 1827, einer der ältesten Schachvereine Deutschlands, hatte sein Spiellokal von 1902 bis 1909 im Café Kerkau, und in dieser Zeit fanden dort viele Turniere und Schachveranstaltungen statt. Doch nachdem Hugo Kerkau, der 1918 im Alter von 43 Jahren starb, in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, gab er das Café auf.6

Café Zielka

Auch Robert Zielka war Billardspieler und er mietete im Juli 1909 Räume im ersten Stock des Equitable Palasts. Das Café Zielka wurde bald so beliebt, dass Zielka sich entschied, noch weitere Räume im zweiten Stock anzumieten, um Platz für weitere Billardtische zu haben. Obwohl Zielka während des Ersten Weltkriegs als Soldat eingezogen wurde, überlebten er und sein Café den Krieg.7

Der Equitable Palast mit dem Zeichen des Café Zielka

Das Café Zielka wurde zu einem wichtigen Schachlokal, als das Berliner Schachheim Ende 1924 dorthin zog. Doch genau zu dieser Zeit geriet Zielka, der auch noch in Berlin Grunewald ein Lokal unterhielt, in finanzielle Schwierigkeiten, die dazu führten, dass er im November 1924 Konkurs erklären musste.8

Dies sollte im Laufe der nächsten Jahre zu Veränderungen führen, doch die Schachaktivitäten in dem Lokal, das oft immer noch Café Zielka genannt wurde. gingen erst einmal weiter. Bei der Eröffnung der neuen Räume gaben Paul Johner und Teichmann eine Simultanvorstellung an 15 Brettern, bei der sie abwechselnd zogen und mit +13, =1, -1. Im Anschluss folgte ein Vier-Meister-Turnier, das am 9. Dezember 1924 begann.

Berlin 1924

 

1

2

3

4

Total

Johner, P.

■■

½1

11

4

Rubinstein

■■

Teichmann

½0

■■

½0

Mieses

00

½1

■■

2

Manche Berichte behaupteten, dass dieses Turnier im Café König gespielt wurde, dem ehemaligen Zielka, und manchmal wird auch die Leipziger Strasse 101 als Adresse genannt. Der Grund dafür scheint zu sein, dass Josef König die Räume übernehmen wollten, aber die Kreditgeber des Café Zielkas den alten Namen beibehalten wollten. Woraufhin sich Josef König nach anderen Räumen umsah.9

Im Oktober 1925 empfingen die Mitglieder des Schachheims den amtierenden Weltmeister José Raúl Capablanca, der zwei Simultanvorstellungen an 30 Brettern gab. Das Simultan am 27. Oktober gewann Capablanca mit +19, =10, -1 und am 28. Oktober gewann er mit +22, =8.

Dieses Bild zeigt das Simultan vom 27. Oktober. Direkt gegenüber von Capablanca sitzt Willi Schlage (1888–1940), und ganz links auf dem Foto sieht man Otto Wegemund, beides bekannte Figuren der Berliner Schachszene.  1911, bei Capablancas vorherigem Besuch in Berlin, hatte Schlage gegen Capablanca gewonnen. | Foto: Das Interessante Blatt, 12. November 1925, S. 4.

Von Berlin reiste Capablanca weiter nach Moskau, um dort am Internationalen Turnier 1925 teilzunehmen, aber auf seiner Rückfahrt stattete er Berlin einen weiteren Besuch ab. Am 10. Dezember spielte er im Café Zielka gegen 30 Gegner simultan und gewann mit +27, =2, -1.10 Auch Spielmann und Marshall, die beide ebenfalls am Moskauer Turnier 1925 teilgenommen hatten, schauten Ende 1925 in Berlin vorbei.

1926 gab es eine Reihe interessanter Veranstaltungen. Am 23. April spielten Aljechin und Nimzowitsch separat gegen die gleichen 25 Gegner. Nimzowitsch holte ein Ergebnis von +18, =7, Aljechin kam auf +17, =4, -4.11

Am 5. Mai spielte Sämisch im Café Zielka ein Blindsimultan an 15 Brettern und erzielte ein Ergebnis von +9, =5, -1. Ende des Sommers kam Nimzowitsch erneut nach Berlin und spielte gegen 27 Gegner und holte ein Ergebnis von +27, =5, -5.12

Zusätzliche Bedeutung als Schachzentrum erhielt der Equitable Palast zu Beginn der Saison 1926/27, als der Schachverein 1876 dorthin zog.

Café Equitable Palast

Ende 1926 wechselte die Leitung des Cafés und wurde meist Café Equitable Palast genannt oder — passend für ein Schachlokal — Café E.P. Direktor war ein Herr Jakobs, der Vorsitzende war Herr Würzburger, der mit dem Freien Schachverband seit dessen Gründung 1921 verbunden war. In der Ausgabe der Deutschen Schachblätter vom 15. Dezember beschreibt Paul Krüger die freundliche Atmosphäre des Cafés, das Spieler aus vielen verschiedenen Nationen anzog. Krüger verwies darauf, dass hier täglich bis zu 200 Spieler zu Gast waren, die alle 30 Pfennige Gebühr entrichteten, wovon 20 an das Café und 10 an den Verein gingen. Mit dem dadurch eingenommenen Geld konnte der Verein weiterhin bedeutende Veranstaltungen wie die Berliner Turniere im November 1926 und im Mai 1927 organisieren und fördern.

Berlin 1926 – Freie Schachvereinigung

 

 

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Total

1

Bogoljubow

½

½

0

1

1

1

1

1

1

7

2

Rubinstein

½

1

½

½

1

1

1

½

0

6

3

Ahues

½

0

0

½

1

1

½

½

1

5

4

Grünfeld

1

½

1

½

0

1

0

½

½

5

5

Spielmann

0

½

½

½

½

½

1

1

½

5

6

Colle

0

0

0

1

½

0

1

½

1

4

7

Johner, P.

0

0

0

0

½

1

½

½

1

8

List

0

0

½

1

0

0

½

½

1

9

Sämisch

0

½

½

½

0

½

½

½

½

10

von Holzhausen

0

1

0

½

½

0

0

0

½

Berlin 1926, links, von vorne nach hinten: Grünfeld, Bogoljubow, Sämisch. Rechts: Rubinstein, Johner, Spielmann, Volkszeitung, 25. November 1926, S. 1.

Berlin 1927- Freie Schachvereinigung

 

 

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Total

1

Brinckmann

1

0

½

1

1

1

½

½

1

2

Bogoljubow

0

1

0

½

½

1

1

1

1

6

3

Nimzowitsch

1

0

½

1

1

0

½

1

1

6

4

Sämisch

½

1

½

½

1

0

1

½

1

6

5

Ahues

0

½

0

½

½

1

1

½

1

5

6

Enoch

0

½

0

0

½

½

1

1

1

7

List

0

0

1

1

0

½

1

1

0

8

Mieses

½

0

½

0

0

0

0

½

1

9

Schweinburg

½

0

0

½

½

0

0

½

½

10

Elstner

0

0

0

0

0

0

1

0

½

Während an diesen Turnieren bekanntere Spieler teilnahmen, gab es auch gelegentlich Berichte von Turnieren, in denen Mitglieder der Freien Schachvereinigung teilnahmen. Die Deutsche Schachzeitung vom Mai 1927 veröffentlichte Einzelheiten eines solchen Turniers: Enoch 9; Elstner 8; Kuhlmann 6½; E. Richter 5½; Ulrich 5.

Der Turniersieger David Enoch spielte später für Palästina bei der Schacholympiade 1935 in Warschau. Rudolf Elstner (1893–1966) wird an anderer Stelle in diesem Artikel erwähnt und Kuhlmann war ein Berliner Vereinsspieler. Der Spieler auf Rang vier war wahrscheinlich Prof. Erik Richter (1889–1981), der besser als Schachkomponist bekannt ist, und Ulrich war wahrscheinlich Bruno Ullrich (1907-1981).

1928 organisierten das Café E.P. und die Freie Schachvereinigung eine Reihe von Turnieren, von denen das erste zu folgendem Ergebnis führte: List 10½, Enoch 10, Elstner und Rotenstein 9, Rellstab 8½, Wegemund 7, Dahl 5½, Kreisberg und Ullrich 4½ etc. (Außerdem wurde noch in zwei weiteren Gruppen gespielt.)13

Berlin 1928 – Freie Schachvereinigung, Juli 1928

 

 

1

2

3

4

5

6

Total

1

Ahues

½

½

1

½

1

2

Richter, K.

½

1

½

½

1

3

Elstner

½

0

0

1

1

4

List

0

½

1

½

½

5

Mieses

½

½

0

½

½

2

6

Rellstab

0

0

0

½

½

 

Aber das Café geriet in Schwierigkeiten und musste zeitweilig geschlossen werden (wobei nicht klar war, ob es später wieder öffnen würde). In Anbetracht der Unruhe rund um das Café E.P. rief der Berliner Schachverband für seine Mitglieder eine freie Gruppe ins Leben, die sich im Café König traf. Das Café hieß früher Café Victoria, lag Unter den Linden und gehörte Josef König, der es 1925 gekauft hatte – eine klare Einladung an E.P.-Anhänger.14

Die Freie Schachvereinigung rief im Laufe einer Woche ordentliche und außerordentliche Versammlungen ein, um zu besprechen, wie wahrscheinlich es war, dass der Verein gezwungen wäre, ihr Lokal zu wechseln. Bernhard Kagan, der dem Verein seit langem verbunden war, schlug vor, dass der Verein ins Café König umziehen sollte, falls ihr aktuelles Spiellokal schließen würde. Sein Vorschlag basierte auf zwei Gründen; viele Turniere und Wettbewerbe wurden erst möglich, weil König sie finanziell unterstützte, und der Freien Schachvereinigung waren ähnliche Vorteile versprochen worden, wie sie sie jetzt genossen. Er räumte allerdings ein, dass es die Aufgabe des neuen Vorstands (der beim zweiten Treffen mit Viktor Stahlknecht als Vorsitzendem gewählt worden war) wäre, darüber zu entscheiden.15

Wenig später stand fest, dass das Café tatsächlich schließen musste, was Mitte August 1928 dann auch geschah. Nachdem Robert Zielka 1925 Konkurs erklären musste, hatte das Café etliche Besitzer, aber keiner von ihnen war in der Lage gewesen, das notwendige Kapital für Renovierungen aufzutreiben. Der neue Eigentümer war Peter Stüber, Besitzer des Cafés/Tanzsaals Imperator.16 Die Freie Schachvereinigung (Schachheim) wechselte ins Café König.   

Moka Efti

Rösterei und Café Moka Efti wurde im März 1926 eröffnet. Die Arbeiten an dem Gebäude Ecke Leipziger Strasse/Friedrichstrasse waren nicht zu übersehen gesehen. Eine italienische Zeitschrift veröffentlichte im März 1926 sogar zahlreiche Bilder des Gebäudes, um das Café anzukündigen. Die Zeitschrift zeigte zwar elf Fotos auf einer großen Doppelseite, verriet aber keinerlei Details über die Geschichte und das Personal des Unternehmens.

L’Illustrazione Italiana, 28. März 1926, S. 355.

Wenig später kündete eine führende Berliner Zeitung an, dass das Cafés am 31. März 1926, um 16 Uhr öffnen würde.

Berliner Tageblatt, 31. März 1926, S. 14.

Bei der amtlichen Zulassung des Unternehmens waren Simone Lutomirski, Milan und Philipp Lutomirski, Berlin, als Geschäftsführende Direktoren angegeben. Aber im Dezember 1927 waren sie bereits von Nikos Orginos und Thomas Politis, die beide in Berlin wohnten, abgelöst worden.17

Der Name des Cafés geht auf den Ort Mocha im Jemen zurück, der in ferner Vergangenheit ein Zentrum des Kaffeehandels gewesen war, und auch auf Giovanni Eftimiades, dem griechisch-italienischen Besitzer des Cafés, der klug genug, den Leuten zu erlauben ihn Efti zu nennen, was lauter auszusprechen war.

Anmerkung: Bald nach Gründung des Moka Efti im Jahre 1926 kauften die Investoren zusätzliche Grundstücke in der Kronenstrasse, westlich der Friedrichstrasse. Auf Fotos sieht man ein längliches Schild am Gebäude. Schachturniere wurden hier jedoch nicht gespielt.

Café Wien

Zur gleichen Zeit gab es noch andere Entwicklungen. Kurz vorher war bekannt geworden, dass sich ein freier Schachzirkel im Café Wien auf dem Kurfürstendamm treffen würden, mit Paul List als Meister vor Ort. List und Ex-Weltmeister Emanuel Lasker spielten im neuen Schachlokal ein Simultan an 44 Brettern, wobei sie abwechselnd zogen. Sie gewannen mit  +34, =8, -2.19

Emanuel Lasker während der Simultanvorstellung im Café Wien. Paul List ist nicht zu sehen. Berliner Tageblatt, 12. Mai 1929, S. 2 (Der Welt-Spiegel)

Im April 1929 zog das Moka Efti in das Gebäude des Equitable Palasts auf der anderen Straßenseite gegenüber. Die frei gewordenen Räume wurden sehr schnell durch ein neues Lokal belegt, und zwar durch das Café Mokadoro, das später ebenfalls ein Zentrum schachlicher Aktivitäten werden sollte.18

Im ersten Lokal, in dem das Moka Efti gastierte, hatte es keine schachlichen Aktivitäten gegeben, aber schon bald nach dem Umzug in den Equitable Palast fanden dort eine Reihe von Turnieren statt.

Am 30. April 1929 fand die jährliche Hauptversammlung der 1921 gegründeten Freien Schachvereinigung im Café König statt, seit August 1928 Spiellokal der Schachvereinigung. Ein Antrag des ehemaligen Vorsitzenden Stahlknecht, das Spiellokal zu wechseln, fand keine Zustimmung, stattdessen entschied sich der Verein dafür, im Café König zu bleiben und die neue Verbindung mit dem Berliner Schachverband, der das gleiche Lokal nutzte, aufrecht zu erhalten.20

Diese Entscheidung veranlasste eine Reihe von Mitgliedern zur Gründung einer neuen Vereinigung — Schachheim e.V. — die im Moka Efti spielte und dessen Vorstandsmitglieder V. Stahlknecht (1. Vorsitzender), Dr Siegmann (2. Vorsitzender) sowie Kurt Pätzold, P. Krusius und J. Milos waren. Die Gruppe, die sich so abspaltete, führte zu gewissen Spannungen in der Schachszene, vor allem, nachdem das folgende Foto veröffentlicht worden war.21

Bogoljubow während eines Simultans im Moka Efti am 11. Mai 1929 (+21, =5, -4). Direkt gegenüber von Bogoljubow sitzt der Namensgeber des Moka Efti – Giovanni Eftimiades. Denken und Raten, 26. Mai 1929.22

Das Foto führte zu einem Artikel, der im Juli 1929 im Schachwart erschien — und vermutlich vom Redakteur, Kurt Richter, geschrieben worden war. In diesem Artikel zeigte sich der Autor verärgert, dass Herr Efti durch die Fotoserie ohne Rücksicht auf Verluste hofiert worden war. Der Autor beklagte auch, dass Denken und Raten den vor kurzem gegründeten Klub —  Schachheim — förderte und kritisierte die Redaktionsleitung auch für die Berichterstattung über die Berliner Meisterschaft, die gerade gespielt worden war. Der Artikel wies zudem darauf hin, dass der Verein im Moka Efti kein Mitglied des Berliner Schachverbands war, und dass sich das "wirkliche Geschehen" im Café abspielen würde.

Abgesehen davon, dass es für den Berliner Schachverband und das Café König ganz natürlich gewesen wäre, sich Sorgen darüber zu machen, Spieler an das neue Lokal zu verlieren, so scheint es doch keinen wirklichen Grund dafür gegeben zu haben, sich über das Moka Efti und den Verein und die Art zu beklagen, wie er Werbung für sich machte. Was die Kritiker gestört zu haben scheint, war die Tatsache, dass Viktor Stahlknecht, Vorsitzender des neuen Schachheim, auch Chefredakteur bei Scherl war, dem Herausgeber von Denken und Raten, einer Rätsel- und Spielezeitschrift. Der Berliner Meister Karl Helling (1904–1937), der die Schachecke der Zeitschrift betreute, war ebenfalls bei Scherl angestellt.

Viktor Stahlknecht and Karl Helling

Links: Viktor Stahlknecht, Deutsche Schachblätter, 1. Sept. 1933
Rechts: Karl Helling Deutsche Schachblätter, 1. Sept. 1937

Das Moka Efti verlor keine Zeit und machte schnell Werbung für sich als das neue Schachlokal. Am 25. Juni 1929 gab Capablanca im Moka Efti eine Simultanvorstellung (+28, =3) und Sämisch spielte am 4. Juli 1929 gegen zehn Spieler gleichzeitig blind (+7, =2, -1). Am 4. Dezember spielte Capablanca dann ein weiteres Simultan (+25, =4, -2). Vom 6. bis 17. Dezember 1929 war das Moka Efti auch Gastgeber eines interessanten Turniers.23

Berlin 1929 – Moka Efti

 

 

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Total

1

Koch, B.

0

1

1

1

1

½

½

½

1

2

Schories

1

0

0

0

1

1

1

1

1

6

3

Johner, P.

0

1

½

0

½

½

1

½

1

5

4

Mieses

0

1

½

½

0

1

½

1

½

5

5

Schlage

0

1

1

½

1

½

0

1

0

5

6

Helling

0

0

½

1

0

½

½

1

1

7

Schweinburg

½

0

½

0

½

½

1

1

½

8

Rotenstein

½

0

0

½

1

½

0

0

1

9

Elstner

½

0

½

0

0

0

0

1

1

3

10

Enoch

0

0

0

½

1

0

½

0

0

2

Die Weltwirtschaftskrise Ende 1929 führte zu einem Wechsel der Besitzer des Unternehmens hinter dem Moka Efti, da deren Londoner Bank Rodocanachi Sons & Co keine Unterstützung mehr bot. Allerdings ist unklar, inwieweit das irgendeinen Einfluss auf die Entscheidung des Schachheim e.V. hatte, mit ihrem Verein in einen für sie reservierten Raum im Café Imperator zu ziehen. Die offizielle Eröffnung des neuen Spiellokals war am 15. März 1930 und wurde mit einem Vortrag von Ex-Weltmeister Emanuel Lasker gefeiert.24

Doch auch ohne den Schachheim Klub gab es bis Ende 1930 noch eine Reihe bemerkenswerter Veranstaltungen im Moka Efti. Am 8. Mai spielte Weltmeister Aljechin Simultan (+21, =9, -5) und vom 6. bis 14. August fand ein Vier-Meisterturnier statt, wobei man die Gelegenheit nutzte, zwei amerikanische Meister einzuladen, die an der Schacholympiade in Hamburg teilgenommen hatten.25

Berlin 1930 – Moka Efti

 

1

2

3

4

Total

Kashdan

■■

11

½½

11

5

Helling

00

■■

11

Steiner, H.

½½

■■

2

Sämisch

00

00

■■

Das Moka Efti blieb ein Schachcafé, aber im Laufe der Zeit scheint seine Bedeutung abgenommen zu haben. Man muss lange suchen, um Informationen über spätere Veranstaltungen zu finden, zum Beispiel, dass Professor Milan Vidmar 1931 in Berlin zu Besuch war, um dort einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, und bei dieser Gelegenheit auch eine Simultanveranstaltung gab, die er mit +18, =11, -1 gewann.26

Deutsche Schachblätter 1939 (S. 147)

Anfang 1933 wurde das Moka Efti "geschlossen", und die Schachspieler zogen ins Mokadoro um, das auf der anderen Seite der Strasse lag. Der Grund dafür wurde deutlich, als im September 1933 eine neue, arische Schachgruppe im Moka Efti ins Leben gerufen wurde. Vom 31. November bis zum 13. Dezember fand hier die Berliner Meisterschaft statt (Ahues und Sämisch teilten sich Platz 1).27

Café Mokadoro

Wie oben erwähnt, verlor das Mokadoro keine Zeit, in die Räume in der Leipziger Strasse einzuziehen, die vom Moka Efti aufgegeben worden waren. Im Mai 1929 zog das Mokadoro in das Gebäude.28

Auf der rechten Seite sieht man das Schild des Mokadoro. Im Equitable Palast gegenüber ist das Moka Efti.

Doch dieses Lokal tauchte erst im Januar 1932 in den Schachlisten auf, als Räume im dritten Stock unter Leitung von Ernst Schweinburg, Berliner Meister von 1920, für Schachspieler reserviert wurden. Zur Eröffnungsfeier des Lokals fand vom 19. bis 25. Januar ein Sechs-Meister-Turnier statt.29

Berlin 1932 - Mokadoro

 

 

1

2

3

4

5

6

Total

1

Elstner

½

½

1

1

1

4

2

Ahues

½

½

½

1

½

3

3

Schlage

½

½

1

0

1

3

4

Koch, B.

0

½

0

1

1

5

Helling

0

0

1

0

1

2

6

Rotenstein

0

½

0

0

0

½

Café Trumpf

1932 wurde in diesem Lokal am Kurfürstendamm 10 ein Schachzirkel ins Leben gerufen; Paul List war der Schachmeister vor Ort. Bei der Eröffnungsfeier am 14. November spielten List und Sämisch ein Simultan an 45 Brettern, bei dem sie abwechselnd zogen. Sie gewannen +38, =5, -2.30

Café Imperator

Dieses Café lag in der Friedrichstrasse 67, Ecke Taubenstrasse (siehe Karte ganz oben), ein paar Blocks vom Equitable-Gebäude entfernt. Nachdem sich das Schachheim hier im März 1930 einquartiert hatte, folgten schnell die ersten Veranstaltungen. Nach Ostern wurden Kurse im Schach und im Bridge angeboten, und Sämisch, der sich um das Schach kümmern sollte, gab eine Blindsimultanvorstellung an acht Brettern, die er mit +4, =1, -3 gewann.31

Friedrich (Fritz) Sämisch, mit seinem ständigen Begleiter, der Zigarette. Das Bild wurde während eines Turniers in Berlin aufgenommen, das vom 1. bis 9. Februar stattfand. Gespielt wurde mit den Bundesform-Schachfiguren, die 1934 nach einem von Ehrhardt Post autorisierten Design eingeführt wurden.

Später wurde Ahues im Imperator Schachmeister vor Ort. Carl Ahues (1883–1968) gewann 1929 die deutsche Meisterschaft und war nach diesem Erfolg weiter sehr aktiv. 1930 nahm er an sechs großen Turnieren teil; San Remo, Vier-Meister-Turnier Berlin, Scarborough, Schacholympiade Hamburg, Frankfurt und Liege. Aber wie er 1954 in seinen ausführlichen Erinnerungen in einer Reihe von Artikeln in der Zeitschrift Schach erklärte, spielte er danach wegen seiner Aufgaben im Café weniger.

Carl Ahues, Denken und Raten, 17. März 1929, S. 345.

Anfang 1931 nutzte das Schachheim die Anwesenheit von Lajos Steiner aus Ungarn und Hermann Steiner aus den USA, um zwei ganz unterschiedliche Veranstaltungen im Café Imperator zu organisieren. Am 31. Januar organisierten sie ein Problemturnier, das von Richard Steinweg geleitet wurde und bei dem 2-, 3- und 4-zügige Probleme gelöst werden mussten. Der erste Preis ging an Wilhelm Müller, der die Aufgaben in 92 Minuten löste; Zweiter wurde Georg Schories, der 99 Minuten für alle Aufgaben brauchte. Dahinter folgten Rellstab sowie L. und H. Steiner.32

Vom 3. bis 8. Februar organisierte der Klub auch ein Sechs-Meister-Turnier mit Mitgliedern des Berliner Schachverbands.

Berlin 1931 – Café Imperator

 

 

1

2

3

4

5

6

Total

1

Steiner, H.

1

1

½

0

1

2

Ahues

0

1

1

½

0

3

Helling

0

0

½

1

1

4

Rellstab

½

0

½

1

½

5

Sämisch

1

½

0

0

½

2

6

Steiner, L.

0

1

0

½

½

2

Und Bogoljubow, der oft als Nationaltrainer gerufen wurde, organisierte Trainingskurse für Anfänger und Fortgeschrittene, die am Dienstag und Freitag stattfanden und gut besucht waren.33

Das Verhältnis zwischen dem Berliner Schachverband und den Schachzirkeln in den Cafés war immer angespannt gewesen. Mitglieder des Berliner Schachverbands durften ohne eine spezielle Erlaubnis nicht an Veranstaltungen der Freien Schachvereinigung teilnehmen (wie beim Turnier im Moka Efti 1929, in dem Koch, Schlage, Schweinburg und Rotenstein, die alle Mitglieder des Schachverbands waren, spielten).

Die Deutschen Schachblätter (das offizielle Veröffentlichungsorgan des Deutschen Schachbunds) wiesen in ihrer Ausgabe vom 15. Mai 1930 daraufhin, dass von den Schachgruppen in den Berliner Schachcafés nur die Gruppe im Café König dem Berliner Schachverband und damit auch dem Deutschen Schachbund angehörte. Wenn das ein Versuch war, um das Schachheim im Café Imperator dazu zu bringen, Mitglied des Berliner Schachverbands zu werden, so war er erfolgreich, denn im Sechs-Meister-Turnier im Februar waren Mitglieder des Berliner Schachverbands dabei. Doch im Schachwart 1931 (S. 174) verkündete der Berliner Schachverband, dass das Schachheim im Café Imperator nicht mehr länger Mitglied des Berliner Schachverbands war, da sie seit ihrem Eintritt keine Beiträge gezählt hätten. Mitglieder des Berliner Schachverbands waren von Veranstaltungen der Schachvereinigung ausgeschlossen.

Aber die Dinge änderten sich bald einmal mehr, nachdem das Imperator erklärte, dass man zukünftig nur freies Schach unterstützen würde, was dazu führte, dass der Berliner Schachverband erklärte, dass Verbandsmitglieder an Veranstaltungen im Café Imperator teilnehmen konnten. (Schachwart 1931, S. 197)

Café König

Dieses Lokal lag in einem bekannten Teil der Stadt, der berühmt für seine vielen Cafés war. Das Café König stand da, wo früher das Hotel/Café Victoria (1859) gewesen war.

1925 wurde es von Josef König (1864-1933) übernommen. Er war um 1910 nach Berlin gekommen, wo er ein Imperium von Kaffeehäusern und Unterhaltungslokalen errichtete. Wie oben erwähnt übernahm König 1912 den Kerkau Palast, der sich bald zu einem Schachzentrum wurde, da König immer Schachfan gewesen war. Schon wenig später fanden im Café König Schachveranstaltungen statt.

Berliner Tageblatt, 29. Oktober 1925, S. 12.

Am 19. Januar 1926 spielte Bogoljubow ein Simultan an 42 Brettern (+28, =10, -4), ein weiteres Simultan war für den 27. geplant.34

Aber erst 1928 etablierte sich das Café König als führendes Schachlokal. Springer 1895, einer der größten Schachvereine Berlins, hatte ihr Vereinslokal bereits dort etabliert (weitere Vereine sollten diesem Beispiel folgen), und der Berliner Schachverband gründete eine "freie Schachgruppe", um Spieler aus dem Café Zielka anzulocken, das geschlossen worden war. Wichtiger noch war, dass das Café im gleichen Jahr zwei bedeutende internationale Turniere organisierte.

Berlin 1928 (September-Oktober) – Café König

 

 

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

Total

1

Bogoljubow

0

½

½

1

1

½

1

1

1

1

1

2

Sämisch

1

½

½

½

0

½

1

1

1

1

1

8

3

Grünfeld

½

½

1

½

½

1

0

1

0

1

½

4

Kostić

½

½

0

½

1

½

1

0

½

1

1

5

Ahues

0

½

½

½

1

1

0

0

½

1

½

6

Johner, P.

0

1

½

0

0

0

½

1

1

½

1

7

List

½

½

0

½

0

1

0

0

1

1

1

8

Richter, K.

0

0

1

0

1

½

1

0

1

1

0

9

Helling

0

0

0

1

1

0

1

1

0

0

½

10

Rotenstein

0

0

1

½

½

0

0

0

1

0

1

4

11

Steiner, L.

0

0

0

0

0

½

0

0

1

1

1

12

von Holzhausen

0

0

½

0

½

0

0

1

½

0

0

Berlin 1928 – Oktober – Café König

 

 

1

2

3

4

5

6

7

Total

1

Capablanca

■■

½½

½½

½½

11

11

2

Nimzowitsch

½½

■■

½0

½½

11

01

7

3

Spielmann

½½

½1

■■

½0

½0

11

½½

4

Tartakower

½½

½½

½1

■■

½0

00

5

Réti

00

00

½1

½1

■■

10

½½

5

6

Rubinstein

10

00

11

01

■■

5

7

Marshall

00

½½

½½

■■

8

Tarrasch

0

 

 

0

 

0

 

--

Tarrasch zog sich nach drei Niederlagen vom Turnier zurück

Sponsor dieses Turniers war das Berliner Tageblatt. Der junge Salo Flohr war als Journalist vor Ort und machte sich wegen seiner Fähigkeiten im Blitzschach einen Namen. Er nahm erfolgreich in einer Reihe von Blitzturnieren teil, aber er soll auch in Blitzpartien gegen die Meister im Café König eine hübsche Summe Geld gewonnen haben.

Wie oben erwähnt, verließen einige Mitglieder der Freien Schachvereinigung 1929 das Café König, um ein neues Schachheim im Moka Efti zu etablieren. Aber die Stellung des Café Königs war nur zeitweilig geschwächt und es zog weiter Mitglieder und Turniere an. Die Berliner Meisterschaft 1929 wurde zur Hälfte in Räumen der Schachgesellschaft und zur Hälfte im Café König gespielt, wobei die letzte Runde am 17. Juni im Café König stattfand.

Berliner Meisterschaft 1929

 

 

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Total

 1

Ahues

1

½

½

1

½

½

1

½

1

2

Richter, K.

0

1

½

1

1

½

½

1

1

3

Koch, B.

½

0

½

1

½

1

½

1

0

5

4

Rellstab

½

½

½

1

0

0

½

1

1

5

5

Engert

0

0

0

0

½

1

1

1

1

6

Mieses

½

0

½

1

½

0

½

½

1

7

Rotenstein

½

½

0

1

0

1

0

1

½

8

Schlage

0

½

½

½

0

½

1

1

½

9

Babel

½

0

0

0

0

½

0

0

1

2

10

Dührssen, Dr

0

0

1

0

0

0

½

½

0

2

Aufsehen erregte auch, dass die Partien 12 bis 17 des Weltmeisterschaftskampfs zwischen Aljechin und Boguljubow 1929 im Café König gespielt wurden. Die erste dieser Partie wurde am 11. Oktober gespielt. Ex-Weltmeister Emanuel Lasker fungierte als Schiedsrichter, unter den vielen Zuschauern waren u.a. Nimzowitsch und der spätere Großmeister Andor Lilienthal (1911–2010), der die Partien zusammen mit Ahues, Kurt Richter und Kagan mit Genuss verfolgte.

Am Ende ihres Wettkampfabschnitts in Berlin spielten Aljechin und Boguljubow noch ein Simultan an 41 Brettern im Café König. Sie zogen abwechselnd und gewannen das Simultan mit +36, =5.35

Das Jahr 1930 begann mit einem Blitzturnier, bei dem die Teilnehmer 10 Sekunden pro Zug hatte, und das am 9. Januar stattfand. Turniersieger wurde der aufstrebene Star: Flohr 6½, Helling 6, Kagan 5½, Pahl 5, Enoch 4, Rellstab 3½, Kipke 3, Richter 1½, Walter 1.36

Bald darauf folgte ein Vier-Meister-Turnier, das vom 19. bis 26. Februar gespielt wurde.

Berlin 1930 – Café König

 

1

2

3

4

Total

Rellstab

■■

00

11

Sämisch

11

■■

10

Ahues

■■

½½

3

Richter, K.

00

01

½½

■■

2

Mittlerweile hatten etliche Vereine entschieden, ihr Spiellokal ins Café König zu verlegen, was dazu führte, dass es dort an sechs Tagen in der Wochen Schach gespielt wurde.

 

Der Berliner Schachführer 1931, eine Übersicht über das Berliner Schachleben im Taschenformat. Herausgeber war Kurt Richter.

Das Café stellte seine Räume nun einer ganzen Reihe von Vereinen zur Verfügung:

  • Schachklub Springer 1895 – Dienstag und Samstag
  • Schachverein 1876 – Donnerstag, Sportliche Vereinigung Osram, Schachgruppe – Mittwoch
  • Bar Kochba-Hakoah, Schachabteilung – Donnerstag
  • Deutsch-Russischer Schachklub – Freitag
  • Schachklub der Deutschen Luft-Hansa – Dienstag
  • Berliner Schachverband – der Berliner Schachverband nutzte das Café König ebenfalls als Spiellokal.

Das Café König war auch regelmäßiger Treffpunkt der Berliner Gruppe der Problemvereinigung Schwalbe (die später allerdings ins Imperator umzog). Die damaligen Mitglieder waren:

  • Bartels, H.
  • Kantorowitz, Dr A.
  • Sämisch, F.
  • Benkö, Franz
  • Keidanski, Dr
  • Schiffmann, A.
  • Brandt, Erwin
  • Koers, J.
  • Schildberg, Eduard
  • Brennert, Otto
  • Koslowski, W.
  • Schildberg, Otto
  • Dittrich, Dr K.
  • Metz, Dr
  • Schmidt, E.
  • Hasselkus, Ernst
  • Meyer, Dr K.
  • Sommer, B.
  • Heidenfeld, W.
  • Preuß, Otto
  • Steinweg, R.
  • Horn, W.
  • Richter, K.
  • Zepler, Dr E.

Ende 1931 wurde das Blitzturnier im Café König an vier Abenden gespielt; 4., 11., 18. und 25. November. Sieger wurde ein Meister, der in langen Partien immer wieder Schwierigkeiten mit der Bedenkzeit hatte. Laut Schachwart endete das Turnier mit folgendem Ergebnis:

Sämisch 56, Helling 54, Rellstab 52½, K. Richter 52, Rabinowitsch 51, Rotenstein 50, Noteboom 39, Kreisberg 36½, Schenker 34½ etc. (16 Teilnehmer).37

Der junge holländische Spieler Daniël Noteboom war vor allem nach Berlin gekommen, um am Meisterturnier der Berliner Schachgesellschaft teilzunehmen. Bei den Schacholympiaden in Hamburg 1931 und in Prag 1931, in denen er für die Niederlande spielte, hatte er sein Potenzial bereits gezeigt, aber wahrscheinlich litt er während seines Aufenthalts in Berlin unter gesundheitlichen Probleme. Von Berlin aus reiste er nach England, um in Hastings im Premier Reserves zu spielen, aber wurde krank und starb im Januar 1932 wenige Wochen vor seinem 22. Geburtstag in London.

Die Vereinsmeisterschaft des Schachvereins 1876 begann am 22. Oktober 1931 und dauerte bis ins Jahr 1932. Gewonnen wurde sie von Kurt Richter mit 13½, vor Charmatz & Landmann 11½, Vitense 11, Kuhlmann & A. Wagner 10½, Koslowski & Mischke 7, Brennert, Mai, Peiser & Seiffert 6½ (16 Spieler).38

Die Berliner Meisterschaft 1932 begann am 26. April im Café König.

 

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

Pts

  1. Helling

1

½

1

1

½

1

½

1

1

1

½

9

  2. Rellstab

0

1

½

½

1

1

½

1

0

1

1

  3. Richter, K.

½

0

1

½

0

½

½

1

1

1

1

7

  4. Koch, B.

0

½

0

0

½

1

1

½

1

1

1

  5. Sämisch

0

½

½

1

1

1

½

½

½

0

1

  6. Ahues

½

0

1

½

0

½

0

1

½

1

1

6

  7. von Hennig

0

0

½

0

0

½

1

1

½

1

½

5

  8. Schlage

½

½

½

0

½

1

0

1

0

0

1

5

  9. John

0

0

0

½

½

0

0

0

1

1

1

4

10. Gumprich

0

1

0

0

½

½

½

1

0

0

0

11. Elstner

0

0

0

0

1

0

0

1

0

1

0

3

12. Rotenstein

½

0

0

0

0

0

½

0

0

1

1

3

Zu Beginn der Saison 1932-33 nutzten immer noch nicht weniger als sechs Vereine das Café König als Spiellokal. Einer von ihnen, die Schachabteilung der Lufthansa, verpflichtete Kurt Richter für eine Reihe von Beratungspartien und Simultanveranstaltungen.39

Endspiel

All die Arbeit und Unterstützung, die Josef König dem Berliner Schachleben gegeben hatte — praktisch und finanziell — zählte nichts mehr, als die Nationalsozialisten Anfang 1933 an die Macht kamen. König, der Jude war, floh am 8. März 1933, weil er bedroht worden war, und überließ Rudolf Gutmann, der ebenfalls Jude war, die Leitung seiner Lokale. Aber ein Komitee, das die neuen Gesetze der Nazis mit Gewalt durchsetzte, verwehrte ihm den Zugang.

Da beide, König und Gutmann, Jugoslawen waren, schickte die jugoslawische Botschaft am 4. April 1933 eine Note an das Auswärtige Amt, um sich für die beiden einzusetzen. Festgehalten wurde, dass die vier Cafés im Besitz von Josef König am Samstag, den 1. April, boykottiert worden waren. Die vier erwähnten Cafés waren:

  • Café König, Unter den Linden
  • Café Unter den Linden (das ehemalige Café Bauer)
  • Café/Restaurant Grüner Baum, Leipzigerstrasse
  • Delphi-Palast, Kantstrasse

Das Schreiben wies auch auf die Möglichkeit von Gegenmaßnahmen gegen Deutsche in Jugoslawien hin und verlangte, dass das Auswärtige Amt über die notwendigen Schritt informiert werden sollte.

Eine Webseite berichtete:

Nach der Intervention der Jugoslawischen Botschaft wurde die Leitung der Cafes wieder an Guttmann [Gutmann] übergeben. Zu diesem Zeitpunkt versuchte das Deutsche Reich noch, Juden vor antisemitischen Maßnahmen zu bewahren, um den Schein zu wahren und ihre internationale Reputation zu schützen.40

Josef König

Im Café König wurde jedoch weiter Schach gespielt — die Mehrzahl der Runden der Berliner Meisterschaft von 1933 fanden hier statt. Doch im Juni 1933 verkündete der Schachwart, dass das Café unter neuer Leitung stand und in Café Viktoria umbenannt worden war. Und in der August-Ausgabe der gleichen Zeitschrift wurde verkündet, dass im Moka Efti vom 1. September an Räume zur Verfügung stehen würden — für arisches Schach.

Das Café Viktoria blieb auch in den 30er Jahren noch ein Zentrum des Schachs, aber wie die meisten der in diesem Artikel erwähnten Gebäude wurde es im Zweiten Weltkrieg bei Bombardierungen zerstört.


Alan McGowan, Kurt Richter: A Chess Biography with 499 Games, McFarland 2018, ca. 65 Euro

Bei Schach Niggemann kaufen...

 


Anmerkungen

  1. Anzeige in der Volkszeitung, 17. November 1912, S. 3.
  2. Deutsche Schachzeitung 1920, S. 233.
  3. Deutsche Schachzeitung 1921, S. 68-9.
  4. Deutsches Wochenschach und Berliner Schachzeitung, November 1924, S. 242.
  5. Kurt Richter: A Chess Biography with 499 Games, S. 28.
  6. Berliner Tageblatt, 19. August 1928, S. 26; Berliner Börsenzeitung, 5. April 1918, S. 6.
  7. Berliner Börsenzeitung, 31. Juli 1919, S. 3.
  8. Volkszeitung, 15. November 1924, S. 2.
  9. Berliner Tageblatt, 6. Dezember 1924, S. 4; Deutches Wochenschach, November 1924, S. 242 und Januar 1925, S. 14.
  10. Berliner Tageblatt, 28. (S. 5) und 29. Oktober 19\25 (S. 5), Nachmittagsausgaben.
  11. Berliner Tageblatt, 24. April 1926, S. 5.
  12. Berliner Tageblatt, 8. Mai 1926, S. 6; Deutsche Schachblätter 1926, Nr. 18, S. 384.
  13. Deutsche Schachzeitung, Mai 1928, S. 131.
  14. Deutsche Schachzeitung, September 1928, S. 261-2.
  15. Kagans Neueste Schachnachrichten, Juli 1928, S. 268.
  16. Volkszeitung, 20. August 1928, S. 3.
  17. Berliner Börsenzeitung, 9. Januar 1926, S. 4; 19. Dezember 1927, S. 7.
  18. Kurt Richter erwähnt Elstner und das Moka Efti in der Deutschen Schachzeitung, September 1966, S. 283. Carl Ahues meinte in einem Artikel über historische Schachcafés in Berlin in Engelhardts Jahrbuch 1955, (S. 55), dass Elstner im Mokadoro angestellt war. Er meinte auch, Schweinburg hätte im Café Wien gearbeitet, und nicht im Mokadoro, wie an anderer Stelle berichtet.
  19. Deutsche Schachzeitung, März 1929, S. 68; Berliner Tageblatt, 12. Mai 1929, S. 2 (Der Welt-Spiegel).
  20. Schachwart, Juni 1929, S. 116.
  21. Deutsche Schachzeitung, Juli 1929, S. 198.
  22. Berliner Lokal Anzeiger, 12. Mai 1929, S. 13-Ergebnis des Simultans von Bogoljubow.
  23. Deutsche Schachblätter, 15. Juli 1929, S. 213 (Sämisch); The Unknown Capablanca, Hooper und Brandreth, S. 191.
  24. Deutsche Schachzeitung, April 1930, S. 102.
  25. Deutsche Schachzeitung, Juni 1930, S. 165 (Aljechins Ergebnis im Simultan).
  26. Deutsche Schachzeitung, Juni 1931, S. 169.
  27. Deutsche Schachzeitung, März 1933, S. 68; Schachwart, August 1933, S. 161 ("Schließung" des Moka Efti, dann die Wiedereröffnung für Arisches Schach).
  28. Volkszeitung, 21. April 1929, S. 2 (Moka Efti zieht um); 12. Mai 1929, S. 3 (Morgenausgabe).
  29. Deutsche Schachzeitung, Februar 1932, S. 40.
  30. Deutsche Schachzeitung, Dezember 1932, S. 362
  31. Deutsche Schachzeitung, April 1930, S. 102; Deutscher Lokal- Anzeiger, 6. April 1930, S. 18.
  32. Deutsche Schachzeitung, Februar 1931, S. 42.
  33. Deutsche Schachzeitung, April 1931, S. 100.
  34. Berliner Tageblatt, 20. Januar 1926, S. 5 (Nachmittagsausgabe).
  35. Deutsche Schachzeitung, November 1929, S. 327.
  36. Kagans Neueste Schachnachrichten, Februar 1930, S. 64.
  37. Schachwart, 1931, S. 197 und 238.
  38. Schachwart 1932, S. 80.
  39. Schachwart 1932, S. 199.
  40. Die Informationen über Josef König (und Foto) und Rudolf Gutmann stammen von der Webseite http://ojl.beuth-hochschule.de/en/sites/271, die aktuell allerdings nicht mehr zu erreichen ist.

Dank an Paul Brown, Andreas Lange, Ian Marks und Ulrich Tamm für Mitarbeit und Klärungen.




Alan McGowan wurde in Glasgow, Schottland, geboren, wo er auch zur Schule ging und das Schachspiel lernte. In einem Schachbuch in der Schulbibliothek stieß er auf die Partien und Schriften des deutschen Meisters Kurt Richter, der für sein kühnes Angriffsschach berühmt ist. McGowan begann, alles über Richter und sein Leben zu sammeln, was er konnte, und im Jahr 2018 veröffentlichte er eine riesige und umfassende Biographie über Richter, die von der Kritik breit bejubelt wurde. McGowan lebt heute in Waterloo, Ontario in Kanada.
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