Fritz in Graz
Von Mathias Feist
Runden-Berichte zur Computerschachweltmeisterschaft Graz 2003...
Schon der Name des Spielortes „Dom im Berg“
verhieß eine wohltuende Steigerung der Qualität gegenüber den letzten
Weltmeisterschaften. Graz als Kulturhauptstadt Europas 2003 als Rahmen der
Veranstaltung versprach Weiteres.

Dom im Berg

Meine Erwartungen waren also schon hoch und
wurden sogar noch übertroffen. Dann bei der Eröffnung konnte ich nur verwundert
meine Augen reiben. Es gab richtige Eröffnungsreden von wichtigen Politikern und
Sponsoren. Es geht also ein dickes Lob an die Organisatoren in Graz. In solch
einem würdigen Rahmen würden ich die WM gerne immer sehen.

Waltner Kastner kann
zufrieden sein: Eine prächtig organisierte Computer-WM
Für uns war es recht schwierig, direkt nach
dem Match gegen Kasparov schon wieder eine Veranstaltung zu haben. Donnerstag
zurück aus New York, Freitag im Flieger nach Graz. Dieses direkte
Aufeinanderfolgen erforderte die Vorbereitung der WM schon vor der Reise nach
New York. Für Fritz hieß das, die Arbeit musste Anfang November erledigt sein.
So früh vor einem Turnier war die Engine noch nie fertig.
Schon in der Vorbereitung auf das Match
gegen Kramnik in Bahrain haben wir Fritz besseres positionelles Verständnis
beigebracht. Die Auswertung der Partien und die Vorbereitung auf das Match gegen
Kasparov in New York gaben uns weitere Hinweise und Ideen. Fritz hat damit in
den letzten Jahren positionell enorm zugelegt. Zusammen mit der schon vorher
vorhandenen taktischen Gefährlichkeit hat sich Fritz damit zu einem sehr
ausgewogenen Programm gewandelt, das in fast allen schachlichen Bereichen sehr
gut zurecht kommt. Dieser Prozess begann mit Fritz 6 und wurde seitdem
konsequent weiterverfolgt. Wir sind hier noch nicht am Ende angelangt. Kasparov
hat aufgezeigt, dass Fritz noch nicht perfekt ist. Erkenntnisse aus diesem
Wettkampf werden in zukünftige Versionen von Fritz einfließen.
Den Erfolg dieser Arbeit konnte man in Graz
beobachten. Fritz muss nicht länger 1.e4 eröffnen, deutlich positionellere
Spielansätze sind möglich. In Graz hat Fritz in allen Weißpartien mit 1.Sf3
eröffnet. Das gab zwar in der Regel keinen Eröffnungsvorteil, aber die
Möglichkeit das bessere positionelle Verständnis von Fritz auszuspielen.
In der ersten Runde musste Fritz gegen
Falcon antreten, ein neues Programm von O. David Tabibi aus Israel. Wie uns der
Autor hinterher mitteilte, wollte er mit Schwarz Königsindisch unbedingt
vermeiden. Er hatte dabei jedoch übersehen, dass jemand mit 1.Sf3 eröffnen
könnte.

David Tabibi (re.) hier im Gespäch mit Stefan Meyer-Kahlen
Das war zwar nicht der ausschlaggebende
Grund für die Niederlagen, der Autor war aber schon nach der Eröffnung sehr
unglücklich. Fritz spielte die ersten 13 Züge aus dem Buch. Im 14. Zug war die
Bewertung ausgeglichen, die Züge 14 und 15 von Schwarz scheinen schon
positionelle Fehler zu sein. Auffallend in der Partie war, dass Fritz die beiden
gegnerischen Springer nie ins Spiel ließ. Fritz kontrollierte mehr Raum auf dem
ganzen Brett und drängte Schwarz langsam überall zurück. Der Freibauer auf der
c-Linie entschied dann die Partie.
Fritz
gegen Falcon...
In der zweiten Runde gab es das Duell gegen
Sjeng. Diese Partie hat eine besondere Vorgeschichte. Im Mai beim 3. Leidener
CSVN-Turnier hatte Fritz in der ersten Runde Schwarz gegen Sjeng. Es kam ein
Nimzoinder aufs Brett, in dem Fritz in einer sehr schwierigen Stellung aus dem
Buch kam. Damals spielte die allererste Testversion der heutigen Version von
Fritz, die mit der Stellung noch überhaupt nicht zurechtkam. Zu der schwierigen
Stellung kam also noch ein positioneller Fehler und die Partie war gelaufen.
Später in dem Turnier in Leiden hatten wir Schwarz gegen Chess Tiger und bekamen
genau die Variante im Najdorf aufs Brett, die wir hier gegen Sjeng hatten. Fritz
kam damals mit Verluststellung aus dem Buch und verlor schnell. Das Buch sowohl
von Sjeng als auch von Tiger stammt von Jeroen Noomen.

Alexander Kure (li.) gewann das Theorieduell gegen Jeroen Noomen.
Das konnte Alexander Kure, der Buchautor von
Fritz und Brutus, nicht auf sich sitzen lassen und tüftelte eine Neuerung im
Najdorf aus. Gegen Sjeng konnten wir sie anwenden, nach 17... Db6 war Sjeng aus
dem Buch und kam mit der Stellung nicht zurecht. Im Prinzip haben wir Fritz hier
auch aus dem Buch entlassen, aber die nächsten Züge b4 und Dxb4 würde Fritz auch
ohne Buch spielen, also kamen sie noch rein um Zeit zu sparen. Die entstehende
Stellung ist zweischneidig und ein klarer Fortschritt gegenüber der
Verluststellung aus Leiden. Jedenfalls konnte Fritz sehr schnell einen starken
Angriff aufbauen und durch ein „Damenopfer“ krönend zum Abschluss bringen. Auch
unter den Computerschächern gibt es also Theorieduelle. Dies sollte die Partie
sein, in der wir mit Abstand die längste Variante aus dem Buch spielten. Sjeng
haben wir vorher als einen der gefährlichen Gegner eingestuft, immerhin hatte er
das Turnier in Leiden im Mai gewonnen. Eine hohe Hürde war also genommen.
Sjeng
gegen Fritz...
In der dritten Runde gab es schon das
wichtige Duell gegen Shredder, der als einer der Favoriten auf den Titel
angesehen werden musste. Fritz spielte wieder sein zahmes 1.Sf3 und blieb 11
Züge im Buch. Shredder spielte 13 Züge aus dem Buch. Shredder's 14... a6 sieht
schon komisch aus. Fritz spielte 15.Lf4 und 16.Sc6, was bei mir erstmal
ungläubiges Kopfschütteln auslöste. Warum sollte Weiß den blöden Sa5 gegen den
schönen Se5 abtauschen und dabei einen Doppelbauern auf der c-Linie zulassen,
während der Bd5 doch sehr schön im Zentrum stand? Die GMs Peter Wells Boris
Altermann erklärten jedoch, dass der Bc6 riesenstark ist und für einen
dauerhaften weißen Vorteil sorgt. Der Verlauf der Partie bestätigte diese
Einschätzung. Fritz sperrte die beiden schwarzen Türme auf a7 und c8 ein und
ging dann langsam mit dem König Richtung Zentrum.

Fritz gegen Shredder
Eine Schlüsselstellung entstand nach 40... Tb3. Fritz wollte lange 41.Kd5
spielen und einen Turm gegen 4 Bauern gewinnen. Das wurde auch von Peter Wells
erwartet. Nach gründlichem Nachdenken entschied sich Fritz für 41.Lxf6, was den
Vorteil zum Teil zu vergeben schien. Schwarz konnte langsam seine Türme befreien
und einen davon abtauschen. Der übrig gebliebene Turm wurde jedoch auf h8 wieder
eingesperrt, was die Partie entschied. Die nachträglich Analyse ergab, dass
Schwarz wahrscheinlich genügend Gegenspiel für den Turm bekommen hätte, was
einen weißen Gewinn zumindest sehr schwierig gemacht hätte.
Fritz
gegen Shredder...
Die vierte Runde war sehr unrühmlich für
Fritz. Da Alexander Kure das Buch sowohl für Fritz als auch für Brutus machte,
hielt er sich in dieser Runde heraus. Für Brutus war Ulf Lorenz dran und für
Fritz ich selber. Man sollte mich nicht an den Eröffnungen herumfummeln lassen,
davon habe ich wirklich keine Ahnung. Als Alex die Variante sah, meinte er
gleich, dass dies sehr schwierig für Schwarz wäre. So kam es auch. Ich muss aber
neidlos anerkennen, dass die ganze Partie von Brutus mit viel Biss und sehr
konsequent gespielt wurde. Aus Fritz' Sicht: Schwamm drüber.
Brutus
gegen Fritz...
In der nächsten Runde gab es gleich den
nächsten dicken Brocken, Junior. GM Boris Altermann ist immer für eine
unangenehme Überraschung in der Eröffnung gut.

Boris Alterman hat immer einen Pfeil im Köcher
Diese Partie war keine Ausnahme. Junior
bekam eine riesige Stellung, die es dann langsam entgleiten ließ. Z.B. wären
nach dem von Fritz erwarteten 14.Dd1 die Lichter wohl bald ausgegangen. Doch
auch 14.Sd5 war gut, nur vergaß Junior dann mit dem erwarteten 17.Dxb4 den Sack
zuzumachen. Nach 17.Tb1? bekam Fritz langsam Gegenspiel und konnte sogar noch
selber Gewinnversuche anstellen, besonders 29.Kg4 machte Fritz kurzzeitig
glücklich. Am Ende gab es ein hart umkämpftes Remis.
Junior
gegen Fritz...
Nach fünf Runden hatte Fritz also schon
gegen die drei Hauptkonkurrenten Brutus, Junior und Shredder gespielt und
insgesamt 3.5 Punkte gemacht. Als gefährlichste Gegner stuften wir noch Diep und
List ein. Diep spielte auf einem Großrechner mit 512 Prozessoren, konnte für
diese Rechenkraft aber bis dahin noch nicht wirklich überzeugen. Die sechste
Runde musste zeigen, was Diep drauf hatte.

Vincent Diepeveen
Es gab wieder das bekannte 1.Sf3. Fritz
bekam das Läuferpaar, während Schwarz dafür Raumvorteil hatte. Eine kritische
Stellung ergab sich nach 21.Dh4. Der Ld2 weiß nicht so recht was er machen soll,
Schwarz kontrolliert den größten Teil des Brettes. Mit 21... f5 versucht
Schwarz, die Kontrolle noch zu verstärken. Das scheint aber eher eine Schwächung
zu sein, jedenfalls öffnete Fritz nach 22.e4! langsam die Stellung und übernahm
die Kontrolle über die Stellung. Fritz sperrte den schwarzen Springer auf a6 ein
und ging zum Gegenangriff über. 36.g4! stellte eine gefährliche Drohung auf, die
Diep nicht erkannte. Unbedingt nötig war 36... T8f7, um den Bauern h7 zu decken,
obwohl Fritz auch hier klar besser steht. Nach 36... Tf4? 37.g5+ war es schon
aus, Schwarz kann sich nicht mehr verteidigen. Vincent Diepeven beklagte sich
nach der Partie, dass seine PC-Version taktisch besser sei als die Version auf
dem Großrechner. Aus Performance-Gründen kann er dort keine „Singular Extensions“
verwenden, daher erkennt die PC-Version mit Singular Extensions taktische
Probleme schneller. Damit war eine weitere Hürde genommen, Fritz stand mit
Shredder punktgleich an der Spitze. Einen halben Punkt dahinter kam Junior,
einen weiteren halben Punkt dahinter Brutus.
Fritz
gegen Diep...
In Runde sieben wurde Fritz mit Schwarz mit
seiner eigenen Eröffnung konfrontiert. Also 1.Sf3 d5 2.d4, was schnell in ein
Slawisches Damengambit überging. Wie immer gab es nach zehn Zügen Buch eine
ausgeglichene Stellung, die Fritz schnell in einen mächtigen Königsangriff
umsetzte. Nach 20 Zügen zeigte Fritz schon einen Figurenvorteil an ohne Material
mehr zu haben.
Greenlight Chess gegen Fritz...
Runde acht loste Fritz einen weiteren
gefährlichen Gegner zu, List. Das Buch von List stammt von Erdogan Günes, der
konkret auf die Schwächen von Schachprogrammen hinarbeitet.

Erdogan Günes
Es enthält viele ungewöhnliche Gambits, in
denen die Programme gerne Material fressen um dann später ausgekontert zu
werden. Viel Angst davor mussten wir aber nicht haben, da es nach 1.Sf3 kaum
solche Möglichkeiten gibt. Positionell gewohnt sicher erzeugte Fritz schwächen
in der gegnerischen Stellung um dann mit besser postierten Figuren die Partie
nach Hause zu schieben. Besonders beeindruckend in dieser Partie waren die
Bauernzüge am Königsflügel um im schwarzen Lagen weißfeldrige Schwächen zu
erzeugen, die dann von den weißen Figuren, besonders dem Läufer, ausgenutzt
wurden. Am Ende wickelte Fritz ganz pragmatisch in ein gewonnenes Turmendspiel
ab, bei der Anzeige Matt in 45 schmiss Schwarz das Handtuch.
Fritz
gegen List...
Der neunte Gegner hieß Nexus. Fritz mit
Schwarz bekam einen geschlossenen Sizilianer vorgesetzt, in dem Weiß sofort
versuchte anzugreifen. Nachdem dieser Angriff abgeschlagen war, sperrte Fritz
einen weißen Läufer auf h6 ein und spielte fortan praktisch mit Mehrfigur.
Besonders sehenswert ist dann noch der Mattangriff von Fritz mit reduziertem
Material, Schwarz hatte nur noch Turm und Springer. Um diesen abzuwehren, musste
Weiß einen Freibauern auf der g-Linie durchlaufen lassen.
Nexus
gegen Fritz...
Die Situation an der Spitze des Turniers
hatte sich nicht geändert, da die ersten 4 „durchpunkteten“. Nur der Abstand zum
fünften wurde immer größer. Die letzten beiden Runden wurde an einem Tag
gespielt. In Runde zehn musste Fritz mit Weiß gegen Chinito antreten. Fritz
sicherte sich das Läuferpaar gegen die beiden Springer. Entscheidend war jedoch,
dass Fritz dann die beiden schwarzen Springer auf c8 und e8 einsperrte und einen
Freibauern auf der e-Linie bildete. Davon erholte sich der Schwarze nicht mehr
und Fritz konnte in Endspiel Läufer+Bauern gegen Bauern abwickeln, was aber
nicht mehr gezeigt werden musste.
Fritz
gegen Chinito...
Alles hing also an der elften Runde. Fritz
bekam wieder Weiß, diesmal gegen SOS. Nach 11.Txd1 war eine total ausgeglichene
symmetrische Stellung auf dem Brett. Nach 23.Lxf3 hatte sich die Lage aus
Gewinnsicht noch verschlimmert, ein Doppelturmendspiel mit ungleichen Läufer war
entstanden. Der einzige Lichtblick: ein schwarzer Einzelbauer auf d4. Doch nun
entwickelte Fritz richtige Ideen. 26.a4 und 28.b4 ließen schon erahnen, dass die
Partie noch nicht vorbei war. Nach 31... b6 war der schwarze Läufer auf a5
eingesperrt und die weißen Figuren entwickelten langsam Kraft. Nach 43.Td7 ist
Schwarz schon in einer sehr unangenehmen Lage, jetzt muss der Läufer auf Kosten
eines Bauern befreit werden, aber der drohende Durchbruch e5 mit der Bildung
eines Freibauern hat schon entscheidende Wirkung.
Fritz
gegen ParSOS...
Der Stand nach elf Runden: Fritz und
Shredder vorne, dahinter Junior und Brutus. Dann ein Riesenabstand zum fünften.
Am Sonntag musste also ein Stichkampf gegen Shredder gespielt werden. In der
ersten Partie kam Fritz mit Schwarz durch ein weißes Figurenopfer schwer unter
Druck. Shredder verpasste wohl mit 30.Txf4 den Sack zuzumachen und Fritz konnte
danach das Remis halten. In der zweiten Partie konnte Fritz mit 1.Sf3 Shredder
klar überspielen und sah schon wie der Sieger aus. Doch 22.Sxb6 warf den Vorteil
praktisch weg. Später im Endspiel konnte Shredder Fritz dann austricksen und die
Partie sogar noch gewinnen. Die beiden überzeugendsten Programme haben im
Endspiel gestanden, das glücklichere hat dann gewonnen. Herzlichen Glückwunsch
an den Autor Stefan Meyer-Kahlen.
Stichkampf:
1.Partie...
2.Partie...
Etwas Sorge bereitet mir der große Abstand
zwischen Platz vier und fünf. Es sind schon die vier Programme auf den ersten
vier Plätzen, die ich dort erwartet hatte. Diese vier haben gegen den Rest des
Feldes 30.5 Punkte aus 32 Partien gemacht. Meines Erachtens ist der Abstand
nicht nur durch die bessere Hardware zu erklären. Diep und Sjeng waren
sicherlich konkurrenzfähig ausgestattet. Nicht auf alle Amateure traf das zu,
dennoch wurden auf früheren Turnieren viel mehr Punkte „entführt“. Sicherlich
haben die Profis in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht, ich hoffe
jedoch dass die Amateure hier bald wieder nachziehen wie es schon früher der
Fall war.
Freuen wir uns auf die WM
04.07.2004-12.07.2004 in Israel. Der Termin ist für viele Amateure günstiger, da
es einfacher ist Urlaub zu bekommen. Außerdem sollen Amateure finanziell
unterstützt werden, was hoffentlich zu einer regen Teilnahme führt.