Rückblick auf Wijk aan Zee

06.02.2012 – Es ist kaum eine Woche her, da endete in Wijk aan Zee eines der absoluten Topereignisse des internationalen Schachkalenders. Mit drei stark und interessant besetzten Rundenturnieren zu je 14 Spielern bietet jede Runde eine Fülle von großartigen Partien und vielerlei Gesprächsstoff. Jeder der Spieler erlebt seine eigene Turniergeschichte mit verpassten Chancen oder unverhofften Glücksfällen. Manche zeigen große Form - andere befinden sich in einem Tief oder sind überspielt. Bevor das Turnier zu den Akten gelegt wird: hier noch ein kleiner Rückblick mit bisher unveröffentlichten Bildern von Schachpersönlichkeiten abseits des Brettes. Fazit und letzte Bilder...

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Rückblick auf Wijk
Von André Schulz
Bilder: Elisebth Pähtz und Joachim Schulze

Abschlusstabellen und Partien...

Bei der Betrachtung der Schlusstabelle des Tata-Steel A-Turniers fällt auf, dass sie auf auffällige Weise in zwei Teile zerfällt - in die Hälfte mit den Elo-Gewinnern und in die Hälfte der Elo-Verlierer - mit zwei kleinen Ausnahmen.

Sechs der sieben Elo-Zugewinner belegen die Plätze der oberen Tabellenhälfte. Magnus Carlsen, Weltranglistenerster, hat einen Punkte verloren, gehört also streng genommen zur Gruppe der Elo-Verlierer. In Wirklichkeit hat er aber um den Turniersieg mitgespielt und konnte auch einen Sieg gegen den späteren Turniergewinner Levon Aronian verbuchen. Carlsens Eröffnungsrepertoire ist leicht zu beschreiben. Er spielt "alles". Allerdings sind seine Varianten nicht dazu angelegt - oder nicht vielleicht auch nicht geeignet-, den Gegner von Anfang an unter Druck zu setzten. So wich Carlsen in der Partie gegen Caruana jeder theoretischen Diskussion in der Königsindischen Verteidigung aus und spielte mit 5.Lg5 eine eher seltene Nebenvariante, Später ging der Norweger mit einem positionellen Qualitätsopfer einiges Risiko - am Ende ging die Partie remis aus. Dies ist ein Beispiel von mehreren, in denen der 22-jährige riskant und teilweise sehr spekulativ zu Werke ging, um auf dem Brett ein Ungleichgewicht zu schaffen. Manchmal hat das gut funktioniert, manchmal rettete er aber am Ende so gerade nur das Remis, gegen Karjakin ging es schief. Carlsens Gegner, besonders mit den schwarzen Steinen, legen es auch nicht unbedingt darauf an, eine spannenden Partie zu bekommen. Im Gegenteil: wenn möglich wird getauscht und der Ball flach gehalten. Am Ende reichte es für Carlsen zu einen geteilten zweiten Platz.


Magnus Carlsen beim Fußball


Auch beim Kicker stark


Magnus Carlsen mit Elisabeth Pähtz auf dem Abschlussbankett


Noch besser: Magnus Carlsen mit Tania Sachdev und Elisabeth Pähtz auf dem Abschlussbankett

Noch besser als Magnus Carlsen war Levon Aronian. Der Armenier gewann nicht weniger als sieben Partien und überkompensierte damit seine zwei Niederlagen - gegen Carlsen und ausgerechnet gegen den formschwachen David Navara. Seine Eloleistung von 2891 bringt ihm 15 Punkte ein und in der Live-Eloliste bis auf 11 Punkte an den führenden Carlsen heran. Aronian pflegt einen ganz anderen Stil als Magnus Carlsen - vielleicht könnte man diesen am ehesten als druckvoll positionell bezeichnen. Gegen Nakamura gab er Turm und Läufer gegen Dame, kassierte mit seinen Offizieren noch zwei Bauern und führte dieses Material zum Gewinn. Beeindruckende Siege feierte er gegen Anish Giri und Boris Gelfand, wo er beides mal sein Abgelehntes Damengambit mit Schwarz zum Sieg führte. Gegen Giri sorgte ein positionelles Qualitätsopfer für anhaltende Probleme im weißen Lager. Im April wird Aronian einen Wettkampf gegen Kramnik spielen - erstmals in der Geschichte des Schachs treffen zwei Spieler mit 2800 Elo oder mehr aufeinander.


Anders herum...


Carslen freut sich über seinen zweiten Preis


Caoili und Aronian


Teimour Radjabov und Fabiano Caruana belegen zusammen mit Carlsen die Plätze zwei bis vier. Der Aseri verlor als Einziger keine Partie und gewann drei mal - gegen Navara, Karjakin und Gashimov.


Radjabov mit Begleitung

Radjabov gewann weitere 11 Punkte und liegt nun noch dichter hinter Anand auf Platz fünf der Live-Weltrangliste. Manchmal hat man aber den Eindruck, Radjabov könnte noch mehr erreichen, wenn er auch mal etwas riskieren würde.

Fabianao Caruana ist der Überflieger der letzten Monate. In Wijk aan Zee gewann er 19 Punkte hinzu. Zuvor hatte er auch schon in Reggio Emilia Punkte gesammelt. In der Live-Liste liegt der beste Italiener aller Zeiten auf Platz zehn und hat sich um sieben Plätze verbessert. In Wijk gewann Caruana vier Partien und verlor einmal - gegen Aronian. Einen sehr starken Eindruck hinterließ sein Sieg gegen Giri. Den Niederländer schob er chancenlos zusammen.


Caruana mit seinem Preis von Johan van Hulst


Johan van Hulst ist 101 Jahre alt

Vassily Ivanchuk gehört ebenfalls zu den Elo-Gewinnern. Mal verliert der Ukrainer - mal gewinnt er. Aber immer gehört er zum Kreis der Weltspitze. Gegen Loek van Wely verpasste der bald 40-Jährige einen Sieg. Das bekam die Tür im Pressezentrum zu spüren, die seine Enttäuschung in Form eines wuchtigen Tritts entgegen zu nehmen hatte. Allerdings war ein Teil der Tür aus Glas und wies dann ein großes Loch auf. Ivanchuk gewann gegen Gashimov, Giri und Navara, verlor aber gegen Gelfand.

Auf die gleiche Punktzahl wie Ivanchuk kam Hikaru Nakamura. Der US-Amerikaner hatte das Turnier im Vorjahr im großen Stil gewonnen und sich endgültig in der Weltspitze etabliert. Diesmal kam er aus Reggio Emilia, wo er von Giri noch als Turniersieger abgefangen wurde. Mit Nakamura kommt immer frischer Wind in ein Turnier. Der Amerikaner spielt ganz andere Eröffnungen und experimentiert auch mal. Regelmäßig greif er z.B. zur Holländischen Verteidigung in verschiedenen Variationen. Das hat dann sogar Carlsen dazu animiert, diese Verteidigung eimal zu probieren.

Der letzte Elo-Gewinner ist Gata Kamsky. Der Amerikaner, inzwischen wieder nach Moskau umgezogen, holte sieben Punkte und gewann neun Elopunkte hinzu. Er gewann drei Partien, u.a. gegen seinen mehrfachen Matchgegner aus Kandidatenwettkämpfen Topalov und verlor zweimal.

Damit erreichen wir die zweite Turnierhälfte, angeführt von Sergey Karjakin.


Karjakin beim Fototermin

Der gebürtige Ukrainer, inzwischen in den russischen Verband gewechselt, ist genauso alt wie Magnus Carlsen, geriet aber schon etwas  früher in die Schachschlagzeilen, nämlich als 12-jähriger Sekundant von Ruslan Ponomariov bei dessen Gewinn der FIDE-Weltmeisterschaft. Seitdem hat das "Wunderkind" seinem einstigen "Chef" den Rang abgelaufen und sich unter den Top Ten etabliert, derzeit auf Platz sieben.



Alexander Motylev nimmt Maß

Mit 6,5 Punkten hat Karjakin genau 50% erreicht, allerdings auf spektakuläre Art und Weise - zehn seiner Partien wurden entschieden. Fünfmal verließ der russische Großmeister als Sieger den Tisch, und einer der Besiegten war Magnus Carlsen. Dabei ist Sergey Karjakin eher als besonnener Spieler bekannt, der es nicht unbedingt auf "Krawall" anlegt. Vielleicht zwangen ihn die Umstände: Er startete mit zwei Niederlagen, glich danach aus, und musste dann zwei weitere Niederlagen quittieren.

Loek Van Wely ist der zweite Spieler, der sich in der falschen Hälfte platzierte. Mit 5,5 Punkten erzielte er als "Elo Underdog" - der Holländer war der einzige Spieler unter 2700 im A-Feld - einen kleinen Elozugewinn. Normalerweise will der Tilsiter beim Schach Spaß haben und spiet taktisch riskant. Diesmal achtete er aber doch auch sehr auf das Ergebnis und wurde mit 11 Punkteteilungen Remiskönig.

Ein schlechtes Turnier verzeichnete Boris Gelfand. Man darf wohl vermuten, dass der Herausforderer sich angesichts des kommenden WM-Kampfes im Mai in Moskau versteckt hat und so manches Ergebnis seiner Eröffnungsarbeit für diesen Zeitpunkt aufspart.

Veselin Topalov ist gegenüber seinen früheren Auftritten in Wijk aan Zee (z.B.: 2006: Zweiter mit einer Elo-Leistung von 2850, 2007: Zweiter/ 2823) nicht wieder zu erkennen. Er gewann eine Partie und verlor viermal. Seine für seine Verhältnisse magere Eloleistung von 2672 kostet ihn 18 Elopunkte und sieben Plätze in der Elo-Liveliste.

Auch Vugar Gashimov wird nicht zufrieden sein. Er machte das gleiche Ergebnis wie Topalov (5 Punkte) und verlor vor allem gegen die Spieler der oberen Hälfte. Das könnte auch an Gashimovs Stil liegen, der sehr taktisch geprägt und spekulativ ist aber bei den ganz starken Spielern vielleicht nicht zum Erfolg führt.

Das Tabellenende zieren David Navara und Anish Giri. Der Tscheche kam niemals richtig ins Turnier, kann aber für sich verbuchen, ausgerechnet gegen Turniersieger Aronian gepunktet zu haben. Anish Giri, reiste mit dem Turniersieg von Reggio Emilia in der Tasche an, startete ordentlich, brach aber in der zweiten Turnierhälfte ein.

Das B-Turnier gewann Pentala Harikrishna, der sich damit für das nächste A-Turnier qualifiziert hat.


Harikrishna


Hariskrishna mit Elisabeth Pähtz

Die drei Frauen im Turnier - Lahno, Cmilyte und Harika, platzierten sich am Tabellenende und verloren allesamt Elopunkte.

Im C-Turnier setzt sich souverän Maxim Turov durch,


Maxim Turov, li.

... knapp vor Hans Tikkanen. Der Schwede hatte zuletzt viele starke Ergebnisse. Von den Frauen hielten Pähtz und Sachdev ihr Niveau,


Shopping in Amsterdam





ebenso die jungen Niederländerinnen Haast und Schut, während Danielian ebenfalls einige Elopunkte verlor.


Die Tafel der Meister


Zum Ende gab es das traditionelle Abschlussbankett mit der berühmten Wijker Erbsensuppe. Zwischendurch Ansprachen und Siegerehrung, danach Gelegenheit zum "Meet and Greet"



Kamsky Begleitung, li., neben Batschimeg


Sahaj Grover neben Tochter und Mutter Harika


Elisabeth Pähtz und Tania Sachdev im Partnerlook


Funkenmariechen?

Nach dem Turnier in Wijk aan Zee reisten Anish Giri, Sergey Tiviakov und Sergey Karjakin weiter nach Den Haag und gaben dort im "Stadhuis" ein Simultan gegen je vierzig Spieler.


Den Haag




Karjakin freut sich

 

 

 

 



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