Reaktionen auf den Kopftuchzwang

von André Schulz
07.10.2016 – Die Vergabe der nächsten Weltmeisterschaft der Frauen an den Persischen Schachverband sorgt für reichlich Diskussionsstoff. Nachdem bekannt wurde, dass die WM im nächsten Februar im Iran stattfinden soll, erhob sich ein heftiger Protest in den sozialien Medien, denn Frauen müssen im Iran ein Kopftuch (Hidschab) tragen. Die US-Meisterin Nazi Paikidze erklärte als Erste ihren Verzicht und fand vielfache Unterstützung, zum Beispiel von Garry Kasparov. Die aufgebrachten Reaktionen trafen aber auch Susan Polgar, die mit der Entscheidung nichts zu tun hatte. Mehr...

Komodo Chess 14 Komodo Chess 14

Gleich zweimal gewann Komodo im vergangenen Jahr den Weltmeistertitel und darf sich "2019 World Computer Chess Champion" und "2019 World Chess Software Champion" nennen. Und der aktuelle Komodo 14 ist noch einmal deutlich gegenüber seinem Vorgänger verbessert.

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Die Vergabe der kommenden Weltmeisterschaft der Frauen an den Iran schlägt weiter hohe Wellen, in der Schachszene, aber auch in der nationalen und internationalen Presse.

Die Weltmeisterschaft wird im K.o.-Format mit 64 Teilnehmerinnen gespielt und hätte eigentlich schon in diesem Oktober stattfinden sollen. Die FIDE fand aber keinen Ausrichter. Nachdem Titelverteidigerin Yifan Hou, nach dem Rückzug von Judit Polgar die mit Abstand beste Frau der Welt, verkündet hatte, dass sie an Frauen-WM nicht mehr teilnehmen werde, wenn die Regeln und das Format nicht an die Weltmeisterschaft der Männer angepasst werde, verschlechterte sich die Attraktivität des Turniers noch einmal. 

Bei der letzten Generalversammlung der FIDE während der Schacholympiade in Baku wurde schließlich beschlossen, die Ausrichtung der Frauen-Weltmeisterschaft an den Iran zu vergeben, den einzigen Bewerber überhaupt. Der Persische Schachverband hatte in diesem Jahr schon ein Turnier aus der Grand-Prix-Reihe, Qualifikation für die nächste WM, durchgeführt. 

 

 

Allerdings sind alle Frauen-Turniere in den meisten islamischen Staaten mit einer Auflage verbunden. Alle Frauen, islamischen Glaubens oder nicht, müssen dort in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen.

Grand Prix Turnier in Teheran

Sie dürfen sich auch nicht alleine im gleichen Raum mit einem Mann aufhalten, der nicht ihr Ehemann ist. Bei Schachturnieren werden Frauen aber oft von männlichen Trainern unterstützt und sind es gewohnt, sich mit diesem im Hotelzimmer auf die nächste Partie vorzubereiten. Für US-Spielerinnen ergibt sich eine weitere Schwiereigkeit: Das US-Außenminsiterium warnt seine Bürger ausdrücklich vor Reisen in den Iran.

Die für die WM qualifizierte amtierende US-Meisterin Nazi Paikidze hat in ihrem Twitter Account als erst öffentlich verkündet, dass sie deshalb an der Weltmeisterschaft im kommenden Februar nicht teilnehmen werde. Sie wurde weltweit in der Presse zitiert.

 

 

Paikidze fand für ihre Erklärung unter den Schachspielerinnen und Schachspielern viel Unterstützung, zum Beispiel von Garry Kasparov. Nicht nur er nutzte die Gelegenheit, auf diese Weise das derzeitige FIDE-Präsidium zu kritisieren. Kasparov hatte sich selber vor zwei Jahren als FIDE-Präsident beworben, war aber gescheitert.

 

 

Emil Sutovsky, Präsident der Spielergewerkschaft ACP, hat eine offizielle Anfrage an die FIDE gerichtet, erntete aber nur ein Achselzucken. Die Spielerinnen müssten den örtlichen Gesetzen in Bezug auf Kleidungsfragen folgen, hieß es in der Antwort lapidar.

 

 

Einen Kollateralschaden erlitt Susan Polgar. Sie wurde in einem Beitrag des Telegraph über dieses Thema fälschlicherweise so zitiert, als ob sie die Vergabe der FIDE an den Iran gutgeheißen hätte. Polgar ist Vorsitzende der Frauenkommission der FIDE. In einer Erklärung stellte sie fest, dass sie  an der Entscheidung der FIDE weder beteilgt war, noch dazu gehört wurde. Als Reaktion auf unzählige Angriffe in ihren Facebook- und Twitter-Accounts hat sie 1000 Trolle aus ihren Kontakten ("Follower", "Freunde") dort entfernt. 

Susan Polgar


Official statement re: Telegraph article.

The article appearing in the Telegraph on 29 September concerning the decision of FIDE to award the Women’s World Chess Championship to Iran both quoted me in a way that seriously misrepresented my views, and gave a misleading impression of my position with regard to the Federation which implied that the decision as to venue had received my endorsement. In consequence I have received thousands of communications, most of which have been extremely unpleasant. I would like to put the matter straight.

I am Co-Chair of the FIDE Women’s Commission, a body set up to promote women’s participation in chess to increase the number of female players, trainers and arbiters, but neither I nor the commission have any voting rights with regard to the venue of the Women’s World Championships or any other matter. I was not consulted and did not endorse the choice of Iran as the venue for the Championships. Contrary to the impression given by the article I have never said I support FIDE’s decision and I certainly have not demanded that all participants respect Iranian culture and wear hijabs. I do suggest that people not act hastily before the full rules and conditions of the event have been published, I would urge people to be respectful of others no matter what side of the argument they represent, and I support a player’s right to boycott the event just as much as I support their right to take part should they so choose.

This is clearly a very contentious issue and I sincerely hope that matters can be resolved in a way that will promote understanding rather than discord and will be in the best interest of the Women’s World Championship and chess in general.

Stellungnahme von Susan Polgar...

 

Pressereaktionen:

Berliner Zeitung: Schachspielerinnen drohen mit WM-Boykott ...

Die Welt Wer sich nicht verschleiert, darf nicht ans Brett...

Süddeutsche Zeitung: Schach-Spielerinnen wollen WM in Iran wegen Kopftuchzwang boykottieren ...

Kölner Stadtanzeiger: Schachspielerinnen drohen mit WM-Boykott...

Lizas Welt: Schachmatt dem Kopftuchzwang...

 

Internationale Pressereaktionen...

 

 

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.

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