Rezension: Die Wiener Variante im Damengambit von Yannik Pelletier

20.09.2018 – Die Wiener-Variante im Damengambit ist eine strategisch anspruchsvolle Verteidigung. Da sie Schwarz die Möglichkeit gibt, auf Gewinn zu spielen. ist sei bei Klubspielern wie Profis gleichermaßen beliebt. Phillip Hillebrand hat sich die neue DVD von Yannick Pelletier zu dieser Verteidigung gründlich angeschaut.

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Die Wiener Variante im Damengambit von Yannik Pelletier

Von Philipp Hillebrand

Das Schach ist heutzutage ohne die Hilfe von Engines kaum noch anzutreffen, dies mag man als störend oder auch bereichernd empfinden. Als beachtlich kann man aber festhalten, dass sie vor allem „älteren“ Varianten wieder neues Leben eingehaucht haben, da früher nicht selten eine Variante als zu scharf abgetan wurde. Dank der Engines werden aber immer wieder sehr konkrete Verteidigungsansätze gezeigt und die Wiener Variante des Damengambits ist eine Eröffnung, die wieder an Popularität gewonnen hat und solche riskanten und spannenden Stellungen verspricht. Einige Stellungen sehen sehr anrüchig aus mit der geschwächten Struktur am Königsflügel und einem schwarzen König auf e7 weil ja noch sechs Schwerfiguren auf dem Brett sind. Strategisch ist die Eröffnung dennoch wohl begründet, denn in einem Endspiel wird aus dem schutzbedürftigen König ein starker Pluspunkt in Verbindung mit der Damenflügelmehrheit.

 

Diese Stellung wurde u.a. von Boris Gelfand erfolgreich gespielt in Nikolic, P – Gelfand, B, Kandidatenturnier 1991.

Yannik Pelletier hat sich der Darstellung der Wiener Variante angenommen und beginnt sein Werk mit der Vorstellung der Variante an sich, worin die Philosophie der Variante genannt wird im Zusammenhang mit der historischen Entwicklung. Er hebt dabei hervor, dass TOP GMs dieses Abspiel eher als Ausgleichswaffe nutzen, gerade Dank der Möglichkeit der konkreten Analyse mit Engines in solchen Stellungen, aber er ist davon überzeugt, dass auch „Normalsterbliche“ Schachspieler diese Variante gut spielen können, wenn sie die typischen Ideen kennen und anwenden können und sich dank der Pluspunkte wie ein Umschwenken des Königs zwischen Anfälligkeit und Angreifer zum Endspiel hin gerade dank der Bauernstruktur am Damenflügel als günstig erweisen können.

Die Wiener Variante - eine verlässliche und ambitionierte Waffe gegen 1.d4

Die Wiener Variante ist eine spezielle Variante des Damengambits, die nach den Zügen 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4 erreicht wird.

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Im Kapitel über die Zugreihenfolgen erläutert der Autor die möglichen Wege zur Ausgangsstellung. Zunächst über 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 (dies ist das klassische Damengambit) Sf6 4.Sc3 (hier wird von vielen starken Spielern allerdings die Abtauschvariante gewählt mit 4.c4xd5, was viele Spieler als Nachziehender unangenehm finden, gerade weil der Königsspringer noch auf g1 steht und der Plan mit Sge2, f2-f3 u.U. Sg3 nebst e3-e4 zur Verfügung steht. Was GM Pelletier nicht erwähnt ist die Möglichkeit auf 4.c4xd5 mit Sf6xd5 zu antworten. Dies setzt aber in der Tat voraus, dass der Nachziehende sich in der sog. Verbesserten Tarrasch-Variante auskennt, welche allerdings auch dank GM Kramnik sowie GM Naiditsch zuletzt wieder auf hohem Niveau anzutreffen ist.) und nun 4…d5, womit die Wiener Variante erreicht ist.

Die andere Zugreihenfolge ist 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 (er unterstellt den Anziehenden mögliche Furcht vor der Nimzowitsch- Indischen Verteidigung, welche bei 3.Sc3 und nun 3…Lb4 entsteht) d5 4.Sc3 und erneut kann der Nachziehende zu 4…dxc4 greifen. GM Pelletier versäumt es nicht darauf hinzuweisen, dass in beiden Zugfolgen auch etwas gegen Katalanisch vorhanden sein muss, was aber einem Spieler, der auch die Nimzowitsch- Indische Verteidigung im Repertoire hat in Kauf genommen werden muss! Folglich ist es kaum möglich, die Wiener Variante als einzige Erwiderung auf 1.d4 zu spielen. Einige Nachziehende haben die Wiener Variante als Ergänzung zur Nimzowitsch- Indischen Verteidigung im Repertoire, wenn der Anziehende eben mit 3.Sf3 diese Eröffnung umgehen will. Dies ist z.B. die Kombination, wie sie auch Jan Gustafsson in seinen Videos bei Chess24 empfiehlt, also die Kombination aus der Nimzowitsch- Indischen Verteidigung und der Wiener Variante. Hier ist der Theorieaufwand aber auch nicht gering und wer die Wahl mit der Verbesserten Tarrasch- Variante und der Wiener Variante spielen möchte, kann sich auch beide Zugreihenfolgen erlauben, also die mit 1.d4 d5 und jene mit 1.d4 Sf6, was bei Bedarf einen Spieler in die Lage versetzt einen Anziehenden auszumanövrieren, der die Trompowsky Variante (1.d4 Sf6 2.Lg5) spielen möchte. Auch eine Kombination mit der sog. Ragozin- Variante ist denkbar und wird vom Autor angemerkt. Wer hier mehr wissen möchte, dem sei das Werk von IM Richard Pert empfohlen, denn auch er betrachtet die Wiener Variante via der Ragozin -Zugfolge und hat eine vergleichbare Haltung wie GM Pelletier, eine Variante zu spielen, die einem nicht dazu nötigt alle Neuerungen zu kennen wenn man die Pläne kennt. Dennoch wird man in einer Lage sein mit dieser Stellung auf Gewinn spielen zu können.

Die Darstellung der Varianten ist klar und stichhaltig und als sehr gelungen zu bezeichnen, wenn man die Länge der einzelnen Clips betrachtet. Die neue kapitelweise Darstellung der ChessBase DVDs ist hier sehr hilfreich und der erste Komplex beschäftigt sich mit 5.e3, was nicht so kritisch ist wie die Alternative 5.e4 und der Autor nennt auch Aspekte der Psychologie, welche einen Anziehenden zu 5.e3 bewegen mögen und hält fest, dass man sich als Nachziehender freuen sollte, wenn dieses Szenario eintrifft, was auch zusätzliches Selbstvertrauen mit sich bringt. Die von GM Pelletier hier empfohlen Strukturen ähneln denen des Angenommen Damengambits (1.d4 d5 2.c4 dxc4) und er rät von einem Übergang zur Meraner Variante ab. 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 c6 5.e3 Sbd7 6.Ld3 dxc4 7.Lxc4 b5 8.Ld3 a6 9.e4 c5 etc. und via Wiener Variante: 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 dxc4 5.e3 a6 6.Lxc4 c5.

 

Dies ist eine gute Stellung für den Nachziehenden aus dem angenommen Damengambit, da der Springer auf c3 nicht so gut steht wie auf d2 in solchen Strukturen. GM Pelletier zeigt, warum ein auf c3 stehender Springer für den Anziehenden weniger günstig ist als ein noch auf b1 stehender Damenspringer. Man sieht also, dass sich das Auseinandersetzen mit diversen Zugreihenfolgen und Übergängen zu anderen Eröffnungen lohnt, damit man nicht überrascht wird und selbst bei Bedarf den Spielpartner austricksen kann. Im dritten Komplex mit 5.e4 geht es um die Varianten mit dem meist im Zentrum verweilenden schwarzen König. Weil dieses Abspiel Naturgemäß viele Gefahren mit sich bringt nutzt GM Pelletier das didaktische Prinzip der Wiederholung und geht öfter darauf ein, warum die Dame des Nachziehenden auf dem einen Feld besser steht als auf dem anderen und warum der schwarze Damenläufer in der Regel nach d7 entwickelt werden sollte (ein Ld7 und eine Dd6 sind einfach näher an ihrem König dran, was mehr Schutz verspricht). Die kritischen Stellungen werden sicher entschärft und gerade das letzte Abspiel im dritten Komplex mit dem Bauernopfer 6.Lxc4, anstatt 6.Lg5, sollten dem Nachziehenden die Furcht nehmen können.

Der vierte Komplex behandelt die anderen Abweichungen im Fünften Zug wie 5.g3, Da4+ und 5.Lg5, was in Kombination mit frühen Damenschachs wieder zu Stellungsbildern aus der Ragozin- Variante mit sich bringt.

Sehr gut finde ich die erläuterten Partien im Videoformat als Ergänzung zu den mittlerweile zum guten (!) Standard gewordenen Testfragen in interaktiver Form. Die mitgelieferten Musterpartien in der Datenbank runden das Produkt ab.

Als Fazit kann ich festhalten, dass diese DVD einen sehr hohen Qualitätsstandard besitzt und auch mit 5/5 Sternen bewertet werden kann, gerade wegen der vielen Hinweise auf mögliche Zugumstellungen und Übergängen zu anderen Eröffnungen.

 



Themen: Rezension
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