Rezension: Mihail Marin: The Classical Sicilian

06.02.2019 – Die Klassische Variante der Sizilianischen Verteidigung ist weniger scharf als z.B. die Najdorf-Variante, bietet aber für Schwarz trotzdem gute Möglichkeiten zu Gegenspiel. Philipp Hillebrand hat sich Mihail Marin DVD zu dieser Spielweise gründlich angeschaut.

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Rezension: Mihail Marin: The Classical Sicilian

Von Philipp Hillebrand 

Wenn man beginnt sich für die Sizilianische Verteidigung zu interessieren bekommt man oft von einem stärkeren Spieler folgenden Ausspruch zu hören: "Setzt man als Nachziehender im Sizilianer …d5 durch, so steht man gut". Wenn man dann noch eine Erklärung dazu bekäme, wäre alles gut.

Nun gibt es den Weg der eigenen Arbeit, um dieses Dogma zu verstehen oder man lässt es sich eben von einem starken Spieler erläutern. Die Qualitäten des rumänischen Großmeisters Mihail Marin dürften den meisten Schachspielern bekannt sein, denn sein didaktischer Ansatz, einen Zuhörer an die Hand zu nehmen und durch komplexe Themenfelder zu navigieren, ist es immer wieder wert dem Autor zu lauschen.

Das klassische Abspiel der Sizilianischen Verteidigung ist geprägt durch eine schnelle Figurenentwicklung seitens des Nachziehenden. Marin nennt an vielen Stellen die Unterschiede zu der populären Najdorf Variante (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6) oder der Scheveninger Variante. (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e6).

Beide Abspiele haben freilich ihre Besonderheiten und Vorzüge, aber eben auch kleine Nachteile, da es sich um Bauernzüge handelt, anstatt um Entwicklungszüge. Das ist einer der Gründe, warum es so viele Figurenopfer gibt, welche der Anziehende probieren kann. Sei es das Opfer einer Leichtfigur durch z.B. Sd5 oder Einschlägen auf e6. Und auch Turmopfer sind nicht selten zu sehen in den komplexen und spannenden Abspielen eines Sizilianers.

Die wesentliche Kompensation solcher Materialinvestitionen liegt darin begründet, dass der König des Nachziehenden in der Mitte stecken geblieben ist. Durch die Zugfolge 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 und nun Sc6 ergeben sich wichtige Unterschiede. Zum einen ist es der unmittelbare Druck gegen den Sd4, welcher auch den Anziehenden in seiner Wahlfreiheit hindert. Zum anderen geschieht in der Najdorf Variante oft der Zug …a6-a5, wenn der Anziehende seinen Springer nach b3 gezogen hat. Der Aufzug des Randbauern ist ein wichtiger Bestandteil des schwarzen Gegenspiels am Damenflügel und durch das zweimalige Ziehen dieses Bauern muss zusätzliche Zeit geopfert werden.

In der Scheveninger Variante ist es der Zug …e6-e5, der nicht selten gespielt wird, was auch einen kleinen Zeitverlust mit sich bringt. In der Klassischen Variante hingegen kann man versuchen beide Züge durchzusetzen ohne besagten Mehraufwand. Die Absicht bei …d6-d5 ist die Stellungsöffnung und Auflösung eines Raumnachteiles des Nachziehenden. In der Naidorf Variante und der Scheveninger Variante geht der Nachziehende ein erhöhtes strategisches Risiko ein, wegen der besagten Opferwendungen. Die Bauernformationen sollen aber dieses gerade verhindern und nach erfolgter Sicherung des eigenen Königs und Mobilisierung der Figuren soll zum Gegenangriff übergegangen werden.

Sizilianisch - Klassische Variante

Diese DVD bietet Schwarz ein vollständiges Repertoire gegen alle Systeme, zu denen Weiß im sechsten Zug greifen kann. Das empfohlene Repertoire ist nicht so riskant wie andere Sizilianer, aber bietet Schwarz immer noch viele Möglichkeiten zu Gegenspiel.

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In der Klassischen Variante geht dies meist etwas zügiger von statten. Nun kann man sich fragen, worin denn nun eigentlich der Preis dieser Spielweise liegt?! 

Die DVD behandelt zunächst die scharfen Abspiele des sog. Richter-Rauser Abspiels mit 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 6.Lg5, was in Verbindung mit einer schnellen Rochade auch den schwarzen Monarchen unter Druck setzen soll, durch Ideen mit f2-f4 und dann e4-e5, denn auch hier sind Ideen mit Sc3-d5 anzutreffen.

Der zweite große Komplex beschäftigt sich mi der Sozin Variante mit 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lc4, in der Opferwendungen gegen den Punkt e6 auf der Tagesordnung stehen.

Der dritte Abschnitt behandelt jene Abspiele, die Marin positionelle Systeme nennt. Hier setzt der Anziehende verstärkt auf die eigene schnelle kurze Rochade. Nun einmal der Vergleich anhand zweier Diagramme, was es mit dem "Tempoverlust" auf sich hat:

Diese Stellung stammt aus dem Najdorf – Abspiel, wo der Anziehende recht zahm agierte mit 6.Le2 und es folgte 6…e7-e5. Der Unterschied liegt in dem Zug …a7-a6 und …Sb8-c6. In dieser Struktur ist es wünschenswert die Züge …Le6 und …d5 zu spielen, wonach der Nachziehende in der Tat keine Probleme mehr haben sollte. Man muss aber stets die Fesselung des Sf6 mit dem weißen Zug Lg5 im Kopf behalten, sodass es geboten sein kann noch einen Zug für …h7-h6 zu investieren. Hat man bereits einen Springer auf c6, so ist es üblich …a7-a5 zu spielen, was den Anziehenden in aller Regel dazu veranlasst a2-a4 zu spielen und das räumt dem Sc6 das schöne Feld b4 ein, was ebenfalls nach d5 schaut, aber auch den Bauern c2 unter Druck setzt. Dies zeigt sehr gut, was ein Vorteil bei frühem Sc6 sein kann.

Diese Stellung ist möglich aus der Klassischen Variante, z.B. mit der Zugfolge: 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6. 6.Le2 e5 7.Sb3 Le7 8.0-0 0-0 9. Le3 a5 10.a4 Le6 11.Lf3 Sb4. Der Nachziehende steht nahezu perfekt und der Anziehende besitzt keinen aktiven Plan.

Der oben genannte Preis liegt meines Erachtens in der Wahl der Zugreihenfolge. Spielt man als Nachziehender 1.e4 c5 2.Sf3 d6, so kann man mit 3.Lb5+ konfrontiert werden oder mit 3.d4 cxd4 4.Dxd4. Beide Systeme sollten keine objektiven Probleme bereiten, aber sie führen doch zu anderen Stellungsbildern und können am Brett eine unangenehme Wahl darstellen.

3.Lb5(+) hat sich mittlerweile als eine Art Standard etabliert um den scharfen Varianten aus dem Wege zu gehen. Spielt man 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6, so schaltet man das Wiedernehmen mit der Dame auf d4 erst einmal aus. Ferner sind eine ganze Reihe von Abspielen möglich, wie z.B. die Taimanov Variante (Sc6 mit …e6 damit der Lf8 aktiv entwickelt werden kann), die Sweschnikow Variante (charakterisiert durch …e7-e5 und freiwilliger Schwächung des Feldes d5), das Grivas System (4…Db6) und etliche weitere Übergänge zu anderen Abspielen, je nachdem, was der Anziehende gestattet oder nicht.

Freilich ist stets 3.Lb5 möglich, was jüngst im WM Kampf zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana diskutiert wurde. Auch spielt es eine Rolle, was man als Nachziehende gegen das Alapin System spielen möchte. Spielt man als Nachziehender ein System ohne …Sc6, so ist die Zugfolge 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.c3 trickreich. Folglich muss man sich einige Gedanken machen, welche Zugreihenfolge man spielen möchte. Auf der DVD wird davon alles nichts erwähnt, was aber wegen des gewählten Titels auch nicht sein muss!

Wenn man klassisch spielen möchte, so ist das kleine schwarze Bauernzentrum mit den Bauern auf e6/d6 sehr nützlich, schützt es doch den Monarchen gegen diverse Angriffsversuche. Der Anziehende kann manchmal versuchen mit dem Bauernaufzug f2-f4-f5 das Feld e6 zu attackieren und den Zug …e6-e5 zu provozieren, was ein Loch auf d5 entstehen lässt, was in Verbindung mit einem Le7 zunächst einmal passiv erschein mag.

GM Marin widmet dem Richter-Rauser Angriff dem Löwenanteil seiner Arbeit mit 22 von 38 Videos, was zeigt, wie wichtig es ist, sich in diesen Strukturen auszukennen. Legt man z.B. auch das Fritzbuch zu Grunde, so zeigen die Statistiken auch, dass der Rauser Angriff prozentual das Beste für den Anziehenden herausschlägt und noch wesentlich bemerkenswerter: In einigen Abspielen ohne 6.Lg5 oder 6.Lc4 punktet der Nachziehende sogar über 50%!

Der Nachziehende muss hier mit dem Bauern zurückschlagen, da es der Druck gegen den Ld7 nicht gestattet, mit der Dame wiederzunehmen, denn wenn 10…Dxf6 erfolgte, so ist 11.e5 mehr als unangenehm, denn 11…dxe5 hat 12.Sd4xb5! zur Folge, was eine Art Überlastung der Dame auf d8 zeigt.

Diese Stellung ist das Herz der Empfehlung von GM Marin. Die Lage ist zweischneidig, denn die schwarze Struktur ist geschwächt. Der Bauer auf h5 ist so gut wie dem Untergang geweiht, wegen der Möglichkeit Lf1-e2 oder Dd2-e2. Und wenn der Bf8 sich nach h6 begeben möchte, hängt auch noch der Bauer d6. Als Gegenwert besitzt der Nachziehende die zwei Läufer, was insbesondere auf den schwarzen Feldern eine wichtige Rolle spielt. Der Bauer e4 ist auch anfällig. Für das Verständnis der Stellung ist ist zudem der Fakt sehr wichtig, dass der Nachziehende manchmal sogar zwei Bauern opfern muss, wenn er dafür aktives Spiel bekommt. Folglich lautet ein Plan des Nachziehenden, …Dc5,…a6-a5-a4-a3 (die schwarzen Felder!) und …Tc8 zu spielen. Die Figuren des Anziehenden stehen manchmal auch seltsam ungelenk, was die Gegenspielchancen des Nachziehenden verstärkt. Wem dieses Abspiel nicht zusagt, der kann mit der Empfehlung Marins gegen den Rauser Angriff nichts viel anfangen.

GM Marin gelingt es mit Hilfe der Clips, welche in aller Regel um die 10 Minuten dauern, die Nuancen der Abspiele zu vermitteln, was hier und da mit interaktiven Fragen ergänzt wird, damit man nicht nur passiv das reichhaltige Material präsentiert bekommt. Sehr aufschlussreich wird die Opferidee um Sc3-d5 erläutert anhand zweier Clips, und wie man diese Idee am besten neutralisieren kann:

Der letzte Zug 12.Dd2-e1 stellt die Drohung Sc3-d5 auf mit für den Nachziehenden unangenehmen Fragen. Der elegante Turmzug 12…Ta7! federt diese Drohung ab.

Diesmal wählte der Anziehende 12.De3 (Blick nach a7!) De7 13.Ld3 und es liegt The1 nebst Sd5 in der Luft. Diesmal ist es der Damenzug 13…Da7, welcher alles unter Kontrolle hält.

Diese taktischen Finessen (welchen Unterschied macht die Postierung einer Figur x auf dem Feld y aus im Vergleich zu Feld z) findet man in den Erläuterungen des Autors an vielen Stellen, was das Arbeitsmaterial so wertvoll macht.

Der immer noch populäre Englische Angriff wird ebenfalls behandelt in den Rauser Strukturen, sprich: dort wo der Anziehende versucht, die schwarzen Stellung mit f2-f3 und g2-g4 am Königsflügel zu stürmen. Der Zug g2-g4 wird nun mit …h7-h5 beantwortet, da der weiße Lg5 den Zug g4-g5 ja unmöglich macht.

Im Sozin Komplex lautet die Empfehlung von GM Marin 6…e6 7.Lb3 a6, sodass diese Zugreihenfolge auch für Spieler der Scheveninger Variante interessant ist, denn durch diese Zugreihenfolge wurde der Keres-Angriff ausgeschaltet. Man sieht also erneut, dass Fragen der Zugreihenfolgen und Umstellungen stets gegenwärtig sind. Kurz später setzt der Autor mit …Ld7 fort, was in üblicher Manier auch u.U. die lange Rochade ermöglicht, aber meist dazu gedacht ist den Sc6 zu schützen, damit dieser den Zug …b7-b5 ermöglicht, wonach das Nehmen auf c6 mit dem Läufer erfolgen soll, anstatt mit der Dame von c7 aus.

Hier erwähnt der rumänische GM nicht die Möglichkeit 6…Ld7, um mit …g7-g6 in Drachenstrukturen überzuleiten. Auch der gut spielbare Springerausfall mit 6…Sa5 wird nicht angedeutet. Im Sinne der Kohärenz seiner Repertoireempfehlung ist es auch statthaft, diese Möglichkeiten nicht zu nennen. Aber meines Erachtens lohnt sich diese Überlegung, denn im Kapitel über die positionellen Systeme gibt er an, dass er bei 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.f4 den Zug 6…e7-e5 analysiert. Wobei Marin auch einräumt, Sympathie für 6…g7-g6 zu haben. Dies empfiehlt er auch gegen 6.g2-g3. Marin versucht aber, dem Zuschauer einen einheitlichen Kompass an die Hand zu geben, mit der Srtuktur e5/d6. 

Von den sog. positionellen Systemen werden also 6.Le2, 6.f3, 6.f4, 6.g3 und 6.h3 mit 6…e7-e5 beantwortet und nur der Zug 6.Le3 wird mit …Sg4 beantwortet. Dies ist mit einem Sc6 im Vergleich zur Najdorf Variante eine bessere Version ist, denn nun kommt es bei 7.Lg5 h6 8.Lh4 g5 9.Lg3 mit Lg7 zu einem Angriff auf den Sd4. GM Marin versäumt es nicht, noch einmal auf die beiden kritischen Läuferzüge 6.Lg5 und 6.Lc4 einzugehen, diesmal allerdings nimmt der Anziehende Abstand von der langen Rochade und bei 6.Lg5 untersucht er nun 7.Dd3!? anstatt von 7.Dd2, was einen wichtigen schwarzen Trumpf mit sich bringt:

Im Vergleich mit einer weißen Dame auf d2, wo das Nehmen auf f6 mit der Dame unmöglich war wegen 10.e5! (vgl. oben), ermöglicht es der hängende Bauer f4 dem Nachziehenden hier, seine Struktur intakt zu halten. 

Fazit: Bei der DVD "The Classical Sicilian" handelt sich um ein Schmuckstück aus der Feder GM Marins, welcher durch seinen geschliffenen didaktischen Ansatz die Feinheiten dieser oder jener Stellung nachvollziehbar erklärt. Kleine Abstriche sind mit den Fragen der Zugreihenfolgen verbunden, was aber vertretbar ist, da es unmöglich ist jede Reihenfolge oder Zugumstellung in einem sinnvollen Rahmen zu behandeln. Wem die Empfehlung in Marins Hauptabschnitt nicht gefällt, wo der Nachziehende einen verdoppelten f-Bauern in Kauf nehmen muss, der hat die Alternative mit frühem …Lf8-e7 zu Hand. Theoretisch ist das Werk noch auf einem sehr aktuellen Stand.  Neben den Theoretischen Empfehlungen bekommt man auch generelle Strategien für das Spielen typischer Sizilianischer Strukturen an die Hand, was das Werk absolut empfehlenswert macht, also 5/5!

 



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onkel bräsig onkel bräsig 07.02.2019 08:12
@ Hubert Huber:
Es geht ja um die Frage, welches System man als Nachziehender gedenkt gegen Alapin (1.e4 c5 2.c3) zu spielen. Beinhaltet es z.B. 2...d5 ohne ein frühes ...Sc6, so muss man sich etwas einfallen lassen gegen die Zugreihenfolge 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.c3, weil so unter Umständen das angedachte System umgangen worden ist. Anders gesagt, man sollte sich überlegen, ob man den Klassischen Sizilianer mit 2...d6 anstreben möchte oder eben mit 2...Sc6. Beide Wege haben Vor- und Nachteile .
Herbert Huber Herbert Huber 07.02.2019 03:23
"Spielt man als Nachziehender ein System ohne …Sc6, so ist die Zugfolge 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.c3 trickreich" dürfte einen Schreibfehler enthalten, oder?
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