Rezension zu Kasparovs Ratgeberbuch in SM 64

25.04.2007 – Nur wenige Tage nach Abschluss der Europameisterschaft in Dresden erschien Schachmagazin 64 mit einem großen siebenseitigen Bericht zu dieser größten Schachveranstaltung der jüngeren Zeit in Deutschland. Trotz Umstellung von 14-täglicher auf monatliche Erscheinungsweise will Chefredakteur Otto Borik, wo immer es geht, hochaktuell sein. In verschiedenen Artikeln werden weitere Turniere gewürdigt, darunter das Ruy Lopez Festival, das von Gabriel Sargissian gewonnen wurde. Neben den Turnierberichten gibt es eine Reihe andere Themen, darunter eine Besprechung von Kasparovs jüngstem Buch  „Strategie und die Kunst zu leben – Von einem Schachgenie lernen“. Nicht für Manager, meint Hartmut Metz, aber eine Fundgrube für Schachfans. Interessenten können beim Schünemann-Verlag ein günstiges Kurzabo bestellen. Rezension...

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 „Strategie und die Kunst zu leben – Von einem Schachgenie lernen“

Nichts für Manager, für Schachspieler dagegen eine Fundgrube

Kasparows neues Buch, vorgestellt von Hartmut Metz

Garry Kasparow hat schon immer gewusst, was richtig und falsch ist – zumindest nach seinem früheren Selbstverständnis. Auf dem Brett mit den 64 schwarzen und weißen Feldern traf dies meist zu. Der beste Schachspieler der Welt verfiel dadurch dem Irrglauben, seine Analysekunst gelte für alle Bereiche des Lebens. In dem unterliefen dem 44-Jährigen aber zu viele Patzer im Vergleich zu seiner Kunst, die kleinen Holzfiguren zu dirigieren. Der neue Buchtitel des Russen, „Strategie und die Kunst zu leben – Von einem Schachgenie lernen“, ließ schlimme Plattitüden befürchten. Auch, weil das Werk mit „Von Garry Kasparow lernen heißt: Siegen lernen“ beworben wurde. Abgesehen davon, dass der alte sowjetische Kommunistenjargon überhaupt nicht zu ihm passt und deshalb kaum von ihm selbst stammen kann, verspricht der schlecht übersetzte US-amerikanische Originaltitel „How chess imitates life“ dem Käufer deutlich weniger. Ungeachtet dessen hat der Piper Verlag Kasparows Möchtegern- Ratgeber mit einer äußerst ambitionierten Auflage von 30 000 Exemplaren auf den deutschsprachigen Markt geworfen. Mit einer kleinen Werbetour in Zürich, auf der Leipziger Buchmesse, auf der Lit. Cologne und in Berlin samt nachgeholtem ARD-Auftritt bei Quasseltante Sabine Christiansen kurbelte der  Werbeprofi in eigener Sache die Nachfrage gekonnt an. Lohnt die Ausgabe von 19,90 Euro für ein Buch, das bedauerlicherweise in alter  deutscher Rechtschreibung verfasst wurde?


Die Kundschaft, die begeistert und die, die enttäuscht sein wird, ist leicht einzuteilen: Manager lassen besser die Finger davon. Dass Talent allein in ihrem Job nicht reicht und Entscheidungsfreude sowie Logik von ihnen gefordert werden, haben sie vielleicht schon irgendwann mal zuvor mitbekommen. Oder dass eigene Schwachstellen zu erkennen und auszumerzen sind. „Sich seiner selbst bewusst zu sein, ist absolut unerlässlich, wenn man Wissen, Erfahrung und Talent zur bestmöglichen  Leistung zusammenführen will“, heißt es etwa auf Seite 22. Auf derlei Banales kann selbst der mit oberen Firmenkreisen nicht vertraute Schachfan gut verzichten. Für ihn wird sich, so er Kasparow-Anhänger ist, die Lektüre dennoch lohnen. Der zwei Jahrzehnte lang dominierende Großmeister verklärt zwar weiter hie und da die Geschichte; beispielsweise bei seinem abgebrochenen ersten WM-Match gegen Anatoli Karpow. Sich selbst erhöht der Autor weiter zum „Rebellen“ gegen das System, während sein Widerpart zum „Kollaborateur“ degradiert wurde. Von seiner starken Unterstützung durch die aserbaidschanische KP liest man dagegen nichts auf den zusammen mit seinem US-Hofschreiber Michael „Mig“ Greengard verfassten 384 Seiten. Die Verklärung und falsche Berichterstattung setzt sich beim Thema Computerschach und Kasparows unrühmlicher Schlappe gegen Deep Blue fort. In solchen Momenten ist auch der Schachbegeisterte geneigt, das Buch für alle Zeiten beiseite zu legen und im Regal vor sich hinstauben zu lassen. Das werden im Übrigen Manager spätestens dann machen, wenn Kasparow unter „Der Teufelskreis der Zeitnot“ ab Seite 69 ausführlich über seine legendäre Partie gegen Veselin Topalov in Wijk aan Zee schreibt. Für Laien sind diese Ausführungen fruchtlos und langweilig. Den Schachspieler mag es animieren, das Duell aus der Datenbank zu fischen und nochmals Revue passieren zu lassen.

Wer trotz der Allgemeinplazets zu den Manager-Erfordernissen durchhält, wird  mit immerhin einigen neuen, interessanten Details aus der Schachszene belohnt. Damit sind nicht die farblich unterlegten Kästen gemeint, in denen Kasparow kurz und prägnant das Schaffen der Weltmeister und einiger herausragender Protagonisten wie Dr. Siegbert Tarrasch zusammenfasst. Amüsant fällt die Stilbeschreibung von Tigran Petrosjan  aus: „Für mich ist Petrosjan ein Held der Untätigkeit“, formuliert der 13. Weltmeister der Schachgeschichte und lässt auf der nächsten Seite ein Bonmot von Boris Spasski folgen. Vor einem Duell mit Petrosjan in Jugoslawien riet ihm der 11. Weltmeister zu „stetigem Druck auf kleiner Flamme. Nie werde ich Spasskis Formulierung vergessen: ,Pack ihn an den Eiern, aber greif dir immer nur eins, nie beide auf einmal.’“ Gelegentlich erlaubt der 44-Jährige auch private Einblicke zu seinem Sohn und welche Computer-Spiele dieser gegen seinen Herrn Papa bestreitet. Nur wenigen dürfte auch bekannt sein, dass Kasparow die Bücher von Winston Churchill zu „meiner absoluten Lieblingslektüre“ zählt. Selbst Karpow und sein WM-Bezwinger bekommen, nach früheren Tiraden, nun gelegentlich ein dickes Lob gezollt! Und, man glaubt es bei dem Mann mit dem übergroßen Ego kaum, nach dem Ende seiner sportlichen Karriere scheint sich auch bei ihm die Erkenntnis Bahn gebrochen zu haben, dass man als Ausnahmekönner kaum in einem zweiten Metier ähnlich herausragend agiert. „Natürlich sagen manche Schachspieler, eine Schachbegabung deute auf große Intelligenz, ja Genie hin. Leider spricht wenig für diese Theorie“, räumt das Schach-Genie ein und mit der Verklärung auf, die Großmeister besäßen Hirne mit überwältigenden Speichern. Weitere Sätze wie „Leider stellen wir mit zunehmendem Alter unsere Ressourcen immer seltener auf die Probe und entdecken keine weiteren Begabungen“, beweisen zumindest eines: Kasparow selbst hat Nutzen aus dem Buch gezogen und neue Erkenntnisse gewonnen. Mancher Leser kann es ihm vielleicht doch  gleichtun.

Strategie und die Kunst zu leben – Von einem Schachgenie lernen;
Garri Kasparow/ Mig Greengard
© Piper Verlag, 384 Seiten,
19,90 Euro; ISBN: 9783492047852.

 

 

 

 


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