Rezension zu Martin Breutigams DVD "Colle als Universal-System"

von Christian Hoethe
11.08.2021 – Das Colle-System ist heute mehr als nur eine solide Alternative zum klassischen Damengambit. Auch namhafte Profis nutzen die charakteristischen Colle-Züge als Basis für ein weißes Universalkonzept gegen fast alle Verteidigungen. Im neuen Fritztrainer von Martin Breutigam wird das moderne Universalsystem in mehr als 8 Stunden erklärt. Christian Höthe hat die DVD durchgearbeitet.

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Rezension Martin Breutigam "Colle als Universal-System"

Das Colle-System hat sich auf Großmeister-Ebene bisher kaum beim Spiel auf Eröffnungsvorteil etablieren können und gilt auch im Amateurbereich als eher seichte Bunker-Eröffnung für vorsichtigere Spieler. Dieser Ruf ist jedoch alles andere als gerechtfertigt wie Martin Breutigam auf seiner neuen Chessbase-DVD "Colle als Universal-System" unter Beweis stellt. Oft unterschätzt, führt Colle nicht selten zu beeindruckenden Kurzpartien mit einem Sieg des Anziehenden.

Spieler wie die Großmeister Alexander Khalifman, Michael Richter und natürlich Arthur Jussupow haben sich in aller Regelmäßigkeit und mit guten Erfolgen des Colle-Systems bedient. Sogar Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik hat das Colle-System in seiner Zeit als Ruheständler entdeckt und es erfolgreich in Schnell- und Blitzpartien aufs Parkett gezaubert.

Im ersten großen Block zum Colle-Koltanowski-System mit 5. c3 geht es um die Colle-Hauptvarianten mit e6, c5 sowie Sc6.

Hier hat Schwarz gleich mehrere gute Antworten auf die alte Hauptvariante mit 9. e4 gefunden, wobei sich insbesondere der Plan mit 9. ...Dc7!, 10. De2 h6! als stark und womöglich bereits leicht besser für den Nachziehenden herausgestellt hat. Repertoirebücher von renommierten Autoren wie Bronznik und Watson sind sich in dieser Einschätzung einig. Breutigam lässt die Anhänger dieser klassischen Spielweise jedoch nicht im Regen stehen
und zeigt Ideen auf, diese Spielweise für den Anziehenden interessant zu gestalten, ohne auf Eröffnungsvorteil verzichten zu müssen.

Der schwindenden Beliebtheit von 9. e4 geschuldet, entstand mit 8. dc5: Lxc5, 9. b4 die neue Hauptvariante, der sich David Rudel in seinen Colle-Büchern zuerst detailliert gewidmet hat. Weiß spielt quasi eine Meraner Variante im Anzug. Dies bedeutet nicht notwendigerweise, dass es dem Anziehenden leicht fällt, Eröffnungsvorteil nachzuweisen. Aber die Analysen Breutigams haben mich davon überzeugt, dass es eben doch der Weißspieler ist, der die aktivere und leichter zu spielende Stellung hat.

Für Colle-Spieler, die gern den Autopiloten anschalten, können sich schwarze Systeme mit Sbd7 (statt Sc6) insofern als problematisch erweisen, als dass dxc5 stets Sxc5 mit Angriff auf den Ld3 nach sich zieht und dies Schwarz früher als üblich eine harmonische Stellung ermöglicht. Breutigam weist auf diese Nachteile hin und zeigt, dass der typische Colle-Plan mit Te1 nebst e3-e4 - erst als Antwort auf schwarzes e6-e5 - durchaus effektiv bleibt.

Wer statt der Koltanowski-Systeme mit 5. c3 lieber den Zukertort-Aufbau mit 5. b3 bevorzugt oder gern beide Systeme variieren möchte, bekommt in den Kapiteln 8 und 9 einen dicken Bonus, wo sich Breutigam auch diesem Komplex widmet. Dieses war eine der Lieblingsvarianten von Arthur Jussupow und so finden sich in dem entsprechenden Kapitel auch einige seiner instruktiven Partien als Referenz. Aber auch andere bekannte Namen wie Nakamura und Bluebaum finden sich auf der Seite des Anziehenden, teilweise mit sehr beeindruckenden Kurzpartien wie in Nakamura-Firouzja 2020 etwa.

Mit Hinblick auf die Anti-Colle-Systeme hat Breutigam einen sehr guten Job getan. In einigen trickreichen Varianten wie beispielsweise 1. d4 d5, 2. Sf3 Sf6, 3. e3 c6, 3. ...Lf5 oder gar 3. ...g6!? sollte sich Weiß überlegen, inwiefern er in Colle-Gefilden bleiben oder mit
baldigem c2-c4 in Slawisch-Varianten übergehen möchte. Breutigam weist jeweils auf diese Übergänge hin, zeigt aber auch, dass Weiß andere Wege hat, kreativ Stellung mit Colle-Flair anzustreben, die auch vorteilsorientiert sind. Dies betrifft zum Beispiel 3. ...g6, 4. Sbd2 Lg7,
5. b4!?. Analog geht es gegen den Tschigorin-Versuch mit 2. ...Sc6 oder Holländisch vor, wobei insbesondere Kramnik es ist, der zeigt, welche Optionen Weiß im Colle-Sinne gegen 1. ...f5 hat.

Wie giftig das Colle-System sein kann, zeigt sich insbesondere im Kapitel "Damenindisch". Die tückische Zugfolge 1. d4 Sf6, 2. Sf3 e6, 3. e3 b6, 4. Ld3 Lb7, 5. O-O c5, 6. c4 Le7, 7. Sc3 cxd4, 8. exd4 d5, 9. cxd5 Sxd5, 10. Se5 O-O, 11. Dg4 Sf6, 12. Dh4 punktet für Weiß überragend und verlangt vom Nachziehenden äußerste Präzision in der Verteidigung und konkretes Variantenwissen, wohingegen sich der weiße Angriff natürlich und oft überraschend effektiv entfaltet.

Was mir ebenfalls sehr gefallen hat, ist, dass Breutigam nach 1. d4 d5, 2. Sf3 Sf6, 3. e3 Lg4, 4. h3! empfiehlt, der gleich von mehreren Colle-Autoren ignoriert wird, meines Erachtens jedoch die kritische Fortsetzung darstellt. Entweder sichert sich Weiss das Läuferpaar nach 4. ...Lxf3, oder Schwarz gerät nach 4. ...Lh5?!, 5. g4! Lg6, 6. Se5 mit der Idee 7. h4 in Schwierigkeiten. Selbst nach der besten Erwiderung 6. ...Sfd7 ist 7. Sxg6 hxg6, c4! wie zum Beispiel in Bogdanovich-Ortmann 2002 stark  für Weiss. Die am häufigsten gespielte Fortsetzung 6. ...Sbd7? führt jedoch nach 7. h4 direkt zu klarem weißem Vorteil. Dieses Abspiel wird besonders in Schnell- und Blitzpartien gespielt und hat mir da schon mehrere relativ einfache Punkte eingebracht.

Die Variante 1. d4 d5, Sf3 Lg4, 3. Se5 Le6!? - eine Empfehlung aus einem SOS-Büchlein - wurde von Breutigam anscheinend übersehen. Der befremdlich erscheinende dritte Zug des Nachziehenden hat durchaus Sinn und wurde von Spielern wie Gurgenidze und Tseitlin gespielt. Da 3. ...Le6 jedoch so gut wie nie gespielt wird, ist diese Auslassung durchaus zu vernachlässigen. Es genügt hier zu wissen dass es nur 4. c4! dem Anziehenden ermöglicht,
um Vorteil zu spielen.  

Fazit: Einmal mehr eine rundum gelungene DVD von Martin Breutigam, diesmal zum Colle-System! Sehr empfehlenswert! 

 


Christian Hoethe ist Jahrgang 1975, Vater zweier Töchter und eines Sohnes, wohnt in Braunschweig und erlernte die Gangart der Figuren relativ spät mit 13 von seinem Vater. Ein Jahr später spielte in der Schach-AG seines damaligen Erdkundelehrers, mit dem er auch heute noch ab und zu eine Partie spielt. Mit 15 landete er Dank seines Mathe-Nachhilfelehrers (!) endlich in einem Verein. Er brachte es zu seinen besten Zeiten auf eine Elo-Zahl von 2247 und spielt für den Schachverein Gifhorn, wo er auch einmal im Monat Training gibt.
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