Rezension zu Souleidis: Die Offenen Spiele

von Christian Hoethe
01.11.2018 – Georgios Souleidis bietet auf seiner DVD "Die Offenen Spiele - ein ausführlicher Überblick" in neun Stunden Videolektionen und viel Zusatzmaterial einen wirklich umfassenden Einstieg in dieses faszinierende Eröffnungsgebiet. Christian Höhte hat sich die DVD angesehen und ist begeistert: "Warum gab es das nicht schon vor 30 Jahren?"

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Die offenen Spiele - Ein ausführlicher Überblick

Wenn es um die "ideale Ausbildung" eines neuen Schachjüngers gemäß der anerkanntesten Schachschulen und -Pädagogen geht, ist bei mir so einiges völlig falsch gelaufen.

Warum? Nun das ist in wenigen Sätzen erklärt:

Ich erlernte das Spiel relativ spät erst mit 13 Jahren als mein Vater mir die Gangart der Figuren erklärte. Als parallel in der Schule eine Schach-AG angeboten wurde, hielt ich es für eine gute Idee, hier einzusteigen. Dass der Lehrer, die diese AG anbot, zugleich mein Erdkundelehrer war und ich mir insgeheim eine dringend nötige Verbesserung in diesem Fach erhoffte, war sicherlich ein weiteres, nicht ganz so ehrenhaftes Argument für mich, die AG aufzusuchen.  

Wir waren knapp 10 Schachschüler, denen zu Beginn der Stunde stets eine historisch bekannte Partie präsentiert wurde. Dies war für mich als Neuling natürlich das Highlight: Wissen, gepaart mit Schönheit, faszinierenden mir völlig unbekannten Eröffnungen, scharfe Opfer im Mittelspiel und ein ästhetisches Matt am Ende der Partie.  Anschließend durften wir uns miteinander in Form eines "Jeder gegen jeden"-Turniers messen. Dies war alles andere als leicht für mich, denn unter uns waren drei relativ fortgeschrittene Jugendliche, die im Verein und solche Eröffnungen wie das Damengambit oder die Philidor-Verteidigung spielten, von denen ich nicht den Hauch einer Ahnung hatte.

Also legte ich mir bei Hertie für sagenhafte 4,99 D-Mark (!) ein kleines Schachbuch der Eröffnungen zu, in dem ausgerechnet das theorielastige Damengambit als "erfolgreich für Weiß" und der komplizierte Najdorf-Sizilianer als "erfolgreich für Schwarz" empfohlen wurden. Die Konsequenz war einfach: diese beiden Eröffnungen bildeten mein erstes Eröffnungsrepertoire - und es gelang mir damit tatsächlich relativ bald, am ersten Brett bei den Schulschachwettkämpfen auch gegen Vereinsspieler zu punkten. Kurz darauf trat ich selber einem Schachverein bei und heute, 30 Jahre später, hat die Faszination für das königliche Spiel nicht einen Deut nachgelassen - eher im Gegenteil.

Warum also war das falsch? Okay, "falsch" ist womöglich nicht das richtige Wort, aber hätte mich seit Beginn an ein guter Schachtrainer begleitet, wäre der Input in meine schachliche Ausbildung sicherlich ein anderer gewesen. Warum auch sollte ein Schachneuling ausgerechnet mit Sizilianisch und dem Damengambit beginnen und tief in deren Theorie einsteigen, noch eher er spielerisch etwas über die Basics der Eröffnungsprinzipien oder das Mittelspiel und Endspiel gelernt hat?

Und was hat all das mit der neuen DVD des internationalen Meister Georgios Souleidis "Die offenen Spiele - ein ausführlicher Überblick" zu tun?

Genau das, was ich mir immer gewünscht habe

Nun, die Antwort ist so einfach es nur möglich ist: seine DVD ist GENAU DAS, was ich mir damals gewünscht hätte zu haben!

Die offenen Spiele - Ein ausführlicher Überblick

Georgios Souleidis erklärt auf seiner DVD in 9 Stunden Videolektionen und viel Zusatzmaterial das ganze Gebiet der Offenen Spiele.

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Denn es heißt ja, dass man Schachjünglingen am besten über die offenen Spiele die Eröffnungsprinzipien wie schnelle Figurenentwicklung, Rochade, Linienöffnung usw. nahebringt. Erst wenn diese sitzen, geht man zu dem Mittelspiel über, dem Endspiel, der Historie von Lasker bis Carlsen.

Souleidis macht das auf seiner neuen DVD vorbildlich und kombiniert dabei all diese Aspekte auf instruktive Weise.

Auf satten 9 Stunden (!) Spieldauer bringt der Internationale Meister seinen Zuschauern die Zauberwelt der offenen Spiele näher und das auf eine Art, die meines Wissens nach auch für ChessBase völlig neu ist: Denn Souleidis kombiniert erstmals die ChessBase-typische interaktive Darstellung der Eröffnungstheorie und -praxis mit einer PDF-basierten Wissensvermittlung!   

Im Klartext: Souleidis stellt die Hauptvarianten sämtlicher offenen Spiele in 36 Artikeln vor und erklärt ausführlich die gängigen Pläne und Ideen für beide Parteien. Dabei dienen die Videos als Einführung in das jeweilige Abspiel; interaktive Fragen vertiefen das erworbene Wissen und helfen dabei, das erlernte Wissen direkt anzuwenden - zum Beispiel bei der einen oder anderen Partie auf dem schach.de-Server, oder direkt beim nächsten Vereinsabend!

Vom Einfachen zum Schweren

In der Chronologie geht es vom "Einfachen zum Schweren". Sprich: nach den einleitenden Zügen 1. e4 e5 geht es von den seltenen Abspielen wie dem Schäfermatt-Versuch (oder Nakamura-Eröffnung?) überaus detailliert über zu Ponziani, dem Mittelgambit, Läuferspiel, dem lettischen Gambit zum romantischen Königsgambit, der Wiener Partie, Russisch, Schottisch, dem Vierspringerspiel zum Evans-Gambit, Italienisch und final zu Spanisch und dem großen Block an spanischen Untervarianten. Ein Blick in das lange Inhaltsverzeichnis der DVD zeigt, wie ausführlich hier die jeweiligen Abspiele besprochen werden. Schon das ist sehr beeindruckend!

Was mir jedoch besonders gefallen hat - vermutlich weil dadurch Eröffnungstheorie und Schachhistorie lebendig werden - ist, dass Souleidis zudem sorgfältig ausgewählte Musterpartien von Spitzengrossmeistern und Fernschachexperten zusammengestellt hat, die hervorragend zeigen, wie man die aus der Eröffnung erreichte Stellung final auch spielt! Hier bekommt man Antworten auf die Fragen: Wie gibt die Figurenkonstellation und Bauernstruktur den Plan für das Mittel- oder gar Endspiel vor, welche Figuren tauscht man, welche behält man auf dem Brett, spielt man im Zentrum, am Damen- oder eher Königsflügel?

Wer wie ich vor der Existenz des Internets geboren wurde und auf den das geschriebene Wort schon immer einen starken Reiz ausgeübt hat, der freut sich natürlich zudem über das ganze 117 (!) Seiten umfassende, von Souleidis erstellte PDF zu den offenen Spielen. Mit diesem in der Hand kann man hervorragend parallel arbeiten, während man sich die Varianten vom Internationalen Meister am Bildschirm erklären lässt. 

Auch hier finden viele solcher wertvollen Hinweise wie "12.a3!? ist eine interessante Alternative mit der Idee langsam eine Initiative am Damenflügel aufzubauen.", "Auch diese Stellung trägt keinen forcierten Charakter. Das Geschehen spielt sich hauptsächlich am Damenflügel ab." oder "Schwarz hat seine strategische Idee umgesetzt und wird bald die schwarzfeldrigen Läufer tauschen. Weiß wird den zweiten Turm ins Spiel bringen und letztendlich das Zentrum mit einem zweiten Bauern besetzen."

Einschätzung für Nicht-Profis

Genau so (!) sollten meiner Meinung nach idealerweise eröffnungstheoretische Einschätzungen für Nicht-Profis geschrieben sein. Denn sie geben konkret Aufschluss über den Plan, den die Parteien verfolgen und lassen den Leser bzw. Zuschauer eben nicht mit einer Einschätzung wie "Schwarz hat ausgeglichen" zurück. Absolut vorbildlich! Man kann nur erahnen, wie viel Mühe IM Souleidis in diese DVD investiert hat!

Eignet sich die DVD daher in erster Linie für schachliche Einsteiger? Weit gefehlt, finde ich! In der DVD-Beschreibung findet sich in Hinblick auf die Zielgruppe folgende Aussage:

"Die DVD eignet sich durch die Konzeption insbesondere für ambitionierte Jugendliche und Amateure, die eine der auf der DVD vorgestellten Eröffnungen spielen möchten, aber auch für stärkere Spieler, die das Material auf der DVD als Basis nehmen, um danach tiefer in eine Eröffnung vorzudringen. Natürlich eignet sich die DVD aber auch für diejenigen, die sich schon immer einen umfassenden Überblick über die Offenen Spiele auf einer DVD gewünscht haben."

Dem kann ich nur eines hinzufügen: Ich wünschte, diese DVD hätte es schon vor 30 Jahren gegeben! Ich bin jedenfalls sehr froh, sie heute zu haben! Ein großes Lob dafür an IM Georgios Souleidis!

 



Themen: Rezension

Christian Hoethe ist Jahrgang 1975, Vater zweier Töchter und eines Sohnes, wohnt in Braunschweig und erlernte die Gangart der Figuren relativ spät mit 13 von seinem Vater. Ein Jahr später spielte in der Schach-AG seines damaligen Erdkundelehrers, mit dem er auch heute noch ab und zu eine Partie spielt. Mit 15 landete er Dank seines Mathe-Nachhilfelehrers (!) endlich in einem Verein. Er brachte es zu seinen besten Zeiten auf eine Elo-Zahl von 2247 und spielt für den Schachverein Gifhorn, wo er auch einmal im Monat Training gibt.
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