Rezension zu Tiviakovs Queen´s Indian Defence

23.10.2019 – Sergey Tiviakov hat sich mit seinen sorgfälig ausgearbeiteten DVDs einen guten Namen unter den Schachtrainern und Autoren gemacht. Seine jüngste DVD "Queen´s Indian Defence. The modern approach" ist das "offenherzig dargelegte Repertoire eines hochklassigen GMs", findet Philipp Hillebrand.

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Rezension zu Queen´s Indian Defence. The modern approach von Sergey Tiviakov

Von Philipp Hillebrand

Queen's Indian Defence - The Modern Approach

Auf seiner neuen DVD präsentiert Sergei Tiviakov ein komplettes Repertoire für Schwarz im Dameninder. Der Großmeister erklärt alles, was man nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 wissen muss – gründlicher, ausführlicher und umfassender als je zuvor. Die Gesamtla

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Die neueste Arbeit von GM Tiviakov über die Damenindische Eröffnung kann als Neuauflage betrachtet werden zu seiner früheren Ausgabe "No fear of 1.d4!" Sein Rezept ist eine Mischung aus der Nimzo-Indischen Verteidigung und die dazu notwendige komplementäre Eröffnung in Form der Damenindischen Verteidigung. Es handelt sich beim Dameninder um eine verlässliche Variante, welche solide, aber dennoch recht aggressiv ist. Der Untertitel lautet "The modern approach", da der Autor mit dieser DVD (nur zum Dameninder) relativ neue Ansätze präsentiert, wie man manch etablierte Variante des Anziehenden bekämpfen kann. Tiviakov kann ohne Zweifel als einer der größten Experten dieser Eröffnung bezeichnet werden, weil sein Schwarzrepertoire gegen 1.d4 sehr eng ist und er damit sehr spezialisiert ist auf die resultierenden Bauernstrukturen in dieser Eröffnung. Eine der Ideen dabei ist es, die Landkarte seiner Eröffnung zu kennen, denn eine vertraute Struktur wirkt wie ein Kompass.

Natürlich finden sich auch taktische Gefechte in dieser Eröffnung, aber sie sind längst nicht so wild und haarstäubend, wie z.B. in einem Königsinder. Als Profispieler verfolgt Tiviakov mit dieser Eröffnung das wesentliche Ziel, solide Stellungen zu erlangen, in denen er starke Gegner auf Distanz halten kann und schwächere Gegner noch überspielen kann, zumeist in einem Endspiel.

Die immer stärker werdenden Engines veranlassen sicher einige Spieler ihre Eröffnungssysteme zu prüfen. In dem beachtlichen Match zwischen Alpha Zero und Stockfish gelangen AZ viele Glanzpartien und in einigen davon wurde Stockfish im Dameninder förmlich vom Brett gefegt in der Variante 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 Lb7 5.Lg2 Le7 6.0-0 0-0 und nun das scharfe Bauernopfer 7.d5!?

Die Menge des Materials ist enorm und der Zuhörer muss schon mitarbeiten, will er das meiste aus dem Angebot ziehen. Die Videos beinhalten zum Teil sehr tiefe und anspruchsvolle Analysen. Manche Clips sind kurz mit ca. 5- 15 Minuten Dauer, aber manche umfassen auch 45 – 50 Minuten. Die Notationen sind ohne jegliche Art von Kommentaren, weder verbaler Natur noch sind Informatorkürzel beigefügt. Einerseits kann man dies als Aufforderung verstehen ernsthaft mit den Materialien zu arbeiten, wohingegen andere dies als Manko ansehen könnten. Oft erwähnt Tiviakov wichtige Partien, die es gilt selbst zu studieren (in der mitgelieferten Datenbank "Model Games").

Die Struktur ist wie folgt:

Nebenvarianten für Schwarz ( 5 Videos)
Hauptvariante mit 4…Lb7 (13 Videos)
Nebenvarianten für Weiß (10 Videos)

Warum überhaupt eine Nebenvariante für den Nachziehenden? Einerseits ist es die Absicht des Autors den Vorbereitungsaufwand für einen Gegner zu erhöhen (4…Lb4+, 4…Le7 und 4…c6 neben der Hauptwahl 4…Lb7) und andererseits ist es möglich den Gegner aufs Glatteis zu führen mit Zugumstellungen zu Abspielen aus dem Katalaner. Das erste Kapitel hat als Grundgedanken das oben genannte Bauernopfer auszuschließen und ein Spieler, welcher 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 wählt ist vielleicht nicht mit allen Nuancen des Katalaners vertraut, im Vergleich zu einem Spieler der 3.g3 bevorzugt, gerade um z.B. sowohl Nimzoindisch als auch Damenindisch zu umgehen, wie es GM Avrukh in seinen Werken empfiehlt. Folglich kann ein frühes …c6 zu Stellungen eines geschlossenen Katalaners führen. Die von Tiviakov angeführten Zugreihenfolgen mögen zwar nicht die sein, welche ein Purist im Ausgleichsinne wählen würde, aber die psychologische Komponente hat ihre Berechtigung, zumal die entstehenden Stellungen komplex sind und alles andere als einen einseitigen Vorteil für den Anziehenden versprechen.

 

„Hier ist ein auf c3 stehender Springer nicht so optimal postiert, wie es auf d2 der Fall wäre. Nicht selten wird der weiße Damenläufer nach d2 gelockt mit der Absicht dem Damenspringer eben jenes Feld zu nehmen. Der Springer blockiert Aktionen entlang der c-Linie und auch der Zug Lf4 muss noch gespielt werden, wenn mit der Operation cxd5 cxd5 das Feld c7 anvisiert werden soll.“

In vielen Situationen, wo sich der Nachziehende dazu entschließt mittels …c5 und …d5 zu hebeln, muss er bereit sein hängende Bauern zu akzeptieren. Hier erwähnt Tiviakov kommentierte Partien, welche es zu studieren gilt. Das wichtigste Video (5) ist zugleich das längste in diesem Kapitel mit 33 Minuten. Es offenbart ein Markenzeichen von Tiviakov, Aufstellungen mit …Sa6. Lange Zeit galt dieser Aufbau als antipositionell für den Nachziehenden, aber die Analysen des Autors sind gut und tief zugleich. Was genau bewirkt ein Springer auf a6 in diesen Stellungen? Es gibt drei wesentliche Aspekte: Erstens, in einem taktischen Abspiel, wo der Anziehende Dc2 gespielt hat um das Feld e4 zu kontrollieren, gestattet der Sprung nach b4 die Kontrolle über d5 zu erhöhen. Zweitens unterstützt der Randspringer den Zug …c5 oder er nutzt jenes Feld selbst um nach e4 zu gelangen und drittens ist der Zug …Sc7 möglich, womit die Felder e6, d5, b5 und a6 bestrichen werden. Auf dem Feld a6 kann so z.B. der Läufertausch angeboten werden, sollte der Anziehende in einer blockierten Zentrumsstruktur den Lg2 nach f1 umgruppieren.

Das Herzstück dieser Arbeit ist ohne Frage das zweite Kapitel. Hier optiert Tiviakov für 4…Lb7 und abermals werden Strukturen mit schnellem …c6 präsentiert. Sein Hauptargument dabei ist, dass die Stellungen der tabiya nach 1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 Lb7 5.Lg2 Le7 6.0-0 0-0 7.Sc3 Se4 sehr trocken werden können, insbesondere wenn ein schwächerer Spieler zu 8.Sxe4 nebst 9.Se1 greift:

 

„In der Tat eine recht remislastige Stellung.“

Mithin der moderne Ansatz:

 

„Nunmehr befinden sich noch alle Figuren auf dem Brett und es steht ein strategisch anspruchsvoller Kampf bevor. Aktuell wurde das Manöver …Lb4+ nebst …Le7 nicht durchgeführt, folglich hat der Anziehende eine Reihe Möglichkeiten mit seinem Damenläufer und eine ganze Menge Spieler stellen diesen nach f4, was jedoch nicht der nachhaltigste Ansatz ist. Gemäß Tiviakov ist einzig 8.Sd2! dazu geeignet, etwas Greifbares für den Anziehenden aus der Stellung herauszuholen.“

Und was ist mit dem angesprochenen Bauernopfer? Erneut stellt der Zug …Sa6 eine Art Allzweckwaffe dar:

 

„Was bitte ist das? Ein isolierter Damenbauer im schwarzen Lager? Viele Damenindisch Spieler würden dies prinzipiell nicht anstreben, aber wenn ein Generalabtausch auf d5 erfolgt, sind auch nicht mehr viele Möglichkeiten vorhanden, die relative Schwäche ausnutzen zu können. Im Gegenzug besitzt der Nachziehende die c-Linie und die halboffene e-Linie für seine Schwerfiguren.“

Es kommt sogar vor, dass recht starke Spieler mit den weißen Steinen Dinge verwechseln und die Kombination aus Sc3 und d5 ohne vorher rochiert zu haben überlässt sogar schon früh dem Nachziehenden die Initiative:

 

„Der schwarze Königsläufer zog zwar zwei Mal und der Nachziehende hat einen Randspringer, aber dennoch sind seine Aussichten vorzuziehen, vor allem sollte der Anziehende nicht in der Lage sein auf c3 mit seinem Damenläufer wiedernehmen zu können. In diesem Falle sind die verdoppelten c-Bauern ein Garant für einen Vorteil des Nachziehenden. Video 17 gibt darüber einen guten Überblick.“

Wie bereits angemerkt bevorzugt der Autor den Zug 7…Sa6 anstelle von 7…Se4. Hier bekommt der Zuhörer exzellente Erläuterungen, warum dieser Zug seriös und gut ist. Er möchte Strukturen mit beweglichen Bauern erhalten, damit schwächere Spieler besser überspielt werden können. Die weitere Untersuchung ist sehr logisch aufgebaut und es werden zunächst diverse Damenzüge untersucht und danach die möglichen Läuferzüge. Stets bekommt man eine solide und eine komplexe Alternative angeboten, je nachdem wie stark der Gegner ist und was in der Turniersituation besser geeignet ist. Der beliebte Zug 8.Se5 sollte so behandelt werden, wie man sich als Nachziehender in Igelstrukturen verhält. Ein Partiebeispiel des Autors zeigt 8…d5?!, was ihm Probleme einbrachte in seiner Partie gegen Ivan Cheparinov. (Hier bitte besagte Partie einbinden)

Das dritte Kapitel untersucht die Alternativen für den Anziehenden im vierten Zug. Dazu zählen vor allem 4.e3 und 4.a3 (das Petrosian Abspiel mit 5.Sc3). Gegen den Aufbau des früheren Weltmeisters favorisiert Tiviakov nunmehr den Zug 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.a3 b7 5.Sc3 5…g6 anstatt 5…d5. In dem alten Werk Tiviakovs legte der Autor dar, wie man mit 5…d5 zwar ausgleichen kann, es aber auch eine Menge Theoriewissen bedarf. Der relativ unerforschte Zug 5…g6 führt zu kämpferischen Stellungsbildern, wo der Anziehende zwar einen leichten objektiven Vorteil verzeichnen kann wie es Tiviakov einräumt, aber dieser sollte nicht zu schwer ins Gewicht fallen, sprich die gestellten Probleme durch einen Anziehenden sind nicht ausreichend, um einen ernsthaften Gewinnversuch zu gestatten.

 

„Wahrhaftig eine Stellung, in welcher eine Art frischer Wind zu vernehmen ist. Ein Abtausch auf f3 verfolgt das Ziel den Bauern bzw. das Feld d4 zu attackieren.“

Darüber hinaus merkt der Autor an, dass solche Stellung nur schwer zu analysieren sind mit Hilfe von Engines, was auch ein gutes Argument für den Zug 5…g6 ist im Gegensatz zu 5…d5, wo es sehr viel konkretere Abspiele gibt. Sofern der Anziehende zuerst 4.Sc3 spielt ist ein Übergang zum Nimzo Inder mittels 4…Lb4 möglich, was aber auf dieser DVD nicht behandelt wird. Einen Fingerzeig in Hinblick auf die Philosophie einer Eröffnung gemäß dem niederländischen GM findet man in dem Video zu Lf4 Aufbauten á la Londoner System. Ihm zufolge ist diese Eröffnung komplett harmlos, wenn man seinen Aufbau als Dameninder anvisiert! Oft ist es von Vorteil KEIN frühes …d5 gespielt zu haben, da der Zug …d6 erfolgreich um das Feld e5 kämpft.

 

„Die Stellung des Nachziehenden ist gesund, flexibel und bietet im Vergleich zu der des Anziehenden Perspektiven auf aktives Spiel.“

Ebenfalls vorteilhaft ist es, wenn man als Nachziehende einige Ideen und Motive aus der Ben-Oni Verteidigung kennt, damit man den Zug 5…g6 gegen das Petrosian System maximal nutzen kann. Alles in allem existiert in Stellungen dieser Art viel Raum für Kreativität und Partien der Spieler wie Romanishin, Kozul und die Partie Lautier, J – Kortschnoi, V, Horgen 1995 (Hier bitte Partie einbinden) werden zum Studium empfohlen.

Der Testabschnitt ist in nunmehr klassischer Tradition zu finden mit Feedback Kommentaren. Die Neuerung ist das Trainingspotential mit den ChessBase Apps, wie z.B. der, mit der man Eröffnungen trainieren kann. Eine Engine spielt mit den weißen Steinen und nutzt die Züge, welche gegen das Repertoire eingesetzt werden.

Fazit:

Der Umfang der DVD ist enorm, wie das Videomaterial bereits vermuten lässt. Einige Clips beinhalten wirklich schwere Kost, aber wenn man das Rohmaterial der Partienotationen mit den eigenen Ideen und Anmerkungen von Tiviakov versieht, hat man eine Art Goldgrube des Dameninders.

Einige mögen das als Manko betrachten, aber nur das passive Schauen der Videos führt zu weniger Verständnis und Behaltensleistungen als das aktive Arbeiten mit den beigefügten Partien etc. In den längeren Videos sollte man unbedingt den Pausenknopf nutzen, da Tiviakov recht monoton spricht. Dafür erhält man jedoch Einsichten und tiefe Analysen, sodass es per se sinnvoll ist die Häppchen zu teilen, weil die angebotene Informationsdichte wie schon gesagt so umfangreich ist. Ich persönlich mag die angebotenen Nebenvarianten des ersten Kapitels, da sie dem Hauptrepertoire zuverlässige alternative Waffen an die Hand geben und jeder Spieler, der die Zugreihenfolge 1.d4 Sf6 2.c4 e6 mit den schwarzen Steinen wählt, muss eh etwas gegen 3.g3 (Katalanisch) im Köcher haben und die Nebenvarianten (frühes …c6) wappnen einen sogar gegen das scharfe Bauernopfer 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 Lb7 5.Lg2 Le7 6.0-0 0-0 7.d5!

Folglich 5/5 für dieses offenherzig dargelegte Repertoire eines hochklassigen GMs, welcher immer noch die angebotenen Varianten spielt. Solch eine Zuversicht sagt eine Menge aus über die Zuverlässigkeit und Schlagkraft der Damenindischen Verteidigung.

Queen's Indian Defence - The Modern Approach

Auf seiner neuen DVD präsentiert Sergei Tiviakov ein komplettes Repertoire für Schwarz im Dameninder. Der Großmeister erklärt alles, was man nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 wissen muss – gründlicher, ausführlicher und umfassender als je zuvor. Die Gesamtla

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