Unzusammenhängende
Betrachtungen (III)
Schluß
Der Wettkampf um die Weltmeisterschaft im Schach zwischen
Anand und Kramnik, der vom 14. bis zum 29. Oktober in Bonn stattfand, ist
abgeschlossen. Das Endergebnis ist bekannt: Anand gewann 6½ : 4½. Ich
beglückwünsche den Sieger und zolle dem Unterlegenen meine Achtung.
In der zweiten Hälfte des Wettkampfs (ab Partie 7) sah man
wenig begeisterndes Schach. Beide Teilnehmer schienen ohne Energie zu spielen,
wenn auch sicher aus verschiedenen Gründen.
Der übliche Gang der Dinge sieht so aus. Der Führende wird
von einer gewissen Nervosität ergriffen; Ungeduld erfaßt ihn. Er möchte die
Ernte schon in der trockenen Scheune aufgespeichert sehen, denn er fürchtet, daß
ein unvorhergesehenes Unwetter die Früchte vernichtet. Seine Spielführung
verkrampft sich; er beginnt, übermäßiges Augenmerk auf die Vermeidung von
Unwägsamkeiten zu lenken und Spannungen aus dem Wege zu gehen. Ich glaube, in
Anands Spiel deutliche Anzeichen dieser Tendenz beobachten zu können. Es
entstand ein Widerspruch zwischen seiner scharfen Eröffnungswahl und der
weiteren Spielführung in seinen Partien.
Dagegen wird der Spieler, der die Niederlage im Wettkampf
vor Augen hat, von Niedergeschlagenheit erfaßt. Auch er möchte die Sache
möglichst schnell hinter sich bringen, allen gegenteiligen Versicherungen zum
Trotz. Der Verstand sagt ihm: „Das bisherige Ergebnis ist unerheblich. Es
hindert nicht daran, aus der nächsten Partie ein anständiges Werkstück zu machen
– und nur darum ist es jetzt zu tun.“ Das Gefühl ist jedoch durch die
vorangegangenen Schläge zu sehr von der eigenen Machtlosigkeit überzeugt, um
Kräfte bereitstellen zu können. Vielleicht gelang es einzig M. Tal bei seinem
Rückkampf gegen M. Botvinnik im Jahre 1961, unabhängig von seiner Form, seinem
Gesundheitszustand und dem Stand des Wettkampfs sich auf die für ihn übliche
Weise ins Spiel zu vertiefen.
Schnell ging das Ereignis in Bonn vorbei, wenn man es mit
früheren Wettkämpfen um die Weltmeisterschaft vergleicht; nur die beiden
Wettkämpfe Lasker - Schlechter und Lasker – Janowski aus dem Jahre 1910 umfaßten
weniger Partien. Im Vergleich zu früheren Weltmeisterschaftskämpfen war die Zahl
der Ruhetage stark eingeschränkt.
Dies ist kennzeichnend für unsere Zeit. Der äußere Druck
auf die Spieler, der durch die Wettkampfbedingungen entsteht, wird laufend
verschärft. Doch soll man diese Erscheinung nicht zu einseitig betrachten und
beurteilen. Zwar ist der momentane Druck stärker als früher, aber dafür sind die
Phasen des Drucks viel kürzer. In einem Wettkampf über 24 Partien wäre dem
Ausgang der dritten Partie nicht so viel Bedeutung zugekommen wie in dem
abgelaufenen Kräftemessen; aber dafür müßten beide jetzt noch wochenlang
schwitzen. Ruhetage geben nur scheinbar Erholung; die Spannung des Kampfes,
Ungewißheit und Sorge über das Zukünftige weichen nicht aus dem Körper. Sehr
beliebt sind zur Zeit Blitzpartien mit einer Minute Bedenkzeit pro Spieler. Die
Anspannung ist dabei groß, geht aber rasch vorüber. Man findet also heutzutage
gleichsam dicht nebeneinanderstehende spitzige Höhepunkte des Drucks, während
früher mächtige Wellenrücken mit weiten, flachen Tälern dazwischen angelegt
wurden. Was man für werthaltiger erachtet, ist Geschmackssache; doch trägt die
Raschheit des Druckwechsels sicher zur Unruhe in der heutigen Lebensgestaltung
bei.
Im allgemeinen erwächst der Hauptdruck auf den denkenden
und schaffenden Spieler jedoch nicht aus seiner eigenen Einstellung zur
Kampfsituation und aus den Regelungen des Turnierschachs, sondern aus den stets
zunehmenden sachfremden Forderungen und bürokratischen Maßnahmen in der
Schachwelt. Er wird rein als Objekt behandelt, das in völlig beliebiger Weise
gebraucht und genutzt werden kann. Es ist folgerichtig, daß jede Zerstreutheit,
jede harmlose persönliche Eigenart in härtester Weise gestraft wird. Beispiele
für solche willkürlichen Sinnlosigkeiten sind die Dopingkontrollen und die
Regelungen bei Lautäußerungen von Reisetelephonen.
Während der soeben zu Ende gegangenen Weltmeisterschaft war
von der zuletzt besprochenen Art von Druck wenig zu merken. Doch soll ihm dem
Vernehmen nach bei der anstehenden Mannschaftsweltmeisterschaft in Dresden zu
neuen Höhenflügen verholfen werden.