Rossolimo der Champions

von Robert Ris
30.09.2019 – Jede Ausgabe des ChessBase Magazins enthält eine Fülle an theoretischen Empfehlungen und Tipps, um das eigene Repertoire schlagkräftiger zu machen. Im ChessBase Magazin #191 untersucht IM Robert Ris zum Beispiel die theoretisch hochaktuelle Variante, die im Rossolimo-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5) nach 3..g6 4.Lxc6 dxc6 entsteht. Weltmeister Carlsen spielt diese Variante gerne mit Schwarz, und Ris zeigt, wie Schwarz dynamisches und gutes Gegenspiel bekommt.

ChessBase Magazin 191 ChessBase Magazin 191

Analysen von Caruana, Giri, So, Vidit, Wojtaszek, Gelfand, McShane, Yu Yangyi, Nielsen, den Muzychuk-Schwstern, u.v.a. Dazu Videos von King, Sokolov und Williams, elf Eröffnungsartikel mit neuen Repertoireideen und Trainingseinheiten für jede Partiephase!

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Rossolimo der Champions!

Robert Ris untersucht die Stellung, die nach 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 g6 4.Lxc6 dxc6 5.d3 Lg7 entsteht:

 

In der Geschichte des Schachs waren Weltmeisterschaftskämpfe bezüglich der Entwicklung von Eröffnungstheorie immer sehr wichtig, und das letzte Match in London 2018 zwischen Caruana und Carlsen bildet keine Ausnahme. In seinen ersten drei Weißpartien wählte Caruana im Kampf gegen Carlsens Sizilianer die Rossolimo-Variante. In diesem Artikel werden wir einen Blick auf die wesentlichen Entwicklungen bei den Strukturen werfen, die nach 4.Lxc6 dxc6 entstehen. In den letzten paar Jahren hatte das Zurückschlagen in Richtung Zentrum (4...bxc6) in punkto Popularität Rang 1 eingenommen, vor allem dank der Beiträge des Experten Boris Gelfand. Doch seit dem besagten Match ist 4...dxc6 wieder auf das Eliteniveau zurückgekehrt, und es wurden neue dynamische Ressourcen für beide Seiten entdeckt.

Nach 5.d3 Lg7 spielte Weiß in den meisten Partien hier das subtile 6.h3 (siehe Diagramm unten), was natürlich bestimmt nicht die einzige Option ist, aber tatsächlich einigen Sinn ergibt. Generell möchte Weiß seinen f-Bauern vorstoßen, um einen Angriff zu starten, und das Feld h2 wird oft durch den Springer genutzt, um den Weg für diesen Bauern freizumachen. In der dritten Matchpartie Caruana,F - Carlsen,M ½-½ spielte Weiß stattdessen 6.0-0. Ich würde Ihnen ans Herz legen, Dudas Analyse dieser Begegnung durchzugehen.

 

Die Hauptfrage für Schwarz in diesem Strukturtyp lautet, wie er den Springer von g8 entwickeln soll. Eine ganze Weile galt der Zug 6...e5, der ...Se7 beabsichtigt, als minderwertig, da der Springer, durch den Bauern auf e4 dominiert, dort nicht gut steht. Doch während ich an diesem Artikel arbeitete, wählte Carlsen bei der Grand-Chess-Tour-Veranstaltung in Abidjan in seiner Partie gegen Amin just diesen Zug. Obwohl mir die anderen hier untersuchten Varianten trotzdem mehr zusagen, lohnt es sich, selbige nachzuspielen, denn Carlsen behandelt die Stellung in einem sehr schönen dynamischen Stil - siehe Amin,B - Carlsen,M (0-1).

6...Sf6 7.Sc3

 

Diese Züge wurden hier vorwiegend gespielt, wonach Schwarz vor einer weiteren wichtigen Entscheidung steht:

A) 7...b6, B) 7....0-0 oder C) 7...Sd7.

A) 7...b6 8.Le3 e5?!

 

Dies kam interessanterweise in einer Partie zwischen den zwei Giganten 2015 aufs Brett. Doch wie Igor Stohl in seiner Analyse von Caruana,F - Carlsen,M 0-1 gezeigt hat, hätte Weiß mittels 9.Sxe5! klaren Vorteil erlangen können. Statt 8...e5?! käme der Zug 8...Sd7 in Betracht, und nach 9.Dd2 h6 geht das Spiel zu später in diesem Artikel untersuchen Varianten über.

B) 7....0-0

 

Der letzte Zug von Schwarz könnte vollauf annehmbar sei. Doch da Weiß Le3-Dd2 und Lh6 spielen wird, um die schwarzfeldrigen Läufer zu tauschen, scheint mir, dass der Königsflügel des Nachziehenden anschließend ein wenig geschwächt sein wird.

In den Partien Caruana,F - Radjabov,T 1-0 (8..b6) und Vallejo Pons,F - Radjabov,T 0-1 (8...Sh5) wählte Weiß 8.Lf4, was Schwarz zusätzlich daran hindert, seinen Bauern nach e5 zu vorzustoßen. Die weiße Hauptfortsetzung ist allerdings 8.Le3, was Anfang des Jahrhunderts sehr beliebt war, aber auch in Anand,V - Carlsen,M ½-½, Sinquefield Cup 2018, geschah. In den meisten Fällen führt dies zu messerscharfem Spiel mit entgegengesetzten Rochaden. Es lohnt sich, die Schwarzpartien Peter Lekos in dieser Variante zu studieren.

C) 7...Sd7 8.Le3 e5

 

Dies ist aktuell die Hauptvariante. Schwarz schiebt die kurze Rochade vorerst auf und hält das Feld f8 frei für die Überführung des Springers nach e6. Zudem sorgt er nach 9.Dd2 h6 dafür, dass die schwarzfeldrigen Läufer auf dem Brett bleiben. Zu erwähnen ist, dass Caruana in der ersten Matchpartie mit 9.0-0 Caruana,F - Carlsen,M ½-½ begann, wenngleich dies wahrscheinlich überleiten wird. Nach 10.0-0 erreichen wir einen kritischen Punkt:

 

C1) Die alte Variante beginnt mit 10...De7 und geht weiter mit 11.Sh2 Sf8 12.f4 exf4 13.Lxf4 Se6 14.Lg3!

 

Laut aktueller Theorie erweist sich diese Stellung als sehr unangenehm für Schwarz. Der Plan von Weiß, inklusive der Züge Tae1, e5, Se4 usw., ist ziemlich geradlinig, mit großartigen Aussichten, einen kraftvollen Angriff aufzubauen. Wenn man einmal die Anmerkungen zu der Partie Zhao,J - Cheparinov,I 1-0 durchgegangen ist, versteht man, warum es für Schwarz besser ist, von dieser alten Variante die Finger zu lassen und sich lieber auf die folgende zu konzentrieren.

C2) 10...b6

 

C2a) 11.Sh2

In Caruana,F - Nakamura,H (½-½) beschloss Schwarz, die weißen Aktionen am Königsflügel mit dem radikalen 11...g5 zu unterbinden, was von Ramirez als obligatorisch angesehen wurde. Jüngere Partien haben gezeigt, dass Schwarz die gegnerischen Absichten in Wirklichkeit ignorieren kann, und die Theorie entspinnt sich nach 11...Sf8!? 12.f4 exf4, worauf Weiß zwei Möglichkeiten hat wiederzunehmen. Nach 13.Txf4 empfiehlt sich für Schwarz 13...Le6!, wonach das Spiel letztlich zu der ersten Matchpartie Caruana,F - Carlsen,M ½-½ übergehen wird. Im Fall von 13.Lxf4 ist meines Erachtens 13...Se6! genauer.

Nach 14.Lg3 hat Schwarz jetzt eine Reihe von Optionen, darunter 14...c4 (ehrgeizig, aber riskant) sowie meine Präferenz, das solide 14...Dg5. Verglichen mit der Variante, die mit 10...De7 beginnt, hat Schwarz ein nützliches Tempo gespart und ...b6 eingeschaltet. In den Anmerkungen zu der Partie Swiercz,D - Cordova,E (½-½) findet man alle Feinheiten dieser neuen Aufstellung mit 10...b6.

C2b) 11.a3

 

Der andere Plan, den Weiß zur Verfügung hat, lautet, mit b2-b4 die schwarze Struktur am Damenflügel anzugehen. In früheren Partie hatte Schwarz mit 11..a5 reagiert, wenngleich dies nicht vollkommen zufriedenstellend wirkt. Recht gut gefällt mir Carlsens neue Idee 11...Sf8 mit der Pointe, auf 12.b4 Se6!? 13.bxc5 f5 14.exf5 gxf5 folgen zu lassen.

 

In der Blitzpartie Wang,H - Carlsen,M 0-1 funktionierte dieses Konzept, das ein Bauernopfer beinhaltet, unglaublich gut für Schwarz, trotz wechselseitiger Fehler. In der Analyse wird man sehen, dass die Stellung messerscharf wird und für beide Parteien ziemlich schnell kippen könnte. In Meier-Caruana (siehe Analyse) behielt Weiß seinen König und begann mit 10.a3. Caruana verfuhr auf ziemlich gleiche Weise, was zu äußerst zweischneidigen Stellungen führte.

Fazit: Man kann wohl sagen, dass 4...dxc6 derzeit 4...bxc6 als Hauptabspiel in der Rossolimo-Variante abgelöst hat. Die entstehenden Strukturen bieten Schwarz großartige dynamische Chancen. Selbst wenn die Engines Weiß bevorzugen, lautet die gute Nachricht für Schwarz, dass er niemals ohne Gegenspiel ist.

Kritisch wirkt das Konzept mit 7...Sd7, was die Rochade zurückstellt, und 9...h6 (zur Verhinderung des Abtauschs der schwarzfeldrigen Läufer mit Lh6). Die neue Aufstellung mit 10...b6 ist in den letzten paar Monaten sehr populär geworden, und wahrscheinlich zu Recht.

Mir ist es nicht gelungen, für Weiß einen klaren Weg zu Vorteil zu finden. Falls dieser es nicht schafft, seinen Entwicklungsvorsprung und den anfälligen schwarzen König auszunutzen, ist seine Stellung vielleicht nichts Besonderes. Schließlich hat Schwarz das Läuferpaar, schöne Kontrolle über die Zentralfelder und Ressourcen, seinen Gegner auf die Dauer zu überspielen. Freue mich darauf, neue Entwicklungen in dieser aktuellen Variante zu sehen!

ChessBase Magazin 191

Analysen von Caruana, Giri, So, Vidit, Wojtaszek, Gelfand, McShane, Yu Yangyi, Nielsen, den Muzychuk-Schwstern, u.v.a. Dazu Videos von King, Sokolov und Williams, elf Eröffnungsartikel mit neuen Repertoireideen und Trainingseinheiten für jede Partiephase!

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Der Internationale Meister Robert Ris (Jahrgang 1988) hat sein Heimatland, die Niederlande, schon auf vielen Jugendmeisterschaften erfolgreich vertreten. Heute ist er vor allem als Schachtrainer in Schulen und Schachklubs aktiv und trainiert Schüler aus verschiedenen Ländern online auf playchess.com. Auch als Livekommentator für die niederländische Meisterschaft und das Traditionsturnier in Wijk aan Zee ist er schon in Erscheinung getreten.
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