Rückblick auf das Kandidatenturnier in Berlin

von Stephan Oliver Platz
17.04.2018 – Die Organisation des Kandidatenturniers in Berlin bot noch Raum für Verbesserungen, aber aus schachlicher Sicht war das Turnier am Limit. Die acht Spieler kämpften verbissen um Punkte und den Turniersieg. Die Spannung hielt bis zum Schluss. Erst in der letzten Runde wurde das Turnier zugunsten von Fabiano Caruana entschieden. Ein Rückblick von Stephan Oliver Platz. (Fotos: S.O. Platz)

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Viel Kampf statt kurzer Remisen

In der großen Mehrzahl der Partien sahen wir großartiges, kämpferisches Schach. Die Großmeister, welche im 4. Stock die Partien live auf Deutsch kommentierten, nahmen sich auch die Zeit, auf Zuschauerfragen einzugehen und aus dem Publikum vorgeschlagene Züge und Varianten zu prüfen. Besonders beeindruckt haben mich dabei Großmeister Georg Meier, der mit großem Sachverstand die wesentlichen Elemente der jeweiligen Stellungen benannte, und Großmeister Artur Jussupow, der mit einer gehörigen Portion Humor sehr viel Menschliches in seine Kommentare mit einbrachte.

Die Großmeister Ilja Zaragatzki und Artur Jussupow kommentierten im 4. Stock auf Deutsch das Spielgeschehen.

Viel Prominenz und Kontakt mit Schachfreunden aus vielen Ländern

Viel Prominenz besuchte das Kandidatenturnier, so z. B. Exweltmeister Anatoly Karpow, der lettische Großmeister Alexei Shirov, Ex-Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk, die deutsche Großmeisterin Elisabeth Pähtz, Fernschachgroßmeister und Verleger Arno Nickel sowie der durch seine Schachsendungen und Bücher wohlbekannte Großmeister Dr. Helmut Pfleger, um nur einige bekannte Namen zu nennen. Auch gab es reichlich Gelegenheit, mit zahlreichen Schachfreunden in Kontakt zu kommen, gemeinsam zu analysieren und die laufenden Partien zu besprechen.

So endete das Kandidatenturnier

Im folgenden beschränke ich mich auf einige kurze Anmerkungen zu den acht Teilnehmern des Kandidatenturniers (alle 56 Partien finden Sie in den jeweiligen Rundenberichten auf www.chessbase.de). Die Abschlusstabelle sah folgendermaßen aus:

Endstand

 

Partien

 

 

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Kramnik im Kampfmodus

Am verblüffendsten war wohl die Vorstellung von Exweltmeister Vladimir Kramnik. Mit 2 1/2 aus 3 wie eine Rakete gestartet, wurde er später zum tragischen Helden des Kandidatenturniers. Gegen Levon Aronian gelang ihm in Runde 3 eine Glanzpartie, und in der vierten Runde hätte er beinahe auch noch Fabiano Caruana bezwungen. Aber bei knapper Bedenkzeit schaffte es der russische Exweltmeister nicht, den Sack zuzumachen, sondern beging schließlich noch einen schweren Fehler, der ihn die Partie kostete. Hier muss man aber fairerweise hinzufügen, dass es Caruana war, der Kramnik im Mittelspiel ausmanövrierte und eine Gewinnstellung erreichte, diese aber vergab und Kramnik so überhaupt erst wieder zurück ins Spiel brachte. Jedenfalls wurde diese Begegnung nach Ansicht vieler Beobachter zum Wendepunkt, denn wenn Kramnik diese Partie für sich entschieden hätte, wer weiß, vielleicht hätte er danach auch das Turnier gewonnen! So aber geriet der russische Exweltmeister in eine Art Trotzmodus, der ihn veranlasste, jede Partie auf Sieg zu spielen. Das ging aber einigemale gründlich schief, so dass er am Ende mit 6 1/2 aus 14 Punkten nur 5./6. wurde, punktgleich mit seinem Landsmann Alexander Grischuk. Dennoch hat sich Vladimir Kramnik den Respekt des Berliner Publikums verdient, denn an seinem Brett wurde es jedesmal spannend, und immerhin die Hälfte seiner Partien sah einen Sieger (+3 -4 =7). Artur Jussupow meinte dazu: "Mehr kann man von einem Menschen nicht verlangen!".

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Aronian enttäuscht

Levon Aronian war vor Beginn des Turniers von vielen als Favorit gehandelt worden. Er konnte diesem Anspruch jedoch zu keiner Zeit gerecht werden. Was waren wohl die Ursachen? Ich könnte mir vorstellen, dass einfach zu viel Druck auf ihm lastete. Wenn man bedenkt, dass der armenische Staatspräsident Serzh Sargsyan bereits zur Eröffnung des Turniers angereist war anstatt erst zur Siegerehrung zu kommen, so hat dies sicher nicht zu seiner Beruhigung beigetragen. Vielleicht sollte ihn sein Umfeld das nächstemal gründlich abschirmen von allen möglicherweise störenden Einflüssen. Denn dass er großartig Schach spielen kann, das hat der armenische Großmeister bei anderen Gelegenheiten schon mehrfach eindrucksvoll bewiesen.

Karjakin verpasst den Turniersieg

Sergey Karjakin, der letzte Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen, war mit 2 aus 6 (+0 -2 =4) denkbar schlecht in das Turnier gestartet. Dementsprechend überrascht war er zu diesem Zeitpunkt während einer Pressekonferenz von meiner Frage, wie er seine Aussichten einschätze, das Turnier zu gewinnen. Er antwortete darauf humorvoll, dass er schon froh wäre, eine einzige Partie hintereinander zu gewinnen. Das gelang ihm dann aber auch gleich in der 7. Runde gegen Wesley So, und nach weiteren Siegen gegen Kramnik (9. Runde) und Aronian (11. Runde) war er wieder vorne mit dabei.

Durch seinen schönen Sieg gegen Fabiano Caruana in Runde 12 wurde Karjakin plötzlich sogar zum Favoriten. Da bei Punktgleichheit der direkte Vergleich zu seinen Gunsten entschieden hätte, hatte Karjakin tatsächlich zu diesem Zeitpunkt gute Chancen, sich erneut als Herausforderer zu qualifizieren. Doch zu meiner großen Überraschung spielte er gegen Wesley So in Runde 13 mit Schwarz schon früh auf Vereinfachung, und nach nur 17 Zügen war ein Endspiel entstanden, von dem man voraussagen konnte, dass es wohl unentschieden enden würde. Bald wurden die letzten Leichtfiguren getauscht, und das Doppelturmendspiel endete im 39. Zuge mit der erwarteten Punkteteilung. Diese Partieanlage erwies sich als entscheidender Fehler. Selbst wenn Karjakin in der letzten Runde mit Weiß gegen Ding Liren gewonnen hätte, hätte es nicht mehr zum Turniersieg gereicht.

Sergey Karjakin (rechts) gibt Autogramme nach einer Pressekonferenz.

Mamedyarov leistete sich zu viele Remisen

Der sympathische Großmeister aus Aserbeidschan war neben Exweltmeister Kramnik mein Hauptfavorit vor Beginn des Turniers gewesen. Als ich jedoch miterlebte, wie er relativ häufig ein frühes Remis machte, begann ich zu ahnen, dass es für Mamedyarov wahrscheinlich nicht ganz reichen würde. Die Weißpartien in Runde 2 gegen Aronian (24 Züge) und in Runde 4 gegen Wesley So (31 Züge) endeten ebenso remis wie die Schwarzpartien in Runde 5 gegen Ding Liren (31 Züge) und in Runde 7 gegen Alexander Grischuk (nur 16 Züge). Auch gegen Sergey Karjakin konnte sich Mamedyarov mit Weiß keine Gewinnchancen herausarbeiten (Remis nach 30 Zügen in Runde 8). Dennoch stand er nach der elften Runde nur einen halben Punkt hinter Fabiano Caruana auf Platz 2. Doch eine Niederlage als Anziehender gegen Ding Liren warf ihn zurück, und obwohl er 1 1/2 Punkte aus den letzten beiden Partien holte, reichte es nicht mehr für den Turniersieg. Shakriyar Mamedyarov hat zweifellos insgesamt klug und gut gespielt, aber um es ganz nach vorne zu schaffen, fehlte einfach ein Quäntchen Aggressivität. Besonders mit Weiß, so hatte ich den Eindruck, fehlt ihm eine scharfe Waffe in seinem Eröffnungsrepertoire, um auf Sieg zu spielen.

Ding Liren kann es das nächste Mal schaffen

Der 25-jährige Großmeister aus China hat in seinem ersten Kandidatenturnier insgesamt überzeugt. Er spielte zwar viele Partien remis, aber diese wurden ausgekämpft und kosteten viel Schweiß. Auf den Pressekonferenzen machte er auf mich einen bescheidenen und sehr sympathischen Eindruck, so z. B. als er sagte, dass er versuchen werde, ein Partie zu gewinnen und zugleich feststellte: „Aber das wird sehr schwer!“. Das Kandidatenturnier in Berlin gab ihm jedenfalls reichlich Gelegenheit, Erfahrungen im Kampf mit den stärksten Großmeistern zu sammeln. Ich bin sicher, dass wir noch viel von ihm hören werden. Vielleicht schafft er es das nächste Mal.

Grischuks Zeitnot

Alexander Grischuk aus Russland geriet in etlichen Partien in arge Zeitnot. Da dies aber für ihn typisch und er zudem ein Blitzspezialist ist, konnte er sich meist, aber nicht immer dank der 30 Sekunden, die es im Fischer-Modus nach jedem Zug als Aufschlag gibt, über die Zeitkontrolle retten, ohne seiner Stellung allzugroßen Schaden zuzufügen. Für die Zuschauer war das recht attraktiv, denn manchmal trennten ihn nur noch wenige Sekunden von einer Zeitüberschreitung. Nach 13 Runden hatte er 6 1/2 Punkte auf seinem Konto und hätte durch einen Sieg in der letzten Partie gegen Fabiano Caruana seinem Landmann Sergey Karjakin Schützenhilfe leisten können, doch es ging andersherum aus. Fabiano Caruana gewann die letzte noch laufende Partie der Schlussrunde gegen den russischen Großmeister, der damit ebensoviele Punkte auf seinem Konto hatte, wie sein Landsmann Vladimir Kramnik.

GM Georg Meier sagte Fabiano Caruanas Sieg voraus

Durch diesen Sieg sicherte sich Fabiano Caruana den ersten Platz, und das völlig zu Recht. Er hat über das ganze Turnier gesehen am beständigsten gespielt. Als er nach 11 Runden endgültig zum Turnierfavoriten geworden war, geriet er vorübergehend in eine Krise. Die Niederlage gegen Sergey Karjakin in Runde 12 erwies sich für ihn jedoch als heilsamer Schock. Im Gegensatz zu dem russischen Großmeister begnügte sich Caruana in der vorletzten Runde nicht mit einem Remis und spielte in der 14. und letzten Runde gegen Grischuk auch dann noch auf Sieg, als bereits feststand, dass ihm bereits ein Remis ausreichen würde, um sich als nächster Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen zu qualifizieren. Damit bestätigte sich die Voraussage von Großmeister Georg Meier in dem Interview mit mir, als er meinte: "Nur Fabiano Caruana hat realistische Chancen das Kandidatenturnier zu gewinnen."

Ein strahlender Fabiano Caruana spätabends am letzten Spieltag unmittelbar vor Verlassen des "Kühlhauses".

Wesley So wird nur Siebenter

Wesley So, der zweite Amerikaner, erwischte mit zwei Auftaktniederlagen gegen Fabiano Caruana und Alexander Grischuk einen denkbar schlechten Start ins Turnier. Sein einziger Sieg gelang ihm in Runde 6 gegen Levon Aronian. Ich hatte den Eindruck, dass er sich mit dem kalten Wetter in Deutschland nicht anfreunden konnte. Jedenfalls äußerte er sich in einer Pressekonferenz dahingehend, dass endlich einmal in 13 Tagen die Sonne geschienen habe. Das dürfte jedoch ein wenig übertrieben gewesen sein, denn schon am ersten Sonntag, 11. März, hatte es Sonnenschein gegeben. Gegen Ende des Turniers taute Wesley jedoch sichtlich auf und zeigte sich gut gelaunt bei den Pressekonferenzen.

Wesley So (rechts) freut sich über sein Remis gegen Vladimir Kramnik in Runde 12.

Zwei kleine Ausstellungen am Rande

Im Erdgeschoß war ein kleine Ausstellung dem deutschen Weltmeister Dr. Emanuel Lasker gewidmet, der bekanntlich am längsten die Schachkrone trug (von 1894 bis 1921). Es gab aber nur einige Fotos, Texte und Bücher über ihn zu bestaunen, welche von der Emanuel Lasker Gesellschaft zusammengestellt worden waren:

Ausstellung der Lasker-Gesellschaft

Gegen Ende des Turniers wurden außerdem im vierten Stock des Kühlhauses Briefmarken mit Schachmotiven aus der Sammlung von Exweltmeister Anatoly Karpow ausgestellt:

Schach-Briefmarken von Anatoly Karpov

Ist Fabiano Caruana nun Amerikaner oder Italiener?

Heftig diskutiert wurde auf der englischsprachigen ChessBase-Seite, ob Fabiano Caruana Amerikaner oder Italiener ist. Die Antwort dürfte lauten: Er ist beides! Geboren am 30. Juli 1992 in Miami als Sohn von zwei Italo-Amerikanern Lou and Santina Caruana, verbrachte er die ersten vier Lebensjahre in Florida. Dann übersiedelte die Familie nach Brooklyn/New York. 2004, Fabiano war inzwischen 12 Jahre alt, zogen die Caruanas nach Madrid, 2007 nach Budapest und 2010 nach Lugano in die italienische Schweiz. Der neue Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen besitzt sowohl die amerikanische, als auch die italienische Staatsbürgerschaft. Von 2005 bis 2015 spielte er für Italien, ging danach aber wieder zurück in die USA. Am 25. April 2016 gewann er zum ersten mal die US-amerikanische Schachmeisterschaft und wurde im September 2016 mit der amerikanischen Mannschaft Olympiasieger. Für seine Leistung auf Brett 1 erhielt er zudem die Bronzemedaille. 2007, 2008, 2010 und 2011 war Fabiano Caruana bereits bei den italienischen Schachmeisterschaften erfolgreich gewesen. Also warum sollten sich nicht Amerikaner und Italiener gleichermaßen über den Erfolg ihres Landsmannes freuen?

Wird sich jetzt Hollywood für Schach interessieren?

Die Filmproduzenten Dylan Quercia (Mitte) und Ehefrau Gloria aus Los Angeles mit ihrem Kameramann. Da ein Amerikaner den Weltmeister herausfordert, wird Schach vielleicht schon bald für Hollywood ein Thema. Dylan Quercia leitet die „California Chess School“ und unterrichtet Schach sogar an Schulen in Kalifornien.

Besonders gefreut über den Sieg des Italo-Amerikaners haben sich Dylan Quercia und seine Frau Gloria. Die Produzenten aus Los Angeles waren nach Berlin gereist, um eine Dokumentation über das Kandidatenturnier zu drehen. Sie erzählten mir, dass sie nun, nachdem ein Amerikaner im WM-Kampf steht, dranbleiben und auch von diesem berichten wollen. Da Dylan und Gloria unabhängige Produzenten sind, wird viel davon abhängen, ob sie ihre Dokumentation auch verkaufen können. Warten wir's ab und freuen wir uns auf einen spannenden WM-Kampf Carlsen gegen Caruana. Als Prognose wage ich die Voraussage, dass der Nachname des Gewinners mit den Buchstaben „Car“ anfangen wird.
 



Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.
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