Rückzüge aus der Bundesliga

von André Schulz
04.05.2016 – Der Rückzug des Turm Emsdetten aus der Bundesliga hat einen Domino-Effekt bewirkt. Nachrücker Erfurt, sportlich eigentlich abgestiegen, hat auf sein Teilnahmerecht verzichtet und dies in einer Erklärung begründet. Nun lag der Schwarze Peter bei Hansa Dortmund, das aber gerade auch seinen Verzicht erklärt hat. Seit 1992 ist dies der 27. Rückzug aus der Bundesliga. Mehr...

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Die Deutsche Schachbundesliga wurde 1974 gegründet. Von der ersten Saison 1974-75 an wurde sie in vier Staffeln mit je acht Mannschaften ausgetragen. Die vier Staffelsieger spielten in einer zentralen Endrunde den Meister aus. Ab der Saison 1980/81 wurde die Bundesliga eingleisig gespielt. Mit der Saison 1991/92 wurden nach der Wiedervereinigung auch Mannschaften aus der ehemaligen DDR mit eingegliedert.

Im Laufe der 35-jährigen Geschichte der eingleisigen Bundesliga haben sich 28 Vereine vor, während oder nach einer Saison aus der Liga zurückgezogen oder haben auf ihr Startrecht verzichtet. Nicht mitgezählt sind die Vereine, die auf ihr Aufstiegsrecht aus der Zweiten Liga verzichtet haben. Einige Mannschaften haben sich zudem "still" verabschiedet, indem sie die Anzahl ihrer Profis reduziert haben und dann regulär und gewollt abgestiegen sind. Auch diese Teams sind nicht mitgezählt.

Während es zwischen der Gründung der eingleisigen Liga 1980/81 und die Erweiterung nach der Wiedervereinigung 1991/92 nur einen einzigen Rückzug gab, wurde dies danach zur regelmäßigen Begleiterscheinung nach dem Abschluss einer Bundesliga-Saison. Dies hat möglicherweise auch etwas mit der Vergrößerung der Reisedistanzen und Erhöhung von Reisekosten zu tun. In erster Linie dürfte dafür aber der Zustrom spielstarker, aber auch teurer Profis zu tun haben, vor allem nach dem Zerfall des "Ostblocks".

Die Profis erhöhen mit ihren Gagen und Anreisekosten den Gesamtetat der Bundesligamannschaften und so ist die Liga im Laufe der Zeit in zwei Teile zerfallen: die Mannschaften, die sich viele Profis leisten können und solche Mannschaften, denen dafür das Geld fehlt. Ohne Profis sind Mannschaften in der Bundesliga jedoch nicht konkurrenzfähig und so spielte man bei einem nicht unerheblichen Grundetat (Kosten für Reisen, Unterbringung und Organisation) von knapp 30.000 Euro für eine Amateurmannschaft nur gegen den Abstieg. Aber selbst bei hohem finanziellen Aufwand ist es kaum möglich, um die Meisterschaft mitzuspielen, da die OSG Baden-Baden mit ihrem Sponsor Grenke-Leasing die Liga zu sehr dominiert. Die Saison 2015-16 mit der SG Solingen als Meister ist nach zehn Jahren eine Ausnahme.

Obwohl die Bundesliga mit einem geschätzten Jahres-Gesamtetat von über einer halben Million Euro vermutlich das teuerste Schachturnier in Deutschland ist, fehlt ihr der adäquate Zuspruch der deutschen Schachfreunde. Es gibt zwar durchaus mediale Aufmerksamkeit in der Fach - und Lokalpresse, doch vor Ort finden sich zu den Wettkämpfen kaum Zuschauer ein. Die Gründe dafür wurden an unterschiedlichen Stellen bereits vielfach diskutiert und es gab Ansätze, Abhilfe zu schaffen, doch bisher ohne jede Nachhaltigkeit. In der nächsten Saison wird es eine große zentrale Runde in Berlin geben, an der auch die Frauenbundesliga beteiligt wird.

 

Erklärung des Erfurter SK

Anmerkungen zur Saison 2015/16 und zum Rückzug des Erfurter SK aus der 1. Schachbundesliga

von Thomas Casper & Christian Troyke


Der Erfurter SK gibt hiermit bekannt, die durch den Rückzug von Emsdetten erhaltene Spielberechtigung für die Saison 2016/17 in der 1. Schachbundeliga nicht wahrzunehmen und wieder in der 2. Bundesliga anzutreten. Die Entscheidung in der Vorstandssitzung am 28.04.2016 fiel recht leicht, da wenig für einen Verbleib in der 1. SBL spricht, aber für einen Verein von der Größe des ESK viel dagegen.

Als reiner Amateurverein ist die Finanzierung einer Saison in der 1. SBL eine Gratwanderung. Gesunde Finanzen haben für den ESK jedoch Priorität – monetäre Abenteuer können und wollen wir uns nicht leisten. Bis wenige Tage vor Abschluss der Saison 2015/16 war nicht sicher, ob wir sportlich die Klasse halten können. Sponsorenakquise ist unter diesen Voraussetzungen äußerst schwierig. Nachdem nun am 24.04.2016 klar war, dass der ESK nicht absteigen muss, hatten wir genau eine (!) Woche Zeit, eine solide Finanzierung für die Saison 2016/17 auf die Beine zu stellen. Warum der Schachbundesliga e.V. die verbindliche Meldefrist für die kommende Saison bereits auf den 01.05.2016 terminiert hat, erschließt sich uns leider nicht. Ein wesentlicher Aspekt für unseren Rückzug ist daher der ungemein knappe Meldetermin, der uns die finanzielle Sicherung für eine weitere Saison in der 1. SBL unmöglich macht.

An dieser Stelle sei gesagt, dass wir mit dem sportlichen Abschneiden in der abgelaufenen Saison sehr zufrieden sind. Aufgrund der großartigen Leistungen unserer beiden ersten Bretter - Evgeny Romanov und Andrey Vovk – die zusammen „plus 4“ erreicht haben, sind wir am Ende der Saison 13. in der Abschlusstabelle geworden. Regulär ist das zwar ein Abstiegsplatz, aber es hat sich wieder mal bewahrheitet – wer vor Bayern München landet, muss nicht absteigen. Es hat sich aber auch gezeigt, wie am letzten Spieltag in Bremen, dass der ESK ohne eine gewisse Anzahl der gemeldeten Großmeister in den allermeisten Kämpfen chancenlos ist. Und da die Finanzierung dieser Großmeister nicht mehr gewährleistet ist, verzichten wir lieber freiwillig auf Auftritte ausschließlich mit Freizeitspielern. Die meisten unserer deutschen Stammspieler reizt die 1. SBL in ihrer jetzigen Form nicht mehr besonders. Wir sind, mit etlichen Unterbrechungen, seit 1991 dabei und wollen in Zukunft nicht ständig über Niederlagen in Höhe von 1,5:6:5 auch noch zufrieden sein müssen.

Unsere Entscheidung gilt ausdrücklich der kommenden Saison. Einen erneuten sportlichen Aufstieg aus der 2. SBL vorausgesetzt, können wir uns – soweit die Rahmenbedingungen stimmen – durchaus vorstellen, auch in Zukunft wieder in der 1. SBL zu spielen. Zum Thema Rahmenbedingungen ist uns in der vergangenen Saison auch noch so einiges aufgefallen. Die folgenden Punkte sind sicher nicht ursächlich für unseren Rückzug, aber immerhin bedenkenswert.

...
 

Der Erfurter SK übt zudem Kritik an der mangelnden Beachtung der Turnierordnung durch die Vereine und Mannschaften der Ersten Bundesliga. So folgten einige Spieler und Mannschaften nicht dem Gebot einer einheitlichen Mannschaftskleidung. Turniersaal und Erfrischungen entsprächen nicht immer dem gewünschten Standard. Die Gastgeber der Wettkämpfe erfüllten nur selten die damit verbundenen Pflichten, zum Beispiel bei der Suche nach Unterkünften behilflich zu sein. Das Mitbringen von elektronischen Geräten in den Spielsaal ist strengstens untersagt, jedoch seien die für die Live-Übertragung benötigten Computer bisweilen auch für die Spieler einsehbar. Auch der Sinn dieser Übertragung im Internet wird von den Erfurter Verantwortlichen in Frage gestellt. Zudem sei die von den Spielern geforderte "Spielervereinbarung" in dieser Form nicht ausgewogen und in Teilen auch nicht notwendig.

Die ganze Erklärung zum Rückzug des SK Erfurt...

 

 

Erklärung von Hansa Dortmund

Hansa zieht sich aus der Bundesliga zurück

Der Vorstand des SC Hansa Dortmund hat gestern Abend einstimmig beschlossen in der Saison 2016/2017 nicht an der Schachbundesliga teilzunehmen. Schon im Vorfeld der Jahreshauptversammlung an letztem Freitag, den 29. April waren die Schwierigkeiten abzusehen. Die vergangenen Tage haben wir genutzt um nochmals alles durchzurechnen und abzuwägen. Nachdem wir in den Gesprächen mit diversen Sponsoren keine Möglichkeit gefunden haben den Rückzug unseres Hauptgeldgebers adäquat aufzufangen, sahen wir keine Alternative zu diesem Schritt. Abseits des Geldes fehlt es auch an Möglichkeiten die Erstligaorganisation zu übernehmen.
Dessen ungeachtet kann jedoch der Verein stolz sein, dass die Mannschaft letzte Saison trotz geringer Mittel sportlich die Klasse gehalten hat. Wir werden die Entwicklung in der Schachbundesliga weiterhin aufmerksam verfolgen und danken allen Spielern, Organisatoren und Beteiligten der letzten Saison!

Der Vorstand des SC Hansa Dortmund hat gestern Abend einstimmig beschlossen in der Saison 2016/2017 nicht an der Schachbundesliga teilzunehmen. Schon im Vorfeld der Jahreshauptversammlung an letztem Freitag, den 29. April waren die Schwierigkeiten abzusehen. Die vergangenen Tage haben wir genutzt um nochmals alles durchzurechnen und abzuwägen. Nachdem wir in den Gesprächen mit diversen Sponsoren keine Möglichkeit gefunden haben den Rückzug unseres Hauptgeldgebers adäquat aufzufangen, sahen wir keine Alternative zu diesem Schritt. Abseits des Geldes fehlt es auch an Möglichkeiten die Erstligaorganisation zu übernehmen.
Dessen ungeachtet kann jedoch der Verein stolz sein, dass die Mannschaft letzte Saison trotz geringer Mittel sportlich die Klasse gehalten hat. Wir werden die Entwicklung in der Schachbundesliga weiterhin aufmerksam verfolgen und danken allen Spielern, Organisatoren und Beteiligten der letzten Saison!


 

 

Rückzüge aus der Bundesliga seit Bestehen der eingleisigen Bundesliga (1980/81)

 

2016 SK Turm Emsdetten, Erfurter SK, Hansa Dortmund

2015 SC Eppingen

2014 SV Wattenscheid

2013 Wiesbadener SV

2009 SC Kreuzberg, TV Tegernsee

2008 TSV Bindlach-Aktionär

2007 SG Porz

2004 SV Lübeck

2004 Bremer SG,  St. Ingbert, SK König Plauen

2003 SV Lübeck, SK Turm Emsdetten

2002 SV Castrop-Rauxel

2001 USC Magdeburg

2000 Delmenhorster SK, SK Passau, Dresdner SC

1999 SG Bochum

1998 SCA St. Ingbert

1995 Bayern München

1994/1995 SC Stadthagen (während der Saison)

1993 VfL Sindelfingen

1992 FTG Frankfurt

1983/1984 Königsspringer Frankfurt (während der Saison)

 

 

Ewige Tabelle der Bundesliga...

Statistiken beim Godesberger SK...

Statistiken zu Bundesliga (Wikipedia)...

Mannschaftskader der Bundesliga (Wikipedia)...

Schachbundesliga...

 

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Thomas Richter Thomas Richter 05.05.2016 08:53
Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass in den letzten Jahrzehnten "krisenbedingt" mehr Sponsoren kürzer treten oder aufhören mussten als zuvor der Fall war?
Die Rechensumme verstehe ich nicht, warum sind 30.000 Euro das Minimum? Grob gerechnet: acht Spieler, sieben Wochenenden mit An- und Abreise, acht (da einmal Fr-So gespielt wird) Hotelübernachtungen. Reisekosten schätze ich grob auf 100 Euro pro Person (eher grosszügiger Mittelwert), Hotel sollte man auch für 100 Euro (oder günstiger) hinbekommen. Das wären 12.000 Euro. Nicht berücksichtigt ist, dass bei Heimspielen zwar Organisationskosten anfallen, aber für Spieler mit Wohnsitz am Vereinsort oder in der näheren Umgebung keine Reise- und Hotelkosten. Auch bei manchen Auswärtsspielen sind Reisekosten überschaubar, und ein Hotel nicht unbedingt nötig.
Natürlich haben fast alle Vereine zusätzliche Kosten für Anreise aus dem Ausland (per Flugzeug) und Spielerhonorare, aber das fällt doch nicht unter "Grundetat einer Amateurmannschaft"? Andererseits wird der Gesamtetat auf (etwas!?) über eine halbe Million Euro geschätzt - die unvermeidlichen Grundkosten wären insgesamt 16*30.000 = 480.000 Euro, aber einige Vereine investieren deutlich mehr.

P.S.: Auch bei Superturnieren mussten einige aufhören, z.B. Linares nach vielen, MTel und Nanjing nach eher wenigen Jahren, andere kamen hinzu. Da sagt aber niemand, dass eingreifende Reformen unbedingt nötig sind. Bisher waren immer 16 Vereine bereit und in der Lage, die Bundesliga zu spielen.
MARIO1962 MARIO1962 05.05.2016 04:00
Ich schasu der Bundesliga auch gern zu.........................im Internet.
Vor Ort spottet das jeder Beschreibung. Die Spieler sitzen kilometerweit von den Zuschauern weg , und man kann sie beim Kopfkratzen, kippeln und Kaffeetrinken beobachten, was n Event.
na, wenn aufm Dorf sonst nix los ist, ok.
Warum sollte bei sowas z.b. das Fernsehen auftauchen ?
Wenn die Partien kommentiert übertragen würden , wie z.B. hier, das würde was bringen.......vielleicht.
DoktorM DoktorM 04.05.2016 08:44
30000 Euro für ein Jahr Schachbundesliga sind doch gar nicht so viel Geld. Sollte man meinen. Beim Fußball gibt es dafür die Bezirks"klasse", beim Schach die Weltklasse (zumindest als Gast). Woran liegt es, dass beim Schach die Sponsoren fehlen? Der fehlende Werbeeffekt kann es nicht sein, denn in der Fußball-Bezirksklasse gibt es diesen auch nicht.

Ich schaue der Bundesliga gerne zu. Auch vor Ort, wenn sie in der Nähe stattfindet. Das ist leider nur ganz selten der Fall.
flachspieler flachspieler 04.05.2016 01:12
Vielleicht sollte man mal wieder überlegen, wie in den 1970ern
eine viergeteilte Bundesliga zu haben, wo man Ende die
vier Gruppen-Ersten den Meister ausspielen.
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