Russische Meisterschaften 2003

16.09.2003 – Die russischen Meisterschaften 2003 gehören eigentlich schon selbst zur 375-jährigen Geschichte der Stadt Krasnojarsk; im Rahmen des Jubiläums fanden sie dort statt. Peter Svidler sicherte sich bereits am vergangenen Wochenende den ersten Platz vor Alexander Morozevich. Insofern ist Eugeny Atarovs Bericht, der uns erst jetzt in seiner deutschen Übersetzung erreichte und eigentlich als Vorschau gedacht war, jetzt schon ein Rückblick. Trotzdem ist er lesenswert und offenbart uns ein wenig die "russische Seele" Fotos und Bericht aus Krasnojarsk...

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Auf in den Osten! Egal wie man es sieht, aber die russische Meisterschaft wurde noch nie an einem solch entlegenen Ort ausgetragen. Nachdem Elista als ständiger Austragungsort nicht mehr zur Verfügung steht, wandert das Turnier quer durch Russland – Petersburg, Moskau, Samara, Krasnodar, doch solch eine „Exotik“ gab es noch nicht...

Zunächst einmal ein wenig Geografie. Um Missverständnisse wie solche, als der nette Andre Schulz mich fragte: „Krasnojarsk? Ist das irgendwo in der nähe von Tomsk?“, zu vermeiden. Nein, es ist viel weiter! Die Region Krasnojarskij ist das Zentrum Ostsibiriens. Wenn man einen Spaziergang auf der Karte macht, dann bleiben vor dem Atlantischen Ozean nur noch Jakutsk und... (doch so weit werden wir nicht gehen).



Krasnojarsk ist eines der größten industriellen Zentren Russlands, und um all die Schätze durchzuzählen, die man hier aus der Erde rausholt, braucht man die Tabelle von Mendeleev und... ein paar Seiten kleingeschriebenen Text. Viele Röhren von unzähligen Fabriken fügen sich nahtlos in die Landschaft ein, genau so gut, wie das Bild der örtlichen Hydroelektrostation auf dem 10 Rubel Schein.


 
Was Natur und Exotik betrifft – nachdem Sie 4 Stunden geflogen sind, haben Sie das Recht einen gewissen Landschaftswechsel zu verlangen – ist alles genauso wie in Moskau. Genau genommen liegen Moskau und Krasnojarsk fast parallel auf dem 56. Breitengrad. Und es ist geplant, dass der Präsident der russischen Schachföderation diese symbolische Parallele auf der Schlusszeremonie erwähnen wird. Es ist ja schließlich auch unsere 56. Meisterschaft.



Die Meisterschaft viel zusammen mit dem 375. Geburtstag der Stadt Krasnojarsk (Tomsk, eine der ältesten sibirischen Städten ist 400 Jahre alt). Deshalb sahen verschiedene festliche Aktivitäten während der Eröffnungszeremonie, wie Kinder, die Kostümen von Schachfiguren auf dem Platz vor dem Musiktheater tragen, sehr natürlich aus.










Genau so eindrucksvoll, diesmal auf der Bühne, sahen Organisatoren, Sponsoren, VIPs und die Stadtväter aus, fast alle waren sie auf der Eröffnungszeremonie anwesend. Schließlich haben wir solch eine Meisterschaft seit fast 5 Jahren nicht mehr in Russland gesehen. Trotz des weiten Weges, der Preise, nicht unbedingt hohe Preisen, sind praktisch alle nach Krasnojarsk geflogen! Wie sollte man dann also aussehen?

Aus dem selben Holz war das Konzert geschnitzt, es hat den Schachspielern wirklich und nicht nur pro forma (Dank der vielen sympathischen Mädchengesichter auf der Bühne) gefallen...



Sofort danach fand die Auslosung statt, wo Peter Svidler für seinen zu spät kommenden Freund und Elofavoriten Sascha Grischuk, aus den Händen von Hauptschiedsrichter Vladimir Dvorkovich, den schwarzen Bauern nahm, eben für seinen Freund. Selbst spielte er am nächsten Tag mit Weiß!



Kurz danach wurde auch „der erste Zug“ ausgeführt, aber nicht von Grischuk oder Dvoiris, sondern vom Ehrengast des Turniers, Elena Achmylovskaja.

Sie lebt schon seit Jahren in den USA, doch vergießt sie nicht, woher sie stammt (die Organisatoren wollten noch einen aus Krasnojarsk stammenden Ehrengast einladen, Lev Psachis, doch er konnte nicht). Ihr gegenüber saß der Bürgermeister der Stadt Petr Primaschkov.


 
Achmylovskaja war überhaupt der meist verlangte Mensch während der Meisterschaft. Sie gab Presskonferenzen, Interviews, Simultanspiele, eröffnete Kinderklubs und Amateurmatche.

Sie übte in Krasnojarsk korrekt die Rolle des „Hochzeitgenerals“ aus. Der zweite in der improvisierten Popularitätsrangliste war Valerij Zubov. Eigentlich er hat die Meisterschaft nach Krasnojarsk „gebracht“. Der ehemalige Gouverneur der Region war der eigentliche Hausherr bei vielen Presskonferenzen, und hatte auch die Idee, eine Allee des sportlichen Ruhmes zu pflanzen, die alle, sowohl die Teilnehmer, als auch die Organisatoren unterstützten.

Jeder Bereitwillige bekam eine Schaufel und eine Jungpflanze einer Lärche, in 20 Jahren werden in Krasnojarsk 80 namentliche bekannte Bäume mehr sein.

Dieselben Teilnehmer, Zubov, Achmylovskaja und Dvorkovich, haben auch das regionale Kinderturnier eröffnet, der Vorläufer der damals populären „Weißer Turm“ Turniere. Wenn man ihre Gesichter sieht, wird nicht sofort klar, wem, den Organisatoren oder den jungen Teilnehmern, es mehr Spaß gemacht hat. Doch als die Kinder ein paar Tage später ihre Preise bekommen haben, stellte sich diese Fragecht nicht mehr...



Es lächelten auch zwei talentierte Mädchen, Mascha Fominych und Valera Kirillova, als Valerij Michajlovich über das Programm zur Unterstutzung junger Talente sprach. „Russland wächst fest zusammen mit Sibirien!“, aus den Augenwinkel der Schachprinzessinnen, wohl wahr.

Damit wir endlich von der nebenschachlichen Thematik abkommen, erwähne ich noch zwei lustigen Episoden. Zuerst das Fußballmatch zwischen den Journalisten aus Krasnojarsk und den Direktoren der Meisterschaft (die Schachspieler selbst haben das „Svidlerbein“ noch nicht vergessen und hielten sich von solchen Aktivitäten fern). Es ging um Champagner. Um einen Eimer voll Champagner... und hier habe alle die für die Schachspieler waren, auf das falsche Pferd gesetzt, die bösen Journalisten gewannen mit 7-0.
 

Zweitens zeigte ein begabter Künstler seine Kollektion aus Birkenrinde. Verschiedene Körbe, Tabletts und Bilder. Auf einem Bild war ein Porträt von Weltmeister Wilhelm Steinitz zu sehen. „Wenn ihr wollt“, meinte der Künstler zu uns, „kann ich auch alle anderen machen!“



Und jetzt, falls ihr nichts dagegen habt, kommen wir zum Turnier. Wie und was gespielt wurde, konnte man auf den vielen Seiten im Internet verfolgen. Nicht zuletzt auf der offiziellen Seite (wie das örtliche Presszentrum gearbeitet hat, war wirklich super, sehr kooperativ und informativ). Also erzähle ich nur über kleine Episoden, die von weit weg kaum wahrzunehmen sind.

Das erste und wichtigste natürlich sind die Zeitzonen. Versuchen Sie was Sie wollen, doch es ist sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, die Verschiebung von 4 und für manche 6 (!) Stunden nicht zu bemerken. Es wäre noch halb so wild, wenn die Verschiebung Richtung Nacht gegangen wäre, die meisten Schachspieler sind „Eulen“, aber nein, hier war es umgekehrt... Die Lieblingspose der Spieler war, mit einer Hand, den offenen Mund zu verdecken, der übliche Zustand, der Halbschlaf. Und dann noch das „Glück“ mit dem Hotel. Das „Krasnojarskaja“-Hotel, wo absolut alle Teilnehmer übernachteten, steht wahrscheinlich auf der lautesten Kreuzung der Stadt, neben der Brücke über die Jennissei, die das linke und rechte Ufer verbindet. Sehr früh am Morgen fängt hier das Leben an, und der örtliche Big Ben schlägt ab 8 Uhr Morgens.



Ansonsten war es sehr schön! Die riesige Bühne wäre sogar imstande 40 Bretter aufzunehmen, doch dort durften, sehr zum Neid der Anderen, nur die Führenden und die Outsider spielen (die Organisatoren reservierten, vermutlich aus Sorgen um die einheimischen Spieler, die letzte drei Tische auf der Bühne).



Am ersten Brett spielt der gelassene Svidler, der bei Landesmeisterschaften immer fantastische Ergebnisse erzielt. Erinnern Sie sich an seine drei Titel und daran, dass er in seiner „schlechtesten“ Meisterschaft 1998 Zweiter wurde!
Er zeigt ein absolut befreites Spiel und volles Vertrauen in seine Stärke, wie in seinen besten Jahren. Es sieht so aus, das ihn niemand von seinem Thron stoßen kann, seinen Haupt – und unnachgiebigsten Konkurrent Morozevich, hat er schon hinter sich gelassen!



Es kann natürlich sein, dass Grischuk, der in den letzten Runden einiges aufgeholt hat, wieder aufersteht, und Peter zum Kampf herausfordert. Freundschaft hin oder her, aber die Punkten werden auch gezählt! Trotz des ärgerlichen Verlustes zu Beginn, kann er durchaus noch um die Plätze kämpfen.



Auch Morozevich sollte man nicht vergessen. So wie er immer kämpft, das unterscheidet ihn von den meisten, aber reichen die Kräfte noch? Besonderes nach einer solch schmerzlichen Niederlage gegen Svidler. Wir werden es sehen. Sascha, wir sind gewöhnt daran, kann wie kaum ein anderer wie Phönix aus der Asche auferstehen. Schließlich ändert die Niederlage nichts, es sind noch drei Runden bis zum Schluss!

Auch Volodja Malahkov, den Europavizechampion muss man noch beachten. Er ist auch reif, um etwas auf der russischen Bühne zu gewinnen! Er schaute sehr aufmerksam bei der Partie Svidler gegen Morozevich zu. Bestimmt nicht einfach so...

 

 

 


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