Russlands Nachwuchs<br>

27.03.2002 – Wenn Sie sich nebenstehendes Foto genau ansehen, werden Sie ganz sicher im Vordergrund den Weltmeister Vladimir Kramnik entdecken. Aber auch die heute noch unbekannten Gesichter der umstehenden Kinder sollten Sie sich vielleicht einprägen. Die Chance, dass einer oder mehrere von ihnen später einmal TopTen-Spieler oder sogar Weltmeister sein wird, ist ziemlich groß. Eugeny Atarov (www.joeblack.ru) berichtet von russischen Nachwuchsturnieren. Briefe aus der russischen Gegenwart...

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Briefe aus der russischen Gegenwart


Eugeny Atarov: www.joeblack.ru
Mail: info@joeblack.ru

Evgeni ATAROV:

„Das Eintauchen in die Kindheit“

 


Der jetzige Weltmeister und der zukünftige (aber wer?)

 

 

... Dieser Artikel hat so lange auf seine Stunde gewartet, dass ich ihn nun unbedingt schreiben muss. Konnte ich Ihnen ihn jetzt schon schmackhaft machen? Na, also – dazu ist das Kinderschach fähig und genau darüber werden wir heute sprechen. Wie Ihnen wahrscheinlich bekannt ist, wird das Kinder-,das Frauen- und das Veteranenschach von der schreibenden Zunft verachtet, als etwas Minderwertiges, ihren Federn nicht Würdiges, angesehen. Von deren Existenz wissen wir nur Dank der Bemühungen der Enthusiasten und Trainer. Alle diese drei Arten des Schachs haben eines gemeinsam - sie sind absolut nicht vorhersagbar! Dies bringt uns, die Schreiberlinge, vermutlich in Verlegenheit...

    

Noch dazu verwirrt uns die Ungewissheit, die Notwendigkeit eine ganze Menge unbekannter Namen von jungen Talenten auswendig zu lernen, die, statt sich in ein paar Jahren in die neuen Kasparovs und Kramniks zu verwandeln, plötzlich mit dem Schach, zu Gunsten von Skateboardfahren oder einem anderen neuen populären Hobbys, aufhören. Überhaupt, wie kann man ernsthaft über Kinderturniere schreiben, wo du statt der ernsthaften Atmosphäre des erwachsenen Wettkampfs, in einem Bazar mit ewig schreienden Kindern und ihren hastigen Müttern, die ihren Kindern nicht einen Schritt von der Seite weichen, landest. Nach alle dem wollen Sie immer noch, dass wir das Kinderschach lieben?


Liebe hin oder hier, arbeiten muss man trotzdem. Heute berichte ich über zwei Turniere, zwischen denen eine gewisse Zeit verging, d.h. Wijk aan Zee, das Weltmeisterschaftsfinale und Linares lagen dazwischen. Ein Turnier sah ich mit eigenen Augen und hielt mich in seinem Epizentrum auf (es fand im Moskauer Petrosian Schachclub statt, wo ich auch arbeite). Über das anderen Turnier weiß ich hauptsächlich aus den Erzählungen seiner Teilnehmer...

Das Erstere fand zum 17. mal in Folge, zu Ehren des Klubbegründers Tigran Vachtangovich, der im August 1984 von uns gegangen ist, statt. Seitdem hat sich einiges verändert - das Land, die Regierung und selbst die Menschen, aber das Memorial des „eisernen Tigran“ blieb unverändert. Nur seine Form änderte sich manchmal, um schließlich beim Scheveninger System zu landen, bei dem jeder gleichzeitig für sich selbst und für seine Mannschaft spielt...

Damit Sie sich ein Bild von diesem Turnier machen können, möchte ich nur kurz erwähnen, dass hier früher schon Topalov, Morosevitch, Asrian und die heutigen „Sterne“ – Kosteniuk und Grischuk gespielt haben. Der junge Karen hat hier schon 9 aus 9 gemacht, wenn er gut in Form war und der 12-jährige Morosevitch hat das beste Ergebnis am ersten Brett gemacht und seinen Preis aus den Händen von Alexander Roschal, der schon in den 60-iger Jahren zusammen mit Tigran Petrosian sein Schachmagazin „64“ gründete, erhalten. Die Letztgenannten haben hier nie besonders doll gespielt – Grischuk kam nie unter die ersten 10 und Kosteniuk, die sonst alles gewonnen hat, konnte hier nie Erste werden. Schicksal, anders kann man das nicht nennen!


Der jetzige Turniersieger kann es mit den vorherigen locker aufnehmen... Es kam so, dass sich die beiden Moskoviter – der 15-jährige Boris Grachev und der 16-jährige Nikolai Kurenkov – ein Kopf an Kopf Rennen lieferten. Sie haben alle ihre Gegner sowohl mit Schwarz, als auch mit Weiß besiegt, bis sie in der direkten Partie aufeinander trafen! Grachev, der die schwarzen Steine führte, hatte nichts gegen ein Remis, Kurenkov sehr wohl! Er  bewies dann auch, dass der Anzugsvorteil in seinen Händen eine sehr gefährliche Waffe ist... Als am nächsten Tag diese Partie mit Kommentaren in die Hände von GM Sergey Shipov, dem Hauptexperten von KasparovChess, gelangte, sagte er nur - „Die Jugend wächst!“. Ja, die Jugend wächst, und zwar sehr schnell.


Apropos, Kurenkov, der sich nach diesem Sieg seiner Sache schon zu sicher war, hatte Unrecht. Während er ein paar ruhige Remis machte, hörte Grachev nicht auf zu gewinnen! Am Ende, vor der letzten Runde, konnte Nikolai keinen Einfluss mehr nehmen - Boris gewann zum 8. Mal und wurde somit Erster... Vermutlich hat der Silbermedaillengewinner all seine Kräfte bei der Analyse und Kommentierung seiner Partie gegen Grachev gelassen. Kurenkov spielte nach dem Motto „kein Tag ohne Meisterwerk“ – und all seine Partien landeten in einer Mappe mit  ausgewählten Meisterpartien. Man muss erwähnen, dass Grachev  diese Mappe nicht einmal zu Gesicht bekam. So standen auf der Schlusszeremonie beide vor Vladimir Kramnik (schon seit Jahren ist es Tradition, dass die Sieger des Turniers vom Weltmeister geehrt werden, häufig vom Amtierenden!): Kolia mit eine Menge kleiner Pokale und Boria nur mit einem, aber dem Großen.



Vladimir Kramnik mit Boris Grachev

 

 


Kramnik gibt Autogramme

 


Wie mir die berühmte Ljudmila Belavenetz (die Tochter von Meister Belavenetz, der im Krieg fiel und ein verdienter Trainer war, Weltmeisterin im Fernschach, Autorin und Moderatorin der „Schachschule“, die sogar Michael Tal gesehen hat) erzählte, ist Grachev der talentierteste junge Schachspieler seines Alters in Moskau. In seinen jungen Jahren hat er es schon geschafft, mit vielen bekannten Schachtrainern zusammenzuarbeiten – Lepioschkin, Bychovski und Wulfson. Sein permanenter Trainer Bychovski meint, dass er sehr talentiert ist, aber häufig in den letzten Runden verliert und manchmal in Zeitnot kommt, in der alles weitere an Roulette erinnert. Im letzten Jahr ist aus dem kleinen Jungen, der kaum über die Tischkante sehen konnte, ein 2 Meter großer Riese geworden... Merken Sie sich dies - das ist ein deutliches Zeichen auf künftige Turniersieger. Alle jungen russischen Talente sind dürr und lang wie eine Bohnenstange!  


Keine Regel ohne Ausnahme. So ist der neue russische U20-Meister Ernesto Inarkiev nicht besonders groß, obwohl auch dürr (sie werden denken, dass ihm nur die Hälfte des schachlichen Schicksals gegeben wurde). Sein Turniersieg lässt daran aber keine Zweifel aufkommen, dazu noch mit einem phänomenalem Ergebnis – 9,5 aus 11 – zwei Punkte Vorsprung auf den Zweitplatzierten! So etwas gab es in den Turnieren der letzten Jahre lange nicht. Wenn Sie sich dazu noch die Partien des schüchternen, netten 16-jährigen Jungen anschauen...


Wenn Sie in der ChessBase-Datenbank seinen Namen suchen, werden Sie überrascht sein - statt „Russland“ steht dort „Kirgisien“. Wenn ich noch den Namen der Stadt hinzufüge, in der das junge Talent schon seit 2 Jahren lebt, wird Ihnen alles klar - Elista. Überspitzt könnte man sagen, dass Ernesto den Weg gegangen ist, den vor ihm schon Ponomariov eingeschlagen hat, wobei Ruslan schon in Kalmykien unter den Fittichen von Kirsan Illumzinov bleiben wollte, als er kaum 13 Jahre alt war...


Auch er hat in Elista zum ersten Mal von sich reden gemacht, obschon etwas kurios. Inarkiev spielte in der letzten Runde gegen Sveschnikov und es sah so aus, dass er einen Turm und somit die Partie gewinnen würde. Ewgeni Ellinovich reichte seinem Gegner schon die Hand, um die Partie aufzugeben, woraufhin ihm Ernesto plötzlich sagte, dass man den Turm nicht nehmen dürfe, da eine Pattstellung entstünde! Der erfahrene GM musste sich erst sammeln und drückte Inarkievs Hand als Zeichen... seines guten Spiels - und setzte die Partie fort! Später, im tiefen Endspiel, vielleicht 50 Zuge später, als das Unentschieden nicht mehr zu vermeiden war, unterschrieben die Kontrahenten ihre Partieformulare. Sveschnikov notierte, um eine Last von seiner Seele zu nehmen, für sich auf seinem Partieformular eine Null. Auf die Frage des Schiedsrichters: „Welches Ergebnis sollen wir eintragen?“ – antwortete er ruhig: „Mein Gegner soll es entscheiden!“ Inarkiev entschied sich für den Gewinn...


Das Stil des jungen Champions kann entweder Begeisterung oder Hass hervorrufen, ähnlich wie beim jungen Kortschnoj. Genau wie Viktor Lvovich in jungen Jahren, nimmt Ernesto zu Beginn das Feuer seines Gegners auf sich, um ihn dann nach und nach unauffällig zu überspielen. Wenn man seine Partien so sieht, hat man das Gefühl, dass unser Trapezkünstler  jeden Augenblick die Balance verlieren wird, aber jedes Mal passiert ihm nichts und er gewinnt die Partie. Er nimmt Bauern und Figuren, die offensichtlich „vergiftet“ sind und spielt scheinbar „unsolide“ Eröffnungen, aber trotzdem kann ihm keiner etwas anhaben.


Er hat nicht irgendwelche kleinen Jungen nach Hause geschickt, nein alles gute Spieler - Kokarev, Smirnov (der letztes Jahr für Furore sorgte), Grigorianz, Bocharov... Im ganzen elfrundigen Turnier hat er nur eine einzige Partie verloren – gegen den zweitplatzierten Alexander Riasanzev. Er gehört, genau wie Alexandra Kosteniuk, zu den „jüngsten Meistern“, den „jüngsten GM“. Als Alexander nach Moskau zurückkehrte, meinte er süffisant zu dieser Partie: „Ich habe lange nicht gegen Kinder gespielt!“ Und wirklich, in dieser Partie offenbarten sich alle negativen Seiten des Spiels von Inarkiev, eigentlich ist er nie aus der Eröffnung herausgekommen...

Danach aber remisierte Riasanzev viermal in Folge, Inarkiev dagegen gewann alle seine vier Partien! Schlussendlich hatte alles wieder seine Richtigkeit. Ich möchte nicht, wie im Falle von Grachev, weit in die Zukunft schauen, aber wie die Erfahrung lehrt, wird man nicht zufällig mit einem Zwei Punkte-Vorsprung Champion!      


Sie werden mich vermutlich fragen, was diese beiden Turniere gemeinsam haben? Gar nichts, sie haben sich in meinem Kopf nur irgendwie  mit einem unsichtbaren Faden verbunden. Nur das Durchsetzungsvermögen der beiden Gewinner verbindet diese Turniere irgendwie. Trotz der Niederlagen gegen ihre Konkurrenten, haben Grachev und Inarkiev nicht die Köpfe hängen lassen, im Gegenteil, sie kämpften mit doppelter Energie weiter und entrissen ihren Konkurrenten den Sieg buchstäblich aus den Händen. Auf solch einen Glauben an die eigenen Möglichkeiten können auch erwachsene Profis neidisch werden!  

 

 

 

 


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