Rybka 4 ist da - Interview mit Vasik Rajlich

28.05.2010 – Seit einigen Jahren ist Vasik Rajlichs Chess Engine Rybka das Maß der Dinge im Computerschach. Dreimal hintereinander gewann Rybka die Computerschachweltmeisterschaft (Amsterdam 2007, Bejing 2008, Pamplona 2009). Mit großer Spannung wurde die neue Version Rybka 4 erwartet und manch einer gab sogar ein Vermögen aus, um vorzeitig in den Besitz der Engine zu gelangen. Nun ist Rybka 4 für jedermann erhältlich. Neben der Single-Prozessor-Version gibt es auch Deep Rybka 4 für Multiprozessor sowie ein großes neues Eröffnungsbuch von Jiri Dufek. Rybka 4 und Deep Rybka 4 werden mit der Fritz12-Oberfläche ausgeliefert und beinhalten eine Seriennummer für ein Jahr Basic-Mitgliedschaft auf schach.de ("Fritzserver"). Im Interview beschreibt Vasik Rajlich Details der Entwicklungsarbeit. Rybka 4 wurde in allen Bereichen verbessert. Deutlich zugelegt hat das Programm im taktischen Bereich und im Verständnis von Königsangriffen.

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Rybka 4 ist da!


Freitag Nachmittag, Thomas Mayer nimmt eine Palette Rybka 4 in Empfang

"Rybka 4 versteht Königsangriffe sehr viel besser!"
Interview mit Vasik Rajlich

Wieviel stärker ist Rybka 4 verglichen mit Rybka 3? Welche Bereiche wurden speziell verbessert? Ist es möglich, die Elo von Rybka 4 zu schätzen?

Rybka 4 ist in vielen Bereichen verbessert. Die Suche ist schneller und effizienter, und die Bewertung ist genauer. Ich habe an fast jedem Bereich ein wenig gearbeitet. Eine wesentliche Verbesserung liegt im Verständnis von Königsangriffen.

Was die Elozahl angeht - das ist eine Frage für die Tester. Die exakte Zahl wird von den gewählten Testbedingungen abhängen.

Wie gehen Sie bei der Weiterentwicklung von Rybka vor?

Normalerweise nehme ich mir einen Bereich vor und erprobe darin Dutzende von kleinen Veränderungen, die ich dann jeweils entweder verwerfe oder übernehme, basierend auf den Ergebnissen eines automatisierten Testverfahrens, das ich im Lauf der letzten Jahre Schritt für Schritt entwickelt habe.

Der Prozess ist sehr inkrementell - seit Rybka 3 hat es mehr als 3000 einzigartige Rybka-Versionen gegeben, und jede Version spielt anders.

Wie sehr verbessert sich Rybka, wenn mehrere Prozessoren parallel eingesetzt werden?

Eine gute Faustregel lautet, wenn man die Anzahl der Prozessoren verdoppelt, dann erhöht sich Rybkas 'Geschwindigkeit' um einen Faktor von 1,7.

Wie würden Sie Rybkas Spielstil beschreiben? Ist Rybka in bestimmten Eröfnungen oder Stellungstypen besonders stark? Empfehlen Sie ein spezielles Eröffnungsbuch für Rybka 4?

Rybkas Stil entwickelt sich immer weiter, und ich selbst kann das wahrscheinlich nicht am besten beurteilen. Was ich aber sagen kann, ist, dass Rybka mit der Zeit aggressiver geworden ist und taktischer. Rybka-Versionen bis zu Rybka 2.3.2 waren im Vergleich zu anderen Spitzenprogramm taktisch eigentlich relativ schwach, und das ist auch vielen Großmeistern aufgefallen. Was Computerschach angeht, gibt es bei GMs meiner Erfahrung nach meist eine interessante Mischung aus Ignoranz bezüglich technischer Fragen und einem ziemlich cleveren Blick für die Schwachstellen jedes Programms.

Die Verbesserung der taktischen Wachsamkeit war jedenfalls ein wichtiger Schwerpunkt für mich in den letzten paar Jahren.

Zum Eröffnungsbuch: Autor des Rybka 4-Eröffnungsbuches ist Jiri Dufek. Er hat für die Analyse und das Testen den von Lukas Cimiotti aufgebauten Cluster eingesetzt. Wir nennen ihn kurz "Lukas-Cluster" - er hat 40 Kerne. Das Buch ist wesentlich tiefer und genauer als jedes andere, was momentan erhältlich ist. Dabei ist aber anzumerken, dass dies Buch 'objektiv' ist. Jiri war daran gelegen, die Wahrheit zu finden und nicht etwa Varianten, die Rybka liegen. Dies ist eine absichtliche Entscheidung von unserem Team. Unser Ziel ist es, objektive Analysewerkzeuge zu schaffen. Das ist es, was Anwender wollen, und außerdem macht es Jiris Leben etwas einfacher, da er sich nicht etwa darum kümmern muss, wie Rybka sich entwickelt.

Wie ist die Relation zwischen Suche und Wissen in Rybka 4?

Wissen leitet die Suche - Rybka prüft jene Dinge, von denen ihm seine Heuristiken sagen, sie seien wichtig.

Haben die Figuren immer fixierte Materialwerte, oder ändert sich das mit ihrer Platzierung bzw. ihrem Einfluss auf die gegebene Stellung? Erhält zum Beispiel das Läuferpaar einen speziellen Bonus? Wenn ja, wie groß ist er?

Es gibt keine wirklichen Einschränkungen bei Rybkas Heuristiken und deren Art der Formulierung; sie hängen auf die Weise zusammen, die ich für die beste halte.

Wenn ich meine, dass eine Heuristik funkioniereren wird, teste ich sie, und wenn es klappt, behalte ich sie.

Das Läuferpaar ist natürlich ein wichtiger Punkt, alle möglichen Heuristiken sind damit verknüpft. Im Schnitt scheint das Läuferpaar etwa einen halben Bauern wert zu sein.  Der exakte Wert hängt von Dingen ab wie zum Beispiel, ob die Stellung offen oder geschlossen ist, wieviele Figuren noch auf dem Brett sind und wieviele Leichtfiguren der Gegner hat. Läuferpaare mögen ein offenes Brett, und sie mögen keine opponierenden Leichtfiguren. Nichts davon ist irgendein Geheimnis, das könnte einem jeder Großmeister (oder auch FIDE-Meister) sagen.

Hat Rybka verschiedene Bewertungsfunktionen für Mittelspiel und Endspiel?

Ja, natürlich, aber der Übergang ist fließend.  Abrupte Übergänge sind sehr schwer zu formulieren und später beizubehalten  - meist schaffen sie unerwartete Probleme. Situationen mit abrupten Übergängen sind schwierig für Computer.

Wurde viel spezielles Endspielwissen implementiert?

Einiges schon, aber wirkliche Sonderfälle versuche ich zu vermeiden. Ich suche nach Heuristiken, welche, sagen wir, zumindest bei einer von tausend Stellungen in etwa greifen.

Das Problem ist natürlich, dass es in Endspielen vor Sonderfällen wimmelt. Dieser Bereich erfordert noch viel Arbeit.

Hilft es, Endspiel-Tablebases zu benutzen? Wenn nicht, wann sollte man diese bei der Endspielanalyse einsetzen?

Klar, Tablebases helfen. Ohne wird Rybka eine Menge Tablebase-Stellungen falsch einschätzen. Ich halte es für am besten, sie immer zu benutzen - es spricht nichts dagegen, und sie werden sogar manchmal bei der Analyse von Mittelspielstellungen einbezogen.

Ist Rybka gut in der Bewertung und Behandlung von Turmendspielen, oder unterschätzt Rybka oft die Remistendenz?

Definitiv letzteres. Ich habe ein bisschen daran gearbeitet, aber in diesem Bereich gibt es noch viele Ideen für weitere Verbesserungen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Computerschachs?

Für die nächsten zwei oder drei Jahre plane ich, mich auf die Spielstärke zu konzentrien. Dies ist im Moment noch immer der wichtigste Punkt. Trotz hoher Elozahlen ist Rybka in vielen Stellungen noch zu blind. Gemeinsam mit ChessBase und anderen Verlagen werden wir während dieser Zeit außerdem verschiedene einfache Funktionen für die Partieanalyse hinzufügen. Im Moment ist unser Hauptkriterium für Analyse-Features, dass sie intuitiv, unaufdringlich und dauerhaft sichtbar sein sollen. Die meisten Anwender haben in der Regel sehr wenig Geduld für versteckte Features, die eine steile Lernkurve erfordern, und schon gar nicht, wenn diese Funktionen andere Aufgaben erschweren.

Danach werden wir uns auf das wirkliche Schachtraining konzentrieren. Wir werden versuchen, bessere Wege zu finden, dem Anwender das Schachwissen von der Engine zu vermitteln. Ein Computerprogramm genauso gut darin sein, einen Menschen zu trainieren, wie darin, eine Turnierpartie zu spielen. Natürlich wird Computertraining immer relative Stärken und Schwächen haben - ein Computerprogramm hat graphische Fähigkeiten, bei denen kein menschlicher Trainer mithalten kann, dafür wird der sprachliche Ausdruck bei Maschinen wahrscheinlich noch lange Zeit holprig sein. Außerdem gibt es natürlich auch Bereiche (zum Beispiel die Psychologie des praktischen Spiels), die für einen Computer relativ schwer zu begreifen sind.

Vielen Dank für das Interview.



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