SAP Open in Walldorf
Von Anna Dergachova-Daus
Vor einer Woche rief mich Igor Glek an und fragte, ob ich nicht Lust hätte an einem Schnellturnier in Walldorf teilzunehmen. Das hatte ich in der Tat vor. Ich wusste, dass dort einige starke Spieler und Spielerinnen sein werden und wollte mir etwas mehr Spielpraxis verschaffen. „Treffen wir uns also Samstag um 8?“- fragte Glek. Das war mehr als optimistisch gerechnet. Essen - Walldorf sind etwa 350 km und mit meinem alten Jetta braucht man dafür mehr als 3 Stunden. Das Turnier sollte um 10.30 beginnen, ich rechnete mögliche Staus und Baustellen dazu und kam zu dem sehr unerfreulichem Ergebnis, dass wir dann vielleicht schon um 6 Uhr morgens starten müssen. Viel zu früh für mich. Die andere Lösung klang viel schöner, schon am Freitag Abend nach Böblingen fahren, wo meine alte Freundin aus Moskauer Zeiten und Mannschaftskameradin von heute Ludmila Didenko mit ihrer Familie wohnt, dort übernachten und am Samstag Morgen die lächerlichen 100 km nach Walldorf fahren. Gesagt – getan. Die gastfreundliche Ludmila hatte nichts dagegen – „Du weißt Anna, du bist immer willkommen, von mir aus kannst du noch 25 Leute mitnehmen“, Igor Glek auch nicht. „Oh, da können wir ja auch Michael Zaitsev mitnehmen, er wollte ja auch das Turnier mitspielen und ist zur Zeit gerade in Böblingen zu Besuch“. Bis zum Freitag Abend gelang es mir nicht mehr 25 Leute zusammen zu bekommen, nur Wencke Heinike (ebenfalls meine Mannschaftskollegin) ließ sich noch überreden. Ludmila kochte ein festlichen Mal – typisch russisch war es an diesem Abend – Borsch, Bliny mit rotem Kaviar, Lachs und etwas zu trinken fehlte natürlich auch nicht.

Am nächsten Morgen musste ich mich ein wenig beeilen, und als wir endlich die großen Buchstaben SAP zu sehen bekamen, machte sich gleichzeitig ein unangenehmes kreischendes Geräusch bemerkbar. Ein Teil meines Auspuffs hat sich gelöst und schleifte am Boden. „Ich kümmere mich nach dem Turnier darum“, versprach Michael. Ich glaubte ihm irgendwie nicht ganz, dass er etwas machen kann und rannte sofort zu Thilo Gubler. Statt der üblichen Begrüßungsworte, brachte ich nur „Hi Thilo, ich glaube mein Auspuff ist kaputt, was soll ich machen?“ raus.

Thilo mit seinem charmanten Lächeln war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, „Hallo, Anna .Hast du dich schon angemeldet? Ich werde fragen, vielleicht finden wir hier jemanden, der schweißen kann.“

Und wirklich, in seiner Begrüßungsrede hat er das Thema angesprochen, doch leider befand sich kein Handwerksmeister unter den 185 Teilnehmern, die sich dieses Jahr beim SAP Rapid-Open versammelt haben. OK, darunter waren ein paar Jugendliche und 11 Damen, aber was ist mit den anderen, kein Schweißer unter den Schachspielern?! :)

Teske und Hickl im Gespräch

Endlich auch mal "drin", im Bericht, GM Roland Schmaltz (li.) alias Hawkeye
Das Turnier war sehr gut besetzt. Natürlich lockte der erste Preis von 800 Euro einige GMs und IMs. Der junge Spieler von Baden-Oos, Fabian Dötling, schaffte es zum zweiten Mal mit 9 Punkten aus 11 Runden zu gewinnen.

Fabian Döttling nimmt den Pokal in Empfang
Henrik Teske wurde (ebenfalls mit 9 Punkten) Zweiter ...

Henrik Teske und Sebastian Bogner
... und Michael Zaitzev Dritter (natürlich auch mit 9 Punkten).

Michael Zaitzev
Interessant ist, dass die oben genannten Spieler keine Partie verloren haben, und der 2. und 3. sogar die selbe Buchholzwertung hatten, so das die Reihenfolge nach Sonneborn-Berger-Wertung festgelegt wurde. Auch die Plätze 4 bis 6 wurden erst nach Buchholz festgelegt, Sergey Galdunts, Rainer Buhmann und Jorg Hickl gewannen jeweils 8 Partien, verloren 2 und machten nur 1 Remis.

Sergey Galdunts

Rainer Buhmann

Antoaneta Stefanova, Jörg Hickl
Dieses Mal gab es auch zahlreiche und recht hohe Damenpreise (5 Stück = 250, 200, 150, 100 und 50 – alles in Euro!). Der wahre Grund dafür war die Teilnahme der Starspielerinnen von Baden-Oos – Antoaneta Stefanova, Ketino Kachiani und Almira Skripchenko, die neben dem Simultan am vorigen Tagen auch das Rapid-Turnier spielten. Eigentlich hätten sie auch die ersten drei Damenpreise untereinander ausmachen sollen (falls die „normalen“ außer Reichweite sind). Doch, die meines Erachtens am stärksten spielende Ketino verlor die letzten beiden Partien und war dann mit 6,5 Punkten aus 11 Partien leider nur die viertbeste Dame.

Ketino Kachiani-Gersinska mit Ehemann Jürgen Gersinska
Almira gewann mit 7,5 Punkten diese Wertung.

Skripchenko, Gubler
Antoaneta wirkte zu Beginn etwas müde und stand nach 7 Runden nur mit 50% im Turnier, legte aber ein gutes Finish mit 4 aus 4 hin und wurde somit noch geteilte Erste.

GM Antoaneta Stefanova
Da ich dieses Turnier als Vorbereitung für irgendetwas sah, habe ich meine unsterblichen Partien teilweise aufgeschrieben. Doch 15 Minuten sind eigentlich nicht besonders viel Zeit und das Aufschreiben nimmt einem doch die Konzentration. Mein Ergebnis bei den Partien, die der Nachwelt für immer vorenthalten bleiben, lautete 5,5 aus 6 (und hätte eigentlich 6 aus 6 heißen müssen, hätte ich in der letzten Runde mit einer Figur mehr gegen Jörg Wegerle auch geschafft zu gewinnen). Bei den Aufgeschriebenen waren es leider nur 1,5 aus 5. Doch insgesamt war es gar nicht so schlecht, und mit 7 aus 11 wurde ich sogar die drittbeste Dame.

Anatoly Donchenko mit Gattin
Während ich mich von all den netten Leuten verabschiedete, löste Michael das
Problem „Auspuff“ kinderleicht, das lose Stück wurde gewaltsam entfernt. „Nicht
so schlimm“, diagnostizierte er, “ nach Hause kommen wir locker“.

Jetta fährt auch ohne Auspuff
Und es stimmte. Ich muss sagen, ich war angenehm überrascht. Ich erwartete die üblichen speziellen Schachthemen und Klagelieder über die verpassten Chancen (Nach der Niederlage in der letzten Runde wurde Igor Glek nur 7.), aber nichts dergleichen. Der Rückweg verschlang sich in philosophischen Gesprächen über Gott und die Welt. Es war in jeglicher Hinsicht eine gelungene Reise.

Thilo Gubler überreicht Sebastian Bogner den einen Pokal

Ingrid Lauterbach und Bergit Brendel
