Schach statt
Mathe?
Den König
jagen statt Kopfrechnen: Die Grundschulen
Genslerstraße und
Ballerstedtweg kürzen den Matheunterricht um eine Stunde und setzen
stattdessen Schach auf den Lehrplan. Über den Modellversuch und Hamburgs Weg
zum Schachstandort sprechen die Autoren Dr. René Gralla und Rainer Woisin
von ChessBase mit Hamburgs Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig.

Alexandra
Dinges-Dierig
FRAGE: Zu wenige Lehrer vor zu großen Klassen, Unterrichtsausfälle,
Schulschließungen, das sind die Dauerbrenner in der schulpolitischen
Diskussion. Nun setzt in Hamburg zum Beispiel die Schule Genslerstraße noch
einen drauf, alle 30 Klassen in den Stufen 1 bis 4 werden auf eine Stunde
Mathematik verzichten und stattdessen Schach lernen. Macht das die kritische
Lage nicht noch schlimmer?
ALEXANDRA
DINGES-DIERIG: Das, was die Schule Genslerstraße macht, ist keine
Unterrichtskürzung, sondern eine Gestaltung und Ergänzung des Unterrichts
auf eine Art und Weise, wie ich sie mir wünsche, nämlich innovativ. Wir
wissen, dass Schach - neben der Tatsache, dass es vielen Menschen Spaß und
Freude macht - auch Kompetenzen vermittelt, die wir üblicherweise mit dem
Mathematikunterricht verbinden; exemplarisch nenne ich das logische Denken
und die Konzentrationsfähigkeit.
FRAGE: Schach soll, wie eine jüngst veröffentlichte Studie der
Universität Trier herausgearbeitet hat, die schulischen Leistungen
schwächerer Schüler sogar verbessern helfen.
DINGES-DIERIG:
Sämtliche Spiele, die unter den Oberbegriff "Strategie" fallen und bei denen
Sie eine bestimmte Anzahl von Zügen vorausberechnen müssen, schulen
natürlich unser Gehirn. Gerade auch in Verbindung mit der notwendigen
Flexibilität, anders zu reagieren, wenn mein Gegenüber nicht so handelt, wie
ich das eigentlich erwartet habe.
FRAGE: In Spanien, aber auch auch in Brasilien wird Schach in der Schule von
den Kultusbehörden massiv gefördert. Könnte Hamburg mit dem Modellversuch in
der Genslerstraße eine Vorreiterrolle in Deutschland einnehmen?
DINGES-DIERIG:
Im Bereich Schach ist Hamburg schon jetzt gut aufgestellt. Allerdings kann
ich mir nicht vorstellen, dass man Schach im Unterricht in der einen oder
anderen Form verpflichtend macht. Ich wehre mich gegen Uniformität und die
Vorstellung, dass alle immer dasselbe tun müssen. Es gibt so viele
verschiedene Zugänge zum Training unseres Gehirns, so dass nicht zwingend
allein Schach dafür in Frage kommt. Meine Aufforderung an die Schulen: Geht
auf die Schüler ein, lasst viele verschiedene Wege zu! Wichtig ist, dass die
Schüler damit erreicht werden, andernfalls sind positive Auswirkungen auf
den Lernerfolg nicht zu erreichen.
FRAGE: Bei internationalen Vergleichstests auf dem Sektor Mathematik
schneiden deutsche Schüler schlecht ab. So dass bereits obligatorische
Nachhilfe- und Paukkurse in den Ferien gefordert worden sind: Wäre Schach
als spielerischer Zugang zur Mathematik eine Alternative?
DINGES-DIERIG:
Von dem Gedanken, dass wir mit Hilfe von Übekursen eine bessere
Mathematikkompetenz vermitteln, sind wir heute hoffentlich weit entfernt.
Weil wir wissen, dass die Schwäche des Mathematikunterrichts nicht nur
in Deutschland, sondern im deutschsprachigen Raum daher rührt, dass wir das
reine Üben zu stark betonen. Üben allein, auch wenn darauf nicht verzichtet
werden soll, entwickelt nicht das mathematische Verständnis. Verständnis
wird aufgebaut und gefördert durch einen Unterricht, der nicht nur die
jeweils eine richtige Lösung zulässt, sondern der zu selbstständigem Denken
der Schüler animiert: dass sie nicht nur vorgegebene Muster abarbeiten
und diese anschließend schematisch wiedergeben. Und hier kommt wieder Schach
ins Spiel: Schach demonstriert, dass es verschiedene Lösungsmöglichkeiten
für bestimmte Probleme gibt.
FRAGE: Hamburg lässt nicht nur Schach statt Mathematik im Schulunterricht
zu. Die städtische Villa Finkenau wird unter anderem von einer selbst
verwalteten Jugendschachgruppe genutzt. Für dieses Projekt haben Sie sich
persönlich eingesetzt ...
DINGES-DIERIG:
... und darauf bin ich stolz.
FRAGE: Zum Modell Schachvilla Finkenau ist es freilich erst nach massiven
Protesten gekommen. Die Jugendschachgruppe dort war ursprünglich am
Gymnasium Barmbek-Uhlenhorst beheimatet und wäre mit der Schließung des GUB
beinahe mitabgewickelt worden.
DINGES-DIERIG:
Schach hat für mich - wie alle Strategiespiele - einen sehr hohen Wert. Und
dieses kostbare Stück Schach nicht nur zu retten, sondern auch weiter zu
entwickeln, das ist für mich seinerzeit ein zentraler Punkt gewesen, als die
Schließung des Gymnasiums Barmbek-Uhlenhorst ins Gespräch kam. Deswegen ist
die Villa Finkenau für die Jugendschachgruppe mit dem Gedanken
bereitgestellt worden, das Modell nicht mehr auf bloß eine Schule zu
beschränken, sondern einen Anziehungspunkt für ganz Hamburg zu schaffen. Das
dürfte einzigartig in Deutschlands sein, nicht zuletzt in Verbindung mit dem
alljährlichen Event des Schachwettkampfes Rechtes gegen Linkes Alsterufer.
Ich würde mich freuen, wenn auch andere Städte einen ähnlichen Weg
beschreiten. Und die Schulen in Hamburg möchte ich dazu ermutigen, dass sie,
wenn sie ihr eigenes Profil entwickeln, auch Schach in die Überlegungen
miteinbeziehen. So wie einige Schulen auf Musik ausgerichtet sind - so dass
sich Schüler, die auf dieser Schule ihren Abschluss machen wollen, in
irgendeiner Form dann auch mit Musik beschäftigen müssen, ganz gleich, ob
sie singen oder ein Instrument erlernen - , so könnte eine Schule ihren
besonderen Fokus auf den Schachsport legen.
FRAGE: Besteht für Schüler, die entsprechende Vorkenntnisse mitbringen - ich
denke insbesondere an die Jugendschachgruppe in der Villa Finkenau - die
Möglichkeit, Schachkurse an den Schulen anzubieten im Rahmen des
Ganztagsunterrichts? Insbesondere wenn vergleichbar qualifizierte Lehrer
fehlen?

DINGES-DIERIG:
Natürlich geht das. Wir haben schon jetzt in Schulen über ganz Hamburg
verteilt Kurse, die von Schülern geleitet werden; die Bandbreite reicht von
Percussion bis Bauchtanz. Lehrer sind dann nicht involviert, die Schüler
richten die Kurse von Anfang an selbst ein und führen sie durch. Und das ist
selbstverständlich auch im Bereich des Schachs oder anderer strategischer
Spiele möglich, als Angebot von Schülern an Schüler. Im Budget der
Ganztagsschulen steht dafür sogar schon Geld bereit.
FRAGE:
Im Juli 2007 ist in Hamburg die Aktion "Partnerschulen für die
Schacholympiade" gestartet. Rund 160 Schulen aus Deutschland und Österreich
sind Partner eines der Länder geworden, die bei der Schacholympiade im
November 2008 in Dresden antreten. Das könnte ein Anlass sein, im Unterricht
auch andere Strategiespiele gerade aus Asien zu behandeln, ich denke an Go
oder die chinesische Schachvariante XiangQi: als alternatives Angebot für
Eltern, die ihre Kinder nicht einseitig auf das hierzulande bekannte Schach
fixiert sehen wollen.
DINGES-DIERIG:
Wir können von Seiten der Stadt da nur Anstöße geben. Inwieweit sich die
Schulen insofern inhaltlich weiter entwickeln, überlassen wir den jeweils
Verantwortlichen. Und das ist dann auch eine Herausforderung an die
Öffentlichkeitsarbeit der Betreffenden, damit sie das bekannt machen, was
sie an besonderen Aktivitäten auf den Weg bringen. Wünschenswert sind
Vernetzungen: In den Schulbibliotheken könnten Spieltische aufgestelt
werden, für Schach oder Go oder Backgammon, und das Mobiliar liefern
gewerbliche Schulen, die im Holzbereich Passendes herstellen.
FRAGE: Jüngst haben brutale Zwischenfälle in Hamburgs Ausgehviertel
Reeperbahn die Debatte über Jugendgewalt wieder angeheizt. Nun gibt es
Erfahrungen aus den Elendsvierteln der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá,
dass es möglich ist, verfeindete Gangs aus dem Drogenmilieu am
Schachbrett zusammenzubringen: Wer zusammen am Brett sitzt und Schach
spielt, schießt offenbar nicht aufeinander. Könnten wir von den Kolumbianern
lernen und auch hier Schach als ein Instrument im Rahmen gezielter
Sozialarbeit in Problemvierteln einsetzen?
DINGES-DIERIG:
So einfach funktioniert das leider nicht. Andererseits kann Schach natürlich
für viele Jugendliche eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung sein, die dann
nicht, um es salopp zu formulieren, auf dumme Gedanken kommen. Und so wird
es sicher Jugendliche geben, die in Schule und Ausbildung eigentlich
Lernschwierigkeiten haben und die dann, nachdem sie ein Schachangebot
angenommen haben, plötzlich im Schach jeden schlagen - mit der Perspektive,
dass ihre Persönlichkeitsentwicklung eine neue Wendung nimmt. Deshalb ist es
zweifellos wichtig, auch außerhalb der Schule verschiedene Angebote zu
machen, die einen Jugendlichen befähigen zu erkennen, dass jeder
Mensch Stärken und Schwächen hat. Und falls es uns gelingt, wenigstens einen
gewissen Prozentsatz der Betreffenden auf diese Weise zu erreichen - weil
die merken, dass sie in einem bestimmten Bereich richtig gut sind - ,
dann wird sich das positiv auswirken sowohl auf das Selbstwertgefühl der
Jugendlichen als auch auf das Miteinander mit Gleichaltrigen.
FRAGE: Game- und Computerindustrie boomen, in Hamburg haben sich viele
dieser Unternehmen angesiedelt. Kann Schachförderung zur Standortpolitik
werden? Indem über das klassische Strategiespiel Schach junge Talente für
intelligentes Gaming begeistert werden? Und motiviert werden, sich als
Programmierer und Gamedesigner für einen Zukunftsmarkt ausbilden zu lassen?
DINGES-DIERIG:
Das ist sicher ein Punkt, bei dem wir viele Jugendliche abholen können. Wir
müssen es schaffen, breit gefächerte Angebote zu machen. Und wenn es eine
Aktivität gibt wie Schach, die sich umsetzen lässt sowohl im elektronischen
Bereich, das heißt, am Computer, als auch im haptischen Bereich, sprich:
klassisch am Brett mit Figuren, dann lässt sie sich natürlich besonders gut
in das schulische Angebot integrieren.
FRAGE: Zum Schluss eine persönliche Frage: Spielen auch Sie in der Freizeit
mal eine Partie Schach, Frau Senatorin?
DINGES-DIERIG:
Nein. Aber ich weiß, wie die Figuren ziehen.
Fotos: Rainer Woisin