Schach auf den Seychellen

von Hartmut Metz
06.03.2019 – An Schach denken wohl nur die wenigsten, wenn sie an die Seychellen denken. An traumhafte Strände, romantische Sonnenuntergänge und ein tropisches Paradies schon eher. Und ans Heiraten. Unzählige Paare haben sich auf den Seychellen das Ja-Wort gegeben. Aber Schach wird auch gespielt. Wie Hartmut Metz berichten kann. | Foto: Sonnenuntergang auf den Seychellen

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Königliches Spiel an Traumstränden mit "Bacardi Feeling"

Heiratswillige und Werbefilmer lieben die Seychellen: Bald auch die Schachspieler?

Heiratswillige gibt es auf den Seychellen zuhauf – Schachspieler deutlich weniger. Alleine Marietta Labrosse sorgt dafür. Die Standesbeamtin auf der Hauptinsel Mahé muss im Akkord mit Köfferchen und Papieren von Strand zu Strand jagen, um zahllose Flitterwochen zu krönen. "Ich schließe jedes Jahr 3000 bis 4000 Ehen", berichtet sie von der Hatz entlang des weißen Sandes, weil nur Einheimische in ihrem frisch renovierten Standesamtszimmer in Victoria heiraten wollen. Ein Dutzend Hochzeiten außer Haus am Tag sind für Marietta Labrosse normal, obwohl diese 110 US-Dollar extra kosten. Auf die Handvoll Dollar kommt es auch nicht mehr an, genauso wie für die Profi-Trauzeugen für alle, die nur zu zweit auf die Inseln kommen, um sich an den Traumstränden, die 1500 Kilometer vor der Ostküste Kenias liegen, das Ja-Wort zu geben.

An malerischen Sonnenuntergängen herrscht kein Mangel auf den Seychellen

Verführt haben sie alle eine weiße Kokos-Köstlichkeit und ein süffiges Getränk: Einsame, strahlend weiße Sandstrände mit Palmen, türkisblaues Wasser, dazu ein "Raffaello" auf der Liege. Oder einen weißen Rum im Glas mit Fledermaus-Logo. Fotos wie im Bilderbuch, geschaffen für unvergessliche TV-Spots. "Bacardi Feeling" klingt immer noch im Ohr, obwohl der Werbetrailer drei Jahrzehnte alt ist. Doch anstatt damals die eigenen Strände der Bermuda-Inseln in Szene zu setzen, drehte die traditionsreiche Destillerie lieber im Indischen statt Atlantischen Ozean. Das "Bacardi Feeling" des Rum-Giganten sollte an den schönsten Stränden der Welt serviert werden: auf den Seychellen.

Für David Nicette sind diese Traumstrände Alltag. "Ich bin lieber im Winter in Berlin bei meinen zwei Kindern – nur im Sommer ist es mir da zu heiß", ulkt der Fremdenführer ungeachtet der üblichen 30 Grad auf den Seychellen. Der ehemalige Germanistik-Student ist aber durchaus stolz auf das türkisfarbene Meer und den feinen Sand: Anse Lazio auf Praslin und vor allem die "Silberbucht", die Anse Source d’Argent, auf La Digue "zählten lange zu den schönsten Stränden der Welt. Jetzt ist die ,Silberbucht’ zum schönsten Strand gewählt worden", stellt Nicette mit einem breiten Grinsen fest. Beide Buchten begeistern mit ihren Granit-Formationen, die die Monotonie kilometerlanger reiner Sandstrände unterbrechen.

Foto: Pedro Krüger

Foto: Pedro Krüger

Ein indisches Pärchen fühlt sich hier wie in einem Bollywood-Streifen und lässt sich von Fremden gerne an jedem dritten Felsvorsprung fotografieren. Daher dürfte zumindest eines – unabhängig von subjektiven Schönheitswahlen – gewiss sein: Anse Source d’Argent ist der meistfotografierteste Strand der Welt (im Verhältnis zu der inzwischen explodierten Zahl von jährlich 350000 Touristen auf den Seychellen). Zudem bieten die erst 1502 von Vasco da Gama entdeckten und kartografierten abgelegenen Inseln Tieren wie den Riesenschildkröten, die es sonst nur noch auf den Galapagos-Inseln gibt, Platz.

Langsam wie manche Schach-Denker sind die Riesenschildkröten - aber beim Fressen können sie auch "blitzschnell" werden.

Noch kurioser ist die Seychellen-Palme, deren Samen in der Coco de Mer (Meereskokosnuss) einzigartig lange 25 bis 35 Jahre braucht, um sich zu entscheiden, ob sie Männchen oder Weibchen sein will – und auch noch aussieht wie ein "Arsch", wie Nicette allzu gerne grinsend betont. Eine andere endemische Palme wechselt auch schon mal ihren Standort "zum Nachbarn, wenn es ihr in Ihrem Garten nicht gefällt", witzelt der Touristenführer weiter.

David Nicette präsentiert immer gerne den "Arsch" einer Seychellen-Kokosnuss, der Coco de Mer

In diesem Paradies soll einer auf den Gedanken kommen, sich ans Brett zu setzen und Schach zu spielen? Einige rührige Einheimische planen sogar Großes: ein Turnier! Ein richtig großes Turnier mit Großmeistern, nicht nur ihre nationalen Meisterschaften, die immerhin regelmäßig stattfinden. Derzeit befindet sich der Denksport auf den Seychellen auf einem kleinen Höhenflug. Grund: ein Deutscher. Den gebürtigen Potsdamer André Stratonowitsch hat es aus beruflichen Gründen auf die Haupt- der 115 Inseln verschlagen.

Er hatte in Berlin Optometrie studiert, ein "Zwischending zwischen Augenoptiker und Augenarzt", beschreibt der 32-Jährige seine Tätigkeit im Bereich der Sehkunde. Nach seinem Abschluss entdeckte Stratonowitsch eine Stelle auf Mahé. "Ich dachte, ich versuche es", erlag der fröhliche Brandenburger der Verlockung der permanent warmen Temperaturen, die selbst während der Regenzeit stets bei über 22 Grad liegen. "Mir gefiel es so gut, dass ich nun seit fünfeinhalb Jahren hier bin."

Für die Nationalmannschaft war der Spieler mit einer Elo von aktuell 2148 eine willkommene Verstärkung – kurz vor der Olympiade im georgischen Batumi 2018 gab die FIDE endlich auch ihr Okay für den Föderationswechsel. Kellerkind blieben die Seychellen dennoch. Größter "Erfolg" für die "Seychelloise" war zunächst eigentlich ein Foto der gesamten Delegation mit Ex-Weltmeister Viswanathan Anand. Die Frauen belegten mit 7:15 Punkten Platz 137 unter 150 Teams. Noch schlechter schnitten die Männer ab: 5:17 Zähler reichten sogar nur zu Rang 180 unter 184 Konkurrenten. Doch Stratonowitsch ragte heraus: trotz 266 Großmeistern und 824 weiteren Titelträgern, die bei der Olympiade dabei waren, war der Nobody von den Seychellen erfolgreichster Teilnehmer am zweiten Brett mit 9,5/11!

Für den Performance-Sieg reichte es natürlich nicht angesichts der teilweise schwachen Gegner. Immerhin zeigte er eine Leistung "um die 2250 Elo", erzählt der neue Führungsspieler der Insel-Gruppe im Gespräch mit dem "Schach-Magazin 64". Gegen den 2405 Elo starken FM Ben Hague aus Neuseeland, ebenfalls Traumziel vieler Touristen, saß ihm zum Auftakt gleich sein größter Brocken gegenüber. Aber er schaffte ein sehenswertes Remis, das erste von insgesamt dreien. Die Gesamtleistung als punktbester Teilnehmer an Position zwei genügte, damit die FIDE Stratonowitsch den FM-Titel verlieh.

Im Dezember gewann er in der Hauptstadt Victoria die Schnellschach-Meisterschaft mit 5,5 Punkten. In den sieben Runden verlor er nur gegen den Berichterstatter, der außer Konkurrenz mitspielte.

Verbandspräsident Benjamin Hoareau (links) will in der letzten Runde am Spitzenbrett Hartmut Metz zeigen, was eine Harke ist.

Danach schickte der kleine Verband Seychelles Chess Federation (SCF) seinen neuen Heroen auch zur afrikanischen Amateur-Meisterschaft in Namibia, wo alle Spieler des afrikanischen Kontinents mit einer Ratingzahl von unter 2300 Elo teilnehmen durften. 5,5/9 reichten, um in der U2300-Sektion mit Platz fünf im Vorderfeld zu landen.

Die Medien der kleinen Eilande waren endgültig auf Stratonowitsch aufmerksam geworden, auch wenn er die angepeilte Medaille um einen halben Zähler verpasste. Schon nach der heimischen Schnellschach-Meisterschaft hatte das Insel-TV SBC den Frauenschwarm zehn Minuten lang interviewt.

André Stratonowitsch im Interview mit SBC Sport.

Der Jung-Nationalspieler wurde auch zur Sportler-Gala von TeleSey eingeladen. Dort dabei war ebenfalls die Spitzenspielerin und Generalsekretärin des Schachverbandes, Dericka Figaro. Sie hatte im Frauen-Wettbewerb in Namibias Hauptstadt Windhoek Rang sieben belegt. Bei der Sportler-Gala schnappten ihnen ein Boxer und eine Badminton-Spielerin die Siegertrophäen weg – doch für Stratonowitsch war es wie bei der Olympiade ein "besonderes Erlebnis".

Olympiade-Held André Stratonowitsch und Dericka Figaro sind Ehrengäste bei der Sport-Gala von TeleSey.

Auf den Seychellen träumen die Verantwortlichen um Verbandspräsident Benjamin Hoareau nun auch von einem "richtigen" Turnier. Motor ist dabei der Vorsitzende des ersten Schachvereins in der Hauptstadt: Den Victoria Chess Club (VCC) hob Robert Stravens unter anderem mit Jugendtrainer Stratonowitsch 2016 aus der Taufe. "Wir spielen hier nur Blitz", beklagt Vereinsboss Stravens und nennt eine Ursache für das niedrige Niveau mit nur neun Spielern mit Elo-Zahl: "Zu Turnieren müssen wir auf den Kontinent." Der 44-jährige Geschäftsmann hat bereits erste Kontakte zur Tourismusbehörde spielen lassen. Ein paar Gäste mehr können schließlich auch auf den Seychellen nicht schaden, gleichwohl die Insulaner großen Wert auf Naturschutz legen und sich lieber im hochpreisigen Segment positionieren. Die PR-Vertretung in Deutschland zeigte sich ebenfalls an dem Turnier interessiert. Und Großmeister sowieso – jeder, der bisher darauf angesprochen wurde, würde gerne eine Einladung ins Paradies bekommen, selbst wenn die sonstigen Konditionen bescheiden ausfielen.

Für die Einladung zum Open müssen sich die "Seychelloise", wie sich die kreolischen Einwohner selbst nennen, weder einen eigenen Werbetext noch ein Lied ausdenken. Sie können sich einfach beim "Bacardi Song" bedienen, um alle Teilnehmer vor jeder Runde treffend in Stimmung zu bringen:

"Just another lucky day. No one makes me feel this way. Watch the waves and feel the sand …Come on over have some fun, dancin' in the mornin' sun. Look into the bright blue sky, come and let your spirit fly. Livin' it up this brand new day, summer sun, it's time to play. Doing things that feel so good, get into the motion!"

Bacardi Rum Werbung 1988



Themen: Seychellen

Hartmut Metz ist Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Münchner Merkur über Schach und Tischtennis. Zudem verfasst der FM von der Rochade Kuppenheim regelmäßig Beiträge für das Schach-Magazin 64, Schach-Aktiv (Österreich) und Chessbase.de.
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