Schach auf Ölgemälden

29.10.2007 – Selbst Bestandteil menschlicher Kultur ist das Schachspiel auf vielerlei Weise zum Gegenstand künstlerischer Betrachtung geworden und wurde dabei auch auf zahlreichen Gemälden festgehalten. Dabei unterscheidet sich natürlich das Bild vom Schach bzw. das Schach in den Bildern so sehr voneinander, wie auch die Menschen und Kulturen über Räume und Zeiten ganz verschieden waren und sind. Der Sammler Gerhard Josten hat sich auf Spurensuche begeben und Bilder von den in Öl arrangierten Szenen gesammelt. In seinem Buch "Schach auf Ölgemälden" werden diese Szenen gedeutet und erläutert, auf welche Weise Schach hier jeweils mit dem übrigen Leben in Verbindung steht. Johannes Fischer hat das Buch gelesen und viel Freude daran gehabt. Rezension...

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Einladung zur Schachausstellung: Gerhard Jostens Schach auf Ölgemälden
Von Johannes Fischer

Wer sich für Schach begeistert, riskiert einiges. Er verbringt Stunden in engen Hinterzimmern von Kneipen und Restaurants oder auf unbequemen Stühlen in Sporthallen und Gemeinderäumen oder drückt noch einmal die Schulbank. Im Sommer liegt er nicht am Strand, sondern sitzt zusammen mit anderen Schachspielern in heißen Turniersälen. Alle schwitzen, aber nicht jeder glaubt an Dusche oder Hemdenwechsel.

Wer dem Schach verfallen ist, liest außerdem gern schlechte Romane und sieht Filme, in denen die Schachspieler verrückt, aber harmlos sind oder die Mentalität und kriminelle Energie eines Hannibal Lecter aus dem Schweigen der Lämmer haben.

Natürlich lohnt die Mühe. Eine schöne Partie wiegt all dies mehr auf und wenn Schach in Literatur Film oder Kunst auch manchmal misslungen dargestellt ist: Was soll’s? Schließlich ist es immer noch Schach und außerdem kann man sich wunderbar darüber aufregen. Umso schöner allerdings, wenn Schach in Büchern, Filmen oder Kunst treffend dargestellt ist. Deshalb gebührt Schachsammlern auch Respekt. Sie scheuen weder Aufwand noch Kosten, um alles, was nur entfernt mit dem Spiel zu tun hat, aufzuspüren, aufzulisten und zu sammeln: Schwarz-weiß karierte Socken, Tassen, Teller und Uhren, Schachspiele und Schachbücher sowieso. Im Idealfall teilen sie ihre Entdeckungen mit anderen Schachspielern.

Gerhard Josten ist ein solcher Sammler und er hat sich die Mühe gemacht, in Museen, Bibliotheken und im Internet nach Ölbildern zu suchen, in denen Schach ein zentrales Motiv ist. Seine Ergebnisse präsentiert er in einem Buch mit dem Titel Schach auf Ölgemälden, ein, wenn man so will, Katalog einer virtuellen Ölgemäldeausstellung zum Thema Schach. Das Buch präsentiert einhundert ausgewählte Ölgemälde, die nach den Geburtsjahren ihrer Maler chronologisch geordnet sind. Das erste Bild „stammt vermutlich aus dem Jahr 1508“, und zeigt „die erste zweifelsfreie Darstellung eines europäischen Schachspiels auf einem Ölgemälde. Es ist das Courierspiel mit 8x12 Feldern, das erstmals in einer Handschrift aus dem Jahre 1202 erwähnt wurde. Gustavus Selenus hat es 1616 in seinem Buch Das Schach – oder Königsspiel genauer beschrieben“.

Die Sammlung schließt mit einem Bild des 1934 in Italien geborenen Malers Riccardo Tommasi Ferroni.

Jedes Bild in dem Band ist mit kurzen Erklärungen über Motive, mögliche Bedeutung und einer knappen Charakteristik des jeweiligen Malers versehen. Diese Erklärungen stammen von der Kunsthistorikerin Dr. Eva-Christine Raschke und ihr gelingt es, mit wenig Worten viel zu sagen. So schreibt sie über Ferroni und sein Bild:

„Sein Werk beinhaltet sowohl surrealistische als auch avantgardistische Elemente. Die fragile Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Tragik und Komik, zwischen religiösem Totenkult und blasphemischem Spott verleihen diesem Künstler seine einzigartige Qualität. Im vorliegenden Bild sind Vanitas-Symbole im Vordergrund als Stillleben arrangiert im Hintergrund blickt eine weibliche Totenmaske auf die Szene herab. … Völlig unklar bleibt die Rolle der Staffelei am linken Bildrand, auf die die Aufmerksamkeit der Männer derartig gelenkt wird, dass der rechte Schachspieler vor Schreck seine Spielfigur verliert. Damit verbindet Ferroni Gegenwärtiges und Vergangenes, Banales und Bedeutendes auf eine ironische Art und Weise.“

Unprätentiös präsentieren Josten und Raschke eine Fülle an schach- und kunsthistorischen Informationen und zeigen so, wie sich die Darstellung des Schachs im Laufe der Jahrhunderte geändert hat. Einhundert faszinierende Bilder mit Schachmotiven, ein Kursus in Kunst- und Schachgeschichte – was will man mehr? Doch wem das nicht genügt, dem hilft der zweite, kleinere Teil des Buches. Hier listet Josten auf, welche Maler sich in ihrem Werk noch auf Schach bezogen haben. Für Sammler eine unschätzbare Hilfe, wobei diese Liste auch ahnen lässt, wie viel Arbeit Josten in dieses Buch gesteckt hat.

Da ein Bild bekanntlich mehr als hundert Worte sagt, folgt hier ein kleiner Rundgang durch die Galerie:

 



Ein Bild des Amerikaners Frederik Arthur Bridgman (1847-1928), der, so Raschke „zu seiner Zeit recht bekannt für seine Landschaftsbilder und Historiengemälde“ war. „Vor allem mit seinen infolge einer Spanien- und Nordafrika-Reise entstandenen orientalischen Bildern traf er den Geschmack des gründerzeitlichen Publikums.“

Trotz dieser Erfahrungen des Malers fällt es schwer, hier an eine realistische Szene zu glauben. Allerdings zeigt dieses Bild, wie übrigens viele Bilder in dem Band, wie sich Frauen und Männer am Schachbrett begegnen. Doch die Schachspieler, die angesichts des im Schach untypischen Verhältnisses von Frauen zu Männern – ein Mann, vier Frauen – ins Träumen geraten und sich orientalische Sitten wünschen, werden enttäuscht. Raschke meint, bei dem „bärtigen Mann im roten Kaftan“ handele es sich „wahrscheinlich … um einen Eunuchen als Wächter des Harems.“

Dieses Bild des französischen Malers Charles Bargue stammt aus dem Jahre 1880 und trägt den schlichten Titel „Die Schachspieler“. Auch heute sieht man im Park noch oft, wie sich die Leute beim Schach die Zeit vertreiben. Zwar sitzen sie nicht mehr auf Steinbänken, sondern an Tischen und haben eine Uhr neben sich stehen, aber Handbewegungen und Körperhaltungen haben das 20. Jahrhundert gut überstanden. Allerdings ist der Durchschnittsparkspieler von heute selten so gut gekleidet wie die beiden jungen Herren auf dem Bild.

Charles Bargue, so erfahren wir im Begleittext, hat nur wenige Ölbilder gemalt. „Bekannt … heute allerdings fast vergessen, wurde der Künstler durch sein zusammen mit Jean-Léon Gérôme herausgegebenen ‚Drawing Course’ …. Selbst Pablo Picasso und Vincent van Gogh haben nach Bargues Vorgaben das Zeichnen gelernt.“

Ein Bild des französischen Malers und Karikaturisten Honoré Daumier (1808-1879), der auf einer Reihe von Bildern Personen porträtiert hat, „die in ein Metier versunken sind, das ihnen zur Liebhaberei geworden ist“. Die Schachspieler auf diesem Bild sind so typisch, dass man meinen könnte, man hätte sie schon einmal im Schachklub oder bei einem Wettkampf gesehen.

 

Dieses „Porträt von Schachspielern“ stammt aus dem Jahre 1911. Gemalt hat es Marcel Duchamps (1887-1968), der beste Spieler aller im Band vertretenen Maler: Er war einer der stärksten Spieler Frankreichs und Mitglied der Nationalmannschaft. Als Schachspieler war Duchamps ein Verehrer Capablancas und pflegte einen nüchternen Positionsstil. Von dieser nüchternen Sicht auf die Dinge ist in diesem Bild jedoch nicht viel geblieben.

„Lady Howe setzt Benjamin Franklin matt“ von Charles Xavier Harris (1856-?) zeigt wieder eine Begegnung von Mann und Frau am Schachbrett und enthält ironische Anspielungen. Franklin ist links im Bild abgebildet, und wenn der Titel es nicht verraten würde, so könnte man anhand seines nach vorne geneigten Oberkörpers und seines besorgten Gesichtsausdrucks erraten, dass Franklin sich in dieser Partie nicht auf der Siegerstraße befindet.

Das ist ungewöhnlich für den Erfolgsmenschen Franklin: Er sprach mehrere Sprachen, erfand den Blitzableiter, wurde als Drucker und Zeitungsredakteur reich, sorgte als Politiker für Reformen im amerikanischen Bildungs- und Transportwesen und schaffte es, als amerikanischer Diplomat die Franzosen für die amerikanische Unabhängigkeit zu gewinnen. Außerdem war er leidenschaftlicher Schachspieler. Seine „Morals of Chess“, in denen Franklin nachzuweisen versucht, wie nützlich das Schach für das Leben ist, war der erste Schachartikel, der je in Amerika erschien. Bei all seinen Aktivitäten hatte Franklin doch noch Zeit, seine Schwäche fürs andere Geschlecht auszuleben, wobei er vor allem älteren Frauen zugetan war.

Doch auf dem Bild triumphiert in der geistigen Auseinadersetzung die junge Frau gegen den älteren Mann, was man als ironischen politischen Kommentar verstehen könnte: Denn als amerikanischer Gesandter setzte sich Franklin in England für die amerikanische Unabhängigkeit ein und seine Gegnerin ist Lady Howe, Schwester von William und Richard Howe, zwei englischen Politikern, die maßgeblich am Kampf gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner beteiligt waren. So unterlag Familie Howe zwar im wirklichen Leben, aber gewann am Schachbrett.

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938): „Erich Heckel und Otto Müller beim Schach“, 1913. Wenn dieses Bild die „Wahrheit“ sagt, dann waren Erich Heckel und Otto Müller leidenschaftliche Schachspieler – immerhin konzentrieren sie sich so sehr auf das Schach, dass sie die sich lasziv im Hintergrund räkelnde Dame ignorieren. Kirchner, Heckel und Müller gehörten zur Berliner Künstlergruppe „Die Brücke“, die wegweisende Bedeutung für die moderne deutsche Malerei hatte. Allerdings löste sich diese Vereinigung von Künstlern kurz nach der Entstehung dieses Bildes auf. Vielleicht haben die Maler zu viel Schach gespielt?

Ein Bild des finnischen Malers Antti Favén (1882-1948), auf dem berühmte Schachspieler verewigt sind. So weist der Herr links hinten frappierende Ähnlichkeit mit Dr. Siegbert Tarrasch auf, während man dem jungen Mann rechts hinten mit Phantasie Ähnlichkeit mit Emanuel Lasker bescheinigen könnte. 

Dieses Bild stammt von dem irischen Maler John Lavery (1856-1941). Schach dient hier zur Illustration eines sorglosen bürgerlichen Lebensstils, doch für den Schachpsychologen dürfte vor allem die Körpersprache der beiden Spielerinnen interessant sein. Raschke und Josten schreiben: „Schwarz befindet sich in großer Bedrängnis und wird bald mattgesetzt sein. Diese Situation findet sich auch in den Positionen der beiden Mädchen wieder. Die angezogenen Beine der scheinbar Jüngeren stehen im Kontrast zu den lässig ausgestreckten ihrer Schwester. Diese hat die Lektüre ihres Buches nur gerade unterbrochen, um eine Partie Schach zu spielen.“  



Schach pur porträtiert der englische Maler Anthony Rosenbaum (gestorben 1888) auf diesem Gemälde, dessen Original 8,13x1,524 m groß ist. Zu sehen sind u.a. Johannes Hermann Zukertort, Henry Edward Bird, Joseph Blackburne, Bernhard Horwitz, Johann Löwenthal, George McDonnell, James Mason, Anthony Rosenbaum, Wilhelm Steinitz und George Walker. Als Bilder im Bild abgebildet und auf dieser verkleinerten Darstellung nur schwer zu erkennen, sind im Hintergrund Paul Morphy und Adolph Anderssen. Josten vermutet, „dass für das Gemälde entweder das Turnier in London 1862 oder das Turnier in Paris 1867 Pate stand“.

 

Erneut ein Beispiel für Schach im Familienkreise, dieses Mal wird im Hause des französischen Malers Henri Matisse (1869-1954) gespielt. Schach taucht bei Matisse in etlichen Bildern auf, weshalb man sich fragt, warum das Schachbrett hier unrealistisch abgebildet ist. Das Brett scheint elf Felder zu haben und wirkt es so, als sei rechte Eckfeld schwarz und das Brett mithin falsch aufgebaut – in Film, Fernsehen und auch der Malerei bekanntlich der Lackmustest, ob sich Künstler oder Regisseur halbwegs ernsthaft mit Schach beschäftigt haben.

Bei diesem Gemälde von William J. Moore (1817-1909) ist schachlich alles in Ordnung. Das rechte Eckfeld ist offensichtlich weiß und auch die Stellung auf dem Brett ist sinnvoll – wie der mit Schwarz spielende Geistliche betrübt zur Kenntnis nehmen muss – denn er steht kurz davor, von dem jungen Mädchen matt gesetzt zu werden.

In diesem Bild sieht man Schach neben Rauchen, Zeitungslesen, Kaffee trinken als Teil eines genießerischen Bohemelebens dargestellt. Wie realistisch das ist, mag jeder anhand seines eigenen Lebenswandels entscheiden. Maximilian Oppenheim, der Maler dieses Bildes, kannte sich in der Schachszene jedoch aus und hat unter dem Namen „Mopp“ etliche Porträts von Emanuel Lasker angefertigt. Mit Laskers Namensvetter Edward Lasker veröffentlichte Oppenheimer das Buch „Chess for Fun and Chess for Blood“. Lasker sorgte für den Text, Oppenheimer für die Illustrationen.

So weit ein kleiner Ausschnitt der virtuellen Ausstellung. Wer mehr möchte:

Gerhard Josten, Schach auf Ölgemälden
Book on Demand, 2006
ISBN 3-8334-5013-4
22,80€

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