"Schach formt den Menschen" - 60 Jahre Artur Jussupow

von Dagobert Kohlmeyer
13.02.2020 – Artur Jussupow war in seiner besten Zeit einer der weltbesten Spieler, hinter Kasparov und Karpov die Nummer drei in der Welt. 1990 wurde er bei einem Raubüberfalls in Russland verletzte, verließ das Land und fand in Deutschland eine neue Heimat. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem Jubilar.

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Artur Jussupow: 60 Jahre und zwei Lebenshälften

Artur Jussupow ist eine lebende Schachlegende. Der am 13. Februar 1960 in Moskau geborene Spieler und heutige Schachtrainer reifte in der Sowjetunion zum Weltklasse-Großmeister heran. Artur gewann die Junioren-WM 1977, war mehrmals WM-Kandidat und holte fünf Olympiasiege mit der UdSSR. Seit fast drei Jahrzehnten lebt Jussupow in Deutschland und spielte auch für die neue Heimat mit Erfolg. Nach seiner Zeit im Spitzenschach widmete er sich verstärkt seiner Arbeit als Trainer und Buchautor.

Mit Artur verbindet mich eine Schachfreundschaft über 30 Jahre. Wir lernten uns 1990 bei einem internationalen Turnier in München kennen. Kurz darauf übersetzte ich seine ersten Schachbücher ins Deutsche, die er mit Mark Dworezki verfasst hat. In der Folgezeit trafen wir uns bei zahlreichen Events, darunter Olympiaden und Weltmeisterschaften. Seit 1991 ist Deutschland die Wahlheimat von Artur Jussupows Familie, seine beiden Kinder wurden hier geboren. Man konnte mit Freude beobachten, wie er sich ins Schachleben unseres Landes einbrachte, ob als Mitglied der Nationalmannschaft, in der 1. Bundesliga oder als Trainer.

Im August 1991 war ich in Brüssel als Reporter Augenzeuge, wie Artur Jussupow im WM-Kandidaten-Match den starken Ukrainer Wassili Iwantschuk besiegte. Eine Schwarzpartie aus diesem dramatischen Duell ist die Perle seiner erstaunlichen Karriere, in der unter anderem fünf Olympiasiege mit der Sowjetunion zu Buche stehen. Unvergessen ist auch die olympische Silbermedaille, die Artur, nun mit dem Team Deutschland, im Jahre 2000 in Istanbul erkämpfte. Es war für den Journalisten vor Ort ein besonderes Live-Erlebnis, weil dieser Erfolg so überraschend kam.

Parallel zu seiner aktiven Laufbahn begann der Großmeister schon frühzeitig, als Schachlehrer zu arbeiten. Jussupow trainierte Weltklassespieler wie Viswanathan Anand oder Peter Leko und betreibt seit langem eine eigene Schachakademie. Bis heute ist unser Kontakt nicht abgerissen. Artur hat engagiert bei verschiedenen Buchprojekten mitgearbeitet, darunter an dem Band über die Schacholympiade 2008 in Dresden, an meinem Buch „Attacke“ sowie den „Schach-Quartetten“, wo es um Aufgaben und Studien mit vier Steinen geht. Die Aufzählung ist längst nicht vollständig.

Bevor Artur Jussupow am vergangenen Wochenende nach Solingen fuhr, um die 2. Bundesligamannschaft zu unterstützen, sprach ich mit ihm.

D. Kohlmeyer und A. Jussupow 1991 in Hamburg

Artur, wir kennen uns jetzt 30 Jahre. Deine erste Lebenshälfte hast du in der Sowjetunion verbracht, die zweite in Deutschland. Wie unterschiedlich fällt die Bilanz über diese beiden Zeiträume aus?

Es sind praktisch zwei Leben. Für mich war das beinahe physisch. Du kennst die Geschichte, wie es zu dem Wechsel kam, und hast damals als Erster darüber berichtet.

Ja, so ist es. In deiner Heimat warst du ein erfolgreicher Supergroßmeister, doch die jüngeren Schachspieler wissen gar nicht mehr, welche Umstände zu deinem Entschluss führten, das Land zu wechseln.

Ein Raubüberfall 1990 auf mich in meiner Moskauer Wohnung war auslösendes Moment. Dadurch war es psychologisch leichter, die Heimat zu verlassen. Ich hatte gerade eine Familie gegründet, meine Frau erwartete ihr erstes Kind. Damals begann für mich praktisch ein zweites Leben. Dieser Wechsel war einer der besten Schachzüge meines Lebens. Es war wie eine zweite Geburt.

Was hast du in der neuen Heimat gelernt?

Man muss selbst etwas tun und aktiv werden, um akzeptiert zu werden. Meine Frau und ich kannten die Sprache überhaupt nicht, als wir hier eintrafen. Mit meinen Kollegen vom Bundesligisten Bayern München habe ich anfangs nur englisch kommuniziert. Mein Deutsch war schrecklich, aber ich habe mich durchgebissen. Das war ein sehr wichtiger Schritt, weil ich ja dann auch begann, als Schachtrainer zu arbeiten. Entscheidend ist es, aktiv zu sein und eine soziale Position einzunehmen. Du tust damit etwas, das die Menschen schätzen.

Bist du mit deinem Leben in Deutschland zufrieden?

Mehr als das. Seit 1996 bin ich deutscher Staatsbürger. Das Land ist meine zweite Heimat geworden, hier sind unsere beiden Kinder geboren. Es war eine glückliche Entscheidung, hierher zu kommen. Ich kannte Deutschland vorher nur sehr wenig, war nur ein paar Mal zum Schachspielen hier, auch in der DDR. Es war ein großer Reiz, eine neue Kultur und viele schöne Landschaften kennenzulernen.

Mit der Sowjetunion holtest du fünfmal Olympia-Gold; fünfmal bist du auch für den Deutschen Schachbund gestartet. Welche Olympiade war die schönste?

Die von Istanbul 2000, weil die Silbermedaille für Deutschland so überraschend war. Wir hatten eine tolle Mannschaft mit Uwe Bönsch als Kapitän, Robert Hübner, Klaus Bischoff und den anderen. Dass wir uns großartig verstanden, war sehr stimulierend.

Du hast drei Jahrzehnte in der 1. Schach-Bundesliga gespielt und betreibst seit vielen Jahren mit großem Erfolg eine Schachakademie. Wie viele Schüler haben sie schon durchlaufen?

Ich habe überhaupt keine Ahnung, denn ich führe keine Statistik. 1996 fanden die ersten Seminare statt. Vorher hatte ich schon einzelne Schachfreunde unterrichtet. Du kannst dir vorstellen, wie viele Schüler da im Laufe der Zeit zusammen kamen.

Und es geht immer noch weiter.

Ja klar. Ich habe vor zweieinhalb Jahren ein neue Firma gegründet. Es ist die Jussupow-Schachschule GmbH, in der mit Kindern gearbeitet wird. Damit wollen meine Familie und ich Dank sagen und Deutschland etwas zurückgeben.

Robert von Weizsäcker und Artur Jussupow

Worin liegt für dich der Wert des Schachs?

Es formt einen als Menschen. Ich habe durch die intensive Beschäftigung mit dem Spiel meine Konzentration, die Verarbeitung von Informationen sowie das strategische Denken verbessert. Und gelernt, mit Siegen und Niederlagen umzugehen.

Dein wichtigster Trainer und Freund in der Schachwelt war Mark Dworezki, der leider im September 2016 viel zu früh verstarb. Was hat dich mit diesem Menschen verbunden?

Ganz viel. Es ist eine sehr komplexe Sache. Mark hat aus mir nicht nur einen Spieler gemacht, sondern mich, was noch wichtiger ist, zu einer Persönlichkeit geformt. Sämtliche Erfolge als Großmeister, WM-Kandidat und auch als Schachlehrer hätte ich ohne ihn nie erreicht.

Du hast Mark Dworezki sehr verehrt. 1991 beim Kandidatenturnier in Brüssel fiel mir auf, dass du noch Sie zu ihm sagtest. In Schachkreisen ist das heute eher unüblich…

Wir waren jahrzehntelang und bis zuletzt nicht per Du. Ich verehrte ihn zu sehr, das ist wohl in der russischen Tradition begründet. Kurioserweise habe ich Mark aber in der Jugend, als er noch nicht mein Trainer war, geduzt. Da waren wir Spielerkollegen. Nachdem er jedoch mein Lehrer wurde, änderte sich das.

Was nimmst du von ihm mit?

Das ganze umfangreiche Wissen, welches ich von Mark bekommen habe. Er konnte Schach sehr anschaulich vermitteln. Sein Vermächtnis und seine Lehrmethoden sollen möglichst erhalten bleiben. Wir haben es auch gemeinsam in etlichen Büchern getan. Ich werde immer weiter versuchen, diesen großen Erfahrungsschatz an viele Trainer und Schüler weiterzugeben.

Als WM-Reporter habe ich Mark Dworezki zum letzten Mal 2012 in Moskau beim Match von Anand und Gelfand getroffen. Er hatte, so finde ich, einen speziellen Humor und ein verschmitztes Lächeln, wie eine meiner letzten Aufnahmen von ihm zeigt…

Mark Dworezki

Ja, er war eine interessante Persönlichkeit mit vielen Facetten. Dazu gehörte auch Humor. Aber er konnte schon recht streng sein und war vor allem sehr prinzipienfest, denn er hat seine Standpunkte immer stark vertreten. So lehnte er es zum Beispiel ab, Mitglied im Jugendverband Komsomol oder in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu werden. Es war damals ja nicht so einfach und nicht immer zum Vorteil, eigene Ansichten zu haben.

In den Jahren 1986 und 1987 hattest du deine beste Weltranglistenplatzierung. Damals lagst du immerhin auf Platz 3 hinter Garri Kasparow und Anatoli Karpow. Ohne die beiden Giganten wärst du vielleicht Champion geworden…?

Nun, ich sehe das jetzt so: Ich durfte mich mit Giganten messen und finde, das war ein Privileg. Mit meinem heutigen Wissen ist mir klar, ich hätte damals viel mehr arbeiten müssen, um ein ernsthafter WM-Konkurrent sein zu können. Es war kein Pech für mich, dass die beiden K. zur gleichen Zeit wie ich aktiv waren. Sie waren einfach noch eine ganze Klasse besser als ich.

Wie hat sich die Schachwelt in letzter Zeit verändert?

Sehr, vor allem durch die Computer. Heute sind von den Spielern andere Dinge gefragt, zum Beispiel ein unglaubliches Gedächtnis, um diese riesige Menge von Informationen zu verarbeiten. Nutzt man aber nur Stockfisch und ähnliche Schachprogramme, so macht dies unser Spiel etwas ärmer. Man darf sich nicht nur auf die Engine verlassen. Es kommt heute auch vor, dass Journalisten während einer Partie aufs Schachprogramm schauen und hinterher zu einem Großmeister sagen, wie er hätte richtig spielen sollen. Das ist nicht okay.

Stimmt. Wie auf anderen Gebieten unseres Lebens ist der Computer Fluch und Segen zugleich. Man sollte nicht vergessen, dass das Schach eine lange und spannende Geschichte hat und für den Menschen erdacht wurde.

Ich sehe das genauso. Das Spiel hat doch auch eine kulturelle Geschichte. Sie wurde nicht nur von großen Schachmeistern geschrieben, sondern auch durch Komponisten von wunderbaren Aufgaben und Studien. Die Bewunderung der alten Meister und Schachkomponisten ist leider zurückgegangen.

Du sprichst mir aus der Seele. Ist es nicht traurig, dass viele junge Spieler kaum noch Schachbücher lesen und nur noch digital unterwegs sind? Sie kennen auch die Klassiker nicht.

Das ist schade. Die Klassiker des Schachs sind eine Bereicherung für jeden Spieler. Ich berücksichtige das in meiner Arbeit mit der Jugend, weil ich meine, die Schachgeschichte ist sehr wichtig. Es ist auch nicht gut, wenn junge Bundesligaspieler nicht mehr die Partien von Aljechin, Reshewsky oder Taimanow kennen.

Du bist ein sehr guter Schach-Flüsterer, hast etliche WM-Kämpfe live kommentiert. Ich erinnere mich an Brissago 2004, an Bonn 2008 und andere Matches.

Artur Jussupow als Kommentator

Das habe ich immer gern getan. Mit Kollegen wie Helmut Pfleger oder Klaus Bischof macht das besondere Freude. Sicher ist der Computer inzwischen stärker als der Mensch, aber alle Spitzenspieler arbeiten zu Hause hart und bringen dann am Brett tolle Leistungen. Das muss man schätzen und den Leuten möglichst anschaulich vermitteln. Darum bemühe ich mich.

Du besitzt durch deine langjährige Tätigkeit als Schachlehrer ein gutes Auge für herausragende Talente. Wer klopft gerade am Schacholymp an? Oder wird Magnus Carlsen noch länger Weltmeister bleiben?

Eine interessante Frage, mit der man sich speziell beschäftigen müsste. Große Talente gibt es weltweit. Die Elite spielt ein sehr gutes Schach. Ich staune, was die junge Großmeister-Generation mitunter aufs Brett zaubert. Es ist immer ein großes Vergnügen für mich, ihnen bei Turnieren zuzusehen und ihre Partien live zu verfolgen, zum Beispiel in Baden-Baden. Ich staune dann und denke, meine Güte, was für schöne Züge sie machen! Zu Hause über Internet und mit Engines ist der Zauber dann vorbei.

Du bist in Deutschland tätig und hast den jungen Vincent Keymer trainiert. Wie groß ist sein Talent zum Beispiel im Vergleich zum jungen Peter Leko, der früher dein Schüler war und von dem du heute noch schwärmst.

Ja, Vincent hat ein ähnliches Talent und noch viel Potential. Was daraus wird, zeigt erst die Zukunft. Talent allein reicht natürlich nicht, man muss sehr viel arbeiten, um Großes zu erreichen. Früher arbeitete ich mit Peter Leko, und jetzt trainiert der ungarische Großmeister Vincent. Er macht das sehr gut, und ich wünsche beiden viel Erfolg. Jede neue Generation lernt von der vorherigen.

Artur, du bist ein vielbeschäftigter Mann. Welche Interessen hast du außerhalb des Schachs?

Da gibt es schon einige. Ich bin Fußballfan und gehe öfter zu größeren Spielen. So war ich vorige Woche in München in der Allianz Arena beim spannenden Pokalfight der Bayern gegen Hoffenheim. Es ist mir gar nicht so wichtig, ob die Bayern wieder Meister werden, ich möchte einfach gemeinsam mit anderen Leuten Freude im Stadion haben und schöne Spiele sehen. Sehr gern höre ich klassische Musik.

Wirst du mit deiner Familie in Deutschland bleiben?

Ja, wir sind sehr dankbar für alles, was geschehen ist. Ein Zurück nach Russland wird es nicht geben.

Wie feiert ihr deinen Geburtstag?

An diesem Tag halten wir normalen Schachunterricht. Unsere Familie trifft sich dann am Wochenende zu einer Feier.

Wohnen deine beiden Kinder nicht mehr zu Hause?

Nein. Sie gehen schon eigene Wege. Katharina studiert an der Universität in Mannheim und promoviert dort. Alexander ist an der TU in München. Er promoviert auch. Wir haben nun also zwei Akademiker in der Familie. Die Doktor-Titel sind für mich aber nicht das Entscheidende. Wichtig ist, dass unsere Kinder tüchtige Menschen sind.

Respekt Artur, auch dafür! Happy birthday und danke für die langjährige Schachfreundschaft!

 




Dagobert Kohlmeyer gehört zu den bekanntesten deutschen Schachreportern. Über 30 Jahre berichtet der Berliner bereits in Wort und Bild von Schacholympiaden, Weltmeisterschaften und hochkarätigen Turnieren.
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