Schach im Film: "Casablanca"

von Johannes Fischer
22.03.2021 – Seit mehr als 70 Jahren bringt der 1942 gedrehte Film Casablanca Liebespaare und solche, die es werden wollen, zum Träumen. 2002 wählte das American Film Institute ihn zum besten US-Liebesfilm aller Zeiten und 2007 zum drittbesten US-Film aller Zeiten. Zahlreiche Dialoge aus Casablanca sind in das kulturelle Gedächtnis eingegangen und auch das Schach spielt im Film eine kleine Rolle.

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Am Anfang steht das Schach

Die männliche Hauptrolle spielt Humphrey Bogart, der, so Wikipedia, mit "seinen Darstellungen harter ... oftmals zynischer und konsequent einem inneren Moralkodex folgender Charaktere zu einer schauspielerischen Ikone des 20. Jahrhunderts wurde". Auch in Casablanca verkörpert Bogart einen solchen Charakter und bei seinem ersten Auftritt sitzt er am Schachbrett.

Bogart spielt in Casablanca Rick Blaine, den Besitzer des Rick's Café Americain, einem beliebten Treffpunkt für Ganoven, Glücksritter und Flüchtlinge. Während Rick nach dem besten Zug sucht, kommt der zwielichtige Gauner Ugarte (gespielt von Peter Lorre) auf ihn zu, und bittet Rick, zwei Transitvisa für ihn aufzubewahren – vermutlich die Transitvisa, die zwei deutsche Offiziere, die man kurz zuvor ermordet aufgefunden hat, bei sich hatten. Mit der Meldung des Mordes an den beiden Offizieren beginnt der Film, doch mit der Erwähnung der Transitvisa beginnt die eigentliche Handlung.

Der Film spielt im Jahre 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, als Tausende von Menschen, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten waren, in Casablanca gestrandet sind. Sie hoffen, von dort aus die Weiterreise in die USA organisieren zu können, doch dafür brauchen sie ein Visum, und das macht die Transitvisa, die Ugarte besitzt, so wertvoll. Die Deutschen wollen sie wiederbekommen und den Mörder der beiden Offiziere finden, Schwarzmarkthändler wollen sie für viel Geld weiter verkaufen und Flüchtlingen versprechen sie Freiheit und Sicherheit.

Rick versteckt die Transitvisa und als Ugarte wenig später verhaftet wird und in Polizeigewahrsam stirbt, kann Rick entscheiden, was er mit den Visa macht. Er könnte sie verkaufen oder auch mit seiner alten Liebe Ilsa Lund (gespielt von Ingrid Bergman) Casablanca verlassen und in die USA gehen. Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht.

Denn Ilsa ist mit ihrem Mann, dem Widerstandskämpfer Victor László, der von den Deutschen gesucht wird, in Casablanca. Rick und Ilsa hatten sich in Paris kennengelernt und eine leidenschaftliche Affäre begonnen, da Ilsa glaubte, ihr Mann sei von den Deutschen ermordet worden. Als die Deutschen im Juni 1940 in Paris einmarschieren, beschließen Rick und Ilsa gemeinsam zu fliehen und verabreden sich abends am Bahnhof, um die Stadt zu verlassen. Doch am Bahnhof wartet Rick vergeblich auf Ilsa.

Wie sich später herausstellt, war Ilsas tot geglaubter Mann Victor László plötzlich wieder aufgetaucht, und Ilsa hatte sich daraufhin entschieden, Rick zu verlassen und an der Seite ihres Mannes zu bleiben, um den Widerstand gegen die Deutschen zu unterstützen. In Casablanca treffen sich Rick und Ilsa zufällig wieder, und Ilsa hofft, dass Rick ihr verzeiht und ihr die Transitvisa gibt, damit sie mit Victor Lászlo fliehen kann.

Diese Liebesgeschichte, in der es um Vertrauen, Verrat, wahre Liebe und dem Opfer persönlicher Interessen für eine höhere Sache geht, hat Humphrey Bogart und Ingrid Bergman zu einem der bekanntesten Liebespaare der Filmgeschichte gemacht. Wer den Film kennt, der weiß, was Rick am Ende mit den Transitvisa macht, wer den Film nicht kennt, dem sei das Ende hier nicht verraten.

Doch eingefleischte Schachfans interessiert natürlich nicht nur Liebe, die Handlung und das Ende des Films, sondern sie wollen auch wissen, welche Stellung in der Szene zwischen Ugarte und Rick auf dem Brett steht, und ob Casablanca Schach realistisch abgebildet hat.

Im Screenshot der Szene sind leider nicht alle schwarzen Figuren eindeutig zu erkennen, aber die folgende Stellung könnte auf dem Brett gestanden haben.

 

Wie die Webseite Stars and Letters berichtet, soll diese Stellung aus einer Fernschachpartie stammen, die Bogart während der Dreharbeiten zu Casablanca mit Irving Kovner gespielt hat, einem Bruder eines Angestellten von Warner Bros. Und auf den ersten Blick scheint diese Stellung tatsächlich realistisch zu sein, doch wenn man genauer hinschaut, tauchen Fragen auf.

Denn Weiß fehlt der weißfeldrige Läufer, während Schwarz keinen Schwarzfelder mehr hat, und das heißt, Weiß muss in den wenigen Zügen, die bislang gemacht wurden, seinen weißfeldrigen Läufer gegen den schwarzen Läufer auf f8 getauscht haben. Aber wie ist das in einer halbwegs vernünftigen Partie möglich?

Stellt man den Läufer des Weißen im Diagramm jedoch von c1 nach f1, dann entsteht eine partienahe Stellung, die z.B. nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e5 Sfd7 6.h4 c5 7.Lxe7 Dxe7 8.Sb5 entstehen könnte, wenn Schwarz jetzt die Drohung 9.Sc7 ignoriert und 8...0-0 spielt. Ganz überzeugend wirkt diese Zugfolge zwar nicht – eben weil die Drohung 9.Sc7 eigentlich zu stark ist, um sie zu ignorieren – aber wenn der Läufer wie im Film zu sehen, tatsächlich auf c1 und nicht auf f1 steht, dann ist sehr schwer zu sehen, wie die Stellung im Screenshot aufs Brett gekommen sein soll. (Wer einen Vorschlag hat, kann ihn gerne in die Kommentare schreiben!). Allerdings ist durchaus vorstellbar, dass beim Drehen der Szene die Läufer vertauscht wurden.

Man kann sich natürlich auch fragen, wie wichtig dieses Detail in einem Film ist, der auf so vielen anderen Illusionen beruht. So wurde Casablanca natürlich nicht in Casablanca gedreht, sondern in den Studios von Hollywood, und auch bei dem Song "As Time Goes By", einem der berühmtesten Lieder der Filmgeschichte, ist nicht alles so gewesen, wie es beim Blick auf die Leinwand scheint.

Im Film singt das Lied der Pianist Sam, den der Schauspieler und Schlagzeuger Dooley Wilson verkörpert. Wilson scheint sich beim Singen des Liedes am Klavier auch selbst zu begleiten, aber wie Filmhistoriker in mühsamer Recherche und mit Hilfe eines Musik-Forensikers herausgefunden haben, sitzt der Schauspieler nur am Klavier, gespielt hat in Wirklichkeit jedoch ein anderer, nämlich der Musiker Jean Plummer. Plummer hat seine Version von "As Time Goes By" im Studio aufgenommen und diese Aufnahme wurde später in den Film eingefügt.

Für Wilson, den offiziellen Mann am Klavier, war sein Auftritt in Casablanca jedoch ein Glücksfall. Der Film verschaffte ihm zahlreiche weitere Rollen und bescherte ihm, wenn man Wikipedia Glauben schenken mag, eine Zeit lang 5.000 Fanbriefe pro Woche. Ob die Fans auch so begeistert gewesen wären, wenn sie gewusst hätten, dass Wilson selbst gar nicht Klavier spielt?

Und mag die Schachszene bei ganz genauer Betrachtung auch nicht vollkommen realistisch zu sein, so hat sie im Film doch eine große Bedeutung, denn sie hilft, den Charakter von Rick zu verstehen. So verweist der Umstand, dass er in seinem vollbesetzten Café Schachpartien analysiert, darauf, dass er nicht nur klug und strategisch denkt, sondern auch ein Einzelgänger ist, der Probleme gerne alleine löst.

Aufschlussreich ist auch, dass die Stellung auf dem Brett aus einer Französischen Verteidigung hervorgegangen ist und Rick aus der Perspektive des Schwarzen analysiert. So hat sich Rick im Schach auf die Seite der Franzosen geschlagen, und wenn man will, kann man hier einen subtilen Hinweis auf den weiteren Verlauf des Filmes sehen, in dem Rick, der sich eigentlich aus politischen Auseinandersetzungen heraushalten wollte, am Ende doch die Franzosen gegen die Deutschen unterstützt. Und so hat die Schachszene in Casablanca eine passende dramaturgische Bedeutung und ist zugleich eine geschickt in den Film eingebaute Hommage an das Schachspiel.

Angeregt hatte die Szene Humphrey Bogart, der selbst leidenschaftlicher Schachspieler war.

Humphrey Bogart: Schauspieler und Schachspieler


Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".

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