Schach in der Presse

20.10.2004 – Zeitungsredakteure haben es nicht leicht. Oft müssen sie ihren Lesern Vorgänge erklären, von denen diese keinerlei Ahnung haben. Und sie selber durchschauen sie auch nicht recht. Wenn man dann noch über solch obskure Dinge wie Weltmeisterschaften im Schach berichten soll, muss man schon mal in der Klischeekiste wühlen und beim Niederschreiben geraten die Informationen gelegentlich auch durcheinander. Zu Irgendetwas taugen aber auch diese Texte, z.B. als Fundgrube für Stilblüten. Conrad Schormann hat sich bei flüchtiger Durchsicht aktueller Zeitungsbeiträge zur Schach-WM ein paar Notizen gemacht. Schachwelt sucht Meister aller Klassen...

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"Schachwelt sucht Meister aller Klassen"

Kramnik hat sich früher während der Partien betrunken, um es spannend zu machen. Das haben Zeitungleser am Wochenende erfahren, und sie wissen seitdem, dass es beim Schach um Tricks und Bluffs geht. Dass Kasparow Weltmeister ist. Dass Iljumschinow ihn stets gefördert hat. Und natürlich, weil dieses Klischee immer verbreitet wird, dass beim Match in Brissago gegensätzliche Menschen aufeinander getroffen sind. Es folgt eine Aufarbeitung dieser und anderer in Tageszeitungen und im Internet veröffentlichten Unschärfen (redaktionelle Anmerkungen kursiv).  

http://www.welt.de/data/2004/10/16/346640.html

Die Schach-Weltmeisterschaft ist vielleicht nur (Darum lesen wir Zeitung: Um zu erfahren, wie sich etwas vielleicht verhält.) mit der Box-Weltmeisterschaft im Schwergewicht zu vergleichen: Zwei Menschen stehen (!) sich im unerbittlichen Kampf (...15.Lg5 Sf6 16.Lf4 Sh5 17.Lg5 Sf6 remis) gegenüber, um zu ermitteln, wer der stärkste (oder der beste Boxer?) oder der klügste (oder der beste Schachspieler?) der Welt ist. Ureigenschaften sind gefragt, (es folgen vier typische Ureigenschaften) Finten, Tricks, Bluffs und vor allen Dingen Psychologie, beim Kampf mit den Fäusten wie beim Kampf mit den Steinen.

Die Schachspieler sitzen in einer gläsernen Kabine (Schalldicht zum Glück, weil Pfleger und Jussupow auf dem Podium mit Gläsern klirren und Trinklieder grölen, s.u.), die Boxer in einem Ring (Sitz-Boxen?), um sie herum das Milieu (Dannemann liebt diesen Halbsatz), das sich auch sehr ähnelt (und Ebby Thust diesen): Schillernde Figuren gehören zur Schach- wie zu Box-Szene.

Als etwa Lekos Gegner Wladimir Kramnik noch für Berlin in der Schachbundesliga spielte, pflegte er, um die Spiele ein wenig spannender zu machen (ein nobles Motiv), sich während der Partien mit Wodka zu betrinken. Kramnik soll zum Brett geführt worden sein und trotz seines Zustandes den Gegner (welchen?) vernichtend geschlagen haben (Mist, langweilige Partie, wieder nicht genug getrunken.). Irgendwann (Wann?) hat Kramnik das Trinken aufgegeben, um den als unschlagbar (Deep Blue hat bekanntlich geschummelt) geltenden Garri Kasparow zu besiegen und Weltmeister zu werden.

Wenn er gewinnt, bekommt Leko nicht nur eine Million Franken Preisgeld. . . (johoo, und Kramnik 'ne Buddel Rum).

Bei der Mehrheit der Schachexperten wäre Leko nach einem Sieg gegen Kramnik zwar unumstritten der beste Schachspieler der Welt (Besucht Kramnik jetzt die Mehrheit der Schachexperten? Oder meint der Autor, die meisten Schachexperten würden Kramnik für den besten halten, unumstritten sogar, oder würden sie ihn für den unumstritten besten Spieler halten und ignorieren, dass andere glauben, Anand ist besser? Wir werden es nicht erfahren.), doch - wieder die Parallele zum Boxsport (und jetzt die treffendste aller denkbaren Parallelen) - es gibt noch einen anderen Weltmeister: Garri Kasparow (nie gehört, wahrscheinlich wieder so ein usbekischer Zufallsweltmeister). Der Mann mit dem fotografischen Gedächtnis (Das unterscheidet ihn von allen anderen Großmeistern) hat sich 1993 vom offiziellen Schachweltverband FIDE (gibt's eine inoffizielle FIDE?) abgespalten (Ein Mann spaltet sich vom Weltverband ab, wie sich einst Otto Rehhagel von Werder Bremen abgespalten hat und Fanz Beckenbauer von Gut und Böse.), während sein Förderer (Das war er immer), der Präsident der russischen Teilrepublik Kalmückien, sich gleichzeitig (1995) an die Spitze der FIDE gesetzt hat. (Plausibel. Kasparows Förderer übernimmt den Weltverband, gleichzeitig spaltet sich Kasparow davon ab.)

Dieser wie ein Diktator herrschende Mann namens Kirsan Iljumschinow ließ im libyschen Tripolis eine FIDE-Meisterschaft mit zweitklassigen Spielern (Adams, Topalow...) austragen.

http://derstandard.at/?url=/?id=1804227

Schach-Welt sucht Meister aller Klassen (Fliegengewicht, Cruisergewicht, etc.)

WM-Kampf zwischen Wladimir Kramnik und Peter Lenko (Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 32 für "Peter Lenko". (0,23 Sekunden)) soll erster Schritt über aufgerissene Gräben (sonst wären es keine Gräben) werden (Vielleicht sollte vorher jemand Planken über die Gräben legen)

Schach ist ein bisschen wie Boxen (vielleicht ein bisschen, s.o.). Beim Zweikampf auf 64 Feldern fließt zwar kein Blut, aber manchmal Schweiß und Tränen (noch eine Parallele, s.o.)

Der Sieger soll danach gegen den Gewinner der Partie (Wer hat Weiß?) zwischen FIDE-Weltmeister Rustam Kasindschanow (Usbekistan) und Kasparow antreten.

http://www.welt.de/data/2004/09/25/337367.html

Mit dem Ungarn Peter Leko und dem Russen Wladimir Kramnik kämpfen bei der Schach-Weltmeisterschaft im schweizerischen Brissago nicht nur zwei junge Großmeister um die Vorherrschaft, sondern auch zwei Lebensphilosophien.  (Sie können einander noch so ähnlich sein: Immer treffen bei der  Schach-WM Lebensphilosophien aufeinander. Apropos. Was ist eine Lebensphilosophie?)

Diesmal sind es die Persönlichkeiten dieser Topspieler (Früher haben wir uns für die Partien interessiert), die mehr Medienrummel in den sonst so beschaulichen Ort am Lago Maggiore ziehen, als noch bei der letzten Weltmeisterschaft in London. (Vielleicht war die Medienmeute bei der WM in London in London, nicht im sonst so beschaulichen Ort am Lago Maggiore).

Kurz vor der Eröffnungspartie am heutigen Samstag reiste auch der frühere Weltmeister Anatoli Karpow an. Unumstritten ist auch für ihn der Sieger von Brissago die künftige Nummer eins. (Karpow streitet nicht mit sich.)

. . .rief der Weltschachbund Fide vor ein paar Monaten in Tripolis zu einer eigenen Weltmeisterschaft. Doch kaum einer aus der Topelite der Großmeister kam. Das lag wohl auch daran, dass das Turnier dort nicht nach traditionellen Regeln gespielt wird (Darum lesen wir Zeitung. Um zu erfahren, woran etwas wohl gelegen hat. Oder vielleicht.). Auf diese baut aber die Meisterschaft der Chess-Association (Nachfolgeorganisation der unlängst wegen Bedeutungslosigkeit aufgelösten ACP) auf: Wie seit 1886 treten in 14 Partien (1984/85 wurde der Kampf abgebrochen, als sich herausstellte, dass Karpow und Kasparow schon 34 Partien zu viel gespielt hatten.) mit bis zu sieben Stunden Spielzeit (ohne Hängepartien) nur der Weltmeister und sein Herausforderer (Und nur die, damit das klar ist.) gegeneinander an. Die Fide-Variante mit knapperer Bedenkzeit (90 Minuten plus 30 Sekunden pro Zug) wirkt dagegen wie eine Action-Show (vor allem das Cheerleadergehopse zwischen den Schnellpartien nervt) und wird von der Branche als "K.-o.-WM" abgetan. (Manche nennen sie so. Andere tun sie ab.)

http://www.sportbild.de/index.php/article_54101/contractor_2

14 Partien mit normaler Bedenkzeit sind bis zum 18. Oktober vorgesehen (Danach kommen die Partien mit unnormaler Bedenkzeit)

Kramnik hatte im Herbst 2000 in London in einem Aufsehen erregenden Duell den damals weltbesten Spieler Garri Kasparow (Russland) besiegt und fühlt sich (!, geiles Gefühl wahrscheinlich) seither als 14. Weltmeister der Schach-Geschichte.

http://www2.news.ch/detail.asp?ID=190890

In der Schweiz fanden bisher nur einzelne Partien um die K.o-WM des Verbandes statt. (Aha.)

Kramnik wurde im Herbst 2000 in London mit dem überraschenden Sieg gegen Kasparow der 14. und jüngste Weltmeister (Tal und Kasparow lieben diese Nachricht) in der 118-jährigen Geschichte der Titelkämpfe (1886-2000).

1993 brach der damalige Titelhalter Garri Kasparow mit der FIDE und führte die Qualifikations- und WM-Wettkämpfe selber durch (Die Braingames-Qualifikationsturniere werden wir nie vergessen.).

http://www.facts.ch/dyn/magazin/sport/413487.html

Lebemann gegen Asket (Da sind sie wieder, die Lebensphilosophien)

Bobby Fischer verließ den Spieltisch nach seinem Titelgewinn 1972 als psychisches Wrack (Weil Spassky ihn mit immer neuen Forderungen fertig gemacht hat) und verabschiedete sich vom professionellen Schach (1992 gegen Spassky gings um Gummibärchen).

Bis Mitte der Neunzigerjahre aß Kramnik reichlich Fastfood, trank den einen oder andern Wodka und rauchte viel: Seine Nikotinsucht, so wird spekuliert, hatte ihn vor zehn Jahren den Sieg in einem WM-Qualifikationsmatch gekostet (Es könnte auch an den drei verlorenen Partien beim 1,5:4,5 gegen Kamsky gelegen haben). Die Partien wurden im obersten Stock des Trump Tower in New York ausgetragen. Im ganzen Gebäude galt ein strenges Rauchverbot (streng verboten ist noch verbotener als verboten). Für jede Zigarette musste Kramnik den Wolkenkratzer verlassen. Er geriet in Zeitnot. (Soll er halt schneller rauchen.)

Kramnik fordert die Schachliebhaber auf, dem Spiel selber etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. «Wenn es interessante Spiele sind, mit vielen Ideen und reichlich Material zum Analysieren, sollte das Endresultat keine große Rolle spielen.» (...15.Lg5 Sf6 16.Lf4 Sh5 17.Lg5 Sf6 remis)

Conrad Schormann

 

 

 



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