Schach in der Schule

22.08.2011 – Die durchweg positiven Auswirkungen des Schachunterrichts auf das gesamte Lernverhalten der Schüler ist durch Studien und viele praktische Erfahrungen belegt. Dennoch wird Schach meist nur in AGs gelehrt, regulärer Schachunterricht bleibt die Ausnahme. Lehrer, die an ihren Schulen Schach als Fach einführen möchten, müssen manche Hürde überwinden, um die Sache in Gang zu setzten, wie z.B. Detlef Lemke zu berichten weiß. Nach dem Schulschachkongress 2010 in Hamburg machte er sich unter erschwerten Bedingungen nach der Schulreform in Schleswig-Holtstein für den Schachunterricht an der neuen Grund- und Gemeinschaftsschule (GuGS) Pinneberg stark, fand Unterstützung bei den Kollegen und Begeisterung bei den Schülern. Schon bald konnten die Schüler sogar an Turnieren teilnehmen und das Schachangebot wurde erweitert. Erfahrungsbericht von Detlef Lemke...

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Zwei Jahre Schach als Fach in Pinneberg
Von Detlef Lemke

Es war am Rande des Schulschachkongresses in Hamburg 2010 als ein Schachfreund von Union Eimsbüttel berichtete, dass das Schulschach-Training, das er seit Jahren gab, neuerdings in Frage gestellt wurde. Der alte Schulleiter sei in den Ruhestand gegangen und der neue habe deutlich gemacht, dass er von Schach in der Schule nicht viel halte. Auch andere Teilnehmende am Kongress konnten über Schwierigkeiten bei der Initiierung, Etablierung oder dem Erhalt von Schulschach berichten – ganz entgegen dem Trend, der oft als Boom des Schulschachs gefeiert wird. Tatsächlich findet Schach an immer mehr (Grund-) Schulen statt, institutionalisiert zumeist als AG, seltener – aber zunehmend – als Wahlfach. Nur wenige Schulen haben Schach als obligatorisches Angebot fest in den Stundenplan integriert. Die Vorreiter sind bekannt: die Grundschule Trier-Olewig, die St. Sebastianschule in Raesfeld/NRW und natürlich die Schule Genslerstraße aus der Nachbarschaft des Hamburger Schulleiters und Schulschachreferenten Björn Lengwenus. Das von ihm dort seinerzeit initiierte (Model-) Projekt steht nicht nur sprachlich Pate für die spätere Entwicklung im schleswig-holsteinischen Teil des Hamburger Speckgürtels: „Schach statt Mathe“. Unter diesem Leitspruch wird nun auch an der Grund- und Gemeinschaftsschule Pinneberg Schach als Fach gelehrt. Nach Darstellung der Deutschen Schulschachstiftung ist sie die zwölfte Schule bundesweit und die erste in Schleswig-Holstein, die Schach als Pflichtfach unterrichtet.

Der Verfasser, in der Schulelternarbeit engagiert und viele Jahren selbst im Schachsport aktiv, erlangte über seine Tochter Verbindung zum Jugendschach und über dieses die Kenntnis von der Trierer Schulschachstudie. Regelmäßiges Schach Spielen und Trainieren fördere – so deren zentrale Botschaft – die schulische Entwicklung von Kindern. Was lag nun näher, als das eine mit dem anderen zu verbinden? Kindern spielerisch Denken lehren, Geduld trainieren, Reflexionsvermögen entwickeln, Konzentration üben, Sozialkompetenz fördern ... Schach als Fach ist ein Beitrag zur Schulentwicklung!



Doch wie überzeugt man Schulen, neue Wege zu gehen und auf eine Unterrichtsstunde in einem traditionell für wichtig erachteten Fach zu verzichten, zugunsten eines Stoffes, der nicht einmal im Lehrplan steht? Wie überzeugt man in Zeiten vielbeklagten Unterrichtsausfalls Eltern davon, dass eine Stunde Mathematik weniger mehr ist? Und überhaupt: Warum sollten sich Schulen gerade auf Schach einlassen und nicht etwa auf Musik? Gilt nicht auch die Musik als sehr förderlich für die Kindesentwicklung?

Keine Frage: Es bestehen genügend konträre Interessen und Konkurrenzen, genügend Potential für Bedenken und Bequemlichkeiten, die den berühmten Strich durch die Rechnung machen können. Unter den gegebenen Umständen, in denen sich die Grund- und Gemeinschaftsschule (GuGS) Pinneberg seinerzeit befand, galt dies umso mehr. Denn sie stand eher noch am Anfang denn am Ende eines außerordentlichen Veränderungsprozesses. Sie war eben erst, zu Beginn des Schuljahres 2008/2009, als Folge der schleswig-holsteinischen Schulreform, die insbesondere das dreigliedrige Schulsystem zum Auslaufmodell erklärte, entstanden. Sie ging hervor aus der Fusion zweier benachbarter, nun abgeschaffter Schulen unterschiedlichen Typs: einer Grund- und Hauptschule und einer Realschule. Nun hieß es, den öffentlich gewollten Reformprozess praktisch um- und fortzusetzen. Dies verlangte nicht weniger, als die infolge der schulartabhängigen Sozialisationen unterschiedlichen Gepflogenheiten und Verfahrensweisen, Handlungsmuster und Positionen der Kollegien unter einen Hut zu bringen, sie auf die neuen Anforderungen einer Gemeinschaftsschule einzustimmen und den vielen Auflagen des Schulgesetzes nachzukommen. Es hieß nicht weniger, als – neben den eigentlichen Aufgaben des Unterrichtens – die Strukturen und die Organisation umzugestalten, Konzepte zu erneuern oder zu ergänzen und Profile für den Sekundarbereich zu entwickeln. Zudem gab es den Willen, die Chancen, die die Schulreform eröffnete, zu nutzen, Schule neu zu denken und zu modernisieren. Gebrochen wurde mit Traditionen, Noten wurden abgeschafft bzw. auf das vom Gesetz vorgeschriebene Maß beschränkt, die Unterrichtsstunden wurden von 45 auf 40 Minuten verkürzt. Dies alles war nicht bloß mit einem Federstrich zu bewerkstelligen, sondern verlangte umfassende Planungen und intensive Überzeugungsarbeit in alle Richtungen. Kurzum: Der Veränderungen und der Arbeit gab es reichlich in diesen Tagen für Schulleitung und Kollegium, und das Ansinnen, sich in dieser Situation nicht noch mehr Innovation und (mithin) mehr Arbeit aufzubürden – wer hätte es kritisieren wollen?

„Wir machen das!“

Vor diesem Hintergrund schien eine Strategie erforderlich, mit der erfolgreich für die Einführung von Schach als Fach geworben werden sollte. Doch bevor diese ausbaldowert war und zum Einsatz gelangen konnte, nahm die Entwicklung, von der Dynamik des Veränderungsprozesses erfasst, ihren Lauf. Nicht die angedachte groß angelegte Überzeugungskampagne stellte Weichen, sondern eine ausgeprägte Modernisierungs- und Innovationsbereitschaft der Schule, ein Telefonat und eine lose Kopiensammlung.

Eva von Tiesenhausen, Klassenlehrerin der 1b, reagierte interessiert und resolut („Wir machen das!“) und fungierte fortan als Multiplikatorin und Motor der Idee, Schach in ihrer Klasse probeweise zu unterrichten. Die Schulleitung gab dafür ohne Zögern grünes Licht. Auch Mathematiklehrerin Heike Pries, in deren Stunden der Schachunterricht erteilt werden sollte, stimme dem Vorhaben zu. Schließlich wurde auch auf einem Elternabend für den Modellversuch geworben. Umfassend wurden die Mütter und Väter der auserwählten Klasse über Schach und seinen Wert für die Kindesentwicklung, die Trierer Schulschachstudie, die jüngsten Entwicklungen im deutschen Schulschach sowie über die Chancen und Modalitäten der Erprobung informiert. Einvernehmlich und ohne Einschränkungen gaben die Eltern ihre Zustimmung.

Und so ging es noch kurz vor den Sommerferien 2009 mit einem auf Paketpapier gemalten überdimensionalen Schachbrett los. Die 12 Jungen und 7 Mädchen der 1b lernten Reihen, Linien, Felder und ganz neue Farbgesetze kennen: Weiß ist gar nicht immer weiß, Schwarz nicht immer schwarz. Die Kinder waren begeistert und freuten sich auf die folgenden Stunden, die sie oft mit Tischgetrommel und Stadion tauglichen Rufen „Schach, Schach, Schach ...“ eröffneten.



Der Anfang war geschafft: In dem Modellprojekt Schach statt Mathe wurde Schach als Fach erprobt. Den Unterricht erteilten der Autor, der parallele eine Trainerausbildung absolvierte, und die Mathematiklehrerin, die sich rasch mehr und mehr in die Thematik reinfuchste. Gelehrt wird nach der Stappenmethode.

Das Ziel, bis zum Halbjahresende sämtliche Zug- und Schlagregeln aller Figuren und der Bauern, Angreifen und Verteidigen sowie Schach und ansatzweise auch das Matt zu vermitteln, wurde beinahe erreicht. Die Rochade wurde vorgezogen, um für den ersten Praxis-Test gewappnet zu sein: die Teilnahme am legendären Hamburger Schulschachturnier Linkes gegen Rechtes Alsterufer. Mit zwei Teams trat die Schachklasse im Hamburger CCH an und erzielte in den jeweils zwei Begegnungen drei Mannschaftssiege und ein Unentschieden. Besser und motivierender kann eine Premiere kaum verlaufen.



Kindern wird eine Stunde Mathematik gestrichen und dafür sollen sie eine Stunde lang spielen? Für diese Nachricht interessierte sich auch die Regionalpresse. Das Pinneberger Tageblatt und das Hamburger Abendblatt kamen im Herbst in die Schule, um sich vor Ort zu informieren, gut ein Jahr später sollte die Welle Nord des Norddeutschen Rundfunks folgen, die einen Beitrag im Radio sendete. Das Hamburger Abendblatt berichtete in einem großem Aufmacher des Regionalteils sehr ausführlich über das Projekt und den Nutzen schulischen Schachunterrichts. In einem Kommentar wurde der Modellversuch als „genial“ begrüßt und zur Nachahmung empfohlen.

Das Geschehen an der GuGS sprach sich schnell herum und ließ das Interesse an Schach steigen. Andere Schulen der Umgebung beeilten sich bei der Einrichtung eigener Schachangebote. Schulintern ging Anfang 2010 eine weitere Klasse, nämlich die 3b von Heike Pries, an die Bretter, und zwar im vierzehntägigen Rhythmus in Abwechslung zum Schwimmunterricht.








Aufgrund der sehr breiten Unterstützung, den ersten guten Erfahrungen – die Lehrerinnen der Schachklasse diagnostizierten bald positive Auswirkungen auf die Kinder – und aufgrund der Nachfrage beschloss die Grundschulkonferenz im Frühsommer 2010, den Schachunterricht ab dem folgenden Schuljahr (2010/2011) aufwachsend in allen zweiten, dritten und vierten Klassen durchzuführen. Sechs Lehrerinnen nahmen an einer internen Fortbildung teil, um die Grundzüge des Schachs zu erlernen bzw. vorhandenes Wissen aufzufrischen und zu vertiefen.

Schachunterricht ist das eine, Schachpraxis das andere. Es ist wichtig, den Kindern nicht nur Schachunterricht zu erteilen, sondern sie – auch im Rahmen von Wettkämpfen – Schach spielen zu lassen. Nur so erhalten sie die Möglichkeit, das Gelernte in der Praxis anzuwenden. Sie lernen mit Erfolg und Misserfolg umzugehen, den fairen Umgang mit Gegnern und das eigene Handeln und die eigenen Entscheidungen kritisch zu reflektieren. Deshalb ist es der Grund- und Gemeinschaftsschule ein großes Anliegen, den Schülerinnen und Schülern immer wieder die Gelegenheit zu verschaffen, an Wettkämpfen teilzunehmen. Neben Hinweisen auf Einzelturniere geschieht dies durch die Teilnahme an Mannschaftsturnieren und die Ausrichtung eigener Wettkampfveranstaltungen.

„Halten die das überhaupt durch?“

Im Juni 2010 lud die GuGS daher Schülerinnen und Schüler bis 12 Jahre aus Pinneberg und Umgebung zu ihrem ersten offenen Schulschachturnier ein. Eine wichtige Frage, die entschieden werden musste, war die, ob mit oder ohne Uhr gespielt werden sollte. Rückfragen bei erfahrenen Funktionären des Hamburger Jugendschachs erbrachten keine einheitlichen Einschätzungen. Schließlich fiel die Entscheidung pro Uhr. Fast dreißig Kinder spielten 7 Runden nach Schweizer System bei 20minütiger Bedenkzeit. Nennenswerte Schwierigkeiten im Umgang mit der Uhr traten nicht auf.





„Halten die das überhaupt durch?“ Bedenken mancher Eltern und Lehrkräfte im Vorwege, die Turnierdauer könne zu lang sein, erwiesen sich als unbegründet. So manche Erwachsene staunten über das Durchhaltevermögen der Kids, manch Elternteil über die selten erlebte Ruhe und Konzentriertheit ihres Sprösslings. Alle Kinder freuten sich im Anschluss auf eine Urkunde und einen Sachpreis. Schulleiter Thomas Gerdes, zu jener Zeit erst anderthalb Jahre in diesem Amt und daher noch immer im Besitz einer besonders langen To-do-Liste, hatte es sich nicht nehmen lassen, die Urkunden ebenso wie die Ausschreibungen selbst grafisch zu gestalten.

Es folgten Starts beim Springer-Pokal der Wichernschule 2011 und bei der schleswig-holsteinischen Schulschachmeisterschaft in Bad Segeberg im selben Jahr. Hier startete die GuGS mit 5 Mannschaften – so viele wie keine andere Schule – in der Wettkampfklasse V. GuGS III fehlte für die Qualifizierung zur Deutschen Schulschachmeisterschaft am Ende ein Mannschaftspunkt. Beim diesjährigen Alsteruferturnier gingen sogar 10 Mannschaften der GuGS an den Start – eine Anzahl, die vielleicht schon zu anspruchsvoll ist, denn es ist schwierig aber wichtig, jedem Kind die nötige Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, insbesondere nach einer Niederlage, von denen es dieses Jahr reichlich gab. Aber nicht nur die Schülerinnen und Schüler müssen ihre Erfahrungen machen.

Im April 2011 fand das zweite Schulschachturnier der GuGS statt. Diesmal nahmen mit 47 Kindern gut die Hälfte mehr als im Vorjahr teil. Die Sparkasse Südholstein unterstützte die Veranstaltung finanziell, die Chessbase GmbH stellte diverse Sachpreise zur Verfügung, darunter mehrere begehrte Fritz & Fertig-DVDs. Das schachliche Niveau war gegenüber dem Vorjahr bereits gestiegen: Es wurde mehr überlegt, an dem einen oder anderen Brett kämpften sich sogar beide Kontrahenten bis in die Blitzphase.



Dieser Tage gehen nun zwei weitere Klassen – der neue zweite Jahrgang – an die Bretter. Damit erhalten rund 100 Kinder wöchentlich eine Stunde Schachunterricht. Schulschach ist im Begriff, an der Grund- und Gemeinschaftsschule heimisch zu werden. Nun gilt es, das Erreichte zu festigen, auszuwerten und fortzuentwickeln, die Bandbreite der Methoden zu erweitern und zu optimieren, das Angebot an Schachveranstaltungen zu bereichern und eine Verbesserung der Ausstattung zu besorgen. Neben Uhren und weiterem Spiel- und Lehrmaterial wird vor allem eine technische Ausstattung benötigt, die den Einsatz moderner Lern- und Trainingssoftware in größerem Rahmen ermöglicht bzw. erleichtert.

Für die Weiterentwicklung werden auch die Ergebnisse der Studie Schachzug des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund von Bedeutung sein. Die Grund- und Gemeinschaftsschule ist eine der Schulen, an der die Untersuchung, die nach den Auswirkungen des regelmäßigen Schachunterrichts auf die kognitiven und sozialen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler fragt, durchgeführt wird. Über die zentralen Fragestellungen hinaus evaluiert das IFS auch die Durchführung des Pinneberger Schachunterrichts selbst.

Die Grund- und Gemeinschaftsschule ist zum Fortschritt bereit und in der Lage, was sie übrigens nicht erst im Falle Schach gezeigt hat. Dass die Einführung von Schach an Schulen noch immer keineswegs selbstverständlich ist, zeigt der Fall des Schachfreunds von Union Eimsbüttel. Wie dieser ausgegangen ist, ist nicht überliefert. Bleibt vor allem für die Kinder zu hoffen, dass er sein Schachtraining fortsetzen konnte. Denn Schach liefert einen wertvollen Beitrag für die Kompetenzentwicklung von Kindern.

„Man soll Denken lehren, nicht Gedachtes“ lautet ein bekanntes, dem Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt zugeschriebenes Zitat, das den Schulflyer der Gugs ziert. Diesem Gebot dient – nach dem derzeitigen, verdichteten Wissen – Schachunterricht in vorzüglicher Weise. Schulschach ist daher vor allem als Beitrag zur Erfüllung des schulischen Auftrags zu betrachten. Sein Boom in Deutschland wird daher und nicht zuletzt auch aufgrund der Vorbilder u. a. aus Trier, Raesfeld, Hamburg und nun auch Pinneberg noch einige Zeit anhalten.



Homepage der Schule:
http://www.gugs-pinneberg.de


Und das sagen die Schüler:



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