08.01.2011 – Eines der wenigen Eckpfeiler des nicht eben dichten australischen Turnierkalenders ist das Golden Coast Chess Festival. Hauptorganisator ist Amir Karabasic, der zusammen mit seinem ausrichtenden Verein "Kings of Chess" die vierte Auflage des Turniers diesmal auf die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester legte. Der veränderte Termin brachte ihm nicht nur Beifall ein. Trotzdem nahmen 50 Spieler teil, darunter viele Titelträger und als Favorit GM Zong-Yuan Zhao. Sieger wurde dann aber jemand anderes. FM Junta Ikeda kam am besten mit der Dreipunkteregel zurecht und heimste den ersten Preis ein. Dejan Bojkov und Amir Karabasic berichten. Bericht, Bilder, Partien...
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Das Gold Coast International Chess
Festival 2010
26. bis 30. Dezember 2010
Von Amir Karibasic und Dejan Bojkov
Mein Name ist Amir Karibasic und hauptverantwortlicher
Organisator des Gold Coast Chess Festivals – dieses Jahr zum vierten Mal in
Folge.
Mein Verein, Kings of Chess,
www.kingsofchess.biz organisiert dieses
Schachfestival nicht das erste Mal und in der Vergangenheit fand das Festival zu
unterschiedlichen Zeiten des Jahres statt, aber dieses Jahr haben wir uns
entschieden, etwas Neues auszuprobieren und den Zeitpunkt des Turniers auf die
Zeit nach Weihnachten gelegt, genauer gesagt, auf die Zeit vom 26. bis 30.
Dezember.
Viele Schachorganisatoren haben am Wert dieser Entscheidung gezweifelt
und auch viele Schachspieler waren in Bezug auf das Datum skeptisch, vor allem
in Anbetracht der Tatsache, dass das Australian Open traditionell am 2. Januar
beginnt. Wir waren jedoch der Ansicht, gerade die Verbindung der beiden Turniere
wäre gut und käme Besuchern aus Übersee entgegen, die zwei statt nur einer Woche
Schachspaß in Australien haben wollten.
Gehen wir ins Jahr 2009 zurück: Australien
ist von Europa, dem Zentrum der Schachwelt, weit entfernt und “Supergroßmeister”
besuchen diesen Kontinent nur selten. Dadurch ließ ich mich jedoch nicht
entmutigen, und da ich ein großer Fan von Mikhail Tal und Alexei Shirov bin,
ihre Partien immer wieder begeistert studiert habe, alle Bücher Shirovs und auch
alle seine ChessBase-DVDs besitze, habe ich mich irgendwann gefragt: “Wie wäre
es, wenn Alexei Shirov an die Gold Coast käme?”. (Für denjenigen unter Ihnen,
die nicht wissen, wo die Gold Coast liegt: an der Ostküste Australiens, 80 km
von Brisbane, der Hauptstadt des australischen Bundesstaats Queensland,
entfernt. Bis nach Sydney sind es 900 km, bis nach Melbourne 2000 km.)
Als wir diese Idee 2007 unseren
Vereinsmitgliedern unterbreiteten, ernteten wir nur Gelächter. Doch 2008
erklärte sich Shirov damit einverstanden, über die Vergabe des Schönheitspreises
zu entscheiden und 2009 überraschte er uns erneut mit der Nachricht, dass er
Australien und der Gold Coast einen Besuch abstatten würde, um dort Simultan zu
spielen und die Popularität des Schachs in Australien zu erhöhen. OK, um es kurz
zu machen, möchte ich nur noch eine Sache ergänzen: ich habe fünf Tage mit
Alexei verbracht und ihm die Gold Coast gezeigt.
Mir fällt kein besseres Wort
ein, aber ich hatte das Gefühl, ich würde einen alten Schulfreund treffen, und
unsere Freundschaft und Bekanntschaft vertiefte sich. Der Höhepunkt dieser
Veranstaltung war, als Alexei Shirov zur Verblüffung des australischen Publikums
den Spielsaal betrat, worauf erst einmal fünf Sekunden Stille herrschte, bis
dann donnernder Applaus einsetzte. Das war der schönste Moment in meiner
Laufbahn als Schachorganisator.
Doch zurück ins Jahr 2010. Erneut regten
sich skeptische Stimmen in Bezug auf unsere Idee, vom 26. bis zum 30. Dezember,
gleich nach Weihnachten, ein Turnier zu veranstalten. Mein Leben lang bin ich
Optimist gewesen und habe immer geglaubt, dass ich etwas erreichen kann, wenn
ich das möchte. Das wirkt vielleicht arrogant, aber meiner Erfahrung nach ist
das ein gutes Mittel, um gesund zu bleiben und alt zu werden. Da mich nur wenige
Spieler unterstützten, hatte ich Gefühl, als ob das, was ich in den letzten drei
Jahren aufgebaut hatte, den Bach hinunter ging und meine Reputation beschädigt
würde. Aber mein Naturell ließ das nicht zu und eine innere Stimme sagte mir:
‘Okay, packen wir’s an. Suchen wir nach öffentlicher Unterstützung’. Ich begann
mit der “Guerilla-Werbung” und das Schachpublikum reagierte positiv. Sponsoren
und Spieler meldeten sich, darunter Australiens Nummer 1, Großmeister Zhao Zong
Yuan (2586). Auch Australiens Nummer IM George Xie (2478) wollte dabei sein,
genau wie IM James Morris 2260, Moulthun Ly 2298, FM Junta Ikeda 2264 und eine
ganze Reihe anderer starker Spieler.
Das Gold
Coast Chess Festival 2010 wurde ein Turnier, das das australische Schachpublikum
möglich gemacht hat.
Ein Höhepunkt des Turniers war die Regel,
dass es 3 Punkte für einen Sieg, 1 Punkt für ein Remis und 0 Punkte für eine
Niederlage gab, das erste Mal, dass diese Regel in einem Schachturnier in
Australien angewandt wurde. Dieses Punktesystem verhalf FM Junta Ikeda zum Sieg,
denn in der letzten Runde sicherte er sich mit einem Sieg 3 Punkte und stand am
Ende als Sieger da. Für weitere Informationen siehe www.goldcoastchessfestival.com.
Endstand
Place Name Feder Rtg Loc Score M-Buch. Buch. Progr.
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6
4.e5 Sfd7 5.f4 c5 6.Sf3 Sc6 7.Le3 a6 8.Dd2 b5 9.a3 Lb7 10.Ld3 g5!? 11.fxg5 cxd4
12.Sxd4 Scxe5!?
Ich kannte nur die Fortsetzung 12...Sdxe5, wonach, wenn ich mich recht erinnere,
die Theorie 13.0–0 Lg7 14.Sxc6 Lxc6 15.Lc5 empfiehlt.
13.0–0 Lg7 14.Sce2 Den Springer nach h5 zu bringen sieht wie die logische
Fortsetzung aus.
14...0–0 15.Sg3 Sg4! Mit diesem Zug hatte ich nicht gerechnet, obwohl er im
Nachhinein der beste zu sein scheint. 15...Dc7 16.Sh5 Sg4 17.Tf4 Sxe3 18.Dxe3
De5 (18...e5 19.Sf6+) 19.Dh3! (19.Dg3+-) ist gut für Weiß.
16.Tf4 Als ich diesen Zug machte, war mir nicht ganz klar, dass er der
Auftakt einer Reihe mehr oder weniger erzwungener Fortsetzungen ist. Einiges
spricht für das vorsichtige 16.c3, aber während der Partie kam mir nur der
sofortige Angriff in den Sinn.
16...Sde5! Dieser Zug führte bei mir zu intensivem Nachdenken, und je mehr
ich mich in die Stellung vertiefte, desto mehr deutlicher erkannte ich, dass
Weiß jetzt etwas opfern muss. Ich hatte hauptsächlich mit 16...Sxe3 gerechnet.
Nach 17.Dxe3 Dxg5 (17...e5 18.Th4 exd4 (18...e4 19.Sgf5 exd3 20.Se7+ Kh8
21.Txh7+ Kxh7 22.Dh3+ ist eine hübsche Variante, die ich tatsächlich auch
gesehen habe :)) 19.Lxh7+ Kh8 endeten meine Berechnungen und war der
Ansicht, dass Weiß hier gewinnen sollte. Schaut man sich die Stellung mit einer
Engine an, ist der Rest ziemlich einfach: 20.Df4 Se5 21.Sh5 f6 22.Lf5 fxg5
23.Sf6++-) 18.Sxe6 De7 19.Sf5 Dxe6 20.Dg3 De5 21.Sxg7±]
17.Taf1!? Ich sah, was kommen würde, und obwohl alles funktioniert hat, bin
ich mir trotzdem immer noch nicht sicher, wie gut diese Fortsetzung wirklich
ist. Aber da alles andere ziemlich düster aussieht, hat Weiß praktisch keine
andere Wahl.
17...Sxe3 Hier hat Schwarz eine ganze Reihe von Möglichkeiten... und die
meisten von ihnen gewinnen Material. Besonders schwer tat ich mich mit
17...Dxg5, aber schließlich fand ich eine angemessene Fortsetzung: 18.Txg4
(18.Sxe6? Dh4–+) 18...Dxg4 19.Tf4 Dg5 20.Sxe6+-; 17...Sxd3 bereitete mir
ebenfalls eine Menge Kopfzerbrechen, aber Weiß verfügt über die starke Antwort
18.Txg4!. Ein Fehler ist 18.cxd3 Sxe3 19.Dxe3 e5 20.Tf6 exd4 21.Dxd4 Lxf6
22.Txf6 De7 und Schwarz steht auf Gewinn. Auch 18.Dxd3 Sxe3 19.Dxe3 (19.Th4
h6!–+) 19...e5 20.Tf6 exd4 21.Dxd4 Lxf6 22.Txf6 De7 23.h3 Tae8 mit schwarzer
Gewinnstellung bereitet Weiß keine Freude. Nach 18.Txg4 hatte ich den besten Zug
18...Sxb2 nicht gesehen, sondern nur 18...Se5 19.Th4 berechnet, aber nach 19.Sh5
mit Initiative behält Weiß Vorteil.
18.Dxe3 Sxd3
19.Tf6 Sc5? Ich glaube, diese
Fortsetzung ist zu passiv, doch um die wirklich beste Fortsetzung zu finden,
braucht man natürlich eine gründliche Computeranalyse. Ich halte 19...Lxf6! für
den besten Zug. Nach 20.gxf6 Kh8 21.cxd3 Tc8! steht Schwarz besser, aber
vielleicht kann sich Weiß halten.
20.Sh5 Lh8 21.Th6 Jetzt habe ich keine Verteidigung mehr gesehen.
24.Th5 1–0. Eine nette Art, ein wirklich durchwachsenes Turnier halbwegs
versöhnlich zu gestalten.
Außer dem Turnier gab es noch eine Reihe anderer Veranstaltungen wie ein
Blitzturnier oder ein Simultan an 64 Brett in der Broadbeach Mall. Der Sieger
des Blitzturniers war Moulthun Ly (2298), ein australischer Spieler mit
ausgesprochen scharfem Stil.
Beim Simultan an 64 Brettern traten acht Meister gegen
Schachfans aller Art an. D
/IM James Morris
Junta Ikeda, links
Moulthun Ly
Daniel Lapitan
Emma Guo
Die Simultanspieler und -Spielerinnen waren: GM Zhao Zong Yuan (Australiens Nummer Eins), IM James Morris (Australiens bester
Jugendspieler), Moulthun Ly (im Blitz einer der schnellsten australischen
Spieler), WFM Emma Guo (die beste Jugendspielerin), Daniel Lapitan (der
Jugendspieler, der 2009 beim Simultan gegen Alexei Shirov ein Remis geschafft
hat), Leteisha Simmonds (Jugendmeisterin von Queensland), Abbie Kanagarajah
(aufstrebender Star im Frauenschach) und Melanie Karibasic (die beste Frau des
in meinem Verein Kings of Chess).
Australiens Nummer 1 GM Zhao Zong
Yuan (2586) beim Simultan
Alles in allem war das Gold Coast Chess Festival 2010 ein
voller Erfolg. Zahlreiche Spieler nahmen daran teil und das australische
Fernsehen und fast alle Lokalzeitungen berichteten darüber. Ich hoffe, wir sehen uns dieses Jahr vom 26. bis 30.
Dezember an der Gold Coast, einer der größten Touristenattraktionen Australiens.
ChessBaseDie ChessBase GmbH, mit Sitz in Hamburg, wurde 1987 gegründet und produziert Schachdatenbanken sowie Lehr- und Trainingskurse für Schachspieler. Seit 1997 veröffentlich ChessBase auf seiner Webseite aktuelle Nachrichten aus der Schachwelt. ChessBase News erscheint inzwischen in vier Sprachen und gilt weltweit als wichtigste Schachnachrichtenseite.
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