Schach in Äthiopien - das Senterej

24.02.2009 – Auch in Äthiopien wird das Schachspiel seit Jahrhunderten gepflegt und war einst besonders in Aristokratenkreisen und nicht zuletzt bei den herrschenden Salomoniden sehr beliebt. So spielte Kaiser Dawit II. (1508-1540) eine Reihe von Partien gegen den an seinem Hofe weilenden venezianischen Maler Gregorio Bicini. Später war auch die Kasierin Taytu Betul dem Spiel zugetan und hat hier vielleicht ihr strategisches Rüstzeug erlernt, mit dessen Hilfe sie später an der Seite ihres Mannes eine italienische Invasionsarmee in der berühmten Schlacht bei Adua (1.3.1896) besiegte. Möglicherweise kam ihr dabei ja zugute, das in der äthiopischen Variante des Schachs, dem Senterej, beide Seiten gleichzeitig ihre Kräfte mobilisieren, bevor mit dem ersten Schlagzug so wie im "normalen" Schach gespielt wird, abwechselnd. Während also die Italiener vielleicht nach europäischen Schachregeln aufmarschierten, waren die Äthiopier mit ihrer Strategieversion einfach viel schneller zur Stelle. Dr. René Gralla berichtet. Mehr...

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Ein weiteres Feature zum "Senterej" wurde in der Tageszeitung "Neues Deutschland" veröffentlicht:

www.neues-deutschland.de/artikel/143861.kaiserin-setzte-ein-korps-matt.html

 

Schach in Äthiopien - das Senterej
Von Dr. René Gralla, Hamburg

Die schachgeschichtliche Forschung hat bisher meist Indien, Persien und Arabien, neuerdings häufiger auch China im Fokus gehabt, je nachdem, wo und wann die Entstehung des königlichen Spiels räumlich und zeitlich verortet worden ist. Afrika hingegen kommt in den einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen kaum vor.

Dabei hat gerade der Schwarze Kontinent einen außergewöhnlich kreativen Beitrag zur Schachkultur geleistet. Das ist das "Senterej", eine spannende und unterhaltsame Variante des Denksports, die sich in Äthiopien parallel zu den bisher bekannten Entwicklungslinien herausgebildet hat.

Dem britischen Historiker Dr. Richard Pankhurst gebührt das Verdienst, in einem kurzen Essay, den er unter dem Link http://tezeta.net/25/a-note-on-ethiopian-chess  ins Netz gestellt hat, das bisher weitgehend unbekannte Senterej der Web Community vorgestellt zu haben.            

Neueinsteiger finden sich dabei ohne Schwierigkeit im Szenario des Äthiopienschachs zurecht. Denn es wird wie die hierzulande übliche Version auf einem 64-Felder-Plan ausgetragen, und die Zugmöglichkeiten, die den Figuren des Senterej zur Verfügung stehen, entsprechen grundsätzlich dem einschlägigen Kanon der FIDE. Das gilt für Turm (äthiopisch: "Der"), Pferd ("Derese"), König ("Negus") und im Prinzip auch für den Bauern ("Medeq"), abgesehen davon, dass der Fußsoldat zu einem einleitenden Doppelschritt nicht befähigt ist und folglich die Anwendung der En-passant-Klausel ebenfalls ausscheidet.

Höchstens kurzfristig irritiert die unterschiedliche Farbgebung im Senterej. Statt Weiß gegen Schwarz tritt "Grün" gegen "Gold" an. Außerdem ist das Brett einheitlich rot koloriert, und ein blaues Gitternetz markiert die 8x8 Quadrate der Miniarena. Überdies laufen die Könige ein auf Startpositionen, die sich gerade nicht direkt gegenüberliegen: Den grünen Herrscher sehen wir noch auf dem gewohnten Punkt e1, den goldenen Negus indes auf dem seitlich verschobenen d8.

Ansonsten muss der Anfänger beachten, dass Ostafrikas Senterej wie das klassische arabische Shatranj statt raumgreifender Dame und fernwirkender Läufer einen gemütlich schlendernden Wesir - Bezeichnung in der Landessprache: "Fers" - und wuchtige Elefanten einsetzt. Die Dickhäuter, alternativ "Fil" oder "Saba" genannt, erreichen auf ihrer jeweiligen Diagonalen das übernächste Feld, können dazwischenliegende Punkte immerhin nach Bedarf auch erstaunlich behend im Sprung nehmen. Deutlich ruhiger als die Rüsseltiere lässt es der "Fers" angehen: Der Berater kommt auf der konkreten Schräge, die ihm zugewiesen ist, pro Schlagwechsel gerade mal einen Schritt vorwärts.     

Was jedoch das Senterej über alle übrigen Schachvarianten hinaushebt, das ist das originelle Konzept seiner Eröffnungsphase. Nach den Regeln des "Werera", wie das Intro einer Partie heißt, dürfen die Kombattanten zunächst nach eigenem Gutdünken und in selbstgewähltem Tempo die Figuren schieben, ohne auf eine Antwort des Spielpartners warten zu müssen. Die Gegner bringen rasend schnell ihre Einheiten in Position, gruppieren die Truppen nach Bedarf um und müssen sich dabei nicht sklavisch an einen fieseligen Eröffnungskatalog halten, den in der Parallelwelt der FIDE eine emsige westliche Theorie inzwischen bis ins Detail ausgetüftelt hat.

Beobachten Nichteingeweihte das "Werera", drängt sich den Laien leicht der Eindruck auf, das totale Chaos sei ausgebrochen. In Wahrheit jedoch wissen die Spieler sehr genau, was sie tun: Argwöhnisch verfolgen sie aus den Augenwinkeln das Lavieren ihres Konkurrenten und kontern dessen Vorstöße aus. Gleichzeitig gibt das dynamische "Werera" dem Cleveren die Chance, seinem König eine Burg zu bauen, obwohl das Senterej ansonsten die Mechanik einer Rochade nicht kennt.

Das "Werera" endet, sobald der erste Stein abgeräumt beziehungsweise ein Abtausch eingeleitet worden ist. Nun folgt das Treffen dem üblichen Rhythmus Grün-Gold-Grün-Gold undsofort, bis zur Aufgabe oder dem Mattschluss. Wird der feindliche Negus gefangen genommen, greift in Äthiopien allerdings ein unerbittlicher Ehrenkodex ein. Matt ist nämlich nicht gleich Matt, die Bewertung des Finales folgt einer strengen Hierarchie.  

Als gewöhnlich bis peinlich wird von Connaisseuren abgetan, falls Turm oder Pferd den König ausknocken. Deutlich bessere Reputation genießt der   tödliche Schlag, den ein Elefant exekutiert. Und lassen zwei Elefanten die Falle zuschnappen, heimst der Sieger heftigen Applaus ein. Zu einer möglichen Sonderwertung für einen Wesir, dem der Goldene Schuss gelingt, schweigen die Quellen. Wahrscheinlich dürfte es einfach wohl zu selten vorkommen, dass dieser unsportliche "Fers" im Kriechgang einen feindlichen Kommandeur überhaupt zu fassen kriegt.


Athiopien - Wiege des modernen Menschen

Mit Leidenschaft ist das Senterej jahrhundertelang vor allem in aristokratischen Kreisen gepflegt worden. Ein früher Star des Äthiopienschachs war Kaiser Dawit II., in den Chroniken häufiger geführt unter seinem Geburtsnamen Lebna Dengel (1508-1540). Der Negus Negest lieferte sich eine Serie von Figurenduellen mit dem venezianischen Maler Gregorio Bicini, der damals als Gast des Herrschers am Hof arbeitete.


Ruine des Fasilidas Palast in Gonder

Später galten Ras Michael Sehul (um 1691-1779) von Tigray, dessen Enkel Ras Wolde Sellassie (wohl 1745-1816) und Sahle Sellasie (ungefähr 1795-1847), König der autonomen Zentralregion Shewa, als Meister der Mattkunst. Bis eine Frau die Szene betrat und die Machos das Fürchten lehrte: Kaiserin Taytu Betul (ca. 1851 - 1918), dem Negus Negest Menelik II. angetraut und Tochter einer Adelsfamilie, die sich ihrer verwandtschaftlichen Nähe zur Dynastie der Salomoniden rühmte. 


König Menelik II

Die Salomoniden haben die Nation nachhaltig geprägt; seinen imperialen und spirituellen Anspruch leitete der Clan aus einer sagenhaften Liaison zwischen Israels König Salomon und der Königin von Saba ab. Weil der legendäre Spross des mythischen Paares angeblich, das glaubt jedenfalls die Überlieferung zu wissen, Äthiopiens erster Herrscher Menelik I. gewesen ist.

Diese Taytu Betul, eine würdige Urenkelin der Königin von Saba, hat Weltgeschichte geschrieben.

Sie begleitete ihren kaiserlichen Gatten in die Schlacht von Adwa und besiegte am 1. März 1896 ein italienisches Expeditionskorps, das unter dem Befehl von General Oreste Baratieri spätrömische Träume verwirklichen und Äthiopien erobern sollte.


Schlacht bei Adwa

Und vielleicht kam Taytu Betul, die an der Spitze von 3000 Kanonieren ins Gefecht gezogen war, dabei nicht zuletzt auch das strategische und taktische Wissen zugute, dass sie sich zuvor quasi unter Laborbedingungen im verkleinerten Maßstab des Senterej angeeignet hatte.


König Menelik II. nach der Schlacht bei Adua

Auf jeden Fall führte Taytu Betul im Äthiopienschach eine scharfe Klinge. Ein unbedingter Wille zum Erfolg, den die Kaiserin sogar auf die Amtsgeschäfte im Allgemeinen übertrug: Sie akzeptierte männliche Gesprächspartner als ebenbürtig allein dann, wenn die Herren auch am Brett gut waren und Leistung brachten.

Wer den African Spirit in das Standardschach nördlicher Provenienz holen möchte, der braucht nur einen handelsüblichen Set in den Farben des Senterej umzupinseln, mit reichlich Grün und Gold und Rot und ein wenig Blau.

Und schon kann Gas gegeben werden auf einer heißen Schachsession. Und das ist absolut wörtlich zu verstehen: Das Publikum muss keineswegs, wie sonst üblich im sturen Westschach, verbissen schweigen, sondern darf seine Gefühle hemmungslos rauslassen. Lautstarke Kommentare sind nicht verpönt, sondern erwünscht. Niemand brüllt "Ruhe!", und haben Zuschauer eine geniale Idee, packen sie einfach die relevanten Steine und demonstrieren spontan, was Sache ist, laufendes Match hin oder her.

So verwandelt sich jede Partie in eine echte Party. Wie das auch Kaiserin Taytu Betul geliebt hat, die Zeitgenossen als "Licht von Äthiopien" rühmten: Afrikas erste Frontfrau für Black Pride im Schach. 

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Regeln des Senterej: http://en.wikipedia.org/wiki/Senterej

 

 

 

 

 

 

 


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