Schach spielen wie Gott in Frankreich

30.05.2005 – Französische Kultur und Lebenskunst dient vielen zurecht als Beispiel. In unserem Nachbarland gibt es viele gute Gründe, sich zusammen zu setzen, zu reden, dabei gut zu essen und noch besser zu trinken. Warum nicht auch Schachwettkämpfe? Im französischen Medoc, unweit von Bordaux, betreibt Rike Wohler-Armas mit ihrem Mann einen Schach-Campingplatz. Außerdem spielt sie für den örtlichen Schachverein Naujac-sur-Mer in der 3. Französischen Liga. Dank der guten Kontakte zur alten Heimat war es möglich, für einige Kämpfe zwei spielstarke Meisterspieler zu verpflichten, um mit diesen die Mannschaft zu verstärken und danach bei gutem Essen und noch besserem Trinken die Partien zu besprechen. Evi Zickebein berichtet von den Ereignissen, ihren Eindrücken und weiß, wie man Bordeaux auf die richtige Temperatur bringt. Mehr...

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De retour à Naujac-sur-Mer oder:
Saisonfinale in der französischen Provinz
Von Eva Maria Zickelbein

In drei von vier Ligen verpatzte ich in diesem Jahr die letzte Runde: In der Frauen-Bundesliga mussten wir in der letzten Runde mindestens ein 3:3 gegen die Schachmiezen aus Rodewisch erreichen, um den zweiten Platz festzuhalten –  meine unnötige Niederlage gegen Annette Günther besiegelte das 2:4 gegen die bärenstark angetretenen Miezen, die sich damit erstmals den Vizemeistertitel hinter dem unschlagbaren Meister OSC Baden-Baden sicherten; dem Team des HSK blieb im Jubiläumsjahr nur der dritte Platz.

Weiter ging’s in der 2. Bundesliga Nord, in der ich gemeinsam mit dem legendären Christoph Engelbert als Teamchefin bin und in der die Saison unglaublich gut gelaufen war: Hinter Werder-Bremen II belegten wir einen sensationellen 2. Platz und spielten in der letzten Runde gegen Zehlendorf das Zünglein an der Aufstiegswaage im Fernduell zwischen Tegel und Zehlendorf. Zum Glück musste ich nicht selbst ans Brett, aber natürlich ging auch diese Mission in die Hose, unnötig verloren wir mit 3,5:4,5, verhalfen Zehlendorf zum Aufstieg in die 1. Bundesliga und fielen selbst auf den 3. Platz zurück.

Den negativen Höhepunkt schließlich bildete die letzte Runde in der 2. Niederländischen Liga. Da Homburg Apeldoorn den Aufstieg in die Meesterklasse schon zwei Runden vor Schluss sichergestellt hatte, ging es zwar um nur noch um die Ehre, aber die Saison sollte keinesfalls mit kampflosen Punkten unehrenhaft abgeschlossen werden. Ich ließ mich an einem verregneten Samstag im April in Hoorn (nördlich von Amsterdam) ohne jede Gegenwehr abschlachten und freute mich wenigstens, meine in mittlerweile zwei Volkshochschulkursen etwas verbesserten Niederländisch-Kenntnisse anwenden zu können. 

Wenn’s in zwei Ländern schlecht läuft, kann man’s ja noch in einem dritten versuchen und nicht nur deshalb freuten wir uns sehr auf das Saisonfinale in der dritten französischen Liga besonders: Einmal im Jahr dürfen wir für unseren französischen Klub Echiquer Naujacais spielen, diesmal die an einem Wochenende stattfindenden Runden acht und neun. Und ein Wochenende in Naujac, das bedeutet natürlich nicht nur Schach spielen, sondern vor allen Dingen die Zeit genießen, Freunde treffen, Französisch sprechen und – last but not least – gut essen und die Weine des Médoc genießen!

Um alle Vorurteile aktiv zu widerlegen, dass Schachspieler zwar viel rumkommen, aber immer nur das Brett vorm Kopf haben, reisten wir bereits einen Tag früher an und tourten durch die wunderschöne Landschaft des Médoc. Im Herbst zur Weinlese ist es sicherlich noch faszinierender, aber auch im beginnenden Frühling und schon warmer Sonne konnte man es sich so richtig gut gehen lassen und ein bisschen auf die Suche nach einem kleinen Wochenendhäuschen gehen:


Château d’Agassac


So ein kleiner Burggraben könnte mir auch gefallen…

 

 

Das Médoc ist eine dreiecksförmige Halbinsel im Südwesten Frankreichs, die zwischen der Atlantikküste, Côte d’Argent genannt, der Gironde und dem Becken von Archachon liegt. Eckpunkte der Halbinsel sind Bordeaux im Südosten, Cap Ferret am Becken von Arcachon im Süden, und im Norden die Landspitze bei Le Verdon. Im östlichen Teil der Halbinsel entlang der Gironde ist vor allem Weinbau anzutreffen und das Médoc ist eine der bekanntesten Weinanbauregionen der Erde. Der karge Boden der Endmoränen der Pyrenäen-Eiszeiten bietet für die Rebsorten Cabernet-Sauvignon und Merlot beste Voraussetzungen.
 

Das Médoc ist auch eine der Weinbau-Appellationen d´Origine Controlé, AOC. Weitere sind die Appellationen Haut-Médoc und die Appellationen von Moulis, Listrac, Saint-Estèphe, Pauillac, Saint-Julien und Margaux.

 

 

 

Weinstöcke, so weit das Auge blicken kann…


…und ein Schloss am anderen.

Nach der Tour durch dieses wunderschöne Weinanbaugebiet schlugen wir uns Richtung Küste, um zu unserem pünktlich zum Abendessen in Naujac-sur-Mer bei Rike, Lara, Lena und Jules Armas in Naujac einzutreffen:

 

Les Maîtres Internationaux
Jules Armas et Rike Wohlers-Armas
vous accueillent dans leur camping échiquéen: 



Le Champion du Monde Boris Spassky
au camping avec Jules et Rike Armas.

Der Schach-Campingplatz La Rochade besteht nun schon seit über 10 Jahren und ist wohl einzigartig auf der Welt: Auf 5,4 Hektar kann man hier im Sommer Urlaub und Schach, bekanntermaßen die schönste Nebensache der Welt, verbinden. In diesem Jahr wird zum 8. Mal das Open des Vins du Médoc ausgetragen, bei dem der Sieger sein Gewicht in Wein aufgewogen bekommt. Interessante Lehrgänge – in diesem Jahr erstmals mit GM Alexej Shirov – und allerlei kleine Turniere und Aktionen runden das Programm ab. Details unter www.campinglarochade.free.fr – es lohnt sich!

Unsere Hoffnungen auf ein Abendessen im Hause Armas zerschlugen sich aber erst einmal, weil in Vorbereitung auf die am Wochenende stattfindenden Wettkämpfe in der Nationale III und V zuallererst einmal Schachtraining angesagt war!

Naujac-„Centre“ besteht aus einem Dorfplatz, um den sich Schule, Kirche, Kneipe, Rathaus und Post gruppieren:


Schule


Kirche und…


…der Schachklub! Einen solchen findet man natürlich nicht in jedem französischen Dorf – das ist schon etwas ganz Besonderes!


Im Laufe der Jahre konnten schon so einige Trophäen eingesammelt werden.

Dafür muss aber natürlich fleißig trainiert werden. Deshalb teilte IM Jules Armas erst einmal Trainingsaufgaben aus, die vom Blatt gelöst werden mussten:




Danach wurde ein Blitzturnier gespielt, nur die Töchter des Hauses – Lara und Lena – hatten keine große Lust und übten lieber ein paar gymnastische Kunststücke ein:



Nach dem Schachtraining gut gerüstet für den Wettkampf, gab es bei Rike und Jules noch ein leckeres Raclette-Essen, bevor wir in unserem Mobile-Home die notwendige Erholung bekamen. Zum Frühstück wurden wir gleich mit der nächsten akrobatischen Einlage der Mädels begrüßt:

Das sah eigentlich so einfach aus, dass ich es auch einmal versuchen wollte – zum Glück wurden davon allerdings keine Fotos gemacht…!

„Leider“ blieb mir dann auch keine Zeit mehr zum Üben, da wir uns auf den Weg nach Bordeaux zur 8. Runde der Nationale III machen mussten: Bordeaux ASPOM war Gastgeber der letzten beiden zentral ausgetragenen Runden.

Unser Klub L’Échiquier Naujacais hatte mit Bordeaux Échecs III eine fast komplette Jugendmannschaft als Gegner und war klar favorisiert: WIM Rike Wohlers-Armas machte mit einem schnellen Sieg den ersten Punkt und auch an den meisten anderen Brettern gab es ein Spiel auf ein Tor: Der Endstand von 7-1 fiel dementsprechend hoch aus.


Naujac – Bordeaux Échecs III


Nach der Kurzpartie bekommt Mathieu Ternault von Rike Wohlers-Armas noch eine kleine Trainingseinheit.

Die Einzelergebnisse:

Bordeaux Echecs III

1 - 7

Naujac

KIRK Jason 2050

0 - 1

m VAN DELFT Merijn 2385

LEFEVRE Pascal 1860

0 - 1

ZICKELBEIN Eva-Maria 2117

GALLICE Francois 1870

1 - 0

BASTIN Stephane 2084

TERNAULT Mathieu 1740

0 - 1

mf WOHLERS-ARMAS 2165

KIRK Eden 1690

X - X

MARTIN Eric 1930

FOUCHER Valentin 1670

0 - 1

SEVILLA Paul 1820

GIOANNI Thibaut 1630

0 - 1

BERARD Jean-Cla… 1867

KIRK Ezra 1590

0 - 1

NOLEAU Noel 1852

HAMSANY Mathilde 1180

0 - 1

TEYSSIER Jean-P… 1730


Teamchef Paul „Polo“ Sevilla musste sich keine Sorgen machen.

IM Merijn van Delft gewann ein Turmendspiel gegen Jason Kirk, das keinesfalls so eindeutig war. In der Post-Mortem-Analyse, an der sich auch Jasons Söhne Eden und Ezra beteiligten, stellte sich heraus, dass Jason bei aktivem Spiel sogar Vorteil hätte erlangen können. Wenige passive Züge allerdings reichten aus, die Aktivität wechselte die Seiten und Merijn ließ sich den Vorteil nicht mehr aus der Hand nehmen:


Analyse: Ezra, Jason, Eden und Merijn




Ezra und Eden Kirk von Bordeaux Échecs

Da am nächsten Morgen früh ausgestanden werden musste, gab es am Abend ein ganz unfranzösisch schnelles Dîner bei Stéphane Bastin, das aber dafür nicht weniger köstlich war:


Eric Martin und Merijn van Delft

Nach Ansicht von Teamcaptain Polo sollte es in der Schlussrunde einen klaren Sieg gegen La Rochelle geben, die wir dadurch in der Tabelle sogar noch überholen könnten. Und Polo sollte Recht behalten – lediglich er selbst hielt sich nicht an die Marschroute… Ansonsten gab es deutliche Siege von Jean-Paul Teyssier, Stéphane Bastin, Eva Maria Zickelbein und Merijn van Delft. Rike Wohlers-Armas machte es sehr spannend und opferte sich beinah um Kopf und Kragen, doch brach ihr Gegner unter dem Druck zusammen und Rike konnte doch noch den vollen Punkt einfahren.

Naujac

6 - 2

La Rochelle

m VAN DELFT Merijn 2385

1 - 0

NINEUIL Pierre 2000

ZICKELBEIN Eva-Maria 2117

1 - 0

MARSAUD William 2092

BASTIN Stephane 2084

1 - 0

FRAGNAUD Jean 1960

mf WOHLERS-ARMAS 2165

1 - 0

BREILLOT Dominique 2020

MARTIN Eric 1930

0 - 1

NAFRI Said 2000

NOLEAU Noel 1852

1 - 0

URBANIAK Serge 1902

BERARD Jean-Claude 1867

X - X

HOUARD Yannick 1920

SEVILLA Paul 1820

0 - 1

HOUARD Sebastien 1640

TEYSSIER Jean-Paul 1730

1 - 0

BOUTEILLER Eleonore 1299

Dramatisch verlief die Partie von Eric Martin, der in Zeitnot von Said Nafri ausgekontert wurde.


Eric Martin überlebte seine Zeitnot nicht.


Klare Siege für Eva Maria Zickelbein und Merijn van Delft.

Die sonnenentwöhnten Hamburger nutzten das gute Wetter dann gleich zu ein paar Blitzpartien in der Sonne:

Nach erfolgreichem Abschluss der schachlichen Mission an diesem Wochenende konnten wir endlich zum krönenden Abschluss nach Naujac, bzw. St. Isidore zurückfahren, zum:

Dîner à la Naujacaise

Frankreich wäre nicht Frankreich und das Sprichwort „Leben wie Gott in Frankreich“ wäre gar nicht erst entstanden, wenn der erfolgreiche Saisonabschluss nicht mit einem ausgiebigen Dîner zelebriert werden würde. Wie auch schon im letzten Jahr kehrten wir in der „Auberge des Chasseurs“ in St. Isidore ein:

 

Dem gemeinen Hamburger fällt natürlich sofort ein bemerkenswertes Detail auf: Es gibt Holsten (aber nicht für uns, den wir durften die köstlichen Weine der Region degustieren).

Der Teamchef der 1. Mannschaft resümierte die erfolgreiche Saison – das Team belegte in der Nationale III den dritten Platz:




Anstoßen auf die erfolgreiche Saison – auch Naujac II siegte an diesem Sonntag gegen den Lokalrivalen Hourtin!


Wieder was gelernt:

„Chambrer le vin.“ So wird der Rotwein auf die exakt richtige Temparatur gebracht.

Hors-d’Oeuvre

Die Vorspeisen bestanden aus rustikaler aber dennoch köstlicher und nicht schwerer Küche aus der Region: 


Pâté landais, Gésier de poulet, Gésier médocais




Salade de tomates

Plat principal

Der Hauptgang bestand aus Entrecôte und Palettes au diable à la moutarde sowie einem Gratin courgettes avec Pommes de terre.

 

Die Beilage: Zucchinigratin mit Kartoffeln – die köstlichen Steaks und das Senfhuhn habe ich aus unerfindlichen Gründen nicht vor die Linse bekommen.

Dessert

Abgerundet wurde das Dîner durch ein Gâteaux basque mit Pistazieneis und natürlich…



…Café:

 

Von den köstlichen Weinen, die wir probieren konnten, war der Saint-Estèphe vom Château Haut-Marbuzet meiner Meinung nach der beste:

Hier erfreut sich Präsident Patrick Vidal am Haut-Marbuzet – das Château Haut-Marbuzet gehört übrigens zu den diesjährigen Sponsoren des 8. Wein-Opens in Naujac, das vom 3. bis 10. Juli stattfinden wird. Wer auch mal kosten möchte: http://opendesvins.free.fr/





Natürlich nutzten wir unseren Kurzurlaub am letzten Tag noch zu einem Ausflug ans Meer. Zum Baden war es leider noch zu kalt, wie ich feststellen musste:

Am Strand schloss sich uns ein Hund an, den ich am liebsten nach Hamburg mitgenommen hätte:

Sogar Merijn fand ihn nach anfänglichem Zögern ganz nett, aber wir lieferten ihn dann doch wieder bei seinen sonnenbadenden Herrchen ab.

Eva Maria Zickelbein

 

 

 

 

 



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