Schach und Autismus

22.12.2020 – Autisten haben Schwierigkeiten mit ihrer Umwelt in Beziehung zu treten. Das Asperger Syndrom ist eine milde Variante des Autismus und geht oft mit Spezialbegabungen einher, zum Beispiel im Schach. "Simon" ist Asperger-Autist und beschreibt in einem Beitrag seinen persönlichen Zugang zum Schach.

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Von "Simon"

Autismus und Schach

Ich bin Asperger-Autist und stelle mir deswegen die Frage, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen Autismus und insbesondere Aspergern und dem Schachspiel gibt.

Was ist unter der Bezeichnung "Asperger-Autist" denn eigentlich zu verstehen? Nun die Bezeichnung "Asperger-Autist" wird dem sogenannten Autismus-Spektrum zugeordnet. Außerdem wird es als eine Art der Autismus-Spektrums-Störung im medizinischen Sinne bezeichnet.

Den Begriff der "Störung" mag ich aber überhaupt nicht, da er, wie ich finde, sehr negativ assoziiert ist. Asperger sind Menschen, die oftmals viele Interessen haben, wobei zumeist ein bis zwei hervorstechen. Diese "besonderen" Interessen werden auch als sogenannte "Spezialinteressen" betitelt. Dies meint, dass sich Asperger mit ihrer ganzen Energie, Leidenschaft und Faszination eben jenen Interessenbereichen widmen.

Bei mir bestehen meine Spezialinteressen ganz klar in den Naturwissenschaften und, surprise surprise, im Schach. Darüber hinaus wird uns Aspergern oft nachgesagt, dass wir Schwierigkeiten im sozialen Miteinander, in der Interaktion mit anderen und der Deutung von Gestik und Mimik, also zwischenmenschlichen Signalen, hätten. Dies kann ich bestätigen, wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass der eine Asperger keineswegs dem anderen gleicht. Aus eben diesem Grunde mag ich auch den Ausspruch: "Kennst du einen Asperger, kennst du im Prinzip keinen." Wir sind halt alle, wie die Menschen insgesamt, sehr verschieden und doch gibt es so manche Gemeinsamkeiten bzw. Charakterzüge, die signifikant für den Autismus-Bereich sind. Des Weiteren ist es für uns oftmals schwer, sich auf neue und somit uns unbekannte Situationen einzustellen, was des Öfteren mit einer Reizüberflutung einhergeht.

So, jetzt aber genug des kleinen Exkurses über uns Asperger-Autisten. Im Folgenden möchte ich einen kausalen Zusammenhang zwischen Schach und Asperger-Autismus herstellen, um so verdeutlichen zu können, inwieweit meine "Special Effects" produktiv genutzt werden können, um sich im Schach zu verbessern, und wie sich das in meinen Partien wiederspiegelt. Also, es geht ans Eingemachte …

Es gibt sehr wohl einige Studien, wo eine Beziehung zwischen Schach und Autisten hergestellt wird. So hört man in einem Artikel von Kindern mit autistischen Zügen, die mittels des Schachspiels ihre sozialen Kompetenzen schulen, indem sie beim Schach nun mal mit anderen in Kontakt kommen, dass es für die Kinder sehr gut sei, sich mit dem Schachspiel aus rein autismus-spezifischen Erwägungen zu beschäftigen. Weiter heißt es, dass diejenigen mit autistischen Zügen ja in ihrem eigenen Tempo bestimmen könnten, inwieweit sie den Kontakt zu anderen suchten. Dadurch finde eine peu à peu Annäherung statt, die durch sie selbst gut regulierbar sei und letztlich dazu führe, dass sich ihr Kommunikationskreis erweitere und sich dadurch im weiteren Verlauf neue Freundschaften erschlössen.

Dem kann ich nur zustimmen und möchte auch dazu sagen, dass es mir persönlich zunächst alles andere als leicht fiel, mich auf neue Leute in einem neuen Umfeld, das primär durch schachliche Interaktionen geprägt war, einzulassen. Nach etwa einem Jahr hatte ich mich schon gut an die neuen Leute und das ganze andere Drumherum gewöhnt, sodass ich langsam aber sicher damit begann, richtig Spaß dabei zu haben.

Besondere Begabungen

Nun möchte ich kurz auf die möglicherweise eher durch Autismus begünstigten Fähigkeiten eingehen, die ich zumindest bei mir gemerkt habe, und die mir oftmals leichter fallen als anderen. Dies wäre in jedem Fall die Merkfähigkeit, die bei mir hoch ausgeprägt ist, und mir hilft, mir lange, theoretische Varianten innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne auswendig zu lernen. Im Schach gehört das m.E. zu einer der Schlüsselkompetenzen. Des Weiteren ist noch die große Leidenschaft zu nennen. Ich muss hierbei jedoch zugeben, dass ich nicht weiß, inwiefern das durch den Autismus eine gewichtige Rolle spielt.

Eines steht auf jeden Fall fest, nämlich dass die sogenannten Spezialinteressen, insbesondere von Asperger-Autisten, sicherlich dazu  beitragen, dass man sich sehr akribisch, fokussiert und sehr motiviert mit jeglicher schachlich fundierter Materie auseinandersetzt. Bei mir bspw. äußert sich dies darin, dass ich es einfach liebe, mich mit einem Schachbuch über Eröffnungen, die Rolle der Engines oder allgemein Künstlichen Intelligenzen, dem Mittelspiel, dem Endspiel, der Schachkultur in Form von Biographien der Weltmeister der Vergangenheit und Gegenwart oder der Psychologie des Schachs zu beschäftigen. Aber auch, einfach mal mit Freunden/Bekannten vom Schach über schachliche Themen zu diskutieren, gegeneinander zu blitzen oder auch mal gern Bullet (zumeist 1+0) zu spielen und so eine schöne Zeit zusammen zu haben, ist genau nach meinem Geschmack. Hierzu fällt mir ein Zitat von Dr. Siegbert Tarrasch ein, der einst sagte: "Das Schach hat wie die Liebe, wie die Musik, die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen."

Kurzum, ich liebe es nun mal, mich wenn es geht, Stunden mit Schach in mehrfacher Hinsicht zu beschäftigen. Ich fände es interessant, herauszufinden, wie stark ich mich für Schach zu begeistern wüsste, wenn ich eben nicht dieses Spezialinteresse hätte oder anders gesagt, kein Asperger wäre. Dies geht natürlich nicht, dessen bin ich mir bewusst. Ich würde annehmen, dass ich mich wohl dennoch für Schach interessieren würde, aber ich denke, man könnte darüber sinnieren, wie hoch dann meine Faszination für eben jenes Spiel wäre.

Transfers in Schach-Strukturen

Jedenfalls ist es auch, so gehe ich zumindest stark von aus, ein Vorteil bzw. ein begünstigender Faktor, dass meine Auffassungsgabe auch gut ausgeprägt ist. Dies meint im schachlichen Sinne, dass es mir relativ leicht fällt, von einer bestimmten Stellung auf eine andere zu schließen. Als Beispiel sei hierfür eine Stellung angegeben, in der es um ein bestimmtes Motiv geht, wie, um es mal sehr profan zu gestalten, ein ersticktes Matt-Motiv. Wenn ich jetzt eine andere Stellung sehe, die allerdings viele Gemeinsamkeiten mit der mir im Gedächtnis und deren Lösungsweg hängen gebliebenen Position aufweist, kann ich zumeist recht schnell und meiner Sache sicher von der einen Stellung meine Ideen auf die andere Stellung übertragen. So gesehen handelt es sich hierbei um einen schachlich-bedingten Transfer. Kurzum lässt sich konstatieren, dass ich gut darin bin, Gemeinsamkeiten oder zumindest Ähnlichkeiten verschiedener Stellungen miteinander zu vergleichen und kann im Zuge dessen schnell die Lösung abrufen, da – und hier kommt wieder die Merkfähigkeit ins Spiel – ich eine bestimmte Stellung mit ihren gewichtigen Faktoren vorm geistigen Auge verlässlich abrufen kann. Dies ist jedoch nicht nur bei gezielten Motiven, wie ich zuvor kurz erläuterte, der Fall. So kann ich auch Ideen, sowie Pläne, von einer auf die andere Stellung transferieren. Ich denke es wäre noch hilfreich, wenn ich erwähnen würde, dass meine Art und Weise, Dinge zu beobachten auch ein Stück weit zu meiner eigenen Persönlichkeit dazu gehört. Meine Beobachtungsgabe kommt mir einerseits beim Schach zu Gute, andererseits auch, wenn es darum geht, naturwissenschaftliche Sachverhalte, Phänomene, Reaktionen mehrerer Stoffe etc. zu untersuchen.

Ich möchte noch ein Beispiel für eben jene zu beobachtenden Situationen innerhalb des schachlichen Kosmos geben, um euch Leserinnen und Lesern noch ein bisschen mehr die Augen für Autismus bezogen aufs Schach öffnen zu können. Und zwar sprach ich eingangs von einer hohen Merkfähigkeit, gepaart mit einer guten Auffassungsgabe und Beobachtungsgabe.

Wie ihr alle wisst, gibt es beim Schach viele verschiedene Strukturen, die alle mehr oder weniger charakteristisch für ihre jeweilige Eröffnung sind. Weiter ist es so, dass es in jeder Struktur, maßgeblich definiert durch die Stellung der Bauern, ganz typische Ideen, Pläne und teils immer wiederkehrende Züge (Schlüsselzüge) gibt. In meinen Gedanken kann ich auch recht gut von der einen Stellung zu anderen gelangen, indem ich mir ständig die relevanten Ideen, Pläne, charakteristischen Züge, typischen Motive etc. von unterschiedlichen Stellungen ins Gedächtnis rufe. Dies ermöglicht es mir unter wenig Zeitaufwand ins "Bewusstsein" einer Stellung einzudringen und sie im Idealfall auch wirklich zu verstehen, sprich, genau zu wissen, welche Strukturen wie zu behandeln sind, welche Varianten relevant sind, welche Figuren ich tendenziell abtauschen möchte, welche ich auf dem Brett lassen möchte, welche kurzfristigen wie langfristigen Pläne ich ins Auge fassen kann, welcher Natur einer Stellung zu Grunde liegt (dynamisch/statisch) und auch, an welchem Flügel ich grundsätzlich mein Spiel suchen sollte (Damenflügel/Zentrum/Königsflügel).

Ich hoffe, Euch durch meine kleinen Aufzählungen einen kurzen Abriss gegeben haben zu können, um die m.E. nach wichtigen Parallelen zwischen Autismus und Schach aufzuzeigen, wie sie bei mir zu Tage treten. Im weiteren Verlauf werde ich noch etwas auf meine eigenen Erfahrungen auf Turnieren eingehen und die andere Seite der Medaille beleuchten, ehe ich zu meinen Stärken übergehen werde, um letztlich bei meinem Fazit zu landen.

Von den Anfängen als Turnierspieler

Mittlerweile bin ich ein waschechter Turnierspieler, der viele – zumeist 15 –Turniere im Jahr spielt. Diese Zahl schließt jegliche Formen, sprich Blitz, Schnellschach und Langzeit, mit ein. Zu aller erst möchte ich erwähnen, dass ich mich in der "Schachwelt" sehr wohl fühle, da ich einerseits meiner Leidenschaft nachgehen kann und ich andererseits unter "Gleichgesinnten" bin, was mich sehr positiv und fröhlich stimmt. Dies war jedoch nicht immer so …

Meine ersten Turniererfahrungen waren alles andere als angenehm. Ich erinnere mich noch genau an die ersten Turniere, auf denen mich zu viele Sachen erheblich störten und verunsicherten. Ergo verwundert es nicht, dass meine Turniererfahrungen, die ich übrigens im Alter von 13 Jahren machte, hauptsächlich negativ für mich waren. Es waren einfach zu viele Menschen, Unbekannte noch dazu, zu viele Geräusche, neue Umgebungen, neue Persönlichkeiten, andere Bedingungen, andere Räumlichkeiten, andere Lichtverhältnisse und noch dazu durch all das mehr oder minder bedingt, viel zu viel Chaos für mich! Der Mensch ist evolutionär gesehen ein Gewohnheitstier, und Asperger sind es erst recht. Damit meine ich, dass es uns in der Mehrzahl aller Fälle schwer fällt, uns an neue Dinge zu gewöhnen und aus unserer Komfortzone auszutreten.

Um das vielleicht noch besser nachvollziehen zu können möchte ich eine Metapher anbringen: Stellt euch vor, ihr seid auf einem Schiff unterwegs und auf einmal geratet ihr in einen sehr dichten Nebel. Alles, was jenseits des Nebels liegt, könnt ihr, wenn überhaupt, nur erahnen. Es ist also völlig ungewiss, was euch letztlich dort, außerhalb der Nebelzone, erwarten wird. Es kann gut sein, dass euch das Gefühl der "Ungewissheit" zusetzt und ihr sogar Angst verspürt vor dem großen "Unbekannten". So auch bei uns Aspergern. Alles was wir nicht vorhersehen können, ist per se für uns erst mal schlecht oder negativ zu bewerten.

Eingangs sprach ich davon, dass wir es keineswegs mögen würden, wenn wir nicht wüssten, was uns erwartet. Am besten wäre es noch, wenn wir das auch bis ins kleinste Detail wüssten. Dies geht oftmals verständlicherweise nicht, und das kann uns schon echt ziemlich zu schaffen machen.

Wir haben also kein gutes Gefühl dabei, uns aufs "Ungewisse" einzulassen, da wir es einerseits nicht kennen und andererseits, wir nicht wissen, welchen Ausgang es wohl nehmen wird. Übertragen aufs Schach, und ganz besonders auf Turniersituationen bedeutet dies, dass ich mich erst eine ganze Weile daran gewöhnen musste, dass mein ansonsten so gut durchdachtes und strukturiertes Leben von jetzt an gleich über den Haufen geworfen wird. Die Welt des Schachs war totales Neuland für mich, sodass es mir anfangs sehr schwer fiel, mich dem zu fügen und einer Gruppe zu integrieren.

Gewohnte und ungewohnte Faktoren

Heutzutage genieße ich regelrecht jedes Turnier, das ich spielen kann und die mich anfangs störenden Faktoren sind nicht mehr so stark ausgeprägt. Und doch kommt es immer wieder zu Situationen, in denen sich gut zeigt, dass ich ein Asperger bin. Wenn zu viele Reize (Licht, Lärm durch Türen, Leute, Husten der Gegner, merkwürdige Anordnung der Figuren, nicht ästhetische Darstellung der Bretter, komische Partieformulare, etc.) auf mich einwirken kann es dazu führen, dass meine Aufmerksamkeitsspanne und somit Konzentration darunter leidet. Ich kann noch so geübt sein, es gibt immer wieder solche Situationen, in denen ich meine Gedanken nicht richtig sortieren kann, mich zu viele Faktoren/Umstände stören, sodass ich nicht meine volle Leistung erbringen kann. Doch hat die Vergangenheit mich gelehrt, mir Strategien anzueignen, die zwar nicht 100% Früchte tragen, aber eben genug, um mich auf Wesentliche fokussieren zu können und die meisten mich störenden Dinge ausblenden zu können.

Ich möchte noch einen kleinen Sprung zurück machen. Eines der größten Probleme bestand einst für mich darin, alles nicht schachlich-basierte während einer Partie auszublenden. Ich erwähnte auch von meinem anderen Spezialinteresse, den Naturwissenschaften. Nicht weit davon entfernt sind für mich Ratesendungen, Quizsendungen, Rätsel usw. Bei der Fernsehsendung "Wer wird Millionär" habe ich mir oftmals jede einzelne Frage mit den dazu gehörigen Antworten gemerkt. Dies geschah nahezu automatisch, ich wollte es gar nicht unbedingt.

Nun stelle man sich vor, dass ich mich während Partien nicht richtig auf mein Schach (nur darum geht es!) konzentrieren konnte, da mir die ganzen Fragen im Kopf rumschwirrten. Es gelang mir einfach nicht, sie auszublenden, sodass ich während meinen Partien immer wieder bemerkte, dass ich mich sehr eingeschränkt konzentrieren konnte. Im weiteren Schritt äußerte sich dies dann oft mit dem "Abkommen vom rechten Weg", körperlichem Unwohlsein, mentaler Beeinträchtigung und Kopfschmerzen. So kann man nicht erfolgreich Schach spielen, dessen war ich mir voll und ganz bewusst! Doch wuchs ich zum Glück mit meinen Aufgaben …

Heute gehe ich davon aus, dass man wohl nicht alles einen negativ beeinflussende ablegen kann, aber sehr wohl trainieren kann, damit so gut wie es geht umzugehen. Hierzu noch ein weiteres Zitat: "Study brings wisdom but practice brings perfection." Das sagt im Grunde genommen alles aus. Denn ist es meiner Meinung nach so, dass man, egal welchen Bereich des Lebens man auch betrachtet, immer wieder mit beiden unmittelbar sich ineinanderfügenden Bereichen, nämlich Theorie und Praxis konfrontiert wird.

Allerdings gewichte ich die praktische Sicht der Dinge noch etwas höher, da es meiner Ansicht nach nicht einmal die halbe Miete ist, sehr gut über die Theorie Bescheid zu wissen, wenn man sein theoretisches Wissen nicht adäquat in den praktischen Teil umzumünzen weiß. Was nützt es mir, wenn ich weiß, wie ein Auto rein theoretisch zu steuern ist, wenn ich zuvor noch nie in einem Auto saß und ich so gar nicht mit der Ausstattung und praktischen Funktionsweise vertraut bin?! Davon ließen sich noch etliche weitere Beispiele finden.

Zu meinen Stärken zählen:

  • Rechenkraft
  • Kreativität
  • Kampfgeist
  • Intuition/Aufspüren von Nuancen
  • Freude + Spaß
  • Motivation/Ehrgeiz/Ambition

Zu meinen Schwächen zählen:

  • Konzentration
  • Ablenkung (durch Geräusche, Lichtverhältnisse, Gegnerverhalten etc.)
  • Viele Dinge (außer Schach) im Kopf
  • Hoher Optimismus (manchmal wäre auch hier weniger mehr …)
  • Emotionalität

Viele versteckte Autisten...?

Kommen wir nun zu meinem Fazit:

Ich gehe stark davon aus, dass es viele "versteckte Autisten" beim Schach gibt. Weiter denke ich, dass das neurotypische Bild der Autisten in der Öffentlichkeit weiterer Aufklärung bedarf und dass ich uns als Teil der Gesellschaft vollauf etabliert sehen möchte. Dies ist leider zu großen Teilen noch nicht Fall. Dies wird wohl auch oft dadurch ausgelöst, dass man mit dem Begriff "Autist" tendenziell negative Gedanken in Verbindung bringt, also man dann gleich Menschen vor Augen hat, die sozial nicht zu gebrauchen sind, ihr Leben nicht zu organisieren wissen und lediglich Gefallen an ihren Gebieten finden und sich deren mit voller Hingabe widmen.

Auch ist es ein meinen Beobachtungen zu  Folge schon implementiertes Bild in unserer Gesellschaft, dass wir ziemliche Alleingänger sind und keineswegs Interesse daran zeigen, mit anderen ins Gespräch zu kommen, geschweige denn, sich einer Gruppe anzuschließen und mit ihnen auch über andere Dinge, fernab des eigenen Interessenhorizonts, zu sprechen. Vieles davon trifft zu, aber der Umfang, in dem es häufig generiert wird, trifft meiner Meinung nach nicht zu.

Jedenfalls lässt sich für mich konstatieren, dass ich durch das Schachspiel meine Nische gefunden habe, in der ich mich mehr als wohl fühle. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass mir viele Fähigkeiten, die eben typisch für Asperger und allgemein gesprochen, Autisten sind, hierbei zu Gute kommen.

Doch auch die negativen Seiten sind mehr als offensichtlich, an denen ich, wenn es die Zeit zulässt, kontinuierlich arbeite, um den Umgang mit dem große Ganzen noch angenehmer für mich gestalten zu können.

Ich bin überaus dankbar, diesen wunderbaren, faszinierenden, rationalen Gesetzmäßigkeiten folgenden Schachsport für mich selbst entdeckt habe und werde ihm vermutlich für immer treu bleiben! Allein die verschiedenen Leute, die ich durchs Schach kennenlernen durfte sind eine ungemeine Bereicherung für mich. Hinzu kommen die immer wiederkehrenden Turniere, auf denen man mit den Jahren Kontakte knüpfen konnte, die man dann immer wieder sieht und sich über alles Mögliche austauscht. Des Weiteren schätze ich, wie ich bereits erwähnte, jedes Turnier mit seinen irgendwie ganz eigenen Reizen, und freue mich immer, wenn ich diese großartigen Events zusammen mit anderen besuchen kann und ich mich so als einen besonderen Teil der "Schach-Community" sehe. Das ist ein richtig tolles Gefühl, von der Atmosphäre während einer Partie, mit einem Gegner, der mir permanent gegenübersitzt, ganz zu schweigen.

Für alle: Spielen Sie Schach!

Summa summarum kann ich es im Prinzip jedem empfehlen, sich mit Schach auseinanderzusetzen, da dadurch auch wichtige Fähigkeiten, Stärken und Kompetenzen geschult und verbessert werden. Hierzu wären etliche zu nennen, wie Umgang mit Druck, Umgang mit Zeitnot, Konzentration, Durchhaltevermögen, schöpferisches/abstraktes Denken, Forderung des Gedächtnisses, Optimierung des mathematischen Verständnisses, sowie der räumlichen Vorstellungskraft usw.

Ich möchte noch eine Sache unterstreichen. Als ich damit anfing, Schach zu spielen, sah ich alles immer nur unter dem Gesichtspunkt des Schachs. Es war alles nur in dem Schach-Kontext eingebettet, was das ganze andere betraf, daran hatte ich kein Interesse und auch kein Gespür dafür.

Mittlerweile kann ich zum Glück behaupten, dass ich nicht nur noch Schach als Schlagwort sehe, sondern eben auch die vielen netten, spannenden Persönlichkeiten, die man auf Turnieren trifft, die Spielatmosphäre, das Verbringen eines netten Abends nach kräftezehrenden Partien, auch die kulinarischen Erlebnisse durchs Schach, das gemeinsame Vorbereiten auf wichtige Partien, das Erkunden neuer Gegenden/Städte/Länder etc. Darüber bin ich sehr glücklich, dass ich das Schach jetzt nicht mehr so einseitig sehe, als Schachsport und sonst nichts, sondern auch die anderen gewichtigen Aspekte darin einfließen lassen kann und ich jedem seine völlige Daseinsberechtigung zusprechen kann.

Ich hoffe, Euch, liebe Leserinnen und Leser, einen kleinen und nun wünschenswerterweise gefestigten Einblick in die Thematik des Autismus in Kombination mit Schach und meiner Sicht der Dinge als Asperger-Autist gegeben haben zu  können. Vielen Dank fürs Zuhören und sicherlich bis bald mal wieder!

Im nächsten Teil will ich beschreiben, wie ich mit Schachsoftware arbeite…

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Werner Reinhard Werner Reinhard 04.01.2021 12:22
Hallo, lieber Simon,
leider liegt mein eigenes Aspi-Produkt nicht wie bei dir im Schach (obwohl ich es sehr gerne spiele), sondern in Musik und Literatur. Im Schreibstil sind wir aber, so würde ich zumindest überdreist behaupten, durchaus ein wenig ähnlich. Gleich und Gleich gesellt sich halt gern...
Auf jeden Fall alles Gute und Beste im neuen Jahr
Reinhard Müller (74), Ahlen i.W.
uwwe uwwe 22.12.2020 02:06
Ich freue mich schön auf den nächsten Teil. Ansprechender Bericht.
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