Schach und Digitalisierung

von ChessBase
15.08.2022 – André Hollstein ist Professor für Informationstechnologie und Digitalisierung an der International University of Applied Sciences. In einem Podcast für seine Studenten und die breite Öffentlichkeit interviewt er den ChessBase-Mitbegründer Frederic Friedel. Das Thema ihres Gesprächs: die Digitalisierung des Schachs und die revolutionären Veränderungen, die ChessBase dem Spiel gebracht hat.

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André Hollstein ist ein IU-Professor für Informationstechnologie und Digitalisierung. Außerdem betreibt er einen Podcast namens DigitalXRoad ("digital cross road"), der auch auf Spotify verfügbar ist, für seine Studenten und für die breite Öffentlichkeit. 

Kürzlich nahm Prof. Hollstein Episode 6 seines Podcasts mit Fredric Friedel auf, in der er über die Digitalisierung des Schachs spricht. Er schreibt:

Schach ist eine der meistgespielten Sportarten der Welt, und es hat die Menschen schon immer fasziniert, Programme oder Maschinen zu entwickeln, die dem Menschen im Schach ebenbürtig oder sogar überlegen sind. Heute gibt es Schachprogramme, die dem Schachweltmeister deutlich überlegen sind (Gewinnwahrscheinlichkeit 999:1). Dies ist ein Zeichen für die Innovationskraft dieser Branche, die große Berührungspunkte mit Themen wie "Künstliche Intelligenz (KI)", "BigData" oder "Cloud Computing" hat.

Über diese Aspekte und mehr spreche ich in der aktuellen Ausgabe von DigitalXRoad mit Frederic Friedel, einem der Computerschach-Pioniere in Deutschland, der mit seiner Firma ChessBase das Schachspiel revolutioniert und demokratisiert hat. Er war Teil von Garry Kasparovs Team gegen DeepBlue (das den Weltmeister 1997 schlug) und arbeitet heute an KI-basierten Schachprogrammen. Viel Spaß mit dieser Folge!

Sie können sich die Diskussion auch auf DigitalXRoad oder auf Sportify anhören.

Podcast DigitalXRoad - Gesprächstranskript

Folge 6: Computerschach

Gesprächspartner: André Hollstein (AH) und Frederic Friedel (FF)

 

AH: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von DigitalXRoad. In der heutigen Folge wollen wir uns mit einem Thema beschäftigen, das sicherlich nicht jedem sofort in den Sinn kommt, wenn man über Digitalisierung oder Computer spricht, nämlich das Thema Computerschach. Dennoch ist Computerschach ein Innovationstreiber. Weil es viele Berührungspunkte zu Themen wie AI, Big Data oder Cloud Computing gibt. Um dieses Thema zu diskutieren, freue ich mich heute wirklich sehr, dass ich Frederic Friedel dazu gewinnen konnte, in mein virtuelles Studio zu kommen. Frederic ist ohne Zweifel einer der Computer-Schach-Pioniere in Deutschland und hat mit seiner Firma ChessBase den Schachsport revolutioniert.

AH: Hallo Frederic, schön, dass du Zeit gefunden hast, zwischen deinen zahlreichen Buchprojekten und vielen Terminen in mein virtuelles Studio zu kommen.

FF: Hallo

AH: Frederic, du bist in der Schachszene sicherlich genauso bekannt wie Garry Kasparow oder Bobby Fischer, aber außerhalb kennen dich wahrscheinlich nicht so viele, deswegen kurz mal zu deinem Werdegang. Du hast ursprünglich Philosophie, Wissenschaftstheorie und Linguistik in Hamburg und Oxford studiert, bist Wissenschaftsjournalist, hast Dokumentarfilme produziert für das deutsche Fernsehen und bist später dann über Schach-Dokumentarfilme zum Computerschach gekommen. Kann man das so sagen?

FF: Ja, genau.

AH: Du hast dann einige Jahre später, also Mitte der 1980er Jahre, etwas aus meiner Sicht schon sehr bemerkenswertes gemacht, wenn man bedenkt, dass der erste PC 1981 auf den Markt kam. Die Firma ChessBase hat bald ein digitales Geschäftsmodell entwickelt, was den Schachsport ein stückweit revolutioniert hat. Vielleicht kannst du ein bisschen aus dieser Zeit berichten und auch erzählen, wie das gekommen ist und wie sich das entwickelt hat.

FF: Ja, und ich will auch betonen, dass Garry Kasparow, der noch nicht Weltmeister war, uns unendlich viel geholfen hat. Er kam irgendwann nach Hamburg auf Einladung des SPIEGEL und hat hier gespielt und besuchte mich, weil ich ihm Spiele nach Baku geschickt hatte, und wir verbrachten eine Woche damit, über Computer zu reden. Er kam zu mir, klingelt, sagt „OK, du bist Frederic, ich bin Garry, das ist ein schönes Haus, das ist deine Familie… So, jetzt sind wir Freunde, jetzt erzähl mir alles, was du über Computer weißt.“ Das habe ich gemacht. Und er hat im Gegenzug mir alles erzählt, was ein Computer können sollte für Schach. Und so haben wir eine Datenbank bzw. die Idee für eine Datenbank entwickelt. Glücklicherweise fand ich einen jungen Physik-Student (ich war kein Programmierer), der einen Prototyp einer Datenbank entwickelt hatte. Das zeigten wir Garry. Er hat mit Firmen gesprochen, gesagte „Ihr müsst diese Leute unterstützen“. Und er sagte uns ihr müsst das bitte jetzt fertig entwickeln. Wir haben das gemacht. 1986 war er der erste Benutzer von Chessbase – Nr. 0001. Und er hat uns immer geholfen mit der Werbung und so weiter. Nie einen Pfennig von uns genommen. Ich war inzwischen nicht mehr ein Freund, sondern ein „Verwandter“ von ihm, und er hat uns geholfen. Und ich finde das einzigartig, dass er, der wie zwei oder drei andere Spieler in der ganzen Welt ein Monopol über Schachwissen hatte – er hatte nämlich drei Großmeister, die im geholfen haben, Zugriff auf Bibliotheken und so weiter. Er hat zur Demokratisierung beigetragen. Heute kann man genau dasselbe wie Magnus Carlsen für sein Studium hat, bekommen, und das heißt die ganze Welt kann sich optimal vorbereiten.

AH: Ich habe nachlesen, mittlerweile habt ihr fast zehn Millionen Partien in eurer Datenbank und aber das ist, glaube ich, der viel spannenderen Teil, zehn Millionen hochwertige Partien.

FF: Wir haben etwa 100 Millionen Partien, die auf Servern gespielt worden sind und das ist auch ganz interessant, weil wir prüfen wollen oder analysieren wollen, wie Anfänger spielen, nicht nur Großmeister, internationale Meister, sondern auch Anfänger.

AH: Genau, der spannende Punkt dabei ist aber, dass ein Großteil dieser Partien auch kommentiert ist, d.h. dort haben sich Großmeister hingesetzt und haben diese Partien bewertet und ihre Kommentare dazu abgegeben. Was im Grunde genommen auch hilft, selber das eigene Spiel zu reflektieren und zu verbessern. Was aber im Grunde genommen auch für den Computer - und wir kommen gleich nachher auch noch mal auf das Thema - im modernen Schach eine Art Trainingsmöglichkeit bietet, zu erkennen: ist ein Zug, der gemacht wird, den der Computer macht, genauso gut wie der den ein Mensch machen würde.

FF: Es sind etwa hunderttausend kommentierte Partien, von achteinhalb Millionen von den hochwertigen Partien, und die sind ganz interessant, weil man sieht darin was ein Mensch darüber denkt. Er hat das gespielt, obwohl es anscheinend sehr gefährlich ist und so weiter. Interessant, weil man sieht, was der Rechner selbst dazu denkt, und man kann das beurteilen. „Ja, der hat unrecht gehabt. Natürlich war es nicht gefährlich, weil...“ So kann man korrigieren, was ein Mensch durch Betrachtung der Stellung spontan denkt oder erkennt. Und der Rechner korrigiert das oder bestätigt das.

AH: Es war oder es ist schon immer faszinierend gewesen, glaube ich, für den Menschen Maschinen zu schaffen die zumindest einen Menschen ebenbürtig ist, vielleicht sogar besser als der Mensch ist, und deswegen hat sie auch schon früher Entwicklungen gegeben, Schachcomputerprogramme zu entwickeln, die heute auch Großmeister zum Teil für die Analysen verwenden. Es gab in den 1990er Jahren dann eine denkwürdige Zeit, in der auch Gary Kasparow, der zu dem Zeitpunkt schon Weltmeister war, gegen Deep Blue gespielt hat. Du warst damals auch Bestandteil seines Teams, quasi auf der Seite des Schachweltmeisters.

Deep Blue, die IBM-Entwickler, haben versucht ein Computerprogramm mit extrem viel Rechenpower zu schaffen, was in der Lage war, den Schachweltmeister zu schlagen. Wie war das damals aus deiner Perspektive? War es mehr die Rechenpower, die dahintersteckte oder war das Programm, was IBM entwickelt hat, schon so gut, dass man sagen konnte die, die Software, die Technik die dahinter, war besser, einfach dem Schachweltmeister überlegen?

FF: Die Technik war bahnbrechend, die haben das in Hardware programmiert und das lief viel, sehr viele Male schneller als ein normales Programm, was auf einem normalen Großrechner lief. Es war auch so, dass Gary zweimal gespielt hat gegen Deep Blue. Einmal 1996, und da hat er gewonnen, und dann 1997. Und ich bin der Meinung, dass - und ich hab’s beobachtet - die ihn ausgetrickst haben mit psychologischen Mitteln. Er war sehr nervös. Dass Sponierarbeit geleistet wird, oder dass Menschen - Großmeister - dem Computer helfen. Das war nicht der Fall, aber die haben es geschafft ihn paranoide werden zu lassen. Deep Blue hat gewonnen, aber nie wieder gespielt. Natürlich, weil es das war, was sie haben wollten. Ich muss zu der Spielstärke sagen: Garry war stärker als Deep Blue. Ich muss dazu sagen, dass ich heute ein Mobilphone habe – ein Android – und das ist viel stärker als Deep Blue. Heute würde er nicht gegen mein Mobilphone gewinnen. Und natürlich die normalen Rechner sind unendlich viel stärker geworden.

AH: Rein interessehalber, ist damals für Garry an der Stelle klar, dass das irgendwann kommen wird? Schließlich hat er schon sehr früh mit euch zusammengearbeitet. Er hat mit euch, wie du gerade von schon sagt hast, ChessBase entwickelt. War es ihm bewusst, dass diese Entwicklung irgendwann kommen wird und dass es Computer geben wird, die viel besser sein werden als der Mensch. Und war nur eine Frage der Zeit. Oder war es für ihn dann doch schon überraschend, auch wenn sie ihnen vielleicht psychologischen ein bisschen ausgetrickst haben?

FF: Es war überraschend, dass es so schnell kam. 1991 haben wir unser Programm Fritz entwickelt, und da gab es eine Diskussion. Ich habe das mit Experten aus der ganzen Welt geführt: Wann wird ein Computer den amtierenden Weltmeister schlagen?

Und da gab es Schätzungen wie „im nächsten Jahr“ oder „übernächsten Jahr“. Und einige sagten 1995. Frederic Friedel sagte „im Jahr 2000“. Einige haben gesagt in 2030 und andere „niemals“. Und ich muss sagen, ich glaube, ich hatte recht, weil 1997 als das geschah war es zu früh. Er war immer noch stärker. Er verlangt ein Rematch, aber bekam das nicht von IBM. Heute ist es so, dass ein Computer unendlich viel besser ist als Menschen. Ich kann es kaum ausdrücken, ich sage manchmal 10.000 mal? Ich weiß nicht, ob du die Elo zahlen kennst?

AH Ja.

FF: Ein Großmeister hat heute 2800, und das ist sensationell. Früher lagen sie bei 2700, und die eines Computers liegt heute bei 3600. D.h. ich schätze, dass der (aktuelle) Weltmeister Magnus Carlsen in zehn Partien, wenn er Glück hat, ein Remis spielen könnte.

AH: Das sehe ich genauso und das ist eine schöne Überleitung zum dem nächsten Thema, denke ich. Diese Entwicklung ist sicherlich nicht nur den Algorithmen geschuldet, sondern auch den Entwicklungen auf der Seite der Künstlichen Intelligence, also AI (Artificial Intelligence). Google hat es mit AlphaZero in relativ kurzer Zeit geschafft, mit zugegebenermaßen sehr viel Rechenpower, ein Schachprogramm auf die Beine zu stellen, was eben genau die gerade von dir angesprochenen Spielstärke erreicht hat. Und sie haben es im Wesentlichen dadurch gemacht, dass sie dem Schachprogramm die Möglichkeit gegeben haben, gegen sich selbst zu spielen, ohne dass man irgendwie steuernd eingreift. Also das, was man als Reinforcement Learning bezeichnet und damit eine ganz andere Qualität von Schachprogramm auf die Beine gestellt, als es diese bis dato gab, oder?

FF: Eigentlich funktionieren Androids usw. mit Brute-Force-Programmen – die traditionellen Brute-Force-Programme. Etwa 30 bis 40 Jahre lang war das die einzige Möglichkeit. Man rechnet alles durch - die unsinnigsten Züge. „Wenn ich das spiele, er spielt das, ich spiele das, er spielt das, wie sieht’s aus? Oh, ich habe zwei Figuren verloren, das ist schlecht.“ Sogar Brute-Force arbeitet mit Millionen von Stellungen und damit sind die viel stärker geworden, schon als der Weltmeister. Die AI-Entwicklung ist wenige Jahre alt, da hat Google, Demis Hassabis und seine Firma (DeepMind), angefangen. Demis war als Jugendlicher selber ein sehr starker Schachspielers gewesen. Und die haben angefangen, mit dieser KI-Methode ein neuronales Netz aufzubauen, in dem sie die Hardware von Google acht Stunden oder irgendwas 40 Millionen Partien gegen sich selber spielen lassen. Nach einigen 100 Partien spielte es abgrundtief schlecht. Eine Seite hat drei Figuren verloren, aber die Partie trotzdem gewonnen, weil der Gegner vier Figuren sinnlos verloren hat. Aber nach einigen 1000 Partien war es schon erkennbar als Schach, nach einigen Millionen Partien war es stark, dann wurde es nach 40 Millionen Partien stärker als das stärkste Brute-Force-Programm. Also der Weltmeister war ganz hinten dran. Und wir haben das rekonstruiert. Mit Fat Fritz haben wir ein Programm entwickelt. Die haben ihre Methoden und den Code - alles zur Verfügung gestellt - und wir haben dann das reproduziert. Und das ist ein Programm – die Google Version hat nie einen Menschen in eine menschliche Party gesehen, nur die Partien gegen sich selber. Wir haben auch unsere ChessBase Mega Datenbank hineingebracht und auch Anfängerpartien, damit es versteht, wie man z.B mit drei Türmen gegen den nackten König Matt setzt. Das kommt nie in Meisterpartien vor. Und wir haben eine Spielstarke, wie gesagt, von etwa 3600 erreicht. Jetzt sind die Brute-Force-Programme, die auch weiterentwickelt worden sind, etwa gleich, vielleicht etwas schwächer als die neuronalen Netze. Und das ist typisch für AI: das Ding ist unglaublich stark, kann aber nichts dazu sagen, warum. Es weiß gar nicht, ob eine Dame wertvoller als ein Bauer ist, es hat nur irgendeinen eine statistische Bewertung von Stellungen dieser Art und weiß, welchen Zug man spielen soll. Die meisten Schachspieler verwenden jetzt neuronale Netze, die taktisch geringfügig schlechter sind als Brute-Force-Programme. Aber sie finden intuitive Züge, strategische Züge, die Brute-Force-Programme nicht finden. Deswegen verwenden alle Weltmeisterschaftskandidaten und der Weltmeister selbst Neuronalen-Netz-Programme. Also AI Programme.

AH: Das heißt, in der Kombination - kommen wir noch mal zurück, auf das was wir anfänglich diskutiert hatten - mit den bewerteten Partien, lernt dann aber die Schachengine noch etwas dazu und wird dadurch noch besser?

FF: Das ist unser Versuch. Google hat es so gemacht, weil die zeigen wollten, dass ohne externes Wissen ein AI-Programm Schachcode entwickeln kann, was überlegen ist. Was wir gemacht haben war genau das zu reproduzieren, plus menschliche Partien, um zu sehen, ob das etwas bringt. Ich meine ja. Aber sehr wenig natürlich. Das meiste ist unverständliches Zeug, was es aus über 20 Millionen Partien herausgefunden hat.

AH: Und was denkst du, wie wird die Entwicklung weitergehen? Wir hatten im Vorfeld schon mal gesprochen. Aus deiner Perspektive ist die Entwicklung irgendwo auch begrenzt. Also man wird man wahrscheinlich, wenn wir mal bei den Elo-Zahlen bleiben, keine Schachprogramme bekommen, die 5000 Elo-Punkte haben oder noch mehr, sondern es ist quasi eine Annäherung an einen Grenzwert, der jetzt zwar schwer zu definieren ist, hast du mal gesagt, aber wie schätzt du das ein?

FF: Ja, das ist tatsächlich meine Prognose. Wir haben gemerkt bei unserer Entwicklung von Fat Fritz, wenn man noch eine Million… Die Frage ist, warum hat Google zum Beispiel 8 Stunden oder so was Partien spielen lassen auf riesiger Hardware und warum nicht 18 Stunden oder acht Tage oder acht Wochen, und dann unendliche Spielstärke erreicht? Weil sie gemerkt haben, wie wir, dass sich die Kurve abflacht. Das heißt, wenn man noch zehn Millionen Partien spielen lässt und bewerten lässt, dann ist die Spielstärkensteigung nicht mehr so groß. Und jetzt meine kontroverse Meinung: Egal was man macht, die Spielstärke wird nicht weiter steigen als 4000 Elo-Punkte. Die Frage ist warum? Weil Schach im Grunde genommen Remis ist. Egal was man macht, man kann immer eine Remis-Stellung finden. Das bedeutet, dass ein Schachprogramm was 3900 Elo-Punkte stark ist, wird immer einen Weg finden oder fast immer einen Weg finden gegen ein 4000 Elo-Programm eine Remis-Stellung zu erreichen. Das heißt, es wird sich verteidigen können. Dann ist es unendlich schwer eine Partie zu gewinnen. Und deswegen wird es bei etwa 4000 aufhören.

AH: Klingt nach einer sehr plausiblen Theorie.

Ist es so, dass das, was man im AI-Umfeld gemacht hat, auch ein Paradebeispiel für andere Themen ist, die uns im Alltag zukünftig auch begegnen werden? Es wird sicherlich im Schach auch weitere Entwicklung geben, aber ich glaube das, was man da gelernt hat, wird man sicherlich auch übertragen können auf andere Themen. Oder siehst du das anders?

FF: Das sehe ich genauso und ich lade immer Leute ein, um nach Hamburg zu kommen und zu schauen, wie wir das entwickelt haben, oder überhaupt zu Google zu gehen und zu schauen, wie das [funktioniert], weil wir Pioniere sind. Wir erleben das drastisch und konkret und direkt, was die anderen jetzt anfangen zu erleben. KI - oder AI wie du das nennst, wird in Zukunft in allen Bereichen ähnliche Entwicklungen zeigen. Mit Schach sind wir nur die ersten. Wir waren die ersten, die das erlebt haben mit Brute-Force und jetzt mit neuronalen Netzen, aber das wird überall kommen, in der Jurisprudenz, in der Medizin, in der Wirtschaft, im Schreiben. Ich bin ein Schriftsteller. Ich stelle fest, dass Programme ziemlich gut schreiben können und eine Konkurrenz sind, und vielleicht werden sie auch genau wie die neuronalen Netze im Schach uns übertreffen und besser schreiben und besser zusammenfassen. Aber bestimmt in Medizin und Jurisprudenz, also in Jura, wo ähnliche Phänomene auftauchen werden, nämlich dass man sagt: „Das Ding hat überhaupt keine Ahnung von Gerechtigkeit, von menschlichen Gefühlen und so weiter, und hat nur einige 100 Milliarden von Fällen nachgezeichnet und studiert, das hat kein Herz, keine Seele. Aber ich möchte zu dem KI-Richter gehen, denn er ist viel ausgewogener, fairer, gerechter. Wir wissen nicht was er macht. Aber er beurteilt das besser als Menschen, die vielleicht ein paar 1000 oder 10.000 Fälle kennen?“

AH:  Ich beschäftige mich ja auch viel mit Lernprozessen und der Frage, wie Menschen zum Beispiel lernen, und das was wir gerade über AI diskutiert haben verleitet auch dazu, dass man noch mal intensiver darüber nachdenkt, wie solche AI-getriebenen Lösungen auch dabei unterstützen können, den Lernprozess zu verbessern. Im Schach vielleicht - aber auch in anderen Kontexten. Siehst du das auch so?

FF: Absolut. Es ist so: der Mensch hat einen Teil von seinem Gehirn für Schach reserviert und die überwiegende Mehrheit von Menschen haben diesen Teil nicht. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, weil ich ein leidenschaftlicher Schachspieler war und eigentlich recht gut. Ich merkte, dass ich niemals mehr als ein schwacher internationale Meister werden könnte – und das nur, wenn ich mein Leben dem Schach widmen würde. Es gibt eine geringe Anzahl von Menschen, die als kleine Kinder einfach Schach absorbieren und sich Partien anschauen und sagen: „Ach, das verstehe ich“. Heute ist es so, dass die mit 11 Jahren Großmeister werden können. Das ist ein Phänomen, was man kaum beschreiben kann. Das ist, wie wenn ich auf ein Kind zeige, das herum im Garten tobt und schreit, und sage: „Das ist Johann, der hat gerade seine Doktorarbeit in Quantenphysik gemacht und arbeitet am Very Large Hadron Collider CERN. Man wird sagen, du zeigst aber gerade auf ein Kind. Ja, natürlich, das ist der, das ist die Leistung, die sie bringen mit 11 Jahren und 12 und 13 und 14. Und ich kenne Dutzende von solchen Jungs, die schon einen vollen Großmeister-Titel haben. Ich schätze ich kenne da drei, die zur absoluten Spitze kommen werden, vielleicht vier sogar. Und woher kommt das? Nicht nur, weil sie früh genug geschaut haben oder zuschauen konnten, wie Menschen gegeneinander spielen, sondern die haben vor dem Rechner das Hundertfache sehen können. Sie absorbieren das wie ein Schwamm, das Wissen, die Muster. Ich bin übrigens der Meinung, dass dieser Schachteil von den sehr starken Spielern in der rechten Hirnhälfte residiert, weil sie mit Mustererkennung in erster Linie arbeiten. Das ist, was die rechte Gehirnhälfte macht. Berechnungen von Varianten, das geschieht mit der linken Hirnhälfte, wo Mathematik und andere Sachen residieren, und Kreativität mit der rechten Hirnhälfte, wo Mustererkennung, Spracherkennung, Bilderkennung stattfindet.

AH: Vielleicht zum Abschluss, Frederic, noch eine sehr schöne, wie ich finde, oder auch erstaunliche Geschichte. Du hast mich am Anfang mal gefragt, was ich glaube, wann denn die erste Idee für einen Schachcomputer entstand, und ich habe trefflich danebengelegen. Du hast mich dann aufgeklärt, dass es eigentlich schon vor der Erfindung des Computers war. Und zwar hat sich schon Turing mit der Idee beschäftigt. Vielleicht kannst du mal – du hast einen schönen Vortrag mit Garry Kasparow auf einem Turing-Kongress dazu gehalten - vielleicht kannst du dazu noch mal das erzählen, ist es doch eine sehr schöne Geschichte.

FF: Es ist eine Frage, die ich oft stelle: „Was schätzt man, wann das erste Schachprogramm im Verhältnis zur Erfindung des Computers geschrieben wurde?“ Und die meisten Leute sagen zehn Jahre später, fünf Jahre später, wie du. Nein, die Antwort ist zwei Jahre vor dem ersten Rechner von Alan Turing, der im Bletchley Park die deutsche Enigma Maschine geknackt hat, und das mit einer Maschine, die ihre selber gebaut hat. Er wusste, dass frei programmierbare Computer kommen werden. Er war dabei nachzudenken, wie man das bewerkstelligt, aber er konnte nicht warten. Er war ein leidenschaftlicher Schachspieler, sehr schlecht – einer der klügsten Menschen der Welt war ein schlechter Schachspieler! Er hat eine Papiermaschine gebaut. Das heißt, er die Algorithmen formuliert, wie der Rechner spielen soll, die Bewertungskriterien... Und dann hat er als CPU agiert. Er hat nämlich gegen einen Amateur gespielt, mehrere Partien, aber wir haben eine, wo er selber die Züge ausgerechnet hat – wenn ich den Bauern so ziehe dann hat die Dame so und so viele Zugmöglichkeiten, der König es so und so sicher, und so weiter. Es hat 15 bis 40 Minuten gedauert, bis er einen Zug ausgerechnet hatte. Wir haben diese Maschine rekonstruiert. Als die ersten Computer entstanden, wurden (Schach-)Programme sofort implementiert. Somit ist Schach die allererste Anwendung von AI in der Menschheitsgeschichte. Bis dahin haben die Rechner, elektronischen programmierbaren Rechner, ein Jahr lang oder zwei Jahre lang nur mathematische Berechnungen gemacht. Aber das erste, womit man AI mäßig experimentiert hat, war Schach. Erstens Turing und zweitens in Los Alamos, wo die eigentlich die Implosion von Atombomben berechnen sollten. Die Wissenschaftler haben dort die Rechner bekommen, zusammengestellt, zum Laufen gebracht – und sofort ein Schachprogramm geschrieben, um damit zu experimentieren.

AH: Vielleicht noch mal ganz kurz zurück zu Turing. Du hattest mir erzählt, dass – ihr habt auch versucht das nachzuprogrammieren, habt aber festgestellt, dass sogar noch Fehler im Algorithmus war?

FF: Nein, das war nicht ein Fehler im Algorithmus, das war ein Fehler in seinen Berechnungen. Wir haben das Programm rekonstruierten, liessen das auf Fritz laufen. Garry Kasparow hat eine Partie gespielt in Manchester, zum 100. Geburtstag von Alan Turing. Nur: bei der Entwicklung haben wir festgestellt - wir habe eine Beispielparty – wir haben festgestellt, dass unser Programm abweicht an 4, 6 oder 8 Stellen. Wir haben nachgeprüft und gesucht nach dem Fehler, den wir machen. Und dann habe ich einen Donald Michie angerufen – das war ein Mitarbeiter von Turing, der noch lebte. Und ich fragte ihn: „Was machen wir da falsch?“ Und er sagt: „Ihr macht was falsch? Nein, Turing hat etwas falsch gemacht. Er hatte keine Zeit, das so genau zu rechnen, er wollte nur das Prinzip verstehen und so hat er natürlich ab und zu einen Fehler gemacht.“ Auch im allerersten Zug spielen wir [Bauer] e3. Und Turing spielte [Bauer] e4, weil das für einen Menschen so natürlich ist. Er ist beeinflusst worden durch seine Intuition für Schach. Er sagte: „Das muss so sein, dass wird kein guter Zug sein“, damit es nicht 40 Minuten pro Zug dauert, sondern nur 15.

AH: Aber trotzdem eine sehr schöne Geschichte, wie ich finde. Und ja, genau dazu gibt es auch ein Artikel, den werden wir auf jeden Fall auch verlinken, für die, die das vielleicht auch noch mal nachlesen wollen, denn ich fand die Geschichte sehr, sehr schön.

Ja, Frederic, ich glaub, wir sind dann am Ende. Aber ich glaub, wir könnten noch stundenlang weiterreden, weil es ist wirklich sehr spannendes Thema, und ich höre dir auch sehr gerne zu, wie du erzählt, weil ich finde, du machst das sehr lebendig und sehr verständlich. Von daher danke ich Dir vielmals für deine Zeit und für deinen Beitrag, und vielleicht sehen uns an der einen oder anderen Stelle wieder, weil ich glaube, es gibt zu dem Thema sicherlich auch noch in der Zukunft ein paar Entwicklungen, die sich diskutieren lassen. Von daher vielen Dank nochmal und unseren Zuhörern natürlich auch alles Gute.

FF: Sehr, sehr gerne. Danke.

 

 


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