Schach und Rauch

14.10.2004 – Wenn Kramnik und Leko in Brissago ihre Wettkampfpartien spielen, dann ist im Spielsaal ein deutlicher Hinweis angebracht, dass hier das Rauchen verboten ist. Und dies inmitten einer Tabakfabrik. In den Sälen und Fluren des Centro Dannemann außerhalb des Spielsaals sieht das natürlich ganz anders aus. Tatsächlich gehört für manche Schachfreunde spielen und rauchen irgendwie zusammen. Vor nicht allzu langer Zeit war das Rauchen auch am Brett durchaus gestattet und auch gang und gäbe. Gerade unter den Zigarrenrauchern finden sich einige sehr erfolgreiche Spieler, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Conrad Schormann: Zigarren...

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Zigarren
von Conrad Schorman

"Vor Jahren, als ich noch rauchte, habe ich einige sehr schöne Erfolge mit Zigarren erzielt. Auch wer sonst nur Zigaretten raucht, sollte zum Schachspielen immer Zigarren bei sich haben. Das übelste Aroma ist gerade recht, es sei denn, man ist selber allergisch gegen Zigarrenrauch. Ich hatte eine Technik entwickelt, für die der schwere Zigarrenrauch genau das Richtige war. Der nicht inhalierte Rauch wurde mit einem Schwall direkt auf das Schachbrett geblasen, wo er sich regelrecht ansaugte und Wolken bildete. Brett und Figuren waren teilweise nicht mehr zu sehen – und der Gegner konsterniert.“ (gekürzt)

Diese und vergleichbare Gemeinheiten (Knistern mit Krokantbonbon-Papier) veröffentlichte der Fischbacher Schachspieler Jürgen Kühle 1986 in der Vereinszeitung des SV Fischbach. Überschrift des Artikels: „Wie gewinnt man eine Schachpartie gegen einen überlegenen Gegner?“ Unterzeile: „Eine Unterweisung in praktischer Partieführung von einem der führenden Theoretiker Westeuropas.“
Wer es nicht glaubt: http://www.schach-in-fischbach.de/Artikel/dr_kuehle.html

Der Artikel ist ähnlich lesenswert wie William R. Hartstons vergriffenes Büchlein „Wie man beim Schach bescheißt“, aber nicht zeitlos. Anlässlich der Dannemann-WM erinnerte (Schach-)Journalist Hartmut Metz in mehreren gedruckten und elektronischen Publikationen an die Verbannung der Aschenbecher aus den Turniersälen, die in den 80er-Jahren manchen Protest quarzender Schächer auslöste. Die Raucher unter den Schachspielern tröstet seitdem, dass sie anerkannte Sportler sind. Beim Sport sind Aschenbecher Fehl am Platze. Mario Basler hatte auch keinen bei seinen Spaziergängen auf der Außenbahn, egal in welchem Stadion.

Ein Jahrhundert nach den Zigarrengenießern und Schachweltmeistern Wilhelm Steinitz und Emanuel Lasker ist die Zigarre zurück im Schach, wenn auch nicht am Brett. Rauch-Theoretiker Jürgen Kühle hätte heutzutage trotz seiner ausgeklügelten Nebelstrategie keine Chance gegen Peter Leko, weil ihn die Schiedsrichter selbst im Centro Dannemann des Brettes verweisen würden.

Die beiden bekanntesten Schach-Zigarren-Episoden sind auf unzähligen Seiten nachzulesen. In den Hauptrollen: Wilhelm Steinitz, Emanuel Lasker und Aaron Nimzowitsch:

"Die Drohung ist stärker als die Ausführung!“

Aaron Nimzowitsch war von empfindsamer und explosiver Natur. In Meisterkreisen war bekannt, dass er als Nichtraucher besonders anfällig dafür war, wenn ihn ein Gegner mit Zigarrenqualm einzunebeln versuchte. 1927 in New York hatte Nimzowitsch seinen Gegner Dr. Milan Vidmar (laut Metz war es Efim Bogoljubow, aber die meisten Quellen nennen Vidmar) vor ihrer Partie gebeten, nicht zu rauchen. Vidmar war einverstanden, allerdings nur mit der Einschränkung, dass er eine Zigarre rauchen würde, wenn er in eine sehr schlechte Stellung geriete. Das Treffen verlief nikotinfrei - Vidmar gewann. Der verärgerte Nimzowitsch beschwerte sich beim ungarischen Turnierleiter Geza Maroczy über das verdammte Rauchen. Erstaunt erwiderte der: „Aber ihr Gegner hat doch gar nicht geraucht!“ „So, nicht geraucht, sagen Sie? Schlimmer, er hat mich mit Rauchen bedroht! Ständig lag die Zigarre neben dem Schachbrett, so dass ich mir sagte, machst du jetzt einen starken Zug, greift er zur Zigarre. Wie kann ich dabei die Partie gewinnen? Als Schachspieler wissen Sie, dass die Drohung stärker ist als die Ausführung.“

Nimzowitsch - Vidmar (2), New York 1927...

Vidmar - Nimzowitsch (3), New York 1927...

Die Zigarren des Weltmeisters

Die ersten Weltmeister der Schachgeschichte, Wilhelm Steinitz und Emanuel Lasker, waren als passionierte Zigarrenraucher wiederholt in kleine Geschichten ob dieses Genusses verwickelt. Während ihres Weltmeisterschaftskampfes im Jahre 1894 hatte Lasker von einem ihn verehrenden Anhänger ein Kistchen feinster Zigarren geschenkt bekommen. Nachdem Lasker das Match siegreich beendet hatte, gratulierte ihm dieser Fan und brachte sich gleichzeitig in Erinnerung, indem er den neuen Weltmeister fragte, ob ihm die besagten Zigarren auch ein wenig geholfen hätten, den Kampf zu gewinnen. „Selbstverständlich haben sie dazu beigetragen“, antwortete Lasker, „Sie hatten eine wirklich prachtvolle Idee.“ „So gut sind sie also gewesen?“, ließ der Fan nicht locker. „Das weiß ich nicht“, präzisierte der Weltmeister, „ich habe sie nach und nach Steinitz angeboten. Ich selbst habe andere geraucht."  

Insbesondere diese Geschichte fehlt in keiner Schachanekdoten-Sammlung. Sie dürfte dennoch erfunden sein, ein „Ammenmärchen“ laut Lasker. Der Schachtrainer Alexander Koblenz hat 1935 bei Emanuel Lasker nachgefragt. In seinem Buch „Schach lebenslänglich“ beschreibt Koblenz das Interview, das er für eine lettische Zeitung führte:

Im Café bestellte Lasker Tee und Erdbeertorte. Nachdem er eine Tasse getrunken hatte, zündete er eine Zigarre an. „Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn meine Frage allzu persönlich sein sollte. Über Ihre Zigarren werden Legenden erzählt. Ist etwas Wahres dran?“

„Über meine Zigarren gibt es viel Geschwätz und Anekdoten. Es wird erzählt, ein Verehrer habe mir vor meinem Weltmeisterschaftskampf eine Schachtel Zigarren mit der Bemerkung geschenkt, sie würden mir zum Sieg verhelfen. Ich hätte aber diese Zigarren nicht geraucht, sondern sie Steinitz zugesteckt. Die Zigarren seien abscheulich gewesen, und darum hätte ich im Wettkampf gesiegt...

Nach dem Turnier in New York 1924 las ich in einer Zeitung, ich hätte während des Spiels nur die billigsten Zigarren á fünf Cent das Stück geraucht und meine Partner so 'beräuchert', dass sie hätten husten und niesen müssen. Daraufhin habe mir jemand aus dem Publikum eine erstklassige, duftige Zigarre angeboten. Ich hätte sie angenommen und in die Brusttasche gesteckt, aber fortgefahren, meine Fünf-Cent-Zigarren zu rauchen.

 

Das alles sind natürlich Ammenmärchen. Doch muss ich zugeben, dass ich mir mein Leben ohne Zigarre nicht vorstellen kann.“ So weit Lasker.

Den Nachrichten des SC Bad Soden ist der Hinweis zu entnehmen, dass Kramnik und Leko vor den Augen des Hauptsponsors Dannemann Product Placement für die Konkurrenz betreiben. Eine Teilschuld trifft Peter Leko, der Kramniks, 1.e4 mit 1...e5 und 2.Sf3 mit 2...Sc6 kontert. Hauptschuldiger ist zweifelsfrei Weltmeister Vladimir Kramnik. Ausschließlich spielt er 3.Lb5, und dann steht Spanisch auf dem Brett – oder Ruy Lopez, wie Angelsachsen diese Eröffnung nennen.



Keine Konkurrenz für Dannemann, da nicht mehr im Handel:Die Ruy Lopez Cigar von Vincent & Tampa Tabakfabrik, Ybor City, Florida
 

Ruy Lopez – so heißt nicht nur die Eröffnung, so hieß eine Zigarre der Konkurrenz. „Mit 150mm Länge und 15.1 mm Durchmesser bietet diese Zigarre einen milden bis mittelstarken Rauchgenuss mit einem würzigen Abschluss“, heißt es über die Tabakstange, die nicht mehr im Handel erhältlich ist. Zur Beruhigung des Dannemann-Marketings sei festgestellt, dass die Ruy-Lopez-Eröffnung nicht nach der Zigarre benannt ist, sondern nach Ruy Lopez de Segura (1530 bis 1580), der den Läufer nach b5 stellte, weil Lc4 Italienisch wäre. Ruy Lopez war Spanier. Ob er geraucht hat (und wenn ja, was), ist nicht bekannt.

http://www.schachclub-badsoden.de/sc_01_aktuelles.html

Conrad Schormann

 

Blick ins Centro Dannemann und die Tabakfabrik


Das Centro Dannemann ist in einer Etage der Tabakfabrik in Brissago untergebracht.


Während der WM-Partien wird gezeigt, wie Zigarren von Hand gerollt werden.


Tabakreste. Benjamin Bartels mit Produktionsleiter Guido Eberle



Das Tabakblatt wird geteilt. Für die linke und rechte Blattseite gibt es unterschiedliche Maschinen zur Weiterverarbeitung.






Maschinelles Zigarrendrehen


Das Schlussblatt



 




Manuelle Qualitätsprüfung


Die fertigen Zigarren


Ausschuss


Schlusskontrolle





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