Schach-Wimbledon nach Bonn?

09.03.2005 – Die Bonner Bundeskunsthalle hat mit zwei interessanten Schach-Veranstaltungen gezeigt, dass sie ihren Kulturauftrag nicht nur sorgfältig, sondern auch umfassend erfüllt. Und Schach wird im Sinne von Duchamp und vielen anderen ebenfalls als Kunst verstanden. Im letzten Jahr spielte Weltmeister Kramnik simultan, letztes Wochenende kam es zum anregenden Duell Schach gegen Politik. Auf eigenem Terrain konnte sich Schachweltmeister Kramnik zwar letztlich durchsetzen, doch Nordrhein-Westfalens MP Peer Steinbrück wusste seine Figuren auf 64 Feldern ebenfalls zu beherrschen. Organisiert hat die Veranstaltungen Stephan Andreae. Dr. René Gralla sprach mit dem Event-Manager der Bundeskunsthalle, der gerne eine Schachweltmeisterschaft nach Bonn holen würde. (Nachdruck aus Neues Deutschland). Interview bei Neues Deutschland...Nachdruck...

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Das Interview erschien im Original in Neue Deutschland. Ungekürzter Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Wimbledon des Schach am Rhein
Endlich die passende Arena für das ultimative Vereinigungsturnier mit Kasparow & Co.?
Von Dr. René Gralla

Gut zehn Wochen vor dem großen Duell ein Probeduell der besonderen Art. Am 22. Mai wird in Nordrhein-Westfalen gewählt, SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück tritt an gegen seinen CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers; dafür hat sich der Amtsinhaber am 5. März schon mal warmgelaufen mit einem prominenten Trainingspartner: dem Schachweltmeister Wladimir Kramnik. Der Brettprofi und der Premier trugen publikumswirksam ein öffentliches Match aus in der Bundeskunsthalle Bonn – und wie es zu dem Showdown um Schlag 12 Uhr gekommen ist, das hat sich der Autor Dr. René Gralla vom Event-Direktor Stephan Andreae (52) erläutern lassen.

 

Leistet die Bundeskunsthalle dem Kandidaten Steinbrück Schützenhilfe?

Ein klares Nein! Wahlkampf muss Herr Steinbrück schon selber machen.

Peer Steinbrück ist uns bisher aber noch nicht als Schachexperte aufgefallen ...

... er gilt als sehr respektabler Amateur, der, wie man hört, auch im Internet viele Partien austragen soll.

Wenn sich nun morgen Jürgen Rüttgers bei Ihnen melden und sagen würde, "Hallo, ich kann auch Schach spielen!" ...

... dann wäre der ebenfalls herzlich willkommen!

Trotzdem: Die ungewöhnliche Paarung Kramnik gegen Steinbrück bleibt erklärungsbedürftig.

Seit zehn Jahren organisiere ich Ausstellungen in der Bundeskunsthalle. Von Haus aus bin ich freier Künstler; ich bin Maler, Dichter, Bildhauer. Als Künstler interessiere ich mich für Schach, auch wenn meine eigenen praktischen Fähigkeiten am Brett eher bescheiden sind. Am 2. Mai 2004 haben wir im Forum der Kunsthalle eine erste Schachaktion gestartet. Da spielte Kramnik simultan gegen die Nachwuchsauswahl der deutschen Damen - darunter auch Tina Mietzner und Elisabeth Pähtz - sowie gegen Prominente, unter anderem den Schauspieler Matthieu Carrière. Peer Steinbrück sollte gleichfalls mitmachen, musste jedoch aus Termingründen kurzfristig absagen. Mit einem knappen Jahr Verspätung ist das ausgefallene Match jetzt nachgeholt worden.

Das Bonner Haus wird gerne auch mit dem Pariser "Centre Pompidou" verglichen. Was hat dann aber ausgerechnet Schach in der Bundeskunsthalle zu suchen?

Schach hat schon immer auf dem schmalen Grat operiert zwischen Spitzensport, Wissenschaft und phänomenalen Denkleistungen - und eben auch Kunst. Viele Künstler offenbarten ihre Affinität zu diesem königlichen Spiel. Marcel Duchamp gehörte der französischen Nationalmannschaft an; ferner waren Joan Miró, Hans Arp, Max Ernst und Man Ray begeisterte Schachspieler ...

... Man Ray hat auch Schachsets entworfen ...

... ja, gut, aber da möchte ich doch genau unterscheiden: Die Kunst besteht eben nicht darin, schöne Schachfiguren zu entwerfen; die Kunst besteht darin, gut Schach zu spielen. Duchamp hat einmal die rhetorische Frage gestellt: "Und weshalb wäre es etwa keine künstlerische Tätigkeit, Schach zu spielen?" Seine Antwort: "Ein Schachspiel ist von einer großen Plastizität. Sie konstruieren es: Es ist eine mechanische Plastik."

Schach ist nach dieser Definition quasi kinetische Kunst?

Ja.

Das weckt Assoziationen an das völlig abstrakte, allein imaginierte "Glasperlenspiel" in Hermann Hesses gleichnamigem Roman ...

... ein guter Vergleich.

Wer wie Sie, Herr Andreae, die Fertigkeit im Schach der Kunst zuordnen möchte – samt der daraus folgenden „künstlerischen“ Produkte, sprich: der konkreten Partien - , der ignoriert dabei allerdings einen wesentlichen Unterschied zu beispielsweise der Malerei. Selbst wenn ich persönlich niemals etwas halbwegs Ansehnliches zu Papier oder auf die Leinwand bringen könnte, so vermag ich dennoch ein Bild zu betrachten und visuell zu erfassen. Andererseits, sofern ich Schachlaie bin, begreife ich rein gar nichts beim Beobachten einer Partie - und mir bleibt verschlossen, was daran denn bloß in aller Welt die „Kunst“ sein soll!?

Gerade damit aber steht das Schachspiel der Kunst viel näher, als Sie vermuten. Kunst ohne Vorbildung als solche wahrzunehmen, das ist - fast - unmöglich. Ich muss für jede künstlerische Äußerung ein gewisses Grundgerüst haben - um zu verstehen, was der Künstler tut und wo er hin will.

Sind nach Kramnik versus Steinbrück weitere Schachveranstaltungen in Vorbereitung?

Für 2006 planen wir ein echtes Masters-Turnier. Und mein Traum ist natürlich ein WM-Finale: das klassische archaische Duell Mensch gegen Mensch. Und das auf der Bühne einer Kunsthalle: Das ist für mich genau so logisch wie auch meines Wissens völlig neu. Ich möchte ja nicht anmaßend sein; aber ich sehe keinen Grund, warum nicht Bonn eines Tages das "Wimbledon" des Schachs werden könnte.

Die Fans warten noch immer auf die ultimative Entscheidung darüber, wer international die absolute Nr. 1 ist: der klassische Weltmeister Kramnik; der Champ des Weltschachbundes FIDE, Rustam Kasimdschanow - übrigens sozusagen Ihr Nachbar, als Spitzenkraft beim Zweitligaverein Bad Godesberg - ; oder der Weltranglistenerste Garri Kasparow. Die Frage ist momentan offen; vielleicht könnte das in der Bundeskunsthalle ausgekämpft werden?!

Wenn Garri Kasparow morgen bei mir anruft und sagt, "Ich möchte hier gegen Wen-auch-immer spielen", kriegt er bei uns ein Forum.

Auf Ihrem Terminplan für 2006 steht ferner eine große Kambodscha-Ausstellung. In Südostasien äußerst populär sind zwei historisch bedeutsame Schachvarianten: Kambodschas „Ouk Chatrang“, außerdem das nach denselben Regeln gespielte „Mak Rook“ aus Thailand. Das sind die Bindeglieder zum klassischen arabischen „Shatranj“ , aus dem vor rund 500 Jahren das moderne Schach hervorgegangen ist. Wird das entsprechend auch in die geplante Kambodscha-Schau integriert? In Pnom Penh würde das sicher gut ankommen, schließlich genießt dort der Staatschef Hun Sen einen legendären Ruf als Schachspieler.

Erste Überlegungen werden bereits angestellt. Ich könnte mir sehr gut einen Workshop zum Ouk Chatrang vorstellen.

Dresden richtet 2008 die Schacholympiade aus. Sie, Herr Andreae, bauen die Bundeskunsthalle zum neuen deutschen Schachzentrum auf: Wollen Sie Dresden zeigen, was eine Harke ist?

Nein, ich sehe da überhaupt kein Konkurrenzverhältnis. Je mehr in diesem Land für Schach getan wird, um so besser.

Interview: Dr. René Gralla

 

 

 

 



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