Schach-WM, Partie 12 - Konnte Carlsen gewinnen?

von Johannes Fischer
27.11.2018 – Viele Schachfans waren über das plötzliche Remis in der 12. Partie des WM-Kampfs zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana verwundert, verblüfft oder auch verärgert. Carlsen stand gut und hatte Caruana mit Schwarz aus der Eröffnung heraus überspielt, aber wie der Weltmeister in der Pressekonferenz erklärte, war er mit Remis und Tiebreak zufrieden. Aber hätte er gewinnen können, hat er in der 12. Partie die Möglichkeit verpasst, ohne Tiebreak Weltmeister zu bleiben? Wesley So und Erwin l'Ami haben genauer hingeschaut. | Foto: World Chess

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Verpasste Chancen

Als Magnus Carlsen in der 12. Partie nach seinem 31. Zug Remis anbot, konnten manche Experten es zunächst nicht glauben. Carlsen, die Erfahrung hatte man gemacht, bot einfach nicht Remis an. Und Erwin l'Ami, der die Partie für ChessBase in der Round-Up Show analysiert hat, meinte sogar, er hätte noch nie erlebt, dass Carlsen Remis angeboten hat. Außerdem stand Schwarz in der Schlussstellung bequemer und hatte mehr Zeit auf der Uhr.

F. Caruana - M. Carlsen, WM-Kampf London 2018, Stellung nach 31...Ta8

 

Doch Carlsen hatte tatsächlich Remis angeboten. Wie er in der Pressekonferenz nach der Partie erklärte, wollte er nichts riskieren und war von Beginn an mit einem Remis zufrieden:

"Jeder konnte sehen, dass ich nicht unbedingt das Maximum herausholen wollte, ich wollte einfach nur eine völllig sichere Stellung, in der ich ein bisschen Druck ausüben kann. Wäre ich nicht mit Remis zufrieden gewesen, hätte ich die Partie anders angelegt."

Dennoch - Carlsen hatte in der Partie schon bald nach der Eröffnung die Initiative übernommen und Caruana unter Druck gesetzt. Und wie Wesley So und Erwin l'Ami in ihren Analysen für ChessBase festgestellt haben, hat Carlsen zwei Mal, im 25. und im 29. Zuge, zwei Mal die Chance verpasst, mit einer schärferen, konkreteren Fortsetzung, in Vorteil zu kommen und damit vielleicht die Partie und den Wettkampf für sich zu entscheiden.

F. Caruana - M. Carlsen, WM-Kampf London 2018, Stellung nach 25.f4

 

Hier spielte Carlsen 25...a5 und riegelte die Stellung nach 26.Dd2 mit 26...e4 ab. Besser war laut So und l'Ami jedoch 25...exf4 26.Lxf4 b5!?, womit Schwarz die Stellung öffnet und Weiß vor mehr Probleme stellt. So hält jetzt 27.Dd2 für die beste Verteidigung des Weißen, aber sieht Schwarz auch danach klar im Vorteil. Er schreibt:

"Schwarz kann 27....Lf6 oder 27...Db6 spielen. Die weiße Stellung ist schwer zu verteidigen und sein Trost (der auf g6 schlafende Läufer) ist objektiv nicht genug, um ihn zu retten. Seine Figuren stehen einfach schlecht, vor allem der Springer auf f2. Vom wackelig stehenden König ganz abgesehen."

Vier Züge später verpasste erneut Carlsen eine gute Möglichkeit, in Vorteil zu kommen.

F. Caruana - M. Carlsen, WM-Kampf London 2018, Stellung nach 29.Te1

 

Hier spielte Carlsen 29...a4, riegelte die Stellung weiter ab und bot zwei Züge später Remis an. Mit mehr Mut zum Risiko und der Bereitschaft, konkrete Varianten zu rechnen, hätte er sich vielleicht für 29...La4 entschieden und vielleicht wäre ihm dann ein Tiebreak erspart geblieben und er hätte seinen Weltmeistertitel bereits erfolgreich verteidigt.

Wie So schreibt, hätte Carlsen mit 29...La4 "den Sack zumachen können". Sos Hauptvariante nach 29...La4 lautet 30.Tcc1 (Nach 30.b3 Lxb3! 31.axb3 Sxb3 32.Dd1 a4 wird Schwarz nach Meinung von So "langsam, aber sicher gewinnen, denn Weiß kann die vielen schwarzen Drohungen nicht parieren.") 30...b5! 31.cxb5 Db6 mit klarem Vorteil für Schwarz. Wie Erwin l'Ami verrät, halten die Engines diese Stellung bereits fast für gewonnen für Schwarz.

F. Caruana - M. Carlsen, WM-Kampf London 2018, Analyse nach 29.Te1 La4!?

 

In der Partie verzichtete Carlsen auf diese aussichtsreiche, allerdings auch riskante Fortsetzung und setzte auf Sicherheit. Man darf gespannt sein, ob er im Tiebreak mehr Risiken eingeht.

Wesley So analysiert die 12. Partie

 

Round-up shows (für Premium User)

 

Turnierseite




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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zacharel zacharel 28.11.2018 10:08
PS. und wieder die Datenqualität der PGN Dateien... warum war die Partie am 30.07.2018?
zacharel zacharel 28.11.2018 09:42
Alte Zeiten sind in allererster Linie einfach mal vorbei... aber diese Glorifizierung der Vergangenheit und das Verurteilen der Gegenwart ist ja typisch menschlich. Wenn man mal die Augen aufmacht erkennt man aber, das in Wirklichkeit alles besser wird und nur auf immer höherem Niveau gejammert wird... historisch bereinigter Unsinn... wir haben doch hier den Weltmeister im Sinn, der nicht mal das Blitzlichtgewitter von London überlebt hätte?
Crimsonseahawk1 Crimsonseahawk1 28.11.2018 08:32
Alte Zeiten

Carlsen, der spielstärkste Weltmeister aller Zeiten ? Ich denke an den tatsächlich spielstärksten Weltmeister kommt er nicht ran ! Der hatte als einziger Spieler bisher eine historisch bereinigte Elozahl von über 2900 ! Aber Carlsen ist sicherlich der Weltmeister mit der besten Computervorbereitung in der Geschichte, das ist auch eine Leistung wenn man es sich ansieht bis weit ins Mittelspiel häuslich vorbereitete Computerzüge runter zu spulen und dabei noch 2 Stunden Bedenkzeit zu verbrauchen.
Krennwurzn Krennwurzn 28.11.2018 12:37
Neue Zeiten

Carlsen ist der spielstärkste Weltmeister ever - mit den meisten Zweifel!!
EL 70 EL 70 27.11.2018 10:57
ich stimme rgorn ausdrücklich zu !! Es darf keine Phase 2 geben! In Anlehnung an die goldenen K&K Kämpfe 84-87....darf ich Dir , lieber rgorn....für Deinen auf Psychologie basierenden Artikel danken....Ever yours...Riccardo
binnun binnun 27.11.2018 10:03
"vielleicht...vielleicht"
damit ist alles gesagt.
rgorn rgorn 27.11.2018 06:13
"Im klassischen Schach waren Carlsen und Caruana absolut ebenbürtig." Mehr wollten sie im Zweifelsfalle auch gar nicht demonstrieren. Viel zu gefaehrlich. Wer setzt schon in Phase 1 alles auf eine Karte, wenn er weiss, dass es auch noch eine Phase 2 geben kann? Scheint irgendwie menschlich. Die Hoffnung muss zuletzt sterben, bloss nicht schon vor dem zwingenden Ende alles kaputtmachen und sich selbst der weiteren Chancen berauben.

Wer vollen Einsatz in Phase 1 (Klassisches Schach) haben will, darf nicht die Moeglichkeit einer Phase 2 (Rapid und Blitz) anbieten, sonst ist schon aus rein psychologischen Gruenden die Wahrscheinlichkeit gross, dass die auch in Anspruch genommen wird. Ergo: Der ausgespielte Tiebreak muss weg.
rollinghills rollinghills 27.11.2018 04:10
Es ist ein bisschen schade, dass, genau wie vor 2 Jahren, nun einer der beiden Spieler Weltmeister im Blitz- bzw. Schnellschach wird, denn unter dem Strich läuft es ja darauf hinaus. Im klassischen Schach waren Carlsen und Caruana absolut ebenbürtig. Nun also eine andere Disziplin. Dadurch wird der Titel des Weltmeisters schon ein wenig entwertet.
Würde man die alte Regel wieder einführen, d.h. der Herausforderer benötigt mindestens einen Sieg mehr, währe ein Verlauf wie dieser schlicht ausgeschlossen.
Klar gab es spannende Partien, aber wie Grischuk etwa nach der Halbzeit schon sagte: "Ich wette auf 12 mal remis." Man bekam immer mehr das Gefühl, dass es ohnehin wieder remis ausgeht. Und das hinterlässt dann doch ein fades Gefühl.
P.S.: Weiß jemand zu sagen, welche Elo Leistung Carlsen 2016-2018 erbracht hat?
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