Schacharchäologie - Ausgrabungen in den 1970er Jahren

von André Schulz
04.03.2021 – Martin Hahn hat hier kürzlich über das Schicksal des vergessenen Schachtalents Markus Kappe geschrieben. Daran anknüpfend hat Dieter Post sich in sein digitales Zeitungsarchiv auf Ausgrabungen in den 1970er Jahre begeben und ein paar Fundstücke zutage gefördert. So war es vor 50 Jahren...

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Die 1970er Jahre - ja, es gab sie. Das war digitale Steinzeit. Musik konnte man auf Magnetbändern speichern, erst auf großen Tonbandgeräten (wie in Pulp Fiction), dann auf Kassetten (C60, C90, C120 - die 120er reißen schnell. Kann man aber mit Tesa selber kleben.). Ansonsten "Schallplatte". Große schwarze runde Platten mit Rillen im Kreis herum. Gibt es immer noch. Oder: gibt es wieder. Eine kleine Nadel wandelte das in elektrische Informationen um und am Ende der Informationskette kamen dröhnende Bässe aus der Box. Das ist immer noch so. Mit der Box, der Rest ist völlig anders.

Filme wurden vor allem im Kino ("Lichtspielhaus") auf riesigen Leinwänden gezeigt. Manchmal gab es auch alte Filme in Fernsehgeräten zu sehen, das waren würfelartige klobige Empfangsgeräte mit Glasscheiben, auf denen die Filmbilder sichtbar wurden, ähnlich wie Taschenlampen. Für den Empfang der Signale wurden auf den Dächern der Häuser Antennen montiert. Je nach geographischer Lage konnte der Empfang auch ziemlich schlecht sein. Es gab sensationelle Sendungen, zum Beispiel 1969 eine Mondlandung (wird von manchen bestritten) oder 1970 eine Live-Übertragung von Fußballspielen aus anderen Erdteilen ("über Satellit"). Meistens gab es Fernsehshows und Quizsendungen. Da hat sich also nichts geändert.

Die Fotografie stand quasi am Anfang. Man konnte qualitativ gute Fotos anfertigen, das funktionierte auf der Basis von chemischen Prozessen. Für die Anfertigung von Fotos waren Spezialisten nötig, die Fotografen. Die Bilder wurden in Labors und Dunkelkammern "entwickelt." Fotos konnte man nur mit speziellen Fotoapparaten machen, mit dem Telefon ging das nicht.

Telefone gab es auch schon, aber sie waren mit einer Schnur fest an einer Dose an der Wand angebunden. Man konnte sie nicht herumtragen und in der Hosentasche hätten sie merkwürdig ausgesehen. Wenn man sich mit jemand anderen verbinden wollte, musste man am Telefongerät eine Scheibe drehen. Aber: Die Verbindungsqualität war erheblich besser als heute.

Internet gab es nicht. Wenn man Neuigkeiten erfahren wollte, dann musste man Nachrichtentexte lesen, die auf Papier gedruckt waren. Die Zeitungen wurden über Nach gedruckt, damit die Nachrichten von gestern und vorgestern wenigstens zum Frühstück auf dem Tisch lagen. Die Tagesschau am Abend war damals noch aktueller als die Zeitungsmedien. Meist ging es auch noch zu Anfang der 1970er Jahre um den Vietnamkrieg, dann kam die Terrorwelle hinzu, die 1972 mit dem Attentat auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München begann. 1973 folgte der Ölschock. 

Aus Protest gegen den Vietnamkrieg ließen sich die jugendlichen Männer in den USA die Haare lang wachsen. Dann wurde das zur Mode und in allen Ländern des "Westens" musste man das als Jugendlicher auch machen, wenn man "in" sein wollte. Dazu gab es skurille Klamotten.  Hosen mit riesigem Ausschnitt am Beinende, zum Beispiel, über den man schnell mal stolpern konnte. Dazu trug man am besten einen Bundeswehparka, auch im Hochsommer. Niemand, der in den 1970er aufgewachsen ist, zeigt seinen Kindern und Enkelkindern Fotos von damals. Zum Glück gibt es ja kaum welche, weil das fotografieren so schwierig war. 

Für Schach interessierte sich niemand, bis 1972 Bobby Fischer den WM-Kampf gegen Boris Spassky spielte und sogar gewann. Im "Kalten Krieg" wurde das Match zum Kampf der Systeme, "freie Welt" gegen "kommunistische Welt" hochstilisiert. Fischer bekam einen Anruf vom US-Außenminister Henry Kissinger, wollte aber nicht mit ihm sprechen. Wochenlang waren die Tageszeitungen voll mit Berichten über den Wettkampf. Nun wollten ganz viele Menschen Schach spielen. Und man hatte auch Zeit dazu, weil man sich noch nicht ständig mit seinem Smartphone in What's App-Gruppen chatten oder sich bei Snapchat die Filme von Freunden angucken musste. Die Schachvereine erhielten reichlich Zulauf und es wurden auch viele Schachbücher und Schachmagazine verkauft. Trotzdem gab es viel weniger Schachinformation, als das heute der Fall ist.

Der kleine Rückblick in das Analogzeitalter der 1970er Jahre soll eigentlich nur einen Eindruck davon geben, um wieviel anders und langsamer die Nachrichten damals "geteilt" wurden. Wer heute irgendwo bei einem Turnier Schach spielt, kann ziemlich sicher sein, dass sein Name auf irgendeiner Schachseite im Internet auftaucht. Ab einem bestimmten Niveau werden die Partien gleich live ins Internet übertragen. Zu Zeiten der analogen Schachinformation war das aber noch ganz anders. Das musste man schon recht weit oben spielen, um in den überregionalen Schachnachrichten Erwähnung zu finden.

Martin Hahn hat hier kürzlich einen Artikel über das in Vergessenheit geratene deutsche Schachtalent Markus Kappe und sein tragisches Schicksal veröffentlicht. Martin Hahn fand bei seinen Nachforschungen Zeitzeugen von damals, die noch etwas berichten konnten, und auch einige wenige Zeitungsberichte.

Daran anknüpfend hat der Frankfurter Schachfreund Dieter Post nun auch sein digitales Zeitungsarchiv nach Nachrichten und Meldungen über Markus Kappe durchsucht und bei seinen Ausgrabungen noch ein paar Funde zutage gefördert, in denen Markus Kappe bei Turnieren Erwähnung fand. In den Tabellen der jugendlichen Schachspieler der späteren 1970er Jahren findet man aber auch noch manch anderen bekannten Namen.

Schacharchäologische Fundstücke aus dem digitalen Schachzeitschriftenarchiv

Einen Hinweis zur Deutschen Jugendmeisterschaft von 1977 liefert die Beilage Jugendschach der Rochade:

Die Tabelle enthält einige bekannte Namen, z.B. der Großmeister Eric Lobron, Klaus Bischoff, Stefan Kindermann und Ralf Lau. Matthias Deutschmann (22.) hätte es vielleicht auch schaffen können, geriet aber auf die "schiefe Bahn" und rutschte ins Showgeschäft ab. Er wurde Kabarettist. Der hessische Jugendmeister Ulrich Falk wurde Professor für Rechswissenschaft. Dirk Paulsen ist nun der "Wettopa" der Bildzeitung und gibt dort den Lesern Wetttipps. 

Auch in der Jugendschachbeilage der Deutschen Schachblätter wurde das Ergebnis der Deutschen Jugendmeisterschaft gemeldet.

Zum erfolgreichen Sieger Dario Doncevic gab es ein Portait: "Wir stellen vor". Der Erfolg von Markus Kappe bei den Schülerweltmeisterschaften in Frankreich schaffte es nur in die Kurznachrichten, unten rechts.

In Groß:

Ebenfalls aus den Deutschen Schachblättern:

Das Begleitheft zur Deutsche Jugendmeisterschaft brachte Informationen zu den Spielern mit ihren Erfolgen:

Und hier ist eine Meldung zu einer regionalen Jugendmeisterschaft 1977 (Süddeutschland). Hier wurde Markus Kappe Zweiter hinter Klaus Bischoff.
 

Ein Jahr später wurde übrigens der Hamburger C-Jugend-Schülermeister vorgestellt. Der 15-Jährige kommentierte zwei eigene Partien. Johannes Fischer blieb der Schachwelt als Autor und Redakteur treu. "Wenn ich meine damaligen Kommentare betrachte, freue ich mich, dass sich mein Schreibstil im Laufe der Jahre doch etwas verbessert hat," kommentierte der Chefredakteur der englischen ChessBase Newsseite das Fundstück. "Dafür ist mir der zielorientierte Vorwärtsdrang von damals in meinen heutigen Schachpartien leider völlig verloren gegangen."

Das Fundstück aus dem Jahr 1978 soll der interessierten Schachöffentlichkeit nicht vorenthalten werden.

Zum Nachspielen:

 

 

 


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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herbert bastian herbert bastian 08.03.2021 10:13
herbert bastian Gerade
Mal wieder ein guter Artikel, aber eine Aussage ruft doch meinen Widerspruch hervor. Es stimmt keinesfalls, dass sich vor Bobby Fischer niemand für Schach interessierte, ganz im Gegenteil. 1966 trat ich einem Schachclub bei. Schon damals und auch zuvor war die Berichterstattung in den öffentlichen Medien zumindest im Saarland sehr viel besser als sie heute ist. In den fünfziger Jahren wurde von der Völklinger Hütte, die bis heute als Weltkulturerbe überlebt hat, ein großes internationales Blitzturnier mit sehr renommierten Großmeistern gesponsert. Und 1950 gab es in Saarbrücken ein bedeutendes Großmeisterturnier. Es gab große "Länderkampfe" zwischen dem Saarland und Lothringen, über die sogar berichtet wurde. Kann man heute alles vergessen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht nur im Saarland so war. Die Generationen, die bis vor wenigen Jahren ehrenamtlich im DSB, in den Verbänden und in den Vereinen tätig waren, wurden nicht erst durch den "Wettkampf des Jahrhunderts" begeistert. Richtig ist aber, dass es für das Vereinsschach den Fischer-Boom gab.
Juergen Evers Juergen Evers 07.03.2021 01:11
Schacharchäologie - Ausgrabungen in den 1970er Jahren

Es hat mich gefreut in der Abschlusstabelle der DJEM 1977 einen mir persönlich bekannten Namen zu finden, Jens-Uwe Pohl (*1958 in Husum /Nordsee) auf Platz 8 (derzeit beim MTV Leck /SH).
Sein schachlicher Werdegang hat ihn danach zum Lübecker SV geführt. Persönliche und berufliche Gründe haben ihn später weit in den Süden der BRD verschlagen. Als FM Jens-Uwe Pohl-Kümmel wurde er in mehreren Spielzeiten in der 2. Bundesliga eingesetzt. Noch 2011 wurde er Bayerischer Meister. Seit der Serie 2015/16 spielt er für SG Post Süd Regensburg in der Oberliga Bayern.
Andreas Saremba Andreas Saremba 04.03.2021 06:50
Ähnliche Erinnerungen habe ich auch. Das Telefon hing aber nicht nur an einer Schnur, sondern war in meinem Fall in einer sogenannten "Telefonzelle" montiert, da wir zuhause keines hatten. Und da es mein Ehrgeiz war, als Pressewart nach den Mannschaftskämpfen nicht nur unser Ergebnis, sondern alle Ergebnisse der Regionalliga Ostwestfalen mitsamt aktueller Tabelle in den beiden Lokalzeitungen zu präsentieren, musste ich mich gleich mehrmals in besagte Zelle begeben, natürlich bewaffnet mit einem ganzen Sack voller "Groschen" (das sind historische Münzen, die Älteren werden sich erinnern.).
Der Schwarzweißfilm aus der Spiegelreflexkamera war bis dahin entwickelt (natürlich mit selbst angesetztem Ilford-Entwickler), und anschließend war noch eine längere Sitzung in der Dunkelkammer fällig, um den Zeitungsbericht mit einem aktuellen Foto illustrieren zu können. Der Vorteil war immerhin, dass Schach von da an durch ein neues Hobby ergänzt wurde.
Der Mannschaftskampf war am Sonntag, am Montag wurde der Bericht zu den Redaktionen gebracht, und wenn man Glück hatte, stand schon am Dienstag ein superaktueller Schachartikel in der Zeitung. Das war 1976 und mutet natürlich ein wenig komisch an im Jahr 2021, wo selbst die Regierung schon neuzeitliche Kommunikationstechnik wie Faxgeräte einsetzt.
DoktorM DoktorM 04.03.2021 02:52
Es ist spannend, in die Vergangenheit zu reisen. Wer schon einmal die archivierten Vereinszeitungen eines Vereins Jahrzehnte später durchgeblättert hat, kennt das. Leider besitze ich selbst die alten Vereinszeitungen nicht mehr - aus Platzgründen. Mit Ausnahme der elektronischen Versionen einiger Jahrgänge, als ich selbst Pressewart gewesen bin.
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