Schachfestival in Mexiko City

23.10.2006 – Mexiko City soll im kommenden Jahr der Schauplatz des von der FIDE geplanten WM-Turniers sein. Schon jetzt stimmen sich die Mexikaner auf dieses große Ereignis ein und organisierten ein gigantisches Schachfestival, in dessen Mittelpunkt ein geplanter Rekord im Massensimultan stand. Nicht weniger als 14.000 Spieler sollten sich auf dem Zócalo (Platz der Verfassung) zum Schachspiel einfinden. Ob der bisherige von Havanna gehaltene Rekord tatsächlich gebrochen wurde, steht noch nicht fest. Zu den Ehrengästen des Festivals gehörten Anatoly Karpov, Viktor Kortschnoj, Sergey Karjakin und Alexandra Kosteniuk, die am Rande des Spektakels ein Schnellschachturnier spielten. Den von Dagobert Kohlmeyer verfassten Bericht verdanken wir dem Umstand, dass sein Flug nach Mexiko doch nicht in St. John (Kanada) endete, obwohl es zwischenzeitlich so aussah. Bericht und Bilder...

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Mexiko-City – der Wahnsinn!
Von Dagobert Kohlmeyer

Dieses Land fehlte noch in meiner Sammlung. Mexiko und seine Hauptstadt wollte ich schon immer einmal kennen lernen. Die Stadt, eine der gigantischsten unserer Welt, kann man mit wenigen Worten nicht beschreiben. Mexiko-City ist der reine Wahnsinn. In einem ausgetrockneten Seebett, aber über 2200 Meter hoch gelegen, hat sie eine riesige Fläche und über 20 Millionen Einwohner! Was für ein Moloch! Chaotischer Verkehr, Smog und Kriminalität laden auf den ersten Blick nicht zum Verwellen ein. Als kulturelles Zentrum mit bewegter Geschichte muss man Mexiko-City aber unbedingt erlebt haben.

Es ist großartig, eine Einladung zum „Festival de Ajedrez  Ciudad de Mexico 2006“  zu bekommen. Weniger schön, wenn man eine Woche auf sein Flugticket wartet, die Reise schon abhakt und dann doch am Abend zuvor, was sage ich, in den Nachtstunden vor dem geplanten Abflug noch in letzter Minute mit der Buchung beglückt wird. Also Koffer packen, Taxi rufen, Einchecken in Berlin-Tegel.

Am Schalter von Delta Airlines klopft mir jemand auf die Schulter. Großmeister Thomas Pähtz aus Erfurt ist zusammen mit zwei Trainern mit einer Gruppe von 16 Kindern unterwegs zur Jugend-WM in der Türkei. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute.

In der Boeing 767 ist Platz genug. Neben mir sitzt eine Frau aus Liberia. Odell ist Frisöse und lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Zurzeit jobbt sie in Berlin, fliegt aber jetzt zu ihrem Bruder nach New Jersey. Mann und Kinder sind zu Hause in Afrika. Globale Welt.

Der Flug über den Teich vergeht langsam, auch wenn die Crew uns mit verschiedenen Menüs und Filmen etwas Abwechslung bringt. Wir sehen „The devil wears prada“ mit Meryl Steep und „The lake house“ mit Sandra Bullock.

Nach etwa fünf Stunden Flugzeit meldet sich plötzlich der Kapitän:

„Wir haben etwas Druckabfall in der Kabine und müssen mal kurz in Neufundland herunter. Eigentlich brauchen wir es nicht, weil wir noch ein Extra-Versorgungssystem für Sauerstoff haben, aber zur Sicherheit tun wir es und tanken Oxygen auf.“ Selbst ein Vielflieger wie Anatoli Karpow, dem ich die Sache später erzähle, hat so etwas noch nicht erlebt. Wir landen in Sant John’s und sind damit in Kanada.

Hier hat 1988 eine Weltmeisterschaft im Blitzschach stattgefunden. Der unvergessene Michail Tal gewann damals.

Delta Airlines ist die zweitgrößte Fluggesellschaft der Welt und natürlich bedacht auf ihr Renommee. Sie spielen unsere kleine Havarie herunter. In einer Stunde geht es weiter, heißt es. Aber sie checken die Maschine weiter durch, tanken noch in aller Ruhe Kerosin, das wir wegen des Umwegs auch brauchen.

Aus der Stunde Zwischenaufenthalt werden drei. Ich kann meinen Anschlussflug in New York nach Mexiko vergessen.

Im JFK Airport gelandet, geht die Odyssee weiter. Der 17.30 Uhr Flieger ist längst weg. Der nächste Flug nach Mexiko-City geht erst in der Nacht um 1.50 Uhr. Sie haben mich dort natürlich nicht im Computer. Also muss ein neues Ticket gekauft werden. Die Zeit schleicht dahin, die Augen fallen zu. Um 6.00 Uhr mexikanischer Zeit (13 Uhr MESZ) lande ich endlich am Ziel. Jetzt bin ich 30 Stunden unterwegs.

Ein Taxi bringt mich ins noble Grand Hotel, das sich im historischen Zentrum der Stadt, direkt am berühmten Zócalo befindet.


Torre Latinoamericana


Am Campus von Mexiko City


Studentinnen schicken einen Gruß nach Deutschland

Schach fürs Guinness Buch

Auf diesem zentralen „Platz der Verfassung“ in der Riesenstadt wird am Sonntag das große Schach-Spektakel stattfinden. 14 000 Teilnehmer bei einer Simultanveranstaltung, das hat es zuvor noch nie gegeben. Ehrengast ist Exweltmeister Anatoli Karpow. Der Moskauer startet hier auf dem Zócalo auch einen Rekordversuch, und zwar im Autogrammschreiben, will während der Veranstaltung nicht weniger als 2000 Bücher signieren. Und Schachlegende Viktor Kortschnoi, die Jungstars Alexandra Kostenjuk und Sergej Karjakin sowie der mexikanische Großmeister Gilbert Hernandez spielen ein Schnellturnier. Organisator Hiquingari Carranza sagt mir, er habe mit Gott gesprochen, dass es am Sonntag nicht regnet.



An meinem Ankunftstag gibt Karpow eine Pressekonferenz und spielt in der Universität simultan. Anatoli ist seit 1972 zum dritten Mal in Mexiko. Der Exweltmeister findet das Land nicht nur wegen seiner Geschichte hochinteressant. „Man merkt nicht, dass man sich hier in Mexiko-City in über 2000 Meter Höhe befindet. Und es ist erstaunlich, wie aus einem kühlen Morgen, wenn die Sonne herauskommt, innerhalb weniger Minuten ein heißer Tag wird.“, sagt der Globetrotter in Sachen Schach.

Die Universität liegt etwa 40 Minuten mit dem Auto vom Hotel entfernt. Wir kämpfen uns durch Smog und dichten Verkehr. Der Campus ist eine ganze Stadt für sich. Hier soll es über 200 000 Stundenten geben. 25 glückliche von ihnen dürfen heute gegen den Maestro im Schach antreten.



Auf der Pressekonferenz, gekonnt moderiert vom spanischen Journalistenkollegen Leontxo Garcia, lobt Karpow die Schachbegeisterung in ganz Lateinamerika. Ob in Argentinien, Chile, Brasilien, Kuba, Venezuela oder Mexiko, überall wird das königliche Spiel gern betrieben. Etliche Schachschulen in den genannten Ländern tragen seinen Namen.

Karpow zeigt sich erfreut, dass sein Landsmann Wladimir Kramnik in Elista die Schachkrone gegen Weselin Topalow erobert hat und spricht sich klar dafür aus, den Weltmeister auch künftig in einem Match zu ermitteln. Die K.-o.-Turniere der FIDE sollte man ein für allemal abschaffen. Der FIDE-Präsident habe wohl inzwischen auch realisiert, dass man zum klassischen WM-System zurückkehren muss.

Dann geht es an die Bretter. Gegen starke Konkurrenz gewinnt Karpow 21 Partien und gibt vier Remis ab. Die Veranstaltung wird von den mexikanischen Medien stark frequentiert. Für alle Beteiligten ist es aber nur das „warm up“ für den Sonntag.

Festival de Ajedrez 2006 in Mexiko-City
Von Dagobert Kohlmeyer, Mexiko

Das war ein Festtag des Schachs in Mexiko-City! Die Riesenstadt erlebte am Sonntag eine spektakuläre Simultanveranstaltung, wie es sie vorher noch nicht gegeben hat. Auf dem berühmten Zócalo (Platz der Verfassung) im historischen Zentrum trafen sich 14 000 Schachbegeisterte, um einen neuen Rekord für das Guinness Buch zu markieren.


Viele Menschen


Sehr viele Menschen


Wirklich viele Menschen

Der Aufbau von Tischen und Stühlen hatte schon in der Nacht zuvor begonnen. Es war ein farbenfrohes Bild, wie sich das Areal ab morgens 9 Uhr langsam mit den Teilnehmern füllte. Ganze Familien kamen, jeder vom Opa bis zum Baby wollte dabei sein. Die verschiedenen Sektoren waren durch die Farben Schwarz, Weiß, Rot und Grün markiert. Die meisten Spielerinnen- und Spieler trugen T-Shirts mit dem Logo der Veranstaltung. Viele der Simultangeber hatten ein „Maestro“ auf der Brust.


Rot, rot, rot




Kein Kopftuchverbot in Mexiko

Bisher lag die Bestmarke bei 13 500 Teilnehmern, aufgestellt im Frühjahr 2005 in Kuba. Der damalige Schirmherr Anatoli Karpow erinnert sich: „Gespielt wurde auf dem großen Che Guevara-Platz in der Stadt Santa Maria. Etwa 600 Simultanspieler hatten jeweils 20 bis 25 Gegner. So kam der Rekord zustande. Alles war bestens organisiert, die Begeisterung riesig.“

Der Exweltmeister aus Russland war auch diesmal in Mexiko dabei, aber in anderer Mission. Als Ehrengast der Veranstaltung startete die Schachlegende auf dem Zócalo einen ganz eigenen Rekordversuch, und zwar im Autogrammschreiben.

Während der Veranstaltung signierte Karpow cirka 2000 Bücher. Es handelte sich um eine Karpow-Biographie des spanischen Schachjournalisten David Llanda, die auch zahlreiche Fotos und Glanzpartien des Maestros enthält.

Nach fünf Stunden Schwerstarbeit hatte Karpow bzw. seine rechte Hand genug und David Llanda löste ihn ab, so groß war die Nachfrage nach dem Buch.

Im Nachbarzelt war mit Viktor Kortschnoi eine andere Schachlegende aktiv. Der ehemalige Rivale Karpows (sie bestritten ein Kandidatenmatch und zwei WM-Kämpfe) spielte ein Schnellturnier mit den Jungstars Alexandra Kostenjuk (Russland) und Sergej Karjakin (Ukraine) sowie dem mexikanischen Großmeister Gilbert Hernandez.





Und wieder einmal zeigte Viktor der Schreckliche trotz seiner 75 Jahre Stehvermögen. Sergej Karjakin wurde seiner Favoritenrolle gerecht und gewann souverän. Nachdem er Alexandra Kostenjuk in der fünften Runde mit Weiß schön ausmanövriert hatte, stand der Ukrainer schon vorzeitig als Sieger fest.

Sergej konnte sich dann im Schlussdurchgang eine Niederlage gegen Lokalmatador Hernandez leisten, der aber trotzdem nicht über den letzten Platz hinauskam. Endstand: 1. Sergej Karjakin 4 aus 6, 2.- 3. Viktor Kortschnoi, Alexandra Kostenjuk je 3, 4. Hernandez 2.

Der Gouverneur von Mexiko-City schaute als Schirmherr vorbei, musste viele Hände schütteln und freute sich, dass auf dem riesigen Platz vor allem die jungen Schachspieler in der Mehrzahl waren.


Der Governeur

Die Bitte von Organisator Hiquingari Carranza an den lieben Gott wurde tatsächlich erhört, dass es am Sonntag nicht regnen möge. Strahlender Sonnenschein und leichte Wolken lösten sich ab, es blieb wie schon an den Tagen zuvor in Mexiko-Stadt trocken.

Auch wenn die Veranstaltung wegen ihrer unglaublichen Dimension verspätet begann und bis zur Stunde noch nicht ganz klar ist, ob die Zahl 14 000 auch erreicht wurde, war es ein großartiger Erfolg und eine tolle Werbung für das Schach. Karpow, der die Verhältnisse in Lateinamerika durch viele Besuche ganz gut kennt, berichtete, dass Schulschach in vielen Ländern des Subkontinents, ob in Argentinien, Brasilien, Kuba oder Mexiko eine große Bedeutung hat und zunehmend Eingang in die Lehrpläne findet.

Der Exweltmeister war schon einige Tage eher angereist und überzeugte sich in zwei mexikanischen Provinzen mit eigenen Augen von den Fortschritten im Schulschach. Karpow war hier mit Abstand der gefragteste Gesprächspartner. Kaum eine TV- oder Rundfunkstation ließ es sich nehmen, ihn zu interviewen.

Einen Tag vor dem Großereignis besuchten die prominenten Schachspieler (mit Ausnahme von Viktor Kortschnoi) die berühmten Pyramiden von Teotihuacán. Die Ruinenstadt mit den stolzen Bauwerken liegt etwa 50 Kilometer nordöstlich von Mexiko-Stadt. Auch wenn wir im heißen Stadtzentrum ewig lange auf den Bus warten mussten


Warten auf den Bus: Alexandra Kosteniuk und Anatoly Karpov

(die Mexikaner sind wahrlich keine Weltmeister im Organisieren) war die Tour für alle ein unvergessliches Erlebnis. Alexandra Kostenjuk und Sergej Karjakin hatten die Sonnenpyramide als erste erklommen, doch auch der fülliger gewordene Anatoli Karpow schaffte es locker und bewies damit seine gute Kondition.


Gipfelstürmer


Anatoly Karpov: Beim Abstieg ganz vorne

Das etwa 200 Jahre vor Christi entstandene Bauwerk hat immerhin eine Höhe von 70 Metern. Die Luna-Pyramide, ein Stück weiter gelegen, ist kleiner. Seit 1987 steht das ganze Areal auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Wieder einmal zeigte es sich, dass Schachreisen auch sehr bildend sein können.

 

 

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

 

 

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