Schachfestival und Natur im Norden Europas

02.09.2010 – Mit dem Erscheinen von Magnus Carlsen wurde auch das norwegische Schach ins rechte Licht gerückt. Früher war es das alljährliche Turnier in Gausdal, das viele Schachspieler nach Norwegen lockte. Nun hat Tromsø diese Rolle übernommen. In vier Jahren möchte die Gemeinde gerne die Schacholympiade ausrichten und wäre dann für zwei Wochen die Schachhauptstadt der Welt. Tromsø ist einer der nördlichsten Turnierorte der Welt. Doch in Norwegen kann man noch weiter nördlich Schach spielen. Seit 1981 gibt es ein Schachfestival in Vadsø. Meist sieht man hier russische Schachspieler zu Gast. Wieso das denn? Sergey Tiviakov hat das Turnier in diesem Jahr gewonnen und seine Erlebnisse in Bildern festgehalten.Turnierseite... Vadsøsjakken...

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Vadsøsjakken
Fotos: Turnierseite/ Sergey Tiviakov

Bekanntlich befindet sich das Südende von Norwegen nicht allzu weit von Dänemark entfernt. Hier fängt Norwegen also an. Aber wo hört es auf? Als Leser von Douglas Adams Geschichtswerk "Per Anhalter durch die Galaxis" wissen wir alle, dass die Küste von Norwegen mit seinen wunderschönen Fjorden einst von Slartibartfaß, als Auftragsarbeit der Mäuse, gestaltet wurde. Slartibartfaß erhielt dafür - völlig zurecht - einen Designpreis. Tatsächlich kann man sein Werk aber erst richtig würdigen, wenn man sich die Größe, oder besser Länge, des Landes vor Augen führt. Die Nord-Südausstreckung beträgt nämlich nicht weniger als 3800 km. Bundesligaschachspieler, die die Reise von München nach Hamburg (Entfernung: 610 km) schon für eine Zumutung halten, müssen froh sein, nicht in der norwegischen Liga ihre bescheidenen Brötchen verdienen zu müssen.

Eigentlich erstreckt sich Norwegen aber nicht nur nach Norden, sondern - zum Ende hin immer mehr - auch nach Osten. Wer also einmal die Küste komplett entlang fährt, stößt am Ende auf die Grenze zwischen Norwegen und ... Russland. Hoppla? Doch es stimmt. Norwegen und Russland besitzen eine gemeinsame Grenze und es gibt zwischen den beiden Ländern auch Kooperationen, z.B. in Bezug auf den Abbau von Bodenschätzen auf der Insel Spitsbergen, die noch ein ganzes Stück weiter nördlich liegt. Russische und ukrainische Bergarbeiter bauten hier lange norwegische Kohle ab.

Die norwegisch-russische Freundschaft wurde übrigens 2006 mit einem Schachwettkampf gewürdigt. In Longyearbyen spielten Magnus Carlsen und Peter Svidler gegeneinander.

Magnus Carlsen hat nicht nur das norwegische Schach beflügelt. Die Ausstrahlung des einstigen "Wunderkindes", das mit nun 19 Jahren als jüngster Spieler aller Zeiten die Weltrangliste anführt, ist überall in den skandinavischen Ländern zu spüren. Man wird sehen, ob und wie sehr dies auch das norwegische Vereins- und Turnierschach befruchten wird. Mit 5 Mio. Einwohnen auf einer riesigen Fläche gibt es in Norwegen allerdings eine sehr viel schlechtere Ausgangssituation als z.B. in Deutschland, wo man mit Auto, Zug oder Bus relativ schnell überall hinfahren kann, um ein Turnier oder einen Wettkampf zu spielen. 

Früher wurde das norwegische Turnierschach vor allem durch die Offenen Turniere in Gausdal, eigentlich ein Wintersportort, repräsentiert. Auch Magnus Carlsen hat hier als Kind mitgespielt. Nun ist es die Gemeinde Tromsø, die die Rolle von Gausdal übernommen. Einmal im Jahr findet hier das Arctic Chess Open statt. 2014 möchten die norwegischen Schachfreunde die Schacholympiade in Tromsø ausrichten.

Tromsø liegt selbst für norwegische Verhältnisse ziemlich weit im Norden. Von hier gesehen müsste man zur Südspitze Grönlands oder nach Islands in südliche Richtung fahren. Doch Norwegen ist hier noch lange nicht zu Ende. Wenn man von Tromsø aus weiter der norwegischen Küste folgt, die sich nun immer mehr nach Osten wendet, erreicht man irgendwann Hammerfest, das für sich als "nördlichste Stadt Europas" wirbt. Und von Hammerfest ist es dann nicht mehr weit - vielleicht 250 km - nach Vädsø.


Vadsø

Hierhin könnte man ganz gut - falls man etwas Zeit für die Reise mitgebracht hat - mit dem Schiff fahren. Die Endstation der Hurtigruten ist das nahe gelegene Kirkenes. 

Die nächste größer Stadt in der Nähe von Vädsø ist übrigens Mumansk, das bekanntlich schon in Russland liegt. Hier ist man ohne Zweifel sehr weit im Norden Europas. Aber in Vädsø befindet man sich nun auch sehr weit im Osten des Kontinents. Der Ort liegt tatsächlich noch weiter östlich als Istanbul.

Vadsø (6062 Einwohner) schafft es eher selten in die internationalen Schlagzeilen. Immerhin: In den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhundert brach Umberto Noblie von hier mit seinen Luftschiffen auf, um über den Nordpol zu fliegen. Der Ankermast, an dem das Luftschiff festgebunden wurde, kann heute noch bewundert werden.


Nobiles Ankermast (Bild: Wikipedia)

Am 12. Mai 1926 flog Nobile zusammen mit Amundsen und dem Sponsor Lincoln Ellsworth als Erster über den Nordpol. Unter keinem guten Stern stand seiner zweiter Flug zum nördlichsten Punkt der Erde, der er diesmal ohne Ammundsen, mit dem Lufschiff Italia unternahm  Am 23. Mai 1928 brach er auf, erreicht am 24. Mai den Nordpol und stürze am 25.Mai auf dem Rückweg ab. Zusammen mit neun anderen Expeditionsmitgliedern konnte Nobile sich auf eine Eisscholle retten und wurde nach einigen Tagen geborgen. Ein russische Funkamateur hatte die Notsignale aufgefangen. Roald Amundsen, der von Tromsø aus ebenfalls zu einer Rettungsaktion gestartet war, kam bei diesem Versuch um.

Obwohl man in Vädsø nun wirklich weit weg vom übrigen Europa ist, blieb man auch hier von bestimmten kulturellen Entwicklungen des Kontinents im Laufe der Geschichte nicht völlig unberührt. So gab es im frühen 17.Jahrhundert auch in der Finnmark eine Reihe von Hexenprozessen,

In Nordnorwegen lebt neben den Samen (Lappen) die Volksgruppe der Kvenen, die ethnisch zu den Finnen gehören, sich kulturell aber den Samen angepasst haben. Etwa 10.000 Kvenen werden gezählt, die in Norwegen als Minderheit besondere Rechte genießen. Die Sprache der Kvenen ist das Kvenische, ein Dialekt des Finnischen. Allerdings gibt es nur noch geschätzte 2000 bis 5000 Sprecher dieser Sprache, da das Kvenische lange Zeit verboten war und unterdrückt wurde und erst seit 1970 wieder gefördert wird. Vadsø ist die Hauptstadt der Kvenen.

Man könnte meinen, dass die Ausstrahlung des norwegischen Weltranglistenersten Magnus Carlsen selbst bis an den äußersten Rand Europas reicht, - und das ist vermutlich auch der Fall - doch in Wirklichkeit gab es in Vadsø schon 1981 das erst Schachfestival. Vereinspräsident Svein Harald Johnsen vom Vadsø Chess Club wies auch daraufhin, dass man seit 1996 über die Turniere im Internet berichtet. Das Internetarchiv des "Vadsøsjakken" reicht lückenlos bis zum Jahr 2000 zurück. Einer der Gäste vor zehn Jahren war Evgeny Gunin mit seiner Tochter Valentina


Damals

Letztes Wochenende hat die 21-Jährige mit 17 aus 17 die Moskauer Blitzmeisterschaft der Frauen gewonnen.

 


... und heute: Valentina Gunina (Foto: Yana Melnikova)

Wenn irgendwo auf der Welt an einer entlegenen Stelle Schach gespielt wird, gibt es eine gute Chance, dass Sergey Tiviakov teilnimmt. Der frühere Europameister gewann das Turnier, nachdem er in der letzten Runden den bis dato überraschend führenden Nicolais Getz (Oslo) schlagen konnte. Getz und Jovanka Houska teilten sich die Plätze. Die IMs Grønn and Feoktistov teilten sich mit Boitsov und Røyset, die Plätze Vier bis Sieben. Eine Reihe von Schachfreunden waren auch aus Tromsø angereist. Alles in allem nahmen 55 Spieler teil. Die nachfolgenden Bildimpressionen aus  Vadsø und der Umgebung verdanken wir dem Turniersieger. Die Bilder vom Turnier haben die Schachfreunde aus  Vadsø dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

 

André Schulz


Die Preisträger der drei Turniere





A.Esbensen (re.) - Hagesæther, remis


Houska und Tiviakov


IM Houska - IM Grønn, remis


Der spätere Sieger und Berichterstatter, Sergey Tivuakov


Tiviakov - Getz 1-0

Vadsøsjakken 2010 - Endstand

 

 Pl. Navn                      Klubb          Elo  1   2   3   4   5  Poeng Prestasjon 
  1. GM Sergei Tiviakov                      2623 +19 +05 =02 +16 +03   4.5  2688( +2) 
  2. IM Jovanka Houska         Bergens       2421 +18 +09 =01 =05 +12   4.0  2511( +4) 
  3. Nicolai Getz              OSS           2252 +14 +04 +17 +08 -01   4.0  2520(+25) 
  4. IM Aleksei A Feoktistov   Murmansk      2424 +11 -03 +09 =06 +15   3.5  2315( -4) 
  5. IM Atle Grønn             OSS           2378 +20 -01 +15 =02 +14   3.5  2424( +2) 
  6. Gennadij Boitsov          Murmansk      2224 =22 =10 +26 =04 +17   3.5  2276( +5) 
  7. Pål Røyset                Tromsø        2060 +26 =23 -08 +17 +16   3.5  2206(+15) 
  8. Leonid Lubnin             Murmansk      2178 =25 +24 +07 -03 =11   3.0  2144( -4) 
  9. Benjamin Arvola           Tromsø        2170 +21 -02 -04 +18 +20   3.0  2277(+11) 
 10. Arkadi Dezhurko           Murmansk      2151 =15 =06 -13 +21 +23   3.0  2172( +2) 
 11. Andreas Esbensen          Team Bjørnsen 2050 -04 =14 +19 +22 =08   3.0  2185(+14) 
 12. Gunnar Berg Hanssen       Tromsø        2085 +28 -17 +18 +13 -02   3.0  2184(+11) 
 13. Evgenij Tsjembajev        Murmansk      2203 -17 +28 +10 -12 +22   3.0  2114( -9) 
 14. Arne Hagesæther           Hauge         2081 -03 =11 +25 +23 -05   2.5  2122( +4) 
 15. Elias Demac               Alta          2112 =10 +22 -05 +24 -04   2.5  2211(+10) 
 16. Kristian Stuvik Holm      Hamar         2035 =24 +25 +23 -01 -07   2.5  2093( +9) 
 17. Peter Flermoen            Harstad       2110 +13 +12 -03 -07 -06   2.0  2092( -2) 
 18. Arnold Andreassen         Tromsø        2098 -02 +21 -12 -09 +26   2.0  2040( -6) 
 19. Magnus Aanstad            Narvik        1896 -01 =20 -11 +25 =24   2.0  2016(+11) 
 20. WFM Anna Savenkova        Murmansk      2141 -05 =19 =24 +26 -09   2.0  2021(-13) 
 21. Tron Walseth              Team Bjørnsen 1950 -09 -18 +28 -10 +27   2.0  1890( -6) 
 22. FM Tor Kristian Schølseth Kirkenes      2017 =06 -15 +27 -11 -13   1.5  1911(-10) 
 23. Kjell Ole Kristensen      Narvik        2017 +27 =07 -16 -14 -10   1.5  1860(-16) 
 24. Mikael Rølvåg             Narvik        2086 =16 -08 =20 -15 =19   1.5  1924(-16) 
 25. Aksel Brasøy              Alta          1917 =08 -16 -14 -19 +28   1.5  1824( -9) 
 26. Kjell Magne Johnsen       Vadsø         1937 -07 +27 -06 -20 -18   1.0  1806(-11) 
 27. Jan Svenske               Strømmen      1717 -23 -26 -22 +28 -21   1.0  1677( -3) 
 28. Gunnar Bue                Tønsberg      1674 -12 -13 -21 -27 -25   0.0  1526(-14)

 

 

 


Impressionen vom Nordrand Europas

Vadsø


Vadsø - Wenig Staus


Die Kirche von Vadsø


Rica Hotel, Vadsø



Das 1977 eingeweihte Denkmal für die finnischen Einwanderer (Kvenen)


Der Hafen




Schiffer-Denkmal


Besuch im Sami-Museum in Varangerbotn


Webseite des Museums...
 


Archaische Nahrungsbeschaffung der Sami auf dem Wasser


Oder so. Kann aber auch umgekehrt ausgehen


Nachbau einer samischen Erdhütte


Einraumwohnung. Die Spieler waren aber in einem Hotel untergebracht


Wenig Importartikel aus China hier im Norden


Mortensnes

Der "Mortensnes kultursti" ist Teil des Varanger samiske museum. Auf dem Gelände findet man eine Reihe von bedeutenden Kulturdenkmälern Skandinaviens, die eine dauerhafte Besiedlung seit 10.000 Jahren bezeugen. Aufgrund der Landhebung findet man die älteren Spuren in den höher gelegenen Gebieten, die jüngeren Besiedlungsspuren liegen näher and er Küste.


Besucher: Da kommen Jovanka Houska und Arne Hagesæther
 


Nun besser zu erkennen


Hier ist das Moos gelb


Ein "heiliger Berg"


Der "Tran- oder Gragsesteinen"


Der Stein ist von 13 Steinringen umgeben

Zur Entstehung dieses Steindenkmales gibt es eine Legende: Angeblich soll der im ganzen Samenland bekannte finnische Schamane Beaivi-Vuolab einst nach Varanger zum Fischen gekommen sein und wurde nun von den Einwohnern hier genötigt, seine Macht zu beweisen.
Er hob daraufhin einen gewaltigen Stein vom Boden auf warf ihn dann mit aller Kraft zu Boden. "Dieser Stein, Ceavccageadgi ist sein Name, kann an einem Platz nahe der Küste auf der Nordseite des Varangerfjorden gesehen werden," heißt es in der Legende.

 



Jovanka Houska hält den Transtein fest


Wer ist hier begraben?


Die Reste eines alten Hauses, 10.000 Jahre alt?


 


Bäume gibt es eher weniger


Beeren im nördlichsten Europa: Blaubeeren...


... und Johannisbeeren


Blick über den Fjord
 


Nördliche Lichtspiele


Die Schafte genießen den Ausblick aufs Meer


Anhand des Zahnbildes konnte die Identität des Tieres festgestellt werden.

 


Am Varanger-Fjord

 





Nun doch ein Wald



 

 

 

 

 

 


Themen: Vadsö
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