Die zweite Runde in der offenen Meisterklasse stand ganz im Zeichen der Spieler ohne GM-Titel, die ihre GM-Gegner am Brett arbeiten ließen und am Ende jeweils mit einem Remis den Turniersaal verließen. Den wohl glücklichsten Sieg erreichte Georg Braun gegen Dmitrij Kollars. Im Turmendspiel verrechnete sich Kollars in einer Variante und wurde dann von Braun überrascht.
62...Ta4+ hätte den weißen König eine Reihe weiter an den Rand gedrängt, z.B. 63.Kd2, und dem eigenen e-Bauern die Möglichkeit für 63...e4 gegeben. So hätte Kollars weiter auf Sieg spielen können.
Zwischen Rasmus Svane und Bennet Hagner war die Situation nicht so eindeutig. Rasmus Svane hatte sich einen Vorteil gegen Bennet Hagner erspielt, dann wickelten sie die Partie in ein Turmendspiel ab.
Ins Turmendspiel startete Weiß mit einem Mehrbauern, gab diesen aber ab. Svane hatte weiterhin einen Vorteil, aus praktischer Sicht war es aber schwierig, den Vorteil in einen Sieg umzuwandeln. Bennet Hagner nutzte einen Fehler von Rasmus Svane aus und rettete sich so in ein Remis.
Warum in dieser Stellung 44.b6 den Vorteil einstellt ist auf dem ersten Blick kompliziert zu sehen. Besser wäre 44.g4 gewesen. 44.b6 hat den Nachteil, dass der Bauer dem schwarzen König noch entgegenläuft und so schlechter geschützt werden kann. Gleichzeitig stehen die anderen Bauern noch nicht sicher genug. Warum sich 44.g4 gelohnt hätte, zeigte sich dann konkret nach 48.Tb6-b3.
49.Txh6 hätte hier anstelle von 49.g4 noch ein Tempo gespart, aber der Vorteil lässt sich auch mit dieser Variante nicht mehr zurückholen.
Niclas Huschenbeth und Tobias Kügel überraschten sich gegenseitig bei der Eröffnungswahl. Tobias Kügel spielte 1.e4 und wider aller Erwartungen begann Niclas Huschenbeth nicht mit 1...c5, ist er doch für seinen Najdorf-Sizilianer berühmt, sondern mit 1...e5. Elisabeth Pähtz und Katharina Reinecke kommentierten die Partien an diesem Tag für den SchachdeutschlandTV-Livestream. Elisabeth Pähtz stellte sich zur Partie zwischen Tobias Kügel und Niclas Huschenbeth die Frage, weshalb Huschenbeth sich hier für den remisträchtigeren Zug 1...e5 entschied, wenn er doch sogar Kursautor für Sizilianisch war. Was das Publikum überrascht, überrascht den Gegner aber wahrscheinlich auch. Im vergangenen Jahr bei der deutschen Meisterschaft hatte Huschenbeth gegen Rasmus Svane eine wesentlich größere Überraschung ausgepackt als 1...e5. Überraschungen machen die Eröffnungswahl von Huschenbeth öfter aus.
Im dritten Zug (nach 1.4 e5 2.Sf3 Sc6) war dann Tobias Kügel an der Reihe, um Huschenbeth zu überraschen. In der MegaDatabase tauchen vor allem Partien von Kügel auf, in denen er Spanisch (3.Lb5) oder Italienisch (3.Lc4) spielte, entschied sich an diesem Tag aber für das Vierspringerspiel (3.Sc3), laut Pähtz eine Eröffnung, die remisträchtig werden kann. Auch nach dieser Stellung konnte noch alles passieren, aus dem Remisbereich schaffte es Huschenbeth jedoch nicht. Sie wickelten die Partie letztendlich in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern ab und beendeten die Partie mit einer dreifachen Stellungswiederholung.
Eine Partie endete in der offenen Meisterklasse nicht in einem Remis. Leonardo Costa besiegte Luis Engel, der am Vortag noch gewonnen hatte.
Ein weiteres Endspiel, das anders ausgehen hätte können, war das Endspiel zwischen Olga Babiy und Charis Peglau. Sie hätten eine dreifache Stellungswiederholung haben können, dann spielte Olga Babiy weiter, bekam dann auch eine Gewinnchance und verpasste diese. Danach endete die Partie doch in einem Remis.
Charis Peglau beging einen Fehler mit 74.Ta1, weil sie damit Haus und Hof für 74...Txe1 75.Txe1 f1D öffnete. Auch 75.Ta6+ hätte das Leiden nur verzögert. Mit 74...Kf5 gab Olga Babiy die Gewinnchance aber direkt wieder ab. 75.a8D war der Zug, der den Läufer ablenkte, der eigentlich den e-Bauern deckte und sorgte so dafür, dass die Partie in einem Remis endete. Die Partie zwischen den beiden Spielerinnen dauerte am längsten, d.h. diese Fehler passierten nach langen anstrengenden Stunden am Brett. Die Partie endete in einem Remis.
In dieser Runde erreichten drei Spielerinnen einen Sieg. Lara Schulze besiegte Lisa Sickmann, Jana Schneider bremste die vorherige Tabellenführerin Sarah Papp aus und Dinara Wagner wurde ihrer Favoritinnenrolle gerecht und besiegte Josefine Safarli.
Mit diesen Ergebnissen mischen sich die Karten neu. Im Livestream diskutierten Elisabeth Pähtz und Lara Schulze über Schulzes Weg zum WGM-Titel. Bisher hat Lara Schulze noch keine WGM-Norm. Mit dem Feld dieser Gruppe bräuchte Schulze aufgrund des Eloschnitts eine hohe Punktzahl, um die entsprechende Performance (mind. 2400) zu erreichen, die sie für eine Norm benötigte. Schulze berichtete, dass sie die benötigte Turnierleistung schon öfter erreicht hatte, dies aber nicht in Rahmen von Normenturnieren stattfand. In Turnieren, in denen die formalen Umstände gegeben waren, um eine Norm zu erreichen, fehlten ihr bisher die passenden Ergebnisse.