Schachmagazin 64: Interview mit Matthias Wüllenweber

09.12.2021 – Schachmagazin 64 aus dem Bremer Schünemann Verlag ist Deutschlands erstes vollfarbiges Schachmagazin. Chefredakteur Otto Borik sorgt neben aktuellen Turnierberichten und Partieanalysen auch für interessante Test- , Lern-und Trainingsinhalte. In Interviews werden Personen der Schachfamilie vorgestellt. Im aktuellen Heft gibt ChessBase-Gründer und Chefentwickler Matthias Wüllenweber im Interview mit Stefan Liebig Einblicke in die ChessBase-Geschichte.

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Per Anhalter durch die Taktikgalaxis

ChessBase und Fritz, Schach.de und Fritz & Fertig – die Produkte aus dem Hause ChessBase haben die Schachwelt verändert. Im Interview gibt Geschäftsführer Matthias Wüllenweber Einblicke in Geschichte und Ziele des Hamburger Unternehmens | Von Stefan Liebig

35 Jahre ChessBase, 30 Jahre Fritz, 20 Jahre Schachserver und auch 20 Jahre Fritz & Fertig – man sollte meinen die Korken knallen am laufenden Band bei ChessBase in Hamburg. Doch weit gefehlt, wie Geschäftsführer Matthias Wüllenweber sagt: „Ich hätte mir das alles nicht träumen lassen und selbst an diese 30 Jahre gar nicht gedacht. Aber es ist wie ein runder Geburtstag – ganz schön, aber wir schauen lieber nach vorne und denken darüber nach, wie wir uns für die Zukunft aufstellen.“ Hört sich sehr nüchtern an – Computerwelt eben. Aber weit gefehlt: Im Interview berichtet der ChessBase-Erfinder mit seinem leichten rheinischen Akzent und sympathischen Humor, wie wichtig Emotionen sind bei der künftigen Aufstellung seines Unternehmens, das die Schachwelt verändert hat wie kein anderes.

Interview mit Matthias Wüllenweber

Herr Wüllenweber, spielen die ChessBase-Mitarbeiter eigentlich den ganzen Tag Schach?

Fast 35 Jahre stimmte das nicht für mich. Aber in den letzten Monaten habe ich so viel Schach gespielt, wie noch nie zuvor in meinem Job. Schuld ist eine neue Funktion, die wir für Fritz 18 entwickelt haben. Damit kann man Glanzpartien gegen das Programm spielen.

„Geführt – berührt“ lautet das Motto von Fritz 18. Sie wortspielen also mit einer wichtigen Schachregel.

Mit subtilen Tipps unterstützt Fritz 18 beim Spielen von Angriffspartien. Das Programm sagt nicht: „Spiele Springer g5“, sondern „verstärke Deinen Angriff mit einer Leichtfigur“. Diese Tipps bringen einen auf den richtigen Weg – man wird geführt. Gleichzeitig spielt das Programm leicht suboptimale Züge, die es dem Spieler ermöglichen, spektakulär taktisch zu gewinnen. Ich hätte das selber nicht für möglich gehalten und mich fasziniert das so sehr, dass ich kaum davon loskomme, immer wieder selbst dagegen zu spielen: Jede Partie wird durch eine aufregende Aktion entschieden. Plötzlich spiele ich Marshall-Gambit!!! Alle hier sind begeistert von diesem Feature und schicken ihre geführten Glanzpartien an die Kollegen. Und das ist der emotionale Teil: Jeder wird berührt, weil es ein aufregendes Erlebnis ist, solche Partien zu spielen.

Sie selbst sind eher ein Positionsspieler?

Schachlich eher ein Feigling! (lacht)

Feigling im Spiel – das gilt aber nicht fürs Leben. Sie haben sehr viel aufgebaut.

Man wächst in sowas rein und es entsteht eine Eigendynamik. Die Zeit war reif, und einer musste es halt machen. Das war zufällig ich. Der Widerhall in der Schachszene zeigte sofort: Es macht Sinn, die Idee einer Schachdatenbank zu verfolgen.

Für diese Idee benötigten Sie aber Grundlagen. Was trieb Sie in der Frühphase der Computerentwicklung an, zu programmieren?

Das Programmieren ist in sich faszinierend. Man löst komplexe Probleme und erschafft Werkzeuge für sich selbst. In der damaligen Zeit ging es beim Programmieren vor allem darum, eigene Probleme zu lösen. So war es auch bei mir: Ich wollte mein Eröffnungsrepertoire effizient verwalten können – ohne kompliziertes Zettelsystem. Programmieren ist für mich auch heute noch eine sehr befriedigende Tätigkeit: Zu sehen, es entsteht etwas, das andere nutzen können. Der Unterschied zu früher: Heute braucht man ein größeres Team.

Sie hatten damals selbst Ambitionen?

Ja, ich spielte – was für mich eine große Ehre war – an Brett 1 meines schottischen Uni-Teams. Ich hatte Gegner beginnend bei einem 1600er-Rating bis hin zu Internationalen Meistern. Ich wollte vorbereitet sein.

Wann dachten Sie erstmals daran, dies beruflich zu machen?

Als ich merkte, die Datenbank könnte auch für andere interessant sein, schrieb ich Briefe – das machte man damals ja noch – an den Deutschen Schachbund, an Verbände, an Schachzeitschriften und Computerexperten. Zwei Leute haben mir geantwortet: Das waren Otto Borik und Frederic Friedel. Otto Borik hatte sofort das richtige Bauchgefühl, dass dieses Thema für die Schachwelt bedeutend werden könnte und er auch das Schach Magazin 64 damit effizienter produzieren würde. Frederic Friedel hatte Kontakt zu Topspielern und erkannte, wie sinnvoll diese Idee zur Vorbereitung eingesetzt werden könnte.

Wie fühlte sich das an?

Ich war 24 Jahre, und plötzlich öffnete sich ein Weg zu meinen Helden aus der Schachszene. Das war toll.

In der Geschichte von ChessBase stößt man immer wieder auf den Namen Garri Kasparow. Wann trafen Sie sich erstmals?

Frederic Friedel hatte über eine Veranstaltung in Hamburg und die Dortmunder Jugend-Weltmeisterschaft Kontakt zu Garri Kasparow. Als Kasparow dann sein Kandidatenmatch gegen Tony Miles in Basel spielte, lud mich Frederic ein, ihn dorthin zu begleiten, um Kasparow das Programm vorzustellen. Kasparow war spontan begeistert. Aber es war auch amüsant: Ich zeigte die Software anhand einer Partie und Kasparow erfasste das technische Konzept sofort. Doch dann vertiefte er sich in die Partie und es ging um Varianten, also um Schach. (Lacht) Das werde ich nie vergessen …

Hat Kasparow die Innovationskraft erkannt?

Ja, er wollte, dass wir das vorantreiben.

Wollte er es vielleicht sogar nur für sich?

Nein, da war er entspannt, doch wie auch der wesentlich ältere Viktor Kortschnoi erkannte er sofort: Hier ändert sich was! Diesen Zug darf man nicht verpassen!

Was dachten Sie als Sie Basel wieder verließen?

Ich war enorm aufgeregt. Ich konzentrierte mich auf die Datenbank und unterbrach mein Studium für mehrere Jahre. Ich wollte mich voll auf ChessBase konzentrieren. Heute würde man sagen: Wir gründeten ein Startup. Das Wort gab es natürlich Ende der 1980er-Jahre noch nicht.

Wie ging es weiter?

Die Spieler waren enorm interessiert. Sie besaßen damals keine Computer. Sie betraten Neuland und kauften sich Atari-Rechner mit dem einzigen Zweck, damit ChessBase zu betreiben.

Wie brachten Sie das Projekt voran?

Wir waren Pioniere. Die Bedingungen waren haarsträubend verglichen mit heute. Es gab keine E-Mail. Telefone hatten lange Kabel und Wählscheiben. Wir speicherten auf Disketten und verschickten sie per Post. Täglich musste man also den letztmöglichen Versandtermin der Post einhalten, um Daten pünktlich auf den Weg zu bringen.

Welche wichtigen Schritte folgten?

Für mich stand das Digitalisieren der Daten und die Abschaffung von Papier im Fokus. Doch es zeigte sich, dass unser Produkt gerade für den Druck von Turnierbulletins interessant sein sollte. Wir fuhren zu vielen Spitzenturnieren. Das waren für mich gewaltige Erlebnisse: Ich lernte die Stars kennen, präsentierte ChessBase und unterstützte die Organisatoren beim Druck der Turnierberichte. Eine tolle Zeit …

Bestand in dieser Zeit der Kontakt zu Kasparow noch?

Ja. Wichtig für uns waren seine Simultankämpfe. Er spielte gegen starke Teams, bis hin zu Nationalmannschaften, Uhrensimultan. Keiner ahnte, dass er sich mit unserer Datenbank auf Gegner vorbereitete, mit Partien, die z.B. in den damals so wichtigen Informatoren gar nicht auftauchten. Wir hatten bereits viele Turnierbulletins in die Datenbank eingespeist. So konnte Kasparow diese Wettkämpfe gewinnen, weil er exzellent vorbereitet war – seine Gegner ahnten nicht, wie gut er sie vorab „kannte“.

Wie ist ChessBase heute aufgestellt, was änderte sich mit dem Siegeszug des Internets?

Unser Kerngeschäft ist nach wie vor der klassische Handel mit den Programmen Fritz und unserer Datenbank. Online erreichen wir natürlich viel mehr Menschen als je zuvor. Mit weiteren Online-Produkten decken wir inzwischen noch mehr Felder ab, um so über ein Komplettangebot zu verfügen. Aber wir möchten auf Fremdkapital verzichten, gesund wachsen und konzentrieren uns daher auf unser Kerngeschäft. Dennoch entwickeln wir auch mit viel Freude Ideen für unser Online-Angebot. Ich bin zum Beispiel sehr stolz auf unsere Web-Applikation von Fritz, auf die Taktik-Applikation tactics.chessbase.com mit ihren speziellen Tipps und auf unsere Eröffnungsverwaltung mymoves.chessbase.com. Hier haben wir viele Alleinstellungsmerkmale, mit dem wir uns auf einem hart umkämpften Markt behaupten.

Was sind weitere Alleinstellungsmerkmale von ChessBase?

Im Webbereich ist das vor allem unsere Online-Datenbank database.chessbase.com. Sie wird wöchentlich aktualisiert, ist extrem schnell und dank unserer guten Redaktion bei den Daten weltweit Nummer Eins. Natürlich steht auch das Schachprogramm Fritz im Mittelpunkt – auch online auf fritz.chessbase.com. Da haben wir Ansätze von dem gezeigt, was wir in der Windowsversion jetzt perfektioniert haben: Das geführte Spiel mit Tipps, was auch für den Taktikbereich verfügbar ist. Und schließlich gibt es – das ist vielleicht in der Schachszene nicht ganz so bekannt – auf schach.de die Möglichkeit, interaktive Anfängerkurse zu nutzen. Dort haben wir fantastische und stetig wachsende Zugriffszahlen. Da profitieren wir natürlich auch vom Schachboom.

Gibt es auch hier spezielle Features?

Ja, man kann hier auch gegen menschliche Gegner antreten und wie bei „Wer wird Millionär?“ eine begrenzte Zahl Joker einsetzen. Man hat da beispielsweise einen den fifty-fifty-Joker, eine begrenzte Anzahl von Tipps und einen Patzerschutz – natürlich muss man damit gut taktieren und die Joker nicht zu früh verpulvern. Das ist für Einsteiger eine witzige Schachform!

Zurück zum Profibereich: Lange glaubte man, Computer würden Menschen nicht schlagen können. Wann dachten Sie zum ersten Mal: Das ist es! Wir können mit unserem Programm gegen Weltklassespieler bestehen.

Es gab 1994 das Intel-Blitzturnier in München. Intel war damals auch der Sponsor der von Kasparow ins Leben gerufenen Professional Chess Association (PCA), die in Konkurrenz zur FIDE auch Weltmeisterschaften veranstaltete. Intel nutzten das Turnier mit Kasparow als Werbung für den Pentium-Prozessor. Fritz nahm damals mit der dritten Version auf einem solchen Prozessor an diesem Turnier teil. Vorab spielten wir informelle Blitzpartien gegen Wladimir Kramnik, der sich immer sehr offen für Neues zeigte. Man konnte sehen, dass er in diesen informellen Blitzpartien mit Widerstand zu kämpfen hatte. Das war interessant, auch wenn es noch nichts mit einem Vergleich bei Turnierbedenkzeit zu tun hatte. Im Blitzturnier wurde Fritz 3 am Ende Zweiter hinter Kasparow. Das war ein Riesenerfolg und sorgte für Aufmerksamkeit. Dieses Turnier war für mich das Schlüsselerlebnis. Ich wusste ab da: Wir werden die Wachablösung Mensch/Computer im Schach noch erleben.

Das ging ja dann rasend schnell. Hat Sie das überrascht?

Nun, die Prozessorleistung verdoppelte sich damals alle 18 Monate. Das alles half uns natürlich, auch wenn wir dafür nichts konnten. Gleichzeitig leisteten die Programmierer der Schachengines riesige Entwicklungssprünge – vor allem auch, weil sie damals plötzlich von ihrer Arbeit leben konnten. Vieles blieb zwar seinerzeit leider geheim, doch es gab einen lebendigen Wettstreit talentierte Spitzenentwickler gegeneinander. Heute ist es ein wenig langweiliger geworden im Computerschach, weil es diesen Wettlauf zwischen Mensch und Maschine nicht mehr gibt. Die Maschinen spielen fast nur noch untereinander und werden auf diesen Zweck optimiert.

Apropos Kämpfe zwischen Maschinen: Was hat der Wettkampf Alpha Zero gegen Stockfish mit Fritz zu tun?

Das war eine Momentaufnahme: Alpha Zero hat überzeugend gewonnen. Spannend war vor allem die Aussage der Programmierer, dass das neuronale Netz Alpha Zeros auf spezieller Hardware nur wenige Tage Trainingszeit benötigte. So erreichte Alpha Zero diese Spielstärke durch Partien nur gegen sich selbst. Das war intellektuell überaus bestechend und für die Schachwelt erschütternd. Leider ist das, was man damit hätte machen können, ein wenig versickert. Wo blieb zum Beispiel die Antwort schuldig auf die in den nach außen gedrungenen Informationen enthaltene Frage: „Warum ist Französisch schlecht?“. Das ist im Übrigen eine irritierende und abzulehnende Hypothese (schmunzelt)!

Ihr Interesse an den Geheimnissen von Alpha Zero liegt auf der Hand. Gab es Anstrengungen, da tiefer zu bohren?

Es gab Kontakte und tatsächlich kam ein Entwickler des Teams in unser Büro. Das war unfassbar spannend. Ich habe immer wieder gefragt, was wir daraus lernen können. Für ihn war das Thema Schach aber eigentlich abgehakt. Wir wollten wissen, wie schachliches Wissen im neuronalen Netz repräsentiert ist. Aus seiner Sicht handelte es sich dabei aber quasi um eine Blackbox. Ich denke nach wie vor, es wäre sehr spannend geworden, aus diesem technischen Durchbruch mehr fürs Schach zu lernen.

Zurück zum heutigen Spiel – wie wirkt sich die Computerisierung auf die Schachkultur und Spielstärke aus?

Im Programm ChessBase 16 haben wir eine Funktion, mit der Fehlerhäufigkeiten untersucht werden. Das ist unter anderem für die Enttarnung von Computerbetrug relevant– hier gibt es ziemliche Fortschritte. Das ist wichtig, denn solche Betrügereien sind ätzend, aber zum Glück doch eher selten. Aber auf Ihre Frage bezogen, zeigt diese Funktion, dass heutzutage weniger taktische Fehler begangen werden. Aktuelle Großmeister greifen sehr viel seltener daneben als die vor 100 oder sogar 50 Jahren. Das kann einerseits am Einsatz digitaler Hilfsmittel im Training liegen, aber vielleicht auch an der sehr professionellen Einstellung der Topspieler. Die sind sportlich, leben diszipliniert und arbeiten sehr fokussiert. Und es schult einfach: Man analysiert mit einem Programm und das haut einem jede Ungenauigkeit unbarmherzig um die Ohren. Früher verließ man sich häufiger auf gefühlsmäßige Einschätzungen. Selbst das beste Buch der Schachgeschichte „My 60 memorable Games“ von Bobby Fischer ist voller Analysefehler. Die Computertechnik hat das Ringen um Präzision vorangetrieben und zur Erkenntnis geführt: Schach ist viel konkreter als die Spieler der 1960er- und 70er-Jahre es sahen. Das erinnert mich an eine Bemerkung von Robert Hübner zum zweiten Spassky-Fischer-Match in Jugoslawien, der sinngemäß sagte: „Das ist ein altes Schach, das man heute nicht mehr so sieht. Mit Plänen.“

Das „alte Schach“ basierte auf viel mechanischer Vorbereitung. Sie lernten sogar das sowjetische System persönlich kennen.

Auf Einladung des Zentralkomitees für Sport und Körperkultur waren Frederic Friedel und ich beim Moskauer Zentralschachklub und haben Vorträge über ChessBase gehalten. Es war faszinierend zu sehen, wie die dort gelagerten riesigen Analysekartotheken aufgebaut waren. Wir waren vermutlich die ersten Besucher aus dem Westen, die sich dies genauer anschauen durften.

Sie bezeichnen den Einsatz von ChessBase als Demokratisierung des Schachs – wie meinen Sie das?

Die Dominanz des sowjetischen Schachs war auf ein hierarchisches System zurückzuführen. Schach galt als Kampf der Systeme. So standen den Topgroßmeistern schlagkräftige Teams zur Verfügung: teilweise sichtbar als Sekundanten bei Turnieren, teilweise im Hintergrund als Analyseassistenten und Verwalter von Information in den Kartotheken. Darauf konnten westliche Großmeister, die wie zum Beispiel in Deutschland Darga, Hecht und Unzicker oft Amateure waren, nicht zurückgreifen. Sie schafften es irgendwie, dennoch respektabel mitzuhalten, aber zur absoluten Weltspitze blieb bis auf Hübner ein Abstand. Die Einführung von ChessBase leitete einen Wandel ein: Mit den Datenbanken hatten plötzlich Spieler in der ganzen Welt Zugriff auf immense Datenmengen. Daher gibt es heute auch junge Großmeister in Ländern ohne lang gewachsene schachliche Strukturen. Eine segensreiche Entwicklung, die dem Schach enorm hilft.

Wie positioniert sich Ihr Unternehmen gegen kostenlose Angebote?

Generell besteht die Erwartungshaltung im Internet: Alles muss kostenlos sein. Das führt zu einer Monopolisierung der Angebote bei den kapitalstärksten oder größten Anbietern. Kostenpflichtige Dienste müssen massiven Mehrwert bringen. Dennoch bleibt genug Raum entweder über Reichweite oder Qualiät eine vernünftige Monetarisierung zu erzielen. Wir sind zufrieden damit, seit Jahren bescheidenen aber soliden Gewinn zu erwirtschaften und arbeiten mit viel Spaß in einem eher familiär geführten Betrieb. Unsere langjährigen Betriebsjubiläen sprechen für sich …

ChessBase war maßgeblich an der Deutschen Schach-Online-Liga beteiligt. Wann geht es weiter?

Im Januar 2022. Wir möchten zunächst das Fritz 18-Release bestehen und die Schach-WM begleiten. Aber wir freuen uns auf die Fortsetzung der DSOL. Es muss auch mal gesagt werden, wie viel ehrenamtliches Engagement in dort von Seiten des DSB einfließt – das ist toll und für alle Beteiligten sehr motivierend.

Welche äußeren Faktoren wirken auf ChessBase ein?

Es gibt unglaublich viel, was im Netz passiert. Was aber vernachlässigt wird, ist die Intelligenz der Programme. Sie sind zu technisch und müssen noch interaktiver werden. Das haben wir mit schach.de bereits zu einem gewissen Grad erreicht und die Weiterentwicklung dessen sehe ich als eines unserer Zukunftsprojekte. Dasselbe gilt auch für die automatische Analyse von Partien. Das ist ein großes Ziel. Einige Elemente davon werden sich auch bereits in der nächsten ChessBase-Version wiederfinden.

Konkretisieren Sie das bitte!

ChessBase soll Fragen beantworten wie etwa: „Zeige mir spannende Partien des Spielers XY.“

Viele sehen die Computerfortschritte als Gefahr für das Schachspiel – wie reagieren Sie darauf?

Computer haben alle Bereiche des Lebens verändert. Das gilt auch für Schach. Die positiven Entwicklungen liegen völlig auf der Hand, doch Computer haben auch Dinge zerstört, wie etwa das gemeinsame Analysieren am Spielabend eines Vereins. Das gibt es zwar noch, aber immer öfter werden Engines dazu geholt und dabei geht einiges verloren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir eine Fortsetzung der positiven Entwicklung des Frauenschachs. Dabei hilft uns auch die Serie „Damengambit“ und der allgemeine Schachboom. Ansonsten haben wir 30 Jahre gebraucht, aber mit Fritz 18 gelingt es uns nun allmählich, ein Programm anzubieten, gegen das man interessante Partien spielen kann. Ich freue mich daher riesig über diese neue Version und auf die Reaktionen der Nutzer.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wüllenweber!

Schachmagazin 64 ist Deutschlands erstes vollfarbiges Schachmagazin. Das Magazin erscheint im Bremer Schünemann Verlag. Chefredakteur ist Otto Borik. Schachmagazin 64 erscheint monatlich. Das Einzelheft kostet 6 Euro. 

Neben Berichten und Analysen zu aktuellen Turnieren werden Trainings- und Testkurse, z.B. von Daniel King, Interviews und Rezensionen angeboten.



Hier kann man Probeabos und kostenlose Probeexemplare bestellen...

 

 

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knight100 knight100 09.12.2021 02:45
Vielen Dank an das Schachmagazin64 für das interessante Interview mit Matthias Wüllenweber, dem zweifelsohne verdienten Chessbase-Revolutionär.

Weil vielmals, so auch auf dem Umschlag, voreilig mit Großmeisterin Pähtz geworben wird, wie u.a. hier

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/schachgrossmeister-elisabeth-paehtz-und-ihre-ziele-als-schachspielerin

und vielen weiteren Publikationen:

Ist sie nun ein besonderer, weil 1. dt. weiblicher, GM oder nicht? Um Peinlichkeiten zu entgehen, sollte das nicht erstmal geklärt sein? Da lehnen sich doch viele zu weit aus dem Fenster, oder was? Oder ist das mittlerweile normal, wie auch jemand mit einem geschummelten Doktortitel Bürgermeisterin einer Großstadt werden kann... Mehr Schein als Sein.
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