Schachmeister aus Kasachstan: Anatoly Ufimtzev

von Dagobert Kohlmeyer
02.07.2020 – Anatoly Ufimtsev war ein kasachisch-sowjetischer Schachmeister, der sich durch die Erforschung der Pirc-Ufimtsev-Verteidigung in die Geschichte des Schachs eingetragen hat. Ufimtsev war kein Schachprofi, aber dennoch ein gefürchteter Angriffspieler. Anlässlich des 20sten Todestages stellt Dagobert Kohlmeyer den kaum bekannten Meister vor.

ChessBase 15 - Megapaket ChessBase 15 - Megapaket

Kombinieren Sie richtig! ChessBase 15 Programm + neue Mega Database 2020 mit 8 Mio. Partien und über 80.000 Meisteranalysen. Dazu ChessBase Magazin (DVD + Heft) und CB Premium Mitgliedschaft für ein Jahr!
ChessBase 15 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen.

Mehr...

Anatoly Ufimtsev - Theoretiker und kasachische Schachlegende

Er ist Schachkennern vor allem wegen eines Partieanfangs ein Begriff: Anatoly Ufimtsev. Die Eröffnung nach den Zügen 1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 wird in der westlichen Welt Pirc-Verteidigung genannt, im russischen Sprachraum wurde sie auch auf den Namen des anderen getauft. Denn neben dem slowenischen Großmeister Vasja Pirc (1907-1980) hat Anatoly Ufimtsev (1914-2000) dieses Eröffnungssystem ebenfalls umfassend erforscht. Inzwischen setzte sich international der Doppelname Pirc-Ufimtsev-Verteidigung durch.

Anlässlich des 20. Todestages von Anatoly Ufimtsev am 2. Juli 2000 stellen wir den kasachisch-sowjetischen Schachmeister, dessen Vita in unseren Breiten wenig bekannt ist, etwas näher vor.

Anatoly Gawrilovich Ufimtsev wurde am 11. Mai 1914 im sibirischen Omsk geboren. Sein Vater war Stabsoffizier im Range eines Kapitänleutnants, der bei der Artillerie diente. Im Jahre 1937 fiel er den Stalinschen Repressionen zum Opfer und wurde erst 1956 postum rehabilitiert. Ufimtsevs Mutter war Musiklehrerin.

Der kleine Anatoly kam frühzeitig mit dem Schachspiel in Berührung: Die ersten Lektionen erhielt er von seinem Vater. Dies verwunderte niemanden, denn der Vater war immerhin Stadtmeister von Omsk. Danach ließ das Spiel den jungen Ufimtsev nicht mehr los. Bereits im Alter von 13 Jahren gewann er ein All-Sibirisches Turnier der Erwachsenen in Novo-Nikolajevsk, dem heutigen Novosibirsk. Dabei erzielte Anatoly das sensationelle Ergebnis von 10 Punkten aus zehn Partien. Nach diesem Sieg galt der Junge als Wunderkind.

Anatoly Ufimtsev studierte später in Omsk Geodäsie und absolvierte auch mit Auszeichnung das dortige Pädagogische Institut, was ihm in der Folgezeit bei seiner Tätigkeit als Schachtrainer sehr zugute kam. Ufimtsev arbeitete in mehreren Berufen, darunter als Kartograph und als Ökonom. Schach spielte er vorwiegend in seiner Freizeit, war also kaum als reiner Profi unterwegs wie viele seiner berühmten Zeitgenossen.

Beim Simultan

In seiner Schachlaufbahn begegnete Anatoly Ufimtsev am Brett solchen Größen wie Vassili Smyslov, Tigran Petrosian, Michail Tal, Boris Spassky, David Bronstein, Paul Keres und anderen. Ein Höhepunkt seiner Schachkarriere war die Teilnahme am Finale der UdSSR-Meisterschaft 1947 in Leningrad, als er 13. unter 20 Teilnehmern wurde und den Drittplatzierten Wassili Smyslov sowie Salo Flohr schlug. In anderen Turnieren bzw. Meisterschaften konnte er solche Koryphäen wie Tigran Petrosjan, Grigory Levenfish oder Isaac Boleslavski besiegen, was ihn mit Stolz erfüllte.

Ufimtsev – Tal

Antoli Ufimtsev gewann zwischen 1947 und 1957 zehnmal die Meisterschaft von Kasachstan, siegte bei fünf Meisterschaften von Mittelasien sowie bei den Stadtmeisterschaften von Omsk, Swerdlowsk und Tscheljabinsk. Auch im Fernschach hatte Ufimtsev seine Meriten. So wurde er Dritter in der letzten Fernschachmeisterschaft der Sowjetunion. Und er war ein gefragter Schach-Schiedsrichter, Schachlehrer und Simultanspieler. Entsprechend große Verehrung erfuhr der Internationale Meister in ganz Mittelasien, besonders aber in Kasachstan.

Anatoly Ufimtsev in späteren Jahren

Die letzten vier Jahrzehnte seines Lebens verbrachte Anatoly Ufimtsev in der kasachischen Stadt Qostanai, die bis 1997 Kustanai hieß. Noch als 85-Jähriger spielte er Turniere und auch Blitzpartien. Verlor er dabei mal eine Partie, dann nur durch Zeitüberschreitung. Am Gebäude seines dortigen Schachklubs, der heute den Namen Ufimtsev trägt, erinnert eine große Gedenktafel an die Schachlegende. Die Exweltmeister Boris Spassky und Anatoly Karpov haben den berühmten Verein schon besucht. Jedes Jahr gibt es dort ein Ufimtsev-Memorial, das künftig auch mit internationaler Beteiligung stattfinden soll.

Gedenktafel

Nach der Erinnerung an den zweiten Namensgeber der Pirc-Ufimtsev-Verteidigung nun wieder zu dem Partieanfang selbst. Die Eröffnung ist nicht neu. Sie gehört zu den halboffenen Spielen und wurde schon im 19. Jahrhundert angewendet, unter anderen von Louis Paulsen. Michail Botvinnik, Tigran Petrosjan und John Nunn haben sich ebenfalls eine Zeitlang mit der Pirc-Ufimtsev-Verteidigung beschäftigt.

In der Turnierpraxis ist sie bei Schach-Amateuren bedeutend häufiger anzutreffen als bei den Profis. Auf Großmeisterniveau wird sie natürlich auch gespielt, aber gilt unter den Spitzenleuten vergleichsweise als etwas riskant. Berühmte Verlustpartien von Schwarz mit dieser Verteidigung auf höchster Ebene sind u.a. Fischer-Benkö (USA-Meisterschaft 1963) sowie die 32. und letzte Partie des WM-Matchs Karpov-Kortschnoi 1978 in Baguio.

Pirc-Verteidigung Band 1: Positionelle Varianten

In den positionellen Systemen sucht Weiß nicht nach einer sofortigen Widerlegung der Pirc- Verteidigung, sondern strebt einen langfristigen strategischen Kampf an, in dem ihm Raumvorteil und bessere Entwicklung schließlich Vorteil bringen sollen.

Mehr...

Pirc-Verteidigung Band 2: Angriffsvarianten

Die weißen Angriffssysteme führen in der Regel zu dynamischen und zweischneidigen Stellungen mit ungefähr ausgeglichenen Chancen. Oft setzt sich der bessere Taktiker durch.

Mehr...

 

 

 

 

Schaut man sich Anatoly Ufimtsevs Partien an, so sieht man, was für ein furchtloser Angreifer er war, der auch vor großen Namen keine Bange hatte.

 

 

 

 

 

 

 



Dagobert Kohlmeyer gehört zu den bekanntesten deutschen Schachreportern. Über 35 Jahre berichtet der Berliner bereits in Wort und Bild von Schacholympiaden, Weltmeisterschaften und hochkarätigen Turnieren.

Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren