Schacholympiade: Eine Zwischenbilanz

von André Schulz
04.08.2022 – Sechs von elf Runden sind bei der Schacholympiade gespielt. Noch ist noch nichts entscheiden, aber es gibt Tendenzen. Top-Favorit USA konnte nicht überzeugen, ist aber vorne mit dabei. Carlsen spielt gut, Norwegen schlecht. Die Deutschen haben Caissa zur Seite. Die Inder und Inderinnen spielen klasse, besonders im Frauenturnier. Eine Zwischenbilanz. | Fotos: FIDE (Madelene Belinki, Lennart Ootes)

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Tops und Flops

Halbzeit bei der Schacholympiade Chennai 2022, sechs von elf Runden sind gespielt, Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. In Führung liegt, als einzige Mannschaft mit sechs Siegen in sechs Wettkämpfen, Armenien. Das ist eine kleine Überraschung, denn die armenische Mannschaft hat ihren besten Spieler Levon Aronian an die USA verloren. Die Nummer eins der armenischen Rangliste wechselt während der Pandemie den Verband und spielt hier erstmals unter US-Flagge. Gabriel Sargissian führt jetzt das armenische Team an. An den übrigen Brettern spielen Hrant Melkumyan, Samuel Ter-Sahakyan, Manuel Petrosyan und Robert Hovhannisyan - und alle spielen gut und erfolgreich.

Robert Hovhannissyan

Nach dem leichten Auftakt gegen Madasgaskar und Andorra hatten die Armenier mit Ägypten einen sperrigen Gegner, der aber mit 2,5:1,5 knapp bezwungen werden konnte. Es folgten Siege über Österreich (3:1) und England (2,5:1,5), das in der Setzliste sogar zwei Plätze höher, auf 10, geführt ist. Die Tabellenführung haben sich die Armenier mit einem Sieg über den Geheimfavoriten Indien 2 in Runde sechs verdient. Von den 24 bisher gespielten Partien ging bisher nur eine verloren. Das war Sargissians Niederlage gegen den unwiderstehlichen Gukesh. Ter-Sarhakyan und Hovhannisyan sorgten für den Matchsieg. In Rund sieben treffen die Armenier auf die USA und ihren Ex-Kollegen Levon Aronian.

Das US-Team ist mit einem Eloschnitt von über 2700 der absolute Topfavorit auf die Goldmedaille. In Runde drei war Georgien die erste ernsthafte Prüfung, die mit 3:1 bestanden wurde. In Runde vier gaben USA gegen einen anderen Geheimfavoriten, Usbekistan, aber einen Mannschaftspunkt ab. Nodirbek Abdusattorov bezwang dabei Fabiana Caruana. Es folgten knappe Siege gegen Israel und Iran. Das US-Team ist auf Kurs, aber nicht unverwundbar, und konnte in den Wettkämpfen auch nicht überzeugen.

Nodirbek Abdusattorov

Hinter den USA auf Platz zwei folgen elf Mannschaften mit zehn Punkten. Dazu gehören Indien 2 (eine Niederlage) und Usbekistan (zwei Unentschieden, gegen die USA und Indien 1). Diese beiden Mannschaften mit vor allem jungen Spielern haben mit je 19 Brettpunkten die meisten Einzelpunkte geholt. Zum Vergleich: Die US-Spieler brachten es nur auf 16 Brettpunkte.

Unerwartet stark ist Frankreich, obwohl mit Alireza Firouzja, Maxime Vachier-Lagrave und Etienne Bacrot drei Spieler der Top vier fehlen. Auch Christian Bauer als Siebter der französischen Rangliste ist nicht dabei. Trotzdem sind die Franzosen Fünfte, nach Zweitwertung, und haben bisher nur gegen Indien 1 und Polen je einen Mannschaftspunkt abgegeben.

Mit den Niederlanden ist einer der Mitfavoriten auf die Medaillen ebenfalls unter den Top Ten. Auch die deutsche Mannschaft ist als Zehnte in etwa da, wo die Setzliste sie erwartet hat, aber nur knapp. Das junge deutsche Team hatte bisher nur Mannschaften als Gegner, die in der Setzliste hinter ihm lag und tat sich zum Teil schwer. Gegen Österreich (Setzliste: 33) gab es im Turnierverlauf eine frühe Niederlagen und der Sieg gegen Italien (Setzliste: 26) gelang nur mit Caissas Hilfe.

 

 

Vincent Keymer stieg erst nach der dritten Runde ins Geschehen ein und punktete dann mit 2,5 gut.

Vincent Keymer

Liviu-Dieter Nisipeanu wäre auf 100%, hätte er nicht in Runde drei gegen Österreich verloren. Er nahm dann eine Auszeit. Dmitrij Kollars ist bester Spieler nach Punkten (4,5 aus 6.).

Dmitrij Kollars

Matthias Blübaum sucht noch seine Top-Form, die ihn zum Europameister machte, und Rasmus Svane spielt vielleicht zu solide gegen schwächere Gegner, wobei die "Schwächeren" oft besser sind als die Elozahlen es aussagen.
 

10. Germany (GER / EloDS:2664, Kapitän: Gustafsson, Jan / Wtg1: 10 / Wtg2: 101,5)
Br.   Name Elo Land 1 2 3 4 5 6 7 Pkt. Anz EloDS Rp K rtg+/-
1 GM Keymer Vincent 2686 GER       1 1 ½   2,5 3 2494 2767 10 2,8
2 GM Bluebaum Matthias 2673 GER 1 ½ ½ 0 ½     2,5 5 2467 2467 10 -11,7
3 GM Svane Rasmus 2649 GER 1 ½ 1 ½ ½ ½   4 6 2433 2558 10 -4,9
4 GM Nisipeanu Liviu-Dieter 2642 GER 1 1 0     1   3 4 2392 2585 10 -0,5
5 GM Kollars Dmitrij 2648 GER 1 1 0 1 1 ½   4,5 6 2373 2566 10 -3

Andere Mannschaften haben noch größere Schwierigkeiten. Spanien belegt mit den Elo-Schwergewichten Shirov und Vallejo Platz vier der Setzliste, verlor aber gegen Indien 1 und kam gegen Kuba nicht über ein 2:2 hinaus. Aserbaidschan verlor sogar gegen Kuba und spielte gegen die Türkei "nur" Remis. Auch das ukrainische Team konnte Kuba nicht besiegen (2:2) und kassierte eine unerwartete Niederlage gegen die Slowakei.

Gut unterwegs sind die Österreicher. Sie feierten einen schönen Sieg gegen Deutschland, kassierten gegen Armenien eine Niederlage und spielten gegen England ein beachtliches 2:2. Das ist mit 9 Punkten Platz 22. Die Schweiz hat alle lösbaren Aufgaben gelöst. Im Match gegen Indien 2 gab es nichts zu holen. Gegen Frankreich gab es eine sehr knappe Niederlage. Das bedeutet mit acht Punkten Rang 50.

Die größte Enttäuschung liefert wohl die norwegische Mannschaft mit dem Weltmeister in ihren Reihen. Dank der hohen Elozahl von Magnus Carlsen sind die Norweger auf Rang drei der Setzliste geführt. Aber auch ein überragender Weltmeister kann immer nur einen Punkt machen. Das macht Carlsen auch zumeist. Daniele Vocaturo gelang als Einzigem das Kunststück, dem Weltranglistenersten einen halben Punkt abzunehmen. Die anderen vier Norweger spielen aber alle unter der Eloerwartung und so ist die Mannschaft mit drei Siegen (Libanon, Urugay, Sambia), einem Unentschieden (Mongolei) und zwei Niederlagen (Italien, Australien) nur 56te. Ob Carlsen bis zum Schluss dabei bleibt?

Bester Spieler des Turniers in jeder Hinsicht ist bislang Gukesh an Brett eins von Indien 2.

 

 

Er gewann alle sechs Partien, unter anderem gegen Shirov und Sargissian. 
 

 3. India 2 (IND2 / EloDS:2649, Kapitän: Ramesh, R B / Wtg1: 10 / Wtg2: 124,5)
Br.   Name Elo Land 1 2 3 4 5 6 7 Pkt. Anz EloDS Rp K rtg+/-
1 GM Gukesh D. 2684 IND 1 1 1 1 1 1   6 6 2529 3329 10 20,3
2 GM Sarin Nihal 2651 IND 1   1 1 ½ ½   4 5 2508 2748 10 8,5
3 GM Praggnanandhaa R. 2648 IND   1 1 ½ 0     2,5 4 2549 2644 10 -0,1
4 GM Adhiban B. 2598 IND 1 1     1 0   3 4 2432 2625 10 4,6
5 GM Sadhwani Raunak 2611 IND 1 1 1 ½   0   3,5 5 2396 2545 10 -0,5

 

Mit 5,5 aus 6 ist David Howell, Englands Brett drei, ebenfalls sehr gut unterwegs. Nodirbek Abdusatorov lag mit 5 aus 5 auf 100 %, unterlag aber in Runde sechs Harikrishna.

Frauenolympiade

Ohne China und Russland stellt Indien nach Eloschnitt das beste Team der Frauenolympiade und ist damit der Topfavorit auf die Goldmedaille. Mit sechs Siegen werden die Inderinnen den hohen Erwartungen, besonders in ihrem Heimatland, bisher auch gerecht. In der sechsten Runde holten die Inderinnen gegen die Großmacht im Frauenschach Georgien einen Bigpoint.
 

Härtester Konkurrent sollten die Ukrainerinnen sein. Diese gaben aber gegen Aserbaidschan und gegen Rumänien jeweils einen Mannschaftspunkt ab, liegen also zwei Punkte zurück auf Platz fünf. Aserbaidschan als Zweiter hat mit Ulviyya Fataliyeva (5 aus 5) ihre beste Punktjägerin. Auch Rumänien hat nur einen Mannschaftpunkt abgegeben und ist als 20ter der Setzliste Dritter. Elena-Luminita Cosma (4,5 aus 5) und die 18-jährige Miruna-Daria Lehaci (4 aus 5) punkteten am besten.

 

 

Polen, die Ukraine und Armenien nehmen als klassische Top-Nationen im Frauenschach die nächsten Plätze ein. Die Bulgarinnen und Bulgaren spielen nach langer Zeit wieder unter der eigenen Flagge. Der Streit zwischen dem (den) bulgarischen Verband (Verbänden) scheint endlich beigelegt.

Bulgarien, Israel, Georgien und Vietnam kommen alle auf zehn Punkte, ebenso wie die Niederlande. Diese haben mit der 16-jährigen Eline Roebers eine neue Top-Spielerin. Mit 5 aus 6 ist sie an Brett eins eine der besten Spielerinnen des Turniers.
 

Eline Roebers

Die deutschen Frauen sind achte der Setzliste, dank der hohen Elozahl von Elisabeth Pähtz.

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Hanna Marie Klek, Elisabeth Pähtz

Gegen Rumänien und gegen Israel gab es jedoch Niederlagen und so nimmt das Team nach sechs Runden mit acht Punkten Platz 25 ein. Jana Schneider holte mit 5,5 aus 6 die meisten Punkte.


Deutschland gegen Israel

 

25. Germany (GER / EloDS:2383, Kapitän: Yakovich, Yuri / Wtg1: 8 / Wtg2: 104,5)
Br.   Name Elo Land 1 2 3 4 5 6 7 Pkt. Anz EloDS Rp K rtg+/-
1 IM Paehtz Elisabeth 2484 GER 1   ½ ½ ½ ½   3 5 2263 2335 10 -6,2
2 WGM Heinemann Josefine 2321 GER   1 ½ 0 ½     2 4 2253 2253 20 -7
3 WGM Klek Hanna Marie 2366 GER 1 0   0   0   1 4 2067 1874 20 -43,2
4 WGM Wagner Dinara 2341 GER 1 1 1   1 0   4 5 2021 2261 20 -0,4
5 WGM Schneider Jana 2342 GER 1 1 1 1 1 ½   5,5 6 2023 2424 20 12,2

 

Einen Punkt mehr als die Deutschen weisen die Schweizerinnen auf, obwohl sie in Runde drei gegen Deutschland unterlagen. Österreich belegt mit der gleichen Punktzahl wie Deutschland Platz 41.

Heute ist Ruhetag. Morgen geht es dann mit der zweiten Halbzeit weiter Richtung Zielgerade. Es ist aber noch ein weiter Weg mit vielen für die Spieler anstrengenden und spannenden Wettkämpfen. Deutschland spielt am Freitag gegen Serbien und die Türkei (Frauen).

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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